Wenn dir das Leben eine Zitrone reicht …

von Bean
GeschichteDrama, Romanze / P18
Eric OC (Own Character)
14.11.2018
17.10.2020
29
103.504
37
Alle Kapitel
196 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
14.11.2018 4.392
 
Hallöchen, ihr da draußen und herzlich willkommen zu meiner zweiten Fanfiktion im Divergent-Fandom! ^^ Wenn ihr das hier lest, habt ihr die Story logischerweise schon einmal angeklickt und darüber freue ich mich bereits riesig :-)
Ich fände es super, wenn ich hier auf alte bekannte und neue Gesichter treffe und bin schon sehr gespannt, was aus diesem Projekt wird und wie es sich weiter entwickelt. Wie immer, habe ich nichts genaues geplant und vertraue hier voll und ganz auf eure ehrliche Meinung. Ich bin jederzeit offen für konstruktive negative oder positive Kritik sowie Wünsche, Anregungen und Anmerkungen. Gerne auch via PN. Falls jemand Logik- oder Schreibfehler findet, wäre ich ebenfalls für einen Hinweis dankbar ;-)

Das war es jetzt aber von mir und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen des ersten Kapitels! Auch wenn zu Beginn natürlich noch nicht allzu viel passiert, würde ich mich selbstverständlich über das eine oder andere Review freuen. Einfach, weil ich gespannt wäre zu erfahren, wie ihr die Protagonisten aktuell einschätzt.
Habt noch einen schönen Abend, vielen Dank fürs Reinlesen und ich hoffe wir lesen uns! :-)

Liebste Grüße
Eure Bean

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Das vertraute Knistern, als die neongelbe Leuchtreklame vor der Tür zu flackern beginnt, klingt jeden Tag aufs Neue wie Musik in meinen Ohren. In großen Lettern prangt mein Name über dem Eingang und verkündet, dass das Spiel erneut eröffnet ist.
Jeden Abend komme ich hier her, öffne die Tür und trete über das leicht erhabene Natursteinpflaster mit den breiten Fugen. Im Tageslicht strecken sich mir helle, warme Grautöne entgegen, doch in der Dunkelheit wirkt der Grund einheitlich schwarz. Nacheinander schalte ich die Beleuchtung im Innenraum ein und kann augenblicklich dem wohlklingenden Surren der kleinen Trafos über meinem Kopf lauschen. Die Spots über dem Tresen erhellen das Herzstück meines wahr gewordenen Traums – die wild gewachsene und lediglich in Form gehobelte dunkle Holztheke. Fünf Meter lang, sechzig Zentimeter tief. Ein Unikat, welches ich mit meinen eigenen Händen geschaffen habe und zum Mittelpunkt meiner Bar avanciert ist. Ava´s Bar.
Voller Elan trete ich näher und werfe die Schlüssel in die kleine, handgefertigte Keramikschale, die direkt an der blau beleuchteten Rückwand zwischen den Strohhalmen und den Stiellöffeln steht. Das ehemals kräftige Grün ist mittlerweile verblasst, ihre Oberfläche trägt diverse Kratzer und eigentlich sieht sie ziemlich gewöhnlich aus. Für mich ist sie jedoch von ganz besonderer Bedeutung. Trevor hat sie mir vor drei Jahren geschenkt und an diesem Tag hat sich nicht nur sie, sondern auch er, in mein Herz geschlichen.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen löse ich mich von ihrem Anblick und greife schließlich nach der schwarzen Schürze mit der seitwärts angebrachten, weißen Stickerei meines Namens. Routiniert binde ich sie mir um, drehe mich zu der kleinen Musikanlage und schon wenig später ziehen melodische Gitarrenriffs in bester Rockmanier durch meinen Laden. Sie geben den Startschuss in den heutigen Abend und verkünden, dass die Bar geöffnet ist.

„Ava, der Tequila ist aus. Steht noch welcher hinten im Lager?“
Jola, meine einzige Angestellte und Aushilfe, blickt mich fragend an, während sie parallel in die Knie geht und argwöhnisch die leeren Flaschen unter dem Tresen inspiziert.
