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Mystery-Thriller: Projekt Yajū

von Amentet
Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Thriller / P18 / Gen
Kururugi Suzaku Lelouch Lamperouge
11.11.2018
06.08.2022
66
421.186
12
Alle Kapitel
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06.08.2022 1.813
 
29. Juli 2021


Lelouch nahm den Fuß vom Gas und trat in die Kupplung, danach sanft in die Bremse, um das Auto zwischen den aufgezeichneten Linien zum Stehen zu bringen. Er nahm den Gang heraus, hob die Handbremse an und ließ die Bremse und Kupplung erst dann los.
Der Regen hatte noch nicht nachgelassen. Dumpf trommelte er auf das Dach und die Scheiben des Autos, während die Scheibenwischer jede zweite Sekunde die dicken Tropfen beiseiteschoben.
Lelouch warf einen Blick in den Rückspiegel. Von diesem Parkplatz aus konnte er den Großteil des Übungsplatzes sehen, den die Akademie Fahranfängern in einem der hinteren Höfe zur Verfügung gestellt hatte. Die weißen Linien, die Parkzonen, Fahrbahnen, Haltelinien und Zebrastreifen simulierten, leuchteten im grauen Licht des verregneten Tages. An vielen Stellen um die Parkzonen herum standen hohe Pfähle und kleine Leitkegel, deren horizontale reflektierende Streifen sie selbst im Regen sichtbar machte.
Lelouch schnallte sich ab und hob das Klemmbrett auf dem Beifahrersitz hoch. Er nahm den Kugelschreiber von dem Magneten an der Seite des Brettes und hakte die Übungen ab, die er erfolgreich gemeistert hatte – sprich, ohne die Leitkegel umzustoßen.
Ein Klopfen ertönte. Lelouch sah auf. Von oben bis unten durchnässt und doch völlig unbekümmert stand Suzaku vor der Beifahrertür und deutete ihm, die Scheibe herunterzulassen. Lelouch griff automatisch an die Innenseite seiner Tür und drückte den zweiten Knopf. Die Scheibe fuhr hinab in ihren Rahmen, und sobald sie verschwunden war, verschränkte Suzaku seine Arme auf dem offenen Rahmen und lehnte sich dagegen. „Hat gut ausgeschaut. Du hast zum ersten Mal keins von den Hutterl umgestoßen.“
Lelouch überkam eine unangenehme Gänsehaut. „Du hast mir zugesehen?“
„Ich war mit meinen zehn Kilometern schon fertig, also habe ich dir bei den letzten zwei Übungen zugeschaut.“
„Lauf das nächste Mal langsamer.“
„Vor zwei Wochen noch hast du mich jeden Tag damit genervt, dass ich dir alles zeige, und jetzt willst du nicht, dass ich zuschaue, ob du auch alles richtig machst?“
Darauf hatte Lelouch keine Antwort, denn Suzaku hatte recht. Vor zwei Wochen noch hatte Suzaku jeden Tag darauf verwendet, mit Lelouch den Übungsplatz abzufahren und ihm alles zu erklären. Nun, da Lelouch bereits allein die Übungen machen konnte, wollte er sein Fahren im Stillen perfektionieren, um sich nicht allzu sehr zu blamieren.
„Wie fühlst du dich hinterm Steuer?“, fragte Suzaku weiter.
„Allein ist es angenehm“, antwortete Lelouch wahrheitsgemäß. „Aber ich kann mir vorstellen, dass es im echten Verkehr anders ist.“ Allein bei dem Gedanken, von anderen Fahrerinnen und Fahrerin umgeben zu sein, machte ihn etwas nervös. Er hatte sich alle Verkehrsregeln und Verkehrsschilder eingeprägt, und doch war es anders, in einem Auto zu sitzen, denn nur zwei Sekunden konnten den Ausgang eines tödlichen Unfalls entscheiden. Außerdem war das Gefühl der Unsicherheit immer noch etwas Neues für ihn. Er hatte kein Gefühl für Mechanik und es frustrierte ihn. Sein Stolz ließ ihn nicht akzeptieren, dass es etwas Wichtiges gab, in dem er nicht exzellent abschnitt.
