Zeit des Friedens

von Hobbit91
KurzgeschichteRomanze, Familie / P16
12.11.2018
19.11.2018
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San lag auf dem Rücken, spürte den feuchten, kühlen Waldboden unter sich und lauschte dem Wind, der sanft durch die Äste der umstehenden Bäume strich. Alles wirkte so ruhig und friedlich. Kaum etwas erinnerte noch an jene schrecklichen Ereignisse, die vor knapp zwei Jahren stattgefunden hatten, denn der Wald hatte sich gut erholt. Dennoch war er nicht mehr ganz derselbe. Etwas von der Macht, die hier einst geherrt hatte, war verlorengegangen. Höchstwahrscheinlich wäre es noch wesentlich schlimmer gekommen, wenn sie Ashitaka nicht an ihrer Seite gehabt hätte.

Auch in diesem Moment war der junge Mann, mit dem zusammen sie so viel durchgestanden hatte, bei ihr. Er hatte ihr versprochen, dass er sie so oft wie möglich im Wald besuchen kommen würde und dieses Versprechen versuchte er auch zu halten. Leider nahmen ihn seine neuen Aufgaben ziemlich in Anspruch, sodass sich die beiden nicht ganz so häufig treffen konnten. Ashitaka war maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt beteiligt gewesen, in welcher er fortan leben wollte. Am Anfang war es auch vollkommen in Ordnung gewesen, doch mit der Zeit begann San die Tatsache zu bedauern, dass sie beide mehr oder weniger ihren eigenen Weg gingen. Vergangene Treffen hatten ihr nämlich gezeigt, wie sehr sie sich doch zu Ashitaka hingezogen fühlte. Wenn er bei ihr war, fühlte sie sich einfach nur gut und auch er schien sie sehr gern zu haben. Wie sehr er sie aber wirklich mochte, zeigte sich schließlich, als er seine ersten zaghaften Annäherungsversuche startete und ab diesem Punkt wurde es kompliziert. Während Ashitaka nämlich nicht so recht zu wissen schien, wie er hierbei vorgehen oder mit ihr umgehen sollte, wusste San nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

Schon bald war San klargeworden, wie unerfahren sie doch im Prinzip war. Sie wusste, wie man kämpfte, jagte und überlebte. Wenn es um Ashitaka ging, verspürte sie allerdings von Zeit zu Zeit diese Unsicherheit, was für das stets entschlossene und mutige Wolfsmädchen etwas ganz Neues war. Sie vermochte weder zu sagen, was sie genau empfand, noch wusste sie, wie sie mit diesen fremden Gefühlen umgehen sollte.

Schritt für Schritt hatten sich die beiden vorwärts getastet und gemeinsam neue Erfahrungen gesammelt, wobei San sowohl viel über Ashitaka und menschliche Wesen im Allgemeinen, als auch über sich selbst gelernt hatte. So hatte sie beispielsweise gelernt, dass sie sich auch fallen lassen konnte, wenn er bei ihr war, denn er würde sie halten.

Nach und nach war das Verlangen in ihr erwacht. Der Wunsch, sich mit ihm zu vereinigen. In dieser Nacht wollte sie es mehr, als je zuvor. Beide wollten sie es endlich tun. Dem Verlangen nach- und sich der Leidenschaft hingeben.

Ashitaka beugte sich über die auf dem feuchten Waldboden liegende San und schaute ihr tief in die Augen.

„Du siehst so schön aus“, flüsterte er.

Diese Aussage brachte San zum Grinsen. „Damals hast du genau dieselben Worte an mich gerichtet. Ich war gerade kurz davor dir die Kehle aufzuschlitzen.“

„Daran erinnere ich mich gut.“

„Soll ich dir mal etwas sagen?“ San nahm sein Gesicht zwischen beide Hände. „Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe. Heute mehr als jemals zuvor.“

Nach diesem eher speziellen Kompliment zog sie ihn zu sich heran, um ihn zu küssen.