Während sie vor sich hin klimpert und bemüht optimistisch weiter sucht, weiß ich, dass uns mal wieder die Getränke ausgegangen sind. Nicht, weil der Laden besonders gut läuft, sondern weil ich einfach keine flüssigen Mittel mehr zur Verfügung habe, um für ausreichend Nachschub zu sorgen.
„Ich befürchte nicht. Habe ich wohl vergessen“, winke ich ab und hoffe, dass das Thema damit schnell vom Tisch ist.
Gerade als das eine Lied zum anderen wechselt und infolgedessen eine kurze Klangpause entsteht, sieht sie zu mir auf. Ihr ausweichend gebe ich mich beschäftigt und greife flüchtend nach den Gläsern an der Spüle, um sie zu polieren. Der Blick, den sie mir augenblicklich zuwirft, spricht Bände, doch ich tue so, als würde ich ihre stummen Vorwürfe nicht bemerken.
„Das ist nicht gut und ich hoffe du weißt das“, streut Jola dennoch einmal mehr Salz in die Wunde und sieht mich wissentlich an.
Bereits direkt nach meiner Initiation wusste ich, dass ich diesen Weg einschlagen will und habe seither alles dafür getan, um mein Ziel zu erreichen. Mit Gelegenheitsjobs oder an der Seite meines Vaters in der Waffenmontur habe ich mich über Wasser gehalten und fast alles auf die hohe Kante gelegt und gespart. Vor einem guten Jahr habe ich meinen Traum verwirklichen können und diese Räumlichkeiten angemietet. Das Lokal war vollkommen heruntergewirtschaftet, stark renovierungsbedürftig und stand im Vorfeld satte zwei Jahre leer. Von morgens bis abends haben wir hier geschuftet und jeden einzelnen Punkt, den wir entbehren konnten, hier hineingesteckt.
„Natürlich weiß ich, dass das nicht gut ist“, grummle ich und muss mir Wohl oder Übel eingestehen, dass sie wie so oft einfach recht hat.
Die schlanke Ferox mit den feuerroten Haaren und der langen, kantigen Nase wirkt besorgt. Ich kann es ihr nicht verdenken, immerhin versucht sie sich hier etwas dazu zu verdienen, weil ihr Bürojob nicht allzu viel abwirft.
Jola ist mit ihren Fünfundzwanzig Jahren drei Jahre älter als ich. Es ist schön jemanden wie sie zu haben, allerdings nimmt sie auch kein Blatt vor den Mund und hält mir dauerhaft vor Augen, dass es so nicht weiter gehen kann. Manchmal habe ich das Gefühl die Candor, die sie einst war, vor mir stehen zu haben und mich jeden Tag aufs Neue vor ihr rechtfertigen zu müssen.
Zugegeben, obwohl die Grube vor allem abends gut besucht ist, hat das Geschäft in letzter Zeit noch stärkere Einbrüche erlitten. Eigentlich ist der Standort perfekt. Wir liegen unmittelbar an der Grube, wie so viele andere auch, und doch ist das Ava´s die einzige Bar auf der Meile, die nicht richtig zu laufen scheint. Ich kann es mir selbst nicht erklären und habe schon einige Nächte deswegen wachgelegen und mir den Kopf zerbrochen.
Zu Beginn waren die Abende noch gut besucht, doch das anfängliche Interesse hat sehr schnell nachgelassen und ist nach ein paar Wochen vollständig verebbt. Warum kann ich nicht sagen, doch aktuell sehe ich mich damit konfrontiert, lediglich zehn Gäste am Tag zu bewirtschaften und dicke, rote Zahlen zu schreiben. Leben kann ich davon definitiv nicht, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich vertraue darauf, dass es eines Tages funktionieren und rentabel sein wird, denn aufgeben ist keine Option. Die Frage ist nur, wie lange wir noch durchhalten, ohne in den finanziellen Ruin zu stürzen.
