Sternennebel

GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Albus Dumbledore Cedric Diggory OC (Own Character)
15.11.2018
11.09.2019
16
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Claire wusste nicht genau, was genau es war, das sie weckte. Vielleicht waren es die lauten Stimmen, der Schein der Fackeln durch die breiten Spalten der alten Scheune, in der sich ihr heutiges Nachtlager befand oder die stampfenden Schritte, die erdigen Boden unter ihrem Rücken leicht erzittern ließen. Innerhalb von Sekunden war sie hellwach. Sie hatten sie gefunden. Wie auch immer sie das angestellt hatten.
Sie rüttelte James an der Schulter, der sie verwirrt anschaute, bis auch er begriff.
„Hexe!“, schrie draußen jemand. „Wir wissen, dass ihr dadrin seid!“
„Bei Merlin...“, murmelte Claire und zog ihren Zauberstab. James hatte in den letzten Tagen einige Verteidigungszauber mit ihr geübt, doch wirklich sicher beherrschte sie diese nicht.
James sprach einige hektische Schutzzauber über das große Scheunentor und schaute sich nach einer Fluchtmöglichkeit um.
Harte Schläge donnerten gegen das Tor und das alte Holz bekam bereits Risse. James Zauber hatten nicht viel bewirkt. Unverständliche Stimmen riefen etwas und das Schlagen hörte auf. Claire und James wechselten einen schnellen Blick und zuckten zurück, als plötzlich etwas mit solcher Wucht gegen das Tor krachte, dass die fauligen Bretter barsten und in einer von Fackeln erhellten Wolke aus Staub und Splittern ohrenbetäubend laut auf dem festen Scheunenboden aufschlugen. Durch den Eingang waren unzählige Gestalten zu erkennen, die im Licht ihrer Fackeln zu einer einzigen bedrohlichen Masse zu verschmelzen schienen.
James fluchte und feuerte ein paar Zauber in den Staub und manche schienen sogar ihr Ziel zu finden.
„Verbrennt sie!“, befahl eine Stimme höhnisch. Zustimmendes Raunen war die Antworte und ein paar der Fackeln knallten laut gegen die Wände der Scheune. Das trockene Holz fing sofort Feuer und plötzlich war es taghell im Inneren.
Dann leckte eine Flamme an der noch immer in der Luft schwebenden Staubwolke. Der Feuerball, der für nicht einmal zwei Sekunden den Scheuneneingang füllte, war so hell, dass Claire dachte, ihr würden die Augen ausgestochen.
„Exanimaris!“, schrie James voller Wut und schoss den Zauber ziellos in den dichten Rauch. Die Schreie, die nun folgten, rissen Claire fast von den Füßen. Es begann mit einem Schmerzensschrei, so laut wie der des Mannes in der Gasse, und schon bald mischten sich vielstimmige Schreie der Angst und des Entsetzens dazu. Auch Claire wollte schreien, doch sie konnte nicht. Erstarrt blickte sie in das grelle Feuer, die spitzen Schreie in den Ohren.
Dann brach die Wand links von ihr zusammen.



Heute

„Können Sie mir ein anderes Mal weitererzählen, Professor?“, fragte Robyn leise. Ihre Augen waren geweitet und sie war kreidebleich.
„Habe ich dich mit der Geschichte verängstigt?“, fragte Dumbledore besorgt.
Sie nickte beschämt. „Es ist alles so grausam. Warum erzählen sie mir nicht einfach, warum ich diese Visionen habe und was das mit Claire zu tun hat?“, diese Frage beschäftigte Robyn schon länger. Sie wollte so viel Schlimmes nicht mehr hören.
„Alles zu seiner Zeit. Schau, um Claire und ihre Visionen zu verstehen, musst du ihre ganze Geschichte kennen. Wenn du dich noch nicht bereit für den Rest fühlst, ist das in Ordnung.“
Sie nickte stumm. „Kann ich jetzt gehen?“, fragte sie leise.
„Aber natürlich.“