Es wurde eine wundervolle Nacht. Am Ende lag die Wolfsprinzessin mit einem glücklichen Lächeln in den Armen ihres Geliebten, ließ sich streicheln und küssen. In Zukunft würden sich solche Nächte wiederholen. Das wusste sie.

„Ich liebe dich, Ashitaka“, flüsterte sie. Es war das erste Mal, dass sie es aussprach.

* * *

„Dieses Ding macht aber einen ganz schönen Lärm.“

„Nenn sie nicht so!“, rief San vorwurfsvoll und funkelte den weißen Wolf böse an, der sich gerade über Ruhestörung beschwert hatte. „Rin ist nun einmal unser neues Familienmitglied. Habe doch bitte ein wenig mehr Verständnis. Sie ist doch noch so klein.“

„Alles, was ich will ist, dass sie endlich aufhört zu schreien“, knurrte der Wolf, wobei sich seine gelben Augen auf San richteten. Diese stand mitten in der Höhle. Ein kleines in weißen Tüchern eingewickeltes Wesen zappelte in ihren Armen. Der Wolf hatte die junge Menschenfrau immer als Schwester betrachtet. Daraus folgte, dass der kleine Schreihals dort im Prinzip seine Nichte war.

„Was ist denn, meine Süße? Hast du Hunger? Na, komm her“, flüsterte San liebevoll, ehe sie sich auf den Boden der Hohle setzte. Dann führte sie ihre Tochter zur entblößten linken Brust und ließ Rin trinken.

Der weiße Wolf, der jetzt nicht mehr beachtet wurde, beobachtete die beiden weiterhin. Seine Schwester hatte die Augen halb geschlossen und auf ihrem Gesicht war ein glückliches Lächeln getreten. Mit einer Hand streichelte sie ihrer Tochter über den Kopf. Es war ein schönes Bild. Friedlich und harmonisch. Aus der Kriegerin, die noch vor beinah drei Jahren so tapfer für den Wald gekämpft hatte, war eine fürsorgliche Mutter geworden, die sich liebevoll um ihr Kind kümmerte. Davor hatte ihre Stimme nie so sanft geklungen und auch ihre Gesichtszüge waren nie so entspannt gewesen. Trotzdem hatte sie noch immer etwas sehr wölfisches an sich. Die Kriegerin in ihrem Innern schlummerte nicht, sondern war extrem wachsam. Sollten es die Umstände erfordern, würde sie wieder zu den Waffen greifen und töten. Wahrscheinlich würde sie jetzt sogar noch eine größere Gefahr für die Menschen darstellen, sollten diese sich – aus welchem Grund auch immer – für einen erneuten Angriff entscheiden. Sie würde jeden, der sich dem Wald mit böser Absicht näherte, jederzeit zerfleischen. Aber zum Glück war nicht damit zu rechnen, dass es zu einem neuen Krieg kommen könnte. Seit fast drei Jahren herrschte Frieden. Die Menschen hatten ihre Stadt mit Ashitakas Hilfe wieder aufgebaut und hielten sich an die getroffenen Vereinbarungen. Im Gegenzug hielten sich die Bewohner des Waldes von der Stadt fern und ließen die Menschen gewähren. Es herrschten klare Grenzen, die niemand zu überschreiten wagte, denn keiner wünschte sich, dass sich die Ereignisse aus vergangenen Zeiten wiederholten.

San selbst hätte nie gedacht, dass sie irgendwann etwas so Wunderbares erleben würde. Ihr einziges Streben hatte damals darin bestanden für den Waldgott zu kämpfen und ihre Feindin zu töten. Wie ihre weitere Zukunft aussehen könnte, hatte sie sich dabei nie ausgemalt. Nur der Kampf gegen die verhassten Menschen hatte gezählt. Es war ihr Schicksal eine Kriegerin zu sein. Um ihr Ziel zu erreichen wäre sie bereit gewesen, ihr eigenes Leben zu geben. Irgendwie hatte sie sogar damit gerechnet, dass sie ihr Leben verlieren würde, aber das wäre in ihren Augen in Ordnung gewesen, solange sie wirklich alles gegeben hätte. Sie war bereit gewesen, bis zum letzten Atemzug für den Waldgott und ihre geliebte Heimat zu kämpfen.