Missmutig und mit unverständlichen Worten wendet sich Jola von mir ab und lässt mich schließlich alleine hinter dem Tresen stehen. Vermutlich geht sie nun doch ins Lager, um sich selbst davon zu überzeugen, das wirklich nichts mehr dort ist. Frustriert, weil ich die Gewissheit habe, dass sie nichts finden wird, knülle ich das Trockentuch weiter zusammen und blicke voller Wehmut durch meine vier Wände.
An der Bar, in der mein ganzes Herzblut und all unsere Ersparnisse stecken, postieren zehn hohe Stühle, die leider nur mit zwei Gästen besetzt sind. Nach all der Zeit sind nicht einmal leichte Abnutzungsspuren an deren Oberflächen zu sehen. Mir gegenüber erstreckt sich die lange Fensterfront, dessen einzelne Partien mit dünnen Metallstreben durchzogen sind und mir freie Sicht auf den am stärksten genutzten Seitengang in der Grube gewährt. Auf der anderen Seite floriert das Geschäft und ich erkenne, dass mein Nachbar bis auf den letzten Platz besetzt ist. Direkt vor den Fenstern habe ich selbst mehrere Hochtische, ebenfalls mit Hockern ausgestattet, aufgestellt, doch auch diese sind heute Abend allesamt leer.
Große, runde Kupferleuchten hängen von der hohen Decke mit den nicht verblendeten Leitungen und Rohren herab und hüllen den Raum in ein diffuses, warmes Licht. Die kleinen, aus Blech gebogenen und geformten, Windlichter und die ledernen, schwarzen Getränkekarten auf den Tischen runden das Bild ab und schaffen eine angenehme Atmosphäre. Meiner Meinung nach kann man sich hier gut und gerne mehrere Stunden lang aufhalten, doch offenbar stehe ich damit im Moment allein auf weiter Flur.
„Meinst du, den Rest des abends schaffst du ohne mich?“, zieht mich Jola plötzlich aus meinen Gedanken und deutet mit einem schmalen Nicken auf die große Uhr mit den Eisenzeigern.
Es ist gerade einmal kurz nach dreiundzwanzig Uhr und selbst für unter der Woche ist der heutige Tag ein absolutes Trauerspiel. Vier Gäste, den gesamten Abend über.
„Klar doch, der Ansturm ist ja noch einigermaßen überschaubar“, versuche ich zu Scherzen, wo es eigentlich nichts zu Scherzen gibt, während Jola bereits die Arme nach hinten schlägt und sich seufzend aus der dunklen Schürze schält.
Sorgsam faltet sie sie über ihrem Arm zusammen und streift mich anschließend, meine dümmliche Bemerkung konsequent ignorierend, flüchtig mit den Fingerspitzen an der Schulter. „Kopf hoch, Ava. Das wird schon.“
Die aufmunternde Geste ist gut gemeint, sodass ich mir ein dankbares Lächeln für sie abringe. In Wirklichkeit ist mir nicht danach, denn das Wasser steht mir bis zum Hals und ich spüre den bereits bekannten, dicken Kloß darin aufsteigen. Ebenso die leichten Verspannungen in meinem Nacken, die sich einmal mehr mit einem Ziepen an den Schläfen und hinter den Augäpfeln bemerkbar machen.
Jola blickt mich mitfühlend an, lässt dann jedoch von mir ab. Sie ahnt, dass es nicht gut um den Laden steht. Wenn sie jedoch wüsste, wie schlecht es wirklich läuft, hätte sie vermutlich längst gekündigt.
„Okay, dann sehen wir uns also morgen“, verabschiedet sie sich mit leicht belegter Stimme und greift nach ihrer knallroten Handtasche, die unter dem Tresen liegt.
Ich beobachte, wie sie im Anschluss mit wiegenden Hüften um die Theke schwingt und sich ihre langen, zusammengepferchten Dreadlocks gleichmäßig hin und her bewegen. Die hochgewachsene, zum Teil im Gesicht tätowierte, Ferox hat eine eher maskuline Erscheinung, jedoch eine unfassbar feminine Ausstrahlung. In einer fließenden Bewegung zieht sie ihren Tabak und die Papers aus ihrer Tasche hervor und klemmt sich eines davon zwischen die gepiercten Lippen, um sich eine Zigarette zu drehen.
