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Echo der Vergangenheit

GeschichteFantasy / P18 / Gen
Envy OC (Own Character)
19.11.2018
03.02.2021
11
15.252
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12.01.2020 1.914
 
Der Rest der Nacht verlief chaotisch. Sidera hatte seinen versuchten Anschlag nicht weiter kommentiert und hatte nur gemeint: „Wenn wir jetzt schon mal wach sind, können wir uns genauso gut etwas zu Essen besorgen!“
Gesagt getan standen sie in der finstersten Nacht mitten im Wald. Die Wolken verdeckten den Mond nur zur Hälfte und der laue Wind konnte die Zweige der Bäume kaum stören.
„Also,“ begann Envy, der in der Gestalt eines Hundes neben der grazilen Wölfin her trottete.
„Was soll das Ganze?“
Sidera witterte einige Sekunden in der Luft, bevor sie antwortete: „Bald wird die Dämmerung beginnen.“
Sie hielt ihre Nase tief am Boden und zeigte ein vorfreudiges Lächeln.
„Dann werden die Tiere aus ihren Verstecken kommen und wir haben freie Auswahl.“
Der Homunculus stieß genervt die Luft aus.
„Ich bin nicht hungrig. Kann ich jetzt zurück zur Höhle?“
„Nein!“ entfuhr es dem Drachen. Die Schärfe in ihrer Stimme etwas abmildernd fuhr sie fort: „Unsere Reise ist lang, da brauchen wir all unsere Kräfte.“
Envy schnaufte herablassend, als er sich durch einen Busch aus Dornen und Brennnesseln kämpfte.
„Du bist ein Drache!“
„Du doch auch.“
Envy ignorierte diese Unterbrechung gekonnt und fuhr fort: „Wie viel mehr Kraft kannst du bitteschön besitzen?“
Ihre einzige Antwort war ein Kichern, was ihm ein Kribbeln in die Magengrube jagte. Für einige Sekunden war er abgelenkt, sodass er mitten in Sidera hineinrannte, die plötzlich stehen geblieben war. Ihr Blick war auf einen Punkt in der Ferne fixiert, ihre Ohren gespitzt.
Er schüttelte den Kopf und sah sie verwundert an.
„Sie sind in der Nähe!“
„Wer?“ fragte Envy verwundert und witterte seinerseits in der Luft. Doch er konnte nichts Ungewöhnliches entdecken, so war der Wald doch stets voller unterschiedlicher Gerüche.
„Eine Herde Rehe. Hier irgendwo müssen sie sich aufhalten!“ flüsterte sie nun mit Vorfreude in ihrer Stimme.
Sie setzte sich wieder in Bewegung. Sie hielt ihren Kopf gesenkt und glitt geschmeidig durch das Geäst, ohne dabei ein einziges Geräusch von sich zu geben. Envy, der sie einzuholen versuchte, konnte mit dieser Eleganz nicht mithalten.
„Du hast sie gerochen?“ fragte er viel zu laut.
Sidera zuckte mit einem Ohr.
„Natürlich. Du nicht?“
Der Homunculus wollte diese Schwäche nicht zugeben und gab deswegen nur ein Schnaufen von sich. Sidera jedoch sah dahinter.
„Du gehst nicht oft Jagen, oder?“
Schweigen.
„Bist du jemals Jagen gewesen?“
Nun war sie stehen geblieben und drehte sich verwundert um.
„Aber, wenn du nicht jagen gehst, wie kommst du dann an dein Essen? Vor allem im Winter meine ich.“
Envy scharte verlegen auf dem Boden. „Ich habe doch gesagt, ich brauche nicht viel.“
„Aber von irgendwas wirst du ja wohl leben.“
„Also, wenn ich mal etwas gegessen habe, habe ich es mir einfach gekauft und bin nicht extra in den Wald gezogen!“ antwortete er nun etwas gereizt. Warum stellte sie so dumme Fragen?
„Ach so.“ entgegnete Sidera ihrerseits, schüttelte den Kopf und machte sich daran weiter ihrer Spur zu folgen.
Eine Weile trotteten sie wortlos nebeneinander her, bis Sidera die unangenehme Stille zu viel wurde und sie das Wort ergreifen musste: „Also warst du schon mal bei uns?“
„Seid ihr die Einzigen, bei denen man Essen kaufen kann?“ fragte er sarkastisch.
Sidera stieß überrascht die Luft aus.
„Heißt das,“ begann sie, wobei die Begeisterung in ihrer Stimme nicht zu überhören war, „Heißt das du warst bei den Menschen?“
Sie war stehengeblieben und er drehte sich zu ihr um. In ihren Augen lag ein Leuchten, das Envy bisher nur sehr selten zu Gesicht bekommen hatte. Vor allem war er noch nie so angesehen worden.
„Ähm…Ja, natürlich. Du etwa nicht?“
Sie schüttelte den Kopf und trat einige Schritte näher an ihn heran.