Es wurde Oktober. Und damit auch Halloween. Die große Halle war wie bereits im letzten Jahr so wundervoll geschmückt, dass sich Robyn und ihre Freundinnen kaum sattsehen konnten. Immer wieder flog eine echte Fledermaus knapp über ihren Köpfen an ihnen vorbei, während sie am Tisch der Ravenclaws saßen und sich das Festessen schmecken ließen.
Robyn alberte mit den anderen Mädchen herum und verschluckte sich vor lachen an ihrem Kürbissaft, als Lisa einen Witz erzählte, während sie gerade trank. Während sie mit Tränen in den Augen gleichzeitig lachte und hustete, spürte Robyn mit einem Mal, wie sich etwas in ihr Blickfeld schob. Weißlich, schillernd, nebelartig. Nicht schon wieder.
Sie verlor die Kontrolle. Der Becher, den sie noch immer in der Hand gehalten hatte, fiel ihr aus der plötzlich zitternden Hand und zerschellte laut auf dem Boden. Kaum nahm sie wahr, wie sich einige Schüler in ihrer Nähe reflexartig umdrehten, als sie rückwärts von der Bank kippte und hart auf den Steinfliesen aufschlug.
Reißen... zerfetzen... töten
Die Stimme, die dies heiser flüsterte, schien ganz nahe an ihrem Ohr zu sein. Robyn meinte beinahe, einen kalten Atem zu spüren. An ihren Händen spürte sie etwas Weiches.
Fell, Fell, das auf einem Stein liegt, dachte Robyn, als sie in ihren Gedanken das kalte, harte Material betastete, auf dem das Fell scheinbar ausgebreitet war. Ein seltsam geformter Stein.
Jetzt roch sie auch etwas. Süß, metallisch. Blut. Sie schmeckte es auch.
Nach Luft schnappend setzte sie sich auf, ihre Finger krallten sich in die flachen Fugen zwischen den Steinplatten am Boden der großen Halle. Kein Fell in ihren Händen, keine Stimme an ihrem Ohr. Aber Blut in ihrem Mund. Sie musste sich bei ihrem Sturz auf die Zunge gebissen haben.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Als Robyn den Kopf wandte, schaute sie in das besorgte Gesicht von Professor McGonagall.
„Schon wieder, Stern?“, fragte die Lehrerin leise und Robyn wusste, dass sie keine Antwort brauchte.
„Ich denke, du solltest in deinen Schlafsaal gehen. Deine Freundinnen werden dich sicherlich begleiten.“, sagte McGonagall mit einem Blick auf Zarina, Nicci und Lisa, die sofort heftig nickten. „Oder möchtest du zur Sicherheit in den Krankenflügel?“
Robyn schüttelte den Kopf. Ihr ganzer Körper fühlte sich taub an, als Zarina sie vorsichtig hochzog und sie stützte, während die vier Mädchen zum Ausgang der großen Halle gingen. Die meisten Schüler wandten ihre Blicke bereits von ihnen ab, ehe sie die große Tür passiert hatten.

Robyn wollte noch nicht ins Bett gehen und so setzten sich die Freundinnen zusammen in den Gemeinschaftsraum. Sie hatte sich das Buch und die Feder aus dem Schlafsaal geholt, die ihr ihre Eltern zu Weihnachten geschenkt hatten und schrieb nun ihre kleine Geschichte weiter. Sie hatte begonnen, alles, was sie bisher über Claire in Erfahrung hatte bringen können, in eine Geschichte zu verpacken und hatte festgestellt, dass es ihr half, mit den teils grausamen Erzählungen Dumbledores umzugehen. Außerdem hatte sie viel in der Bibliothek zur damaligen Zeit recherchiert und wusste nun so viele Details über das Leben von Hexen und Zauberern wie Claire, dass sie oft seitenlang nur über die Lebensumstände schrieb oder sich in winzigen Details verlor.
Nach einer Weile hörte Robyn auf zu schreiben und schaute aus dem Fenster des Gemeinschaftsraums. Zarina und Lisa unterhielten sich leise, Nicci las ein Buch. Sonst war es still im Raum. Jedenfalls so lange, bis plötzlich die aufgeregten Stimmen der anderen Ravenclaws zu hören waren, die vom Fest zurückkamen.
Sie klangen allerdings nicht fröhlich. Ganz und gar nicht. Sie klangen verstört, verängstigt.
Die Schüler warfen Robyn Blicke zu, die sie nicht einordnen konnte. Aber freundlich waren sie nicht.
„Hey Luna!“, rief Lisa plötzlich einem kleinen blonden Mädchen mit großen, blauen Augen zu.
„Was willst du denn von Loony?“, fragte Zarina herablassend und zog eine Augenbraue hoch.
Luna löste sich aus dem Strom der Kinder und kam zu den Mädchen herüber.
„Ja?“, fragte sie und ließ ihren Blick aufmerksam über die vier wandern. Bei Zarina hielt sie kurz inne. „Du musst aufpassen, um deinen Kopf schwirren eine Menge Nargel. Vielleicht siehst du deshalb nicht so glücklich aus.“, sagte sie und schien einen Punkt knapp neben Zarinas Kopf zu fixieren.
„Halt doch...“, fing Zarina laut an und flüsterte das „die Klappe...“ missmutig in sich hinein, als Robyn sie böse anschaute.
„Was ist passiert?“, fragte Lisa schnell. „Warum sind alle so aufgeregt?“
„Es ist etwas ganz Unheimliches.“, sagte Luna und ihre Augen wurden noch größer.
„Na klar.“, murmelte Zarina und fing sich erneut Robyns böse Blicke ein.
„Die Katze von Mr Filch, Mrs Norris. Sie ist versteinert.“, sagte Luna geradeheraus.
Robyn durchfuhr es eiskalt. Sie spürte wieder den seltsam geformten Stein und das Fell in ihren Händen. Nur war sie sich jetzt sicher, dass es kein Stein war.
„Sie hing in einem Korridor direkt unter einer Inschrift. Die Kammer des Schreckens wurde geöffnet.“, fuhr Luna fort, doch Robyn hörte kaum noch zu.
„Was ist die Kammer des Schreckens?“, fragte Nicci und musterte Luna besorgt. Die zuckte die Achseln und schaute für einen Moment ins Leere.
„Ich werde jetzt schlafen gehen. Gute Nacht.“, sagte sie dann in seligem Ton. „Und pass du mit den Nargeln auf.“, riet sie noch mit einem Blick auf Zarina, dann verschwand sie in Richtung der Schlafsäle.
„Verrückte.“, stieß Zarina leise hervor und schüttelte den Kopf.
„Robyn, geht’s dir gut?“, fragte Nicci, als sie das blasse Gesicht ihrer Freundin erblickte.
Zu ihrer eigenen Überraschung brachte Robyn ein Lächeln zustande und nickte ziemlich glaubwürdig. Seit wann erzählte sie ihren Freundinnen nicht mehr, was ihr Sorgen machte? Sie rang mit sich, ob sie nicht doch Genaueres von ihrer Vision erzählen sollte, bis sich Lisa erhob, um ins Bett zu gehen und Nicci und Zarina folgten. Der Moment war vorbei und sie stand ebenfalls auf und hoffte dabei, dass niemand ihren düsteren Gesichtsausdruck bemerkte.