„Ich denke, es würde reichen, wenn du erst zum Wochenende wieder kommst“, merke ich vorsichtig an und beobachte, wie sie die braunen Krümel mit geübten Handgriffen zwischen ihren Fingern verteilt.
„Klar, auch kein Problem“, schnurrt sie und leckt am Rand des Papers, um schließlich alles zusammenzurollen und sich das fertige Exemplar hinters Ohr zu stecken. „Ich bin da.“
Dankbar nicke ich ihr zu und bin erleichtert, dass sie keinen Einwand wegen ihrer wenigen Stunden hervorbringt. Sie hätte jedwedes Recht dazu und einmal mehr kann ich froh sein, dass sie ein derart genügsamer Mensch ist und die Dinge oftmals einfach so nimmt, wie sie kommen. Sie beschwert sich nicht und ist auch sonst sehr entspannt und umgänglich. Eine Art, die ich nur wenigen Ferox zuspreche und die wirklich außergewöhnlich ist.
Zum Aufbruch bereit klopft sie schließlich auf den Tresen und verabschiedet sich. Einen Moment lang sehe ich ihr nach, doch als sie aus der Tür verschwunden ist, bleibt mir nur noch der beständige Sound aus den Boxen hinter mir und meine nichtbesetzte Bar, die mich Minute für Minute immer ärmer macht.

Die beiden einzigen Gäste fordern zwanzig Minuten später ihre lächerlich geringe Rechnung ein. Dieser Abend ist die größte Pleite seit langem, weshalb ich verwundert und gleichermaßen genervt aufblicke, als ich im Augenwinkel doch noch zwei weitere Personen eintreten sehe. Als ich den ersten als Trevor identifiziere, bildet sich jedoch augenblicklich ein Lächeln auf meinem Gesicht. Es tut gut ihn zu sehen und ich bin froh, wenn er da ist.
Entsprechend besser gelaunt kassiere ich die beiden Männer ab und erhalte tatsächlich noch ein kleines Trinkgeld von ihnen. Ich wünsche einen schönen Abend, verstaue mein Touch-Pad in der hinteren Hosentasche und schüttle die mittelbraunen Haare durch, bis sie mir gleichmäßig über die Schultern fallen. Im Gehen ziehe ich noch den pink gesträhnten Pony mit den Fingerspitzen in Form und stütze mich letztendlich posierend auf den Tresen, um meinen Liebsten zu begrüßen.
„Na, mein Hübscher, was darf es heute sein?“, flirte ich ihn wie üblich an und wiege mich ein Stück weit vor, damit er mir meinen herkömmlichen Wangenkuss aufdrücken kann.
Normalerweise beginnen seine Augen zu Leuchten, wenn er mich sieht. Heute bleibt es jedoch überraschenderweise aus und mir schwant Übles.
„Sorry, Süße“, winkt er halbherzig ab und gräbt sich konfus durch die kurzen, dunkelbraunen Haare, ehe er angespannt mit den Fingern über seine Nasenrücken fährt. „Können wir den scheiß für heute lassen und du gibst uns einfach eine Flasche Scotch? Ich hatte einen echt beschissenen Tag.“
Sein schroffer Tonfall überrascht mich über alle Maßen, sodass ich kurzum ins Stocken gerate und mich überaus verwundert aufrichte, ehe ich entrüstet seinen eigens gewählten Wortlaut zitiere. „Den 'scheiß'?“
„Mach jetzt bitte keine Szene, Ava“, insistiert er sofort, als würde er mit allem rechnen und rollt die schönen, braunen Augen, aus denen er mich sonst so liebevoll ansieht.
Schnaufend recke ich die Brauen in die Höhe und kann nicht anders, als mich in diesem Moment schwer über ihn aufzuregen. Bei mir ist momentan jeder Tag ein beschissener Tag und trotzdem führe ich mich ihm gegenüber nicht so auf, wie er es gerade tut.
„Dann hol ihn dir selbst, immerhin solltest du wissen, wo er steht“, zische ich bockig und stoße mich vom Tresen ab, um ihn stehenzulassen und mich wieder wichtigeren Dingen zu widmen.