„Kriegst du schon hin“, meinte Suzaku. „Wenn wir auf der Straße sind, erlebst du ein paar Schocks und lernst schnell, glaub mir.“
„Das ist einfach für dich zu sagen“, erwiderte Lelouch. „Du kannst schon fahren. Du hast uns durch drei Areas gefahren.“
„Und dabei mindestens fünf Mal irgendwem den Vorrang genommen“, fügte Suzaku hinzu. „Schau, Autofahren ist an manchen Tagen gut und an manchen Tagen schlecht, wenn man kein Naturtalent ist. Es ist Übungssache. Je mehr du fährst, desto besser wirst du. Aber von den Ratschlägen, die du eh nicht annimmst, mal abgesehen: es ist schon acht Uhr. Hast du Hunger?“
Nun, da Suzaku es ansprach, bemerkte Lelouch die Leere in seinem Magen. Er nickte. „Ich fahre das Auto noch zurück in die Halle.“
„Okay. Ich geh noch schnell duschen. Wir treffen uns in der Essenshalle?“
„Ja.“
„Passt.“ Suzaku trat von der Autotür weg, wandte sich um und joggte vom Übungsplatz. Lelouch ließ in der Zwischenzeit das Fenster wieder hochfahren, trat auf die Kupplung, schaltete in den Rückwärtsgang, löste die Handbremse und warf einen Blick in alle Spiegel, bevor er mithilfe der Rückfahrkamera auf dem Display des Autoboards zurückfuhr.

Eine halbe Stunde später trafen sie sich wie ausgemacht in der Essenshalle. Sie setzten sich wie gewohnt auf ihre Plätze und legten gemeinsam Besteck und Teller aus. Neben den Konservengläsern stand nun bereits seit einer Woche ein breiter Korb, in dem Suzaku Essbares sammelte, das die Raben tagtäglich brachten – woher auch immer. Heute lagen erneut Äpfel in dem Korb, zusammen mit ein paar Pilzen und Beeren, die laut Suzaku nicht giftig waren.
Suzaku nahm sich einen von den Äpfeln und begann, ihn aufzuschneiden. „Und, wie geht’s dir mit dem Fahren wirklich?“
„Ich mache alles so, wie du es mir gezeigt hast“, behauptete Lelouch. Er nahm das Glas Mais in die Hand. „Und seit ein paar Tagen schon fahre ich keine Kegel mehr um.“
„Sollen wir mal einen Ausflug in den Wald machen, ins nächste Dorf? Das könnte dir helfen.“
„Ich möchte nicht mit dem Feuer spielen. Was, wenn Britannia die Akademie plötzlich überwacht?“
„Dann hätten die uns schon gesehen, meinst du nicht?“
„Ich kann die Basics. Wie du selbst gesagt hast, brauche ich noch Erfahrungen.“
„Na gut. Und wie geht’s deinem Muskelkater, nachdem wir bei den Gewichten zwei Kilo dazu genommen haben?“
„Besser. Ich fühle ihn kaum.“ Lelouch drückte die Sicherung des Glases auf und zog den Deckel ab. „Meine Kondition wurde auch besser. Ich habe mich von 400 auf 600 Meter gesteigert.“ Er nahm drei Löffel Mais heraus, bevor er das Glas wieder verschloss und es zurückstellte.
Als Suzaku nicht antwortete, drehte Lelouch den Kopf zu ihm. „Ist was?“
Auf Lelouchs Ratlosigkeit hin entkam Suzaku ein Lachen. „Ist dir das gar nicht aufgefallen grade?“
„Was denn?“
„Du hast das Glas selber aufgebracht.“
„Hm?“ Von Verwirrung gepackt, warf Lelouch erneut seinen Blick auf die Gläser vor sich, danach sah er hinab auf seinen Teller. Erst dann wirkte die Situation erst auf ihn. Tatsächlich! Er hatte das Glas nicht nur selbst geöffnet, sondern es auch noch mühelos getan.
„Gute Arbeit“, lobte Suzaku. „Als Belohnung könntest du 50 Sit-ups machen.“
Lelouch runzelte verstört die Stirn. „Inwiefern ist das eine Belohnung, wenn man kein Sportfanatiker ist?“
Suzaku lachte. „Das war ein Witz.“
„Oh.“ Geschwind sah Lelouch weg, um seinen Scham zu verbergen. „Aber wie ich dich kenne, würdest du das machen.“
„Wenn man nichts anderes kennt, auf jeden Fall. Du würdest auch als Belohnung eine Stunde länger arbeiten, wenn wir noch im Palast wären.“
Das war wahr. „Sag, Suzaku.“
„Ja?“
„Habe ich dich überarbeitet, als wir noch im Palast waren?“
Konfus blinzelte Suzaku ihn an. „Überarbeitet?“
„Als wir uns kennengelernt haben“, erklärte sich Lelouch, „habe ich dich nicht eingearbeitet, sondern dir die Bücher gegeben. Ich habe damals angenommen, der Stoff wäre einfach zu verstehen. War er das?“
„Ähm …“ Suzakus Blick wanderte zur Seite, als er sich zurückerinnerte. „Also, leicht war es nicht. Mein Englisch ist nicht so gut, wenn’s um Politik geht. Ein paar Sachen waren schwer zu verstehen. Aber ansonsten war es okay, denke ich.“ Er sah Lelouch wieder an. „Warum?“
