Die Krankheit

KurzgeschichteDrama, Sci-Fi / P12
11.11.2018
11.11.2018
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Es war bereits das vierte Interview, das Elena Kohlberg für ihre Doktorarbeit führen würde, und während sie mit routinierten Handgriffen das Aufnahmegerät vorbereitete, begann ihr Verstand, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zum Beispiel mit der Umgebung. Den Hintergrund der Gespräche bildete ein kleiner Raum in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Zwei summende Neonleuchten streuten ihr fahles Licht auf einst weiß gegipste Wände, die inzwischen ein schmuddliges Grau angenommen hatten, eine billige Plattendecke, einen zerkratzten Tisch und drei Stühle, einen Metallschrank für Akten. Das Fenster ging auf einen von schmutzigen Schneeresten gesäumten Parkplatz und eine Häuserwand hinaus, auf der ein riesiges Werbeplakat des Rockwell-Pharmakonzerns für ein glücklich machendes Nahrungsergänzungsmittel angebracht war.  Anscheinend hatte man ihr den schlechtesten Raum im ganzen Gebäude gegeben. Damit hätte sie rechnen müssen, dennoch spürte sie Ärger in sich aufwallen.
Schritte und das Klacken der Tür unterbrachen abrupt ihre Gedanken. Die Patientin wurde von einem Arzt hereingeführt. Eine junge, schmale Frau. Sie steckte in der weißen Anstaltskleidung, die Elena immer an einen Pyjama erinnerte, und bewegte sich träge wie eine Schlafwandlerin. Offenbar hatte sie eine höhere Dosis Lemex als gewöhnlich erhalten. Die Patientin ließ sich langsam auf den Stuhl Elena gegenüber nieder. Sie hielt den Kopf gesenkt, dunkle Haare fielen wirr in ihr blasses Gesicht. Elena räusperte sich. Langsam hob die andere den Kopf, kurz ruhten ihre Augen auf Elena, ohne eine Regung zu zeigen, dann sank ihr Kopf wieder wie vom eigenen Gewicht gezogen hinunter. Elena sah auf die Krankenkarte. Anja Lehmann, 24 Jahre, Lemerenz 3. Grades ... Sie überflog die Zeilen bis zum Abschnitt über die Medikation und runzelte die Stirn. Sie sah zum Arzt, einem kleinen Mann mit schütterem Haar, der über ein Klemmbrett gebeugt an der Wand saß. Typisch, ihr einen Aufpasser aufzudrücken. „Warum wurden ihr heute Morgen 275 mg verabreicht, obwohl ich doch heute das Gespräch mit ihr habe? Sie ist ja nicht in der Lage, einen ganzen Satz zu formulieren!“  
Der Arzt blinzelte hinter seiner dicken Brille. „Eine erhöhte Gabe war notwendig, weil die Patientin erneut starke Symptome zeigte.“
„Die wären?“
„Die ganze Woche über nächtliches Weinen, Hysterie, und heute Morgen kam es zu einem Fluchtversuch, bei dem eine Pflegerin verletzt wurde.“
„Das ist Ihr Problem. Wie soll ich meine Arbeit machen, wenn meine Probanden sediert sind bis zur Apathie?“  
Der Arzt schwieg einen Moment. Dann holte er Luft und entgegnete: „Es steht mir ja nicht zu, aber ich muss sagen, ich hege Zweifel am Nutzen Ihrer Arbeit.“
„Inwiefern?“
„Nun – den physiologischen Grund zu erforschen, warum diese Leute trotz der präventiven Einnahme von Lemex erkranken – ob sie unempfindlicher oder gar immun dagegen sind, und woran in ihrem Hirn das liegt – das ist ja eine wichtige Sache. Aber wie wollen Sie das erreichen, in dem Sie die Leute nach ihrer Lebensgeschichte fragen?“
„Ich frage sie nach ihren Lebensumständen und subjektiven Empfindungen, um wichtige zusätzliche Faktoren für die Erkrankung festzustellen. Faktoren, die durch Lemex nicht ausgeschaltet werden können. Dieser Prozess ist zu komplex, um an ein paar Nervenbahnen in der Petrischale verstanden zu werden.“
Der Mann hob eine Augenbraue. Elena seufzte. „Lassen wir das. Ich werde morgen wiederkommen, und hoffe, die Patientin dann in einem ansprechbaren Zustand vorzufinden.“
Sie stopfte ihre Papiere und ihr Aufnahmegerät mit heftigeren Handbewegungen als nötig in ihre Aktentasche und marschierte aus dem Raum. Die Patientin sah ihr kurz verständnislos nach, um sogleich wieder in ihrem Dämmerzustand zu versinken.
Auf dem Weg zum Parkplatz blies Elena kalter Dezemberwind ins Gesicht und kühlte ihre glühenden Wangen. Warum konnte sie Zweifel nicht einfach an sich abperlen lassen? Es tat weh, sich den eigentlichen Grund ihrer Aufregung einzugestehen: dass der Arzt nur wiederholt hatte, was der größte Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft behauptete und was eine kleine innere Stimme ihr oft genug zuflüsterte.