In der Pause nach den ersten beiden Stunden am nächsten Tag wurde Robyn von Harry Potter zur Seite gezogen. Die beiden setzten sich in eine ruhige Ecke des Innenhofs. Harry schien sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen und blickte immer wieder hektisch von Robyn zu einem unbestimmten Punkt auf dem Boden und wieder zurück.
„Was ist los?“, fragte Robyn schließlich nach einer Weile des angespannten Schweigens. „Warum möchtest du mit mir reden?“
„Du weißt, was gestern Abend passiert ist?“, entgegnete Harry und vermied direkten Blickkontakt.
„Das mit Mrs Norris? Ja, das weiß ich wohl...“, antwortete sie leise und erinnerte sich mit aufsteigendem Ekel und Entsetzen an das weiche Fell.
„Du weißt auch, dass Hermine, Ron und ich sie gefunden haben und vor ihr und der Inschrift standen, als die anderen Schüler aus der großen Halle kamen?“, fügte er hinzu und strich sich zittrig durch das ungebändigte Haar.
„Deshalb schauen dich alle wieder so an.“, erkannte Robyn und verspürte Mitleid für den Gryffindor. Er war einfach immer zur falschen Zeit am falschen Ort.
Harry nickte betroffen. „Aber...“, fing er dann an. „Mir geht es grade nicht darum. Also schon irgendwie, aber eher, nunja, darum, wie wir diese gruselige Schrift gefunden haben.“ Er holte Luft und ihm war seine Angst anzusehen. „Ich dachte, vielleicht verstehst du mich. Ich fühle mich so, als würde ich wahnsinnig werden!“
Robyn schaute etwas gekränkt zur Seite.
„Damit wollte ich nicht sagen, dass du wahnsinnig bist!“, fügte Harry hastig an, als er ihren Blick bemerkte.
„Schon gut.“, antwortete sie leise. „Erzähl.“
„Wir sind einer Stimme durch die Korridore gefolgt. Nur ich habe sie gehört und sie hat wirklich unheimliche Dinge geflüstert. Als wollte sie...“
„...töten.“, beendete Robyn tonlos seinen Satz.
„Ja, töten. Woher wusstest du...“
„Ich hatte gestern Abend eine Vision in der großen Halle. Ich bin von der Bank gekippt, habe weiches Fell gefühlt und eine Stimme hat mir direkt ins Ohr geflüstert. Zerfetzen, reißen, töten, oder so etwas. Da wusste ich noch nichts von Mrs Norris.“, antwortete sie, schloss die Augen und versuchte, das Grauen der Vision aus ihrem Kopf zu verbannen.
„Also bin ich nicht verrückt.“, murmelte Harry.
„Oder wir sind es beide.“, sagte Robyn und bemühte sich um ein Lächeln.
Harry lächelte ebenfalls. Erleichterung lag in seinem Blick und seine Körperhaltung war nicht mehr so angespannt wie zu Beginn ihres Gesprächs.
„Danke.“, sagte er.
„Gerne. Wenn du nochmal über so etwas Verrücktes reden möchtest, kannst du zu mir kommen.“, erwiderte Robyn und war selbst überrascht über ihr Angebot. Früher hätte sie niemals das Selbstbewusstsein gehabt, sich selbst eine Wichtigkeit für andere zuzuschreiben. Zu denken, dass ein Gespräch mit ihr etwas anderes als eine Last für andere Personen war.
„Das werde ich machen. Danke nochmal.“
In diesem Moment kündigte das Läuten der Schulglocke die nächste Stunde an.
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