„Ich …“ Die Worte blieben Lelouch im Hals stecken. Er hört auf, mit seiner Gabel in seinem Mais herumzustochern, und legte sie beiseite. Dann räusperte er sich. „Ich wollte mich entschuldigen.“
Schock setzte sich auf Suzakus Gesicht fest, aber bevor er etwas antworten konnte, fügte Lelouch erklärend hinzu: „Ich war unfreundlich. Und ich war auch kein guter Vorgesetzter.“ Als Prinz hatte er Suzaku ins kalte Wasser geworfen, nein, in ein kaltes Meer mit blutdurstigen Haien. Dass sich Suzaku dafür nie gerächt hatte, hatte, nachdem sie sich besser kennengelernt hatten, Stiche in Lelouchs Gewissen hinterlassen, aber nun, da Suzaku an der Reihe war, ihm etwas beizubringen, und dies mit Gefühl und Mühe tat, hatten sich die Stiche zu tiefen Bissspuren entwickelt. Suzaku fasste ihn mit Samthandschuhen an, egal, um was es ging, seien es die Fahrstunden, die gemeinsamen Trainingsstunden, Essenszubereitung oder Versorgung, wenn es Lelouch gesundheitlich schlecht ging. Als man Suzaku  ihm in die Hände gelegt hatte, hatte er nicht einmal Zeit gefunden, Suzaku die Königsfamilie zu erklären, und als Konsequenz hatte sich Suzaku hinter seinem Rücken mit Mary White verbünden müssen, um im Arbeitsklima des Palastes überhaupt Fuß fassen zu können. Nachdem er sich von Nunnally und ihren Idealen eines gutes Menschen getrennt hatte, hatte sich der ewige Konflikt in seinem Herzen zwischen diesen Idealen und seiner wahren Natur als sadistischer, kontrollsüchtiger Egoist größtenteils gelöst. Trotzdem hatte Suzaku auch einen Effekt auf ihn, und was auch immer es war, es funktionierte.
„Es tut mir leid, dass du wegen mir eine Woche fast nicht geschlafen hast. Und es tut mir auch leid, dass ich dich dafür zur Verantwortung gezogen habe, obwohl es mein Fehler war.“
Suzaku sah ihn mit einem Blick an, der unmöglich zu interpretieren war. Eventuell bemitleidete er Lelouchs mangelhafte Eigenwahrnehmung, vielleicht fand er die Entschuldigung aber auch erbärmlich, was sie im Grunde auch war, schließlich war sie seit Monaten überfällig. Diese zwei Optionen geisterten in Lelouchs Kopf herum, während er auf eine Antwort wartete, und als sie endlich kam, war er sich nicht sicher, ob er sich nicht verhört hatte, denn sie war ein einfaches „Danke“.
„Danke?“, wiederholte er also verblüfft und Suzaku nickte: „Ja. Danke für die Entschuldigung.“
„Das … ist alles? Du hast nichts beizufügen?“
„Sollte ich etwa?“, erwiderte Suzaku mit einem kleinen Lächeln. „Gerade dir fällt sowas ja nicht leicht. Eine Entschuldigung ist eine Entschuldigung, mehr gibt’s nicht.“
„Aber Worte können keine Taten ungeschehen machen. Wenn man es genau nimmt, entschuldige ich mich, um mein Gewissen zu erleichtern. Dir bringt es absolut gar nichts. Es ist nur wieder etwas, was ich für mich selbst tue.“
„Da hast du recht, aber es bringt dir nichts, wenn du deine eigene Entschuldigung schlechtmachst.“ Suzaku legte das Messer, mit dem er den Apfel geschnitten hatte, auf den Teller und drehte sich Lelouch gänzlich zu. „Hör zu. Entschuldigungen sind eben das, was man heutzutage macht, und wenn sie erstgemeint sind, ist das auch in Ordnung. Was du gemacht hast, kannst du nicht ändern, und es obliegt der anderen Person, ob sie die Entschuldigung annimmt oder nicht. Aber was du sehr wohl machen kannst, ist deine Gewohnheiten ändern. Wenn dir etwas leidtut, wiederholst du es nicht. Und wenn du glaubst, dass jemand anderer auf jeden Fall eine Entschuldigung verdient, dann tust du etwas für die Person, anstatt dich nur zu entschuldigen.“
„Inwiefern?“
„Naja, du könntest der Person aushelfen, wenn es für sie okay ist. Beim Umziehen helfen, etwas kochen, etwas bezahlen, ein Geschenk kaufen, einen Gefallen anbieten, sowas in die Richtung. Etwas, was irgendwie deine Schuld ausbalancieren kann.“
Was in aller Welt konnte schon Lelouchs Schuld ausbalancieren?
„Lelouch, wir haben zu viel durchgemacht, um uns wegen Kleinigkeiten streitig zu werden.“
Da hatte er recht. Trotzdem musste Lelouch zugeben, dass ihm nun leichter war. „Solange du meine Entschuldigung annimmst, werde ich das Thema ruhen lassen.“
„Keine Sorge“, sagte Suzaku. „Das habe ich schon längst.“
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