Und dann war er plötzlich in ihrem Leben aufgetaucht. Ashitaka. Ein Mensch, der so völlig anders gewesen war, als all die anderen.

Auf einmal hob der weiße Wolf den Kopf. Im nächsten Moment betrat der Mensch, an den San gerade gedacht hatte, die Höhle. Er trug einige Dinge bei sich, die er in der Stadt gekauft hatte und von denen er meinte, dass Rin dies brauchen würde. San hielt davon zwar nichts, gab aber dieses Mal keinen Kommentar von sich. Wenn es um die Frage ging, was ein Baby brauchte und was nicht, gingen ihre Meinungen stark auseinander. Hin und wieder kam es deswegen mal zu kleineren Auseinandersetzungen, die allerdings nur kurz andauerten. Etwas heftiger gerieten Ashitaka und San aneinander, als Rin fünf Jahre alt war.

Die zwei Erwachsenen hockten gerade an der Höhlenwand und schauten dabei zu, wie ihre gemeinsame Tochter mit dem Wolfs-Onkel spielte. In diesem Augenblick versuchte die Kleine nach dem Schwanz des weißen Wolfes zu grabschen. Dieses Spiel spielten die beiden oft, wobei der Wolf lediglich halbherzig auswich, damit seine menschliche Nichte auch eine Chance hatte.

Lachend rannte Rin quer durch die Höhle. Sie trug ein weißes Hemd, einen dunkelblauen Rock und aus Holz gefertigte Schuhe.

„Findest du nicht, dass es langsam an der Zeit ist, dass Rin mal die Stadt sieht?“, fragte Ashitaka plötzlich.

Sofort wirkte San äußerst alarmiert. „Wieso?“, fragte sie streng.

Rin bekam den Wolfsschwanz ein paarmal ins Gesicht geklatscht, ehe sie ihn packte und daran zog.

„Ich bin der Meinung, dass sie mal auf andere Menschen treffen sollte“, redete Ashitaka weiter. „Immerhin lebt sie hier ja doch ziemlich isoliert.“

„Wie bitte? Isoliert?“, fauchte San. „Sie hat doch Gesellschaft.“

„Uns, ein paar Wölfe, den ein oder anderen Baumgeist...“, zählte Ashitaka auf.

„Rin ist vollkommen glücklich hier“, beharrte San.

„Sie kennt aber auch nichts anderes, als das Leben im Wald.“

„Und wenn schon!“

„San, bitte!“

„Sie möchte die Stadt gar nicht kennenlernen.“

„Das sagst du!“, brauste Ashitaka auf.

Rin stieß einen erschrockenen Schrei aus, als sie von ihrem Onkel umgestoßen wurde. Sie fiel auf den Rücken, wobei ihr Hemd hochrutschte und ihren Bauch entblößte. Kurz darauf senkte der weiße Wolf seinen Kopf und das kleine Mädchen spürte wie eine feuchte Nase die nackte Haut berührte. Die 5-jährige quietschte vor Lachen und begann wild mit den Armen und Beinen zu strampeln.

„Du weißt, was ich von der Stadt und den Menschen halte“, sagte San. Nun klang ihre Stimme wieder etwas ruhiger.