Am nächsten Tag herrschte dichtes Schneetreiben. Elena bekam ein schlechtes Gewissen angesichts der Fußstapfen, die sie auf dem Granitboden der Eingangshalle der Klinik hinterließ. Dies nahm allerdings in gleichem Maß ab, in dem der Abnutzungsgrad des Boden wuchs, um im Interview-Raum sein lokales Maximum zu erreichen. Dort saß Anja Lehmann bereits auf ihrem Stuhl. Diesmal wirkte sie hellwach. Ihre Haare waren gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, und sie sah Elena herausfordernd entgegen. „Wie lange soll ich noch hierbleiben? Mir geht es viel besser, ich möchte nach Hause und arbeiten, statt hier rumzusitzen. Außerdem würde ich gerne diesen Fummel loswerden.“
„Darauf habe ich leider keinen Einfluss. Aber“, fügte Elena mit einem Anflug von Schuldbewusstsein hinzu, „wenn Sie mit mir kooperieren, will ich weitergeben, dass Sie Fortschritte machen.“
Circa eine Minute lang röstete die Frau Elena unter ihrem Blick. Dann stieß sie die Luft aus, während ihre Schultern nach unten sackten. „Na gut. Es bleibt mir ja kaum was anderes übrig. Aber es gibt Dinge, die Sie kaum verstehen werden, und Dinge, über die ich nicht sprechen werde.“
„Ganz wie Sie meinen, mir geht es vor allem um das Gesamtbild. Beginnen Sie einfach, wo Sie möchten.“ Damit schaltete Elena das Aufnahmegerät auf Empfang. Lautlos fiel der Schnee vor dem Fenster und hüllte das Gebäude in seine alles verschluckende Decke, während Lehmann zu sprechen begann.  

Man sagt mir, dass ich krank sei, aber ich weiß nicht, was das heißt. Wenn das eine Krankheit ist, was schmerzt, dann bin ich wohl sehr krank, denn Schmerzen habe ich gehabt und habe ich weiterhin. Zeitweise waren sie so schlimm, dass ich glaubte zu ersticken. Sie stürzten wie eine Woge über mir zusammen, ich konnte nicht mehr atmen, ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Und Angst habe ich gehabt, solche Angst. Mir wurde manchmal schlecht vor Angst. Inzwischen ist das übrigens besser, es ist alles ganz schwach und blass geworden, wie ein Bild, das in der Sonne gelegen hat. Aber es waren nicht nur Schmerzen, es gab auch ganz andere Empfindungen. Sodass ich manchmal denke ... es klingt dumm, aber manchmal sehne ich mich nach dieser Zeit zurück, denn da war alles so … so stark, und ich wusste genau, dass ich lebe und dass ich wach bin, so wach wie in dieser Zeit war ich nie, und da war nichts zwischen mir und der Welt, nicht mal eine dünne Membran, es war alles so unmittelbar. Und das war schrecklich, weil ich mich nicht davor schützen konnte, aber auch wunderbar.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie es anfing, und das ist etwas, woran ich mich immer erinnern werde, da bin ich mir sicher. Ich war die Firma gekommen, alles war wie immer, ich zeigte dem Pförtner meinen Mitarbeiterausweis, ging durch die große Halle. An dem Tag fiel ein ganz besonders helles Licht durch die große Glasfront. In die Halle wurden ja immer die Besucher geführt und erfuhren etwas über die Geschichte von Rockwell. Ich habe solche Vorträge auch manchmal gehalten ... Aber das interessiert Sie sicher nicht. Jedenfalls ging ich zu meinem Büro, und da wartete bereits meine Kollegin B. Und er. Also, das war der Neue, der in unsere Abteilung kommen sollte, frisch von der Uni. Er wirkte ein bisschen verlegen, trat von einem Fuß auf den anderen, wie das in so einer Situation ist. Und ich glaube, seine Größe war ihm unwohl in dem engen Flur. Er war ja sehr groß. Da muss man sich ja auch erstmal dran gewöhnen, so groß zu sein, und überall anzustoßen, wenn man nicht aufpasst. Aber was rede ich da. B. hat uns also vorgestellt. Sie sagte: „Das ist Lukas S.“, und er sagte: „Hallo, freut mich“ und streckte eilig seine Hand aus. Es war eine ziemlich große Hand, und ein wenig feucht vor Aufregung, aber der Griff war fest. Ich erwiderte „Ganz meinerseits“, oder was man eben so sagt, und blickte ihm ins Gesicht. Er hatte blonde Haare, aber ganz dunkle braune Augen, das fiel mir auf, denn das sieht man ja nicht oft. Und dann lächelte er. Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können, so ein Lächeln ist ja eigentlich etwas Banales, aber das war anders. Das war so … warm. Aber natürlich hat ein Lächeln keine Temperatur, die man mit dem Thermometer messen und in Kelvin angeben kann. Auf einmal merkte ich, dass die beiden mich erwartungsvoll ansahen, und ich sah hinunter und merkte, dass ich die Hand immer noch hielt und wusste nicht, wie lange schon. Das kam ab da überhaupt mehrmals vor, dass die Zeit irgendwie unkontinuierlich verlief, mal Sprünge machte und mal ganz langsam wurde. Beziehungsweise, dass meine Zeitwahrnehmung gestört war, muss ich wohl sagen. Wir gingen den Flur runter und ich erzählte irgendwas über die Abteilung, beziehungsweise ich hörte meiner Stimme beim Erzählen zu, als wäre ich davon getrennt, ganz komisch war das. Und meine Beine waren so wacklig, die Wände schwammen nur so vorbei, die Türschilder wie Fische im Aquarium. Plötzlich standen wir vor der Tür zum Labor, ohne dass ich den Weg dahin präzise hätte zurückverfolgen können. Und wir waren alleine. Also ich und Lukas. Ich wusste gar nicht mehr, wann B. uns verlassen hatte. Das fiel mir so deutlich auf, dass wir alleine waren, als hätte dieser