Eigentlich gibt es nichts Wichtigeres, dennoch bemühe ich mich das tiefe, protestierende Grollen seiner Kehle schlichtweg zu ignorieren und wende mich erneut dem Polieren meiner Gläser zu.
Trevor und ich haben uns auf dem Schießplatz kennengelernt und gehen seither durch dick und dünn. Unsere Beziehung hat ihre Höhen und Tiefen, wie viele andere auch, dennoch will ich ihn nicht mehr an meiner Seite missen.
Als ich ihm ganz zu Beginn von meinen Plänen mit der Bar erzählt habe und diese erstmals spruchreif wurden, war er sofort Feuer und Flamme. Mit so viel Rückendeckung, allen voran aber Engagement und Eigeninitiative seinerseits, habe ich im Vorfeld jedoch nicht gerechnet. Er hat mich bei allem unterstützt, egal ob finanziell oder mental und war mir immer ein guter Partner. Wenn er allerdings dermaßen schlecht gelaunt ist, dann meide ich ihn lieber. Dennoch kann ich nicht anders, als ihn auch jetzt wieder aus dem Augenwinkel zu beobachten. Manchmal habe ich den Eindruck, ich würde mich damit selbst geißeln wollen. Genauso gut könnte ich einfach wegsehen und ihn ignorieren, wie ich es immer tue – stattdessen sehe ich lieber dabei zu, was er macht und rege mich im Anschluss weiter über ihn auf. Es ist immer wieder das gleiche und natürlich greift er sich auch dieses Mal die teuerste Flasche aus dem Regal. Allein bei dem Gedanken daran, dass er sie mit seinem üblichen Begleiter einfach hinunterkippen und keineswegs genießen wird und ich mir diesen Konsum zudem nicht leisten kann, stellen sich mir die Nackenhaare auf.
Gereizt wandert mein Blick hinüber zu Eric, der gerade den Stuhl an dem hintersten Hochtisch hervorzieht und sich anschließend auf seinem Stammplatz niederlässt. Allein sein Anblick, dieser Möchtegern-erhabene Ausdruck auf seinem Gesicht, während er die Finger ineinander verschränkt und die widerlich nach hinten gestriegelten Haare genügen, um mir augenblicklich einen unangenehmen Brechreiz zu bescheren. Wahrscheinlich strotzt sein Konto nur so vor Punkten, trotzdem kommt er fast jeden Tag nach Feierabend mit Trevor hierher und lässt sich etwas von ihm aufs Haus spendieren. Der Typ ist wie ein Haufen Milben. Keiner will sie, aber leider sind sie unwiderlegbar da.
„In einer Stunde mache ich übrigens zu“, richte ich das Wort an Trevor, ehe er sich mit zwei Gläsern und der auserkorenen Flasche zu seinem Freund aufmacht, doch er reagiert kaum.
Mit großem Argwohn blicke ich ihm hinterher und muss wieder einmal feststellen, dass er sich in der Gegenwart seines sogenannten besten Freundes schlichtweg anders verhält, als ich es von ihm gewohnt bin. Tatsächlich resultieren fast all unsere Streitigkeiten aus genau diesem Grund heraus. Oder einfach daraus, dass er ihn mir ständig vorzieht und ich lediglich an zweiter Stelle stehe.
Eric und Trevor sind seit vielen Jahren eng miteinander befreundet. Noch lange bevor wir uns überhaupt kannten. Eric ist einer unserer Anführer und unterhält den Verantwortungsbereich für die innere Sicherheit sowie die Ausbildung der jährlich antretenden Initianten. Trevor ist Eric direkt unterstellt, seine rechte Hand und manchmal, auch wenn er das vollkommen anders sieht, seine beschissene Assistentin.
An unserem ersten Jahrestag hat er mir einen wunderbaren Abend versprochen und mich zum Essen eingeladen, doch am Ende des Tages saß er mit diversen Blessuren auf der Krankenstation. Eine ganze Stunde lang habe ich im Restaurant und anschließend drei Stunden auf der Couch in unserer gemeinsamen Wohnung auf ihn gewartet. Vergeblich. Bis heute weiß ich nicht genau, was an jenem Tag geschehen ist, aber er hat mich für ihn versetzt und mir nicht einmal eine Nachricht zukommen lassen. Und das war weder das erste noch das letzte Mal.
