Oneshotsammlung

GeschichteAllgemein / P12
12.11.2018
17.11.2018
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>>Tot. Seine geliebte Frau war tot.<<

Unwiderruflich fort. Ermordet. Er hielt sie noch immer im Arm, wollte es nicht wahr haben.
Womit hatte sie – hatten ihre Kinder das verdient? Die beiden wussten noch nichts vom Tod ihrer Mutter. Er selbst hatte es ja auch erst vor wenigen Minuten erfahren.
Wie sollte er es den beiden nur beibringen?

>>Tot. Unwiderruflich fort. Ermordet.<<

Ihre Haut war kalt, ihre Lippen blau und ihre Augen halb geschlossen. Einige Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Dutt gelöst und hingen nun wirr in das leblose Gesicht. Ihre Kleidung war Schweißnass, zeugte von dem Überlebenskampf der letzten Stunden, den sie am Ende doch verlor. Von weitem betrachtet schien es, als säße ein verliebtes Paar eng umschlungen auf dem Boden, doch die Realität sah ganz anders aus.
War kalt und schmerzhaft.

Denn seine geliebte Frau war tot. Ermordet.

—–-–——–-–——–-–——–-–—

Er betrat die Leichenhalle generell sehr ungern. Nicht, weil er keine Toten sehen konnte. Das brachte der Job schließlich mit sich, nein, es missfiel ihm einfach, die Ruhe der Toten zu stören. Doch heute war es besonders schlimm, denn es lag nicht irgendeine unglückliche Seele nur mit einem Laken bedeckt auf einem der kalten Metalltische. Nein, heute lag dort seine Michelle Hanna. Viel zu jung verstorben. Erstickt, nachdem man sie über Stunden hinweg in einem luftdichten Raum gefangen hielt.
Er atmete tief durch, bevor er den Schritt über die Türschwelle wagte und zu ihrem Tisch trat.
Die Füße schauten unter dem Laken hervor, wie sie es einst, ja, wie sie es auch heute morgen noch taten, nachdem sie sich die Bettdecke grummelnd über den Kopf gezogen hatte, um noch ein paar Minuten Schlaf herauszuschlagen.
Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg vorbei an der kleinen Narbe auf seinem Gesicht, bis hin zu seinem Kinn, von dem sie dann herab tropfte und auf dem kleinen, golden glänzenden Gegenstand landete, den er fest umklammerte. Es war ihr Ehering, den er ihr nun wieder ansteckte. Er strich ihre Haare hinter ihr Ohr und drückte ihre kalte, leblose Hand zum Abschied.
Einem Abschied für immer.
Einem Abschied von einer liebevollen Mutter.
Einem Abschied von einer viel zu jung verstorben Frau.

>>Tot. Unwiderruflich fort. Ermordet.
Tot. Tot. Ermordet.<<
Spukte es in seinem Kopf herum. Wieder und wieder.
>>Tot. Unwiderruflich fort. Ermordet. Tot. Tot. Ermordet.<<
>>Tot. Tot. Ermordet. Tot. Tot.<<

Und mit ihr starb auch ein Teil von ihm.
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