„Wie sind sie so? Sind sie so wie wir? Wie leben sie? In Höhlen? In Bäumen? Oder graben sie Löcher in den Boden?“ sie kicherte, sich sicherlich über die Absurdität ihrer Vorstellung bewusst. Sie trat noch näher an ihn heran, sodass er den Zauber in ihren leuchtend gelben Augen sehen konnte.
„Stimmt es, dass sie sich freiwillig mit wilden Tieren umgeben?“ flüsterte sie.
Er trat instinktiv einige Schritte zurück.
„Wie kannst du noch nie einem Menschen begegnet sein?“
Das Leuchten in ihren Augen verblasste.
„Mein ganzes Leben habe ich in ‚Jia‘ verbracht. Es leben keine Menschen dort.“
Envy konnte ein Auflachen nicht verhindern.
„Das muss ja ein absolutes Paradies sein.“
„Oh, das ist es.“ Antwortete sie nun verträumt und setzte sich wieder in Bewegung. Jedoch nicht annähernd so konzentriert wie zuvor.
Doch Envy war noch nicht fertig. Er drehte sich um und schloss zu ihr auf.
„Also leben dort nur…“, begann er, wurde aber unterbrochen, als ihm ein Zweig ins Gesicht schlug. Er zuckte zurück und leckte sich beschämt über die Nase bevor er fortfuhr: „Also lebt dort nur Deinesgleichen?“
Sie trottete unbehelligt weiter, ohne von der Natur um sie herum gestört zu werden. Envy blieb dieses Mal etwas hinter ihr.
„Ja, der Kontakt zu Menschen ist strengstens untersagt. Wir dürfen nicht in ihre Nähe, dürfen keine Spuren hinterlassen, uns nicht zeigen.“
Seine Augen blitzten.
„Ihr versteckt euch also. Bei eurer Größe dachte ich nicht, dass ihr solche Feiglinge sein könntet.“
Sidera fuhr herum, bleckte die Zähne und knurrte. „Pass auf was du sagst!“
Envy schien diese Reaktion zu genießen und grinste sie nur an.
„Habe ich da einen Nerv getroffen? Ich habe doch recht oder? Ihr versteckt euch, obwohl ihr diese schwächlichen Menschen in der Luft zerreißen könntet.“
Es dauerte genau 10 Sekunden bis Sidera den Gedanken loslassen konnte Envy an die Kehle zu springen und antwortete: „Das war einmal. Das ist sehr lange her. Jetzt sind sie alle zu…zu Magiern geworden und jagen uns wie Monster.“
Sie drehte Envy den Rücken zu und trappte davon. Für sie war das Gespräch beendet.
Der Homunculus sah das anders.
„Du meinst wohl Alchemisten!“ rief er ihr hinterher, doch sie war bereits im Gestrüpp verschwunden.
Er lachte in sich hinein und stolzierte hinter ihr her.
„Davon mal abgesehen,“ fuhr er fort als er sie fast eingeholt hatte „seid ihr doch tatsächlich echte Monster.“
„Shhh!“ unterbrach sie ihn ohne ihn anzusehen.
Er zuckte verwirrt mit einem Ohr wurde dann jedoch neugierig. Er pausierte seine Sticheleien für einen Augenblick und stellte sich neben sie. Er lugte durch das Dickicht hindurch und konzentrierte sich auf alles, was sich in seiner Umgebung verändert haben könnte. Doch er konnte es nicht ausmachen. Jeder Meter dieses Waldes roch anders, klang anders und fühlte sich sogar anders an. Es war unmöglich auszumachen, welche dieser Veränderungen Sidera dazu gebracht hatte anzuhalten.
„Die Rehe!“ hauchte sie. Die Ohren gespitzt und voller Konzentration. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und Adrenalin schoss in ihrem Körper. Die Gruppe war direkt vor ihr und sie ließ ihren Blick darüber schweifen. Ihr Fell ließ sie mit ihrer Umgebung verschmelzen, doch Sidera konnte sie trotzdem genau ausmachen. Sie ahnten nichts von der nahenden Gefahr. Entspannt suchten sie den Boden nach etwas Essbaren ab oder lagen noch verschlafen im Dickicht. Sie ließ ihre Augen über die Tiere schweifen und suchte nach Schwächen. Ein müder Blick, ein Humpeln vielleicht.
Envy dagegen kniff die Augen zusammen und konnte nur dann ein Tier bewusst ausmachen, wenn es sich bewegte. Doch jetzt wo er wusste, dass sie da waren, konnte er ihren Geruch deutlich ausmachen. Sie rochen ähnlich wie Vieh. Doch bevor er etwas tun konnte musste er einen besseren Blick auf sie werfen. Er trat vorwärts und schob sich Zentimeter für Zentimeter tiefer in das Gebüsch. Doch noch immer war es zu dunkel, als dass er etwas erkennen könnte. Dann war ihr Geruch plötzlich verschwunden. Verwirrt sah der Homunculus sich um. Das Verhalten der Herde hatte sich verändert. Sie wurden unruhig, schraken auf und liefen davon, als hätte ein Einzelner das Signal dazu gegeben.