Jeden verdammten Abend befürchte ich, dass das Telefon klingelt, sein Pager vibriert oder jemand an der Haustür klopft und ihn mir entreißt. Sobald Eric ihn fordert, lässt er alles Stehen und Liegen und springt ihm hinterher, wie ein dressiertes Haustier. Einmal hat er mich sogar mit erhitztem Körper unter Dusche stehen lassen. Das auskühlende Wasser auf meiner Haut war ein Witz gegenüber der schmerzenden Kälte, die sich in jenem Moment der Ablehnung durch mein Herz gezogen hat. Doch auch das war weder das erste noch das letzte Mal.
Ich bin mir nicht sicher, was das für eine Freundschaft zwischen den beiden ist, doch in meinen Augen ist sie äußerst einseitig und unausgewogen. Eric ruft, Trevor springt. Eine Tatsache, die mir zu schaffen macht, die ich aber leider auch nicht ändern kann. Trevor liegt Eric zu Füßen, würde ihm wahrscheinlich sogar zur Hilfe eilen, wenn ihm das Toilettenpapier ausginge und ihm womöglich sogar noch den Hintern abwischen, wenn er ihn nur darum bitten würde. Ich mag seine bedingungslose Loyalität und Treue, doch in dieser überschwänglichen Form stößt sie mir einfach nur auf. Oftmals habe ich das Gefühl, als würde er vor Eric zu Kreuze kriechen und er ihn im Gegenzug in dem Glauben lassen, dass sie befreundet sind. Immerhin bekommt er auf diesem Weg jede Menge Freigetränke, hat grundsätzlich alles, was er braucht und ein sorgloses Leben.
Erneut verläuft sich mein Blick zu unserem jüngsten Anführer und der Zorn schnürt mir einmal mehr die Kehle zu. Ich kann Trevors Faszination für ihn einfach nicht nachvollziehen. Er erscheint mir immer so unfassbar kontrolliert und unbewegt, was ihn irgendwie leidenschaftslos und mechanisch wirken lässt. Eigenschaften, die mit der Zeit sogar auf meinen Freund abgefärbt sind und immer dann zutage kommen, wenn Alkohol im Spiel ist.
In den letzten Wochen trinkt er immer mehr in wesentlich kürzeren Abständen und neigt zu wesensverändernden Aussagen und Handlungen. Zu Beginn haben die beiden lediglich ihr Feierabendbier hier getrunken, mittlerweile ist es fast jeden Abend Hochprozentiger. In meiner Gegenwart sprechen sie nicht über die Arbeit, aber ich merke, dass sich etwas in Trevor verändert und ihn beschäftigt. Und leider hält er sich im Gegensatz zu Eric nicht zurück. Während sich letzterer nicht bis zum Anschlag mit flüssigen Prozenten betäuben kann, interessiert es bei dem rangniedrigeren Ferox niemanden. Niemanden, bis auf mich. Betrunken bringt er mich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns, sodass ich beschließe, den Laden heute sogar eher zu schließen. Im Prinzip ist es sogar vollkommen egal, weil eh niemand mehr kommt. Eine unschöne Realität und traurige Gewissheit. Beherzt werfe ich das gebrauchte Geschirrtuch zur Seite, räume die Gläser weg und schließe die CO2-Zufuhr der Zapfanlage. Nicht einmal das Aufdrehen hat sich heute rentiert und ich überlege ernsthaft bald auf Flaschenbier umzusteigen.
Mit geübten Handgriffen entledige ich mich auch wenig später meiner Schürze und bewege mich zielgerichtet und entschlossen auf den einzig besetzten Tisch zu.
„Trev, ich glaube, das war es für heute. Lass uns nach Hause gehen“, versuche ich ihn bemüht ruhig zum Gehen zu bewegen, doch ich ernte lediglich ein stupides Augenbrauenheben.