„Liebling“, seufzte Ashitaka und legte einen Arm um sie. „Die Menschen haben sich verändert und was die Stadt betrifft, so ist diese kaum noch mit der alten zu vergleichen.“

„Dennoch wäre dort jemand wie ich nicht willkommen“, war San überzeugt. „So wie ich dieser Frau niemals verzeihen werde, so werden auch viele Menschen mir niemals verzeihen können. Sie werden sich auf ewig daran erinnern, dass ich Ehemänner und Brüder getötet habe. An meinen Händen klebt noch immer ihr Blut, Ashitaka. Wie wird man auf Rin reagieren? Wird man sie als Tochter einer Mörderin betrachten?“

In diesem Moment bereute es Ashitaka, dass er sie angeblafft hatte. Offenbar wollte sie Rin gar nicht von der Stadt fernhalten, weil sie alles, was außerhalb des Waldes lag aus tiefsten Herzen verachtete. Sie machte sich nur Sorgen um ihre Tochter, wie jede Mutter.

Ashitaka nahm San in den Arm und drückte sie ganz fest an sich. „Nur für einen halben Tag, oder so“, bat er. „Ich bringe sie zu dir zurück, bevor es dunkel wird. Außerdem verspreche ich dir, dass ich sie immer gut im Auge behalten werde. Ich möchte sie nur ein bisschen herumführen, ihr zeigen, wie andere Menschen so leben. Wenn es ihr nicht gefällt, dann kehren wir eben wieder um. Kein Problem.“

San sagte nichts. Also dachte Ashitaka noch etwas nach. Gab es noch ein Argument, das sie überzeugen könnte? Da fiel ihm etwas ein.

„Weißt du“, sagte er. „Ein Paar, das ich sehr gut kenne, hat einen Sohn, der etwa in Rins Alter ist. Er hat sogar schon mal nach unserer Tochter gefragt. Er wollte wissen, ob ich sie auch mal mitbringe, wenn ich das nächste Mal in die Stadt gehe, weil er sie gern kennenlernen und ein bisschen mit ihr spielen möchte.“

San war immer noch skeptisch. „Könnten wir nicht noch etwas warten?“

Nachdenklich schaute Ashitaka zu seiner vom Spielen mit dem Wolf erschöpften Tochter. Sie hockte auf dem Boden und lehnte sich an ihren Spielgefährten. Die Augen waren halb geschlossen und hin und wieder fielen sie ihr für kurze Zeit ganz zu. Sicher würde sie gleich einschlafen. In der Regel kuschelte sie sich gern an den Bauch des weißen Wolfes, denn dort war es besonders gemütlich. So warm und weich. Das Raubtier hatte die kleine Rin mittlerweile richtig gern, obwohl er am Anfang nicht wirklich etwas mit ihr zu tun haben wollte, sonst würde er ihr ja auch nicht so viele Dinge gestatten.

„Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger könnte es für Rin werden Anschluss zu finden“, warf Ashitaka ein.

„Vielleicht möchte sie aber lieber wie ein Wolf leben, als wie ein Mensch“, bemerkte San.

Genau darauf hoffst du, nicht wahr, dachte Ashitaka, sprach den Gedanken allerdings nicht aus. Stattdessen meinte er: „Mit der Zeit wird sich das schon zeigen.“

„Rin würde sich nie für ein Leben in der Stadt entscheiden“, war San überzeugt.

„Das muss sie ja auch gar nicht“, warf Ashitaka ein. „Nur kennenlernen soll sie die Stadt. Nichts weiter. Vielleicht schließt sie ein paar nette Bekanntschaften. Wer weiß? Vielleicht hat sie sogar Spaß daran, hin und wieder einen Ausflug in die Stadt zu unternehmen. Es könnten aufregende Tage werden, an denen sie viel lernt und neue Erfahrungen sammelt. Willst du, dass Rin das verpasst?“

„Hm.“

„Bitte, San! Gib den Dingen eine Chance.“

Sie überlegte. Schließlich fragte sie: „Und du wirst wirklich gut auf sie aufpassen, ja?“ In ihrer Stimme schwang eine Besorgnis mit, die Ashitaka noch nie von ihr gehört hatte.

„Aber natürlich“, flüsterte er, ehe er seiner Geliebten einen Kuss gab.

„Also gut“, seufzte San. „Du darfst Rin in die Stadt mitnehmen.“
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