„Verdammt!“ fluchte seine Kumpanin neben ihm und sprintete los.
Ohne zu zögern schoss Envy hinter ihr her. Doch sie war schnell. Kaum konnte er mit ihrem Tempo mithalten.
Sideras Blick war auf das Tier mit dem ergrauten Fell gerichtet. Es lief schnell für sein Alter. Doch es würde nicht ewig durchhalten können.
Es versuchte sie abzuschütteln, doch sie schnitt ihm den Weg zu seiner Herde ab. Lief immer weiter, sprang über jeden Bach, duckte sich unter jedem Ast hindurch. Irgendwann drosselte sie ihr Tempo. Envy konnte zu ihr aufschließen.
„Was zur Höll… Was zum Teufel ist passiert?“ rief er gegen den Wind in seinen Ohren an.
Sie verlor das Tier kurz aus den Augen, als es einen Abhang hinab rannte.
„Der Wind hat sich gedreht.“ antwortete sie kurz angebunden. „Hör zu, wir müssen ihm den Weg abschneiden!“
Er sah sie an und wollte fragen, wie sie das machen sollten, kam aber nicht dazu, als ihm ein Ast ins Gesicht schlug und ihn zurückwarf.
„Treib es weiter! Vertrau mir!“ rief sie ihm über ihre Schulter zu und schlug einen Haken zur Seite. Kurze Zeit später war sie zwischen den Bäumen verschwunden.
Er legte die Ohren an. Was ihr Zuruf er solle ihr vertrauen zu bedeuten hatte wusste er nicht. Was er jedoch wusste war, dass er sich niemals von diesem Reh abhängen lassen würde.
Es war wendig. Es sprang geschmeidig über Flüsse, durch die Envy zur Hälfte durchwaten musste, umging Sträucher, die dem Homunculus ins Fleisch schnitten. Irgendwann wurde er wütend. Er zog sein Tempo noch weiter an. Sein Herz schlug immer schneller, sein Atem ging stoßweise, doch er würde noch Kilometer so weiterlaufen können.
Doch es war als würde er mit ihm ein grausames Spiel spielen. Je mehr er sein Tempo anzog, desto schneller wurde auch das Reh. Je näher er ihm kam, desto mehr Steine lagen auf seinem Weg. Und das machte ihn immer frustrierter. Er konnte nicht gewinnen.
„Bleib stehen, du dummes Ding!“ rief er ihm hinterher. In diesem Moment kam ein Schatten zwischen den Bäumen hervorgeschossen und sprang auf das Tier.
Beide stürzten zu Boden. Er hörte die Schreie und das Knurren. Envy eilte Sidera zur Hilfe und Biss zu.
Das warme Blut verteilte sich in seinem Mund und hinterließ einen widerlichen Metallgeschmack. Er rümpfte die Nase, doch seine Instinkte waren stärker. Erneut biss er zu, dieses Mal geriet der Geschmack in seine Kehle.
Das Reh trat um sich in Todesangst. Mehrmals wurde Envy getroffen, mehrmals wurde er weggeschleudert. Doch er gab nicht auf. Bald schon hörte die Gegenwehr auf. Sidera leckte sich über die blutverschmierten Lefzen.
„Herzlichen Glückwunsch. Deine erste Beute. Nicht schlecht für einen Anfänger.“ Sagte sie, doch Envy war taub für das Lob.
„Ich hätte es auch alleine geschafft!“ knurrte er, „Ich habe deine Hilfe nicht gebraucht!“
„Darum geht es nicht. Bei der Jagt geht es um Teamarbeit!“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf und begann ihre Beute unter die Lupe zu nehmen.
„Wir müssen es so schnell wie möglich hier wegschaffen bevor es die Krähen und andere Wölfe anlockt. Vielleicht sogar Bären.“
Envy aber dachte nicht mal daran das Thema einfach auf sich beruhen zu lassen: „Teamarbeit, ja? Weil wir als Wölfe rumlaufen? Was ist, wenn wir uns in Katzen verwandelt hätten? Wäre die Jagd auf Mäuse dann immer noch Teamarbeit?“ Der Sarkasmus quoll dabei nur so aus seinem Mund.
Sidera seufzte müde.
„Du wirst es verstehen, wenn wir in Jia angekommen sind.“
Sie packte das Reh am Nacken und begann es in die Richtung zu zerren, aus der sie gekommen waren.
„Kannfft du mir jefft endliff helffen?“ nuschelte Sidera mit dem Mund voller Fell.
Widerwillig kam ihr der Homunculus zur Hilfe und zusammen trugen die sie ihre gemeinsam erlegte Beute in ihre Höhle, während die Sonne für Envy zum ersten Mal seit Jahren wieder aufging.
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