„Vergiss es“, blafft er rau, während er sich und Eric demonstrativ einen weiteren Drink vor meinen Augen einschenkt.
Ich hasse es, wenn er so ist, presse verbissen die Lippen aufeinander und blicke auf die nunmehr halb leere Flasche. Ich habe genau mitgezählt und weiß, dass es sein fünftes und Erics zweites Glas ist. Die ersten hat er einfach so hinuntergeschüttet, als wäre lediglich Wasser darin enthalten.
„Ich sagte, dass ich jetzt zu machen will“, wiederhole ich mich und beginne ungewollt mit den Zähnen zu knirschen. Eine dumme Angewohnheit, die sich in den letzten Wochen nahezu etabliert hat.
Während sich Eric bereits nach hinten lehnt und das Glas zwischen den Fingern kreisen lässt, rutscht Trevor von seinem Stuhl und bäumt sich wie zu erwarten vor mir auf.
„Du weißt, dass das hier auch mein Laden ist, Ava. Meiner verdammt!“, faucht er lautstark und drückt sich selbst den Daumen in die Brust, um dem Gesagten mehr Ausdruck zu verleihen. „Mir gehören fünfunddreißig Prozent dieser Bruchbude, also trinke ich, was ich will, wann ich will, mit wem ich will und vor allem, wie lange ich will!“
Ich kann nicht anders, als die Augen über ihn zu verdrehen und tatsächlich schnappe ich beiläufig das nüchterne Grinsen unseres Anführers auf.
„Irrtum! Dir gehören meinetwegen die Spirituosen, aber der Grund und Boden auf dem du läufst ist immer noch meiner“, zische ich zurück und bedenke ihn mit einer Strenge, die mir eigentlich fern liegt. „Also schieb endlich deinen Hintern hier heraus und sieh zu, dass du nach Hause kommst.“
Nachdrücklich funkle ich ihn an und hoffe, dass er es für heute einfach gut sein lässt. Ich liebe ihn und eigentlich ist er ein todguter Kerl – doch, wenn er getrunken hat, wird er oftmals unausstehlich. Eine leidige Eigenschaft, die bedauerlicherweise viele Ferox mit sich herumschleppen.
„Also gut, wie du willst.“
Seine Stimme klingt dunkel und fade, während seine Pupillen aufgeregt hin und her flackern und akribisch mein Gesicht mustern. Ich bleibe weiterhin hart und habe nicht vor, heute nachzugeben. Er ist ein wirklich sturer Mensch, doch darin kann ich ihm allemal das Wasser reichen.
Schließlich packt er sich knurrend die Flasche, rempelt mich harsch an die Seite und steuert mit einem ziemlich angesäuerten „Komm, Eric“ zur Tür hinaus. Angesprochener wendet nicht einmal den Kopf über die Schulter oder sieht ihm hinterher. Es wundert mich nicht, denn er folgt nicht. Tut er nie. Stattdessen führt er seelenruhig das Glas an seine Lippen und trinkt das teure Gesöff in einem Zug leer. Ich versuche ihm keinerlei Beachtung zu schenken und beobachte dafür, wie mein Freund an der langen Fensterfront vorbeirauscht und sich schließlich vollständig meinem Sichtfeld entzieht. Ein gestresstes Schnaufen rollt über meine Lippen und ich kann nicht anders, als mir mit der linken durch die Haare zu fahren.
„Danke für den Drink“, ertönt plötzlich Erics raue Stimme neben mir, während er parallel die Beine vom Hocker schwingt und einfach aufsteht.
Als wäre nichts passiert, schlendert er in Richtung Ausgang und richtet Jacke und Hose seiner Uniform. Ich frage mich, ob ein Mensch mit so viel Selbstgefälligkeit geboren werden kann, oder ob er sich diese perfide Art über viele Jahre hinweg mühsam erarbeitet und einverleibt hat. Ich werde einfach nicht schlau aus ihm und, obwohl er der beste Freund meines Freundes ist und sie fast jeden Tag miteinander verbringen, weiß ich eigentlich rein gar nichts über ihn.
Es dauert nicht lange, bis auch er verschwunden ist, doch in diesem Moment bleibt etwas in der Bar zurück. Ich benötige einen Augenblick, um es zu fassen. Es ist der intensive Geruch von Sandelholz.

Gegen kurz vor eins stecke ich den Schlüssel in das Schloss unserer Wohnungstür und schließe auf. Der Lärm sowie der Geruch, die mir augenblicklich im gedimmten Flurlicht entgegenschlagen, lassen das Innerste meines Bauchraums verkrampfen und erneut den tief sitzenden Groll in mir aufsteigen.
In Gedanken verabschiede ich mich bereits von einer ruhigen Nacht und weiß schon jetzt, dass ich wieder einmal kein Auge zubekommen werde. Wutschnaubend und am Ende meiner Kräfte pfeffere ich den Schlüsselbund auf die weiß lackierte Kommode und sorge damit für einen weiteren, auffälligen Kratzer, der mir jedoch vollkommen egal ist. Gereizt wandert mein Blick über die bereits vielfach gezeichnete Oberfläche und zu guter Letzt ein Stück weit höher. Als ich mich selbst im Spiegel erspähe, wird meine Laune noch schlechter. Augenringe zeichnen meine helle Haut, der Pony steht zu allen Seiten ab und auch sonst wirkt mein brauner Schopf, als hätte ich eine Steckdose gefasst. Erschöpft starre ich mir selbst entgegen und wäge ab, ob es sich lohnt noch weiter auf Konfrontation zu gehen. Wenn ich ihn aus der Bar vertreibe, führt er es ganz einfach in unseren privaten Wänden fort. So einfach war das für ihn und ist es auch noch heute. Oft genug habe ich ihn gefragt, ob das sein ernst sei, habe frustriert mit Gegenständen nach ihm geworfen oder einfach irgendwo gegen getreten. Gebracht hat es jedoch herzlich wenig. Das hier ist seine Art von Protest und Möglichkeit sich Luft zu verschaffen.
Ein resigniertes Seufzen verlässt meine Kehle und in diesem Moment entscheide ich mich, einfach ins Bett zu gehen. Ich bin zu müde, um noch mit ihm zu diskutieren und werde die malträtierenden Bässe wohl einfach hinnehmen müssen. Alles andere würde wieder in einem Streit enden und letztendlich eskalieren. Eine traurige Tatsache, aber das kleine Überbleibsel meiner geschundenen Nerven will ich unbedingt behalten und nach Möglichkeit schonen. Momentan habe ich ganz andere Sorgen, als das ich mich hiermit noch weiter belasten wollen würde. Also werde ich die Situation einfach aussitzen und darauf hoffen, dass sich vielleicht die Nachbarn beschweren.
Kurze Zeit später pelle ich mich aus meinen Klamotten, rolle mich unter der Bettdecke zusammen und vergrabe das Gesicht tief in das nach Weichspüler duftende Kissen. Um den dröhnenden Sound aus dem Wohnzimmer wenigstens ein bisschen einzudämmen, ziehe ich mir zusätzlich Trevors Exemplar über die Ohren und schließe verkniffen die Augen. Während ich mich bemühe, meinen aufgebrachten Puls hinunterzufahren und vehement die kalten Füße aneinander reibe, bilde ich mir ein, dass die Musik vielleicht doch noch verstummt, er zu mir kommt und sich eng an mich herankuschelt. Von hinten würde er seine Arme um mich schlingen, mir einen Kuss auf die Schulter hauchen und dabei eine Entschuldigung murmeln. Für einen kurzen Moment ist es auf einmal tatsächlich still und ich horche erwartungsvoll auf.
Mein Körper scheint bis in die letzte Faser gespannt, ich traue mich kaum zu atmen, als plötzlich ein brachiales Beben durch das Schlafzimmer zieht und sogar die Bügel in unserem Kleiderschrank vibrieren. Er hat die Anlage noch lauter aufgedreht und in diesem Moment weiß ich sicher, dass er wieder auf dem Sofa schlafen wird. Wie so oft in letzter Zeit.
Doch ich hoffe. Hoffe darauf, dass der neue Tag einfach besser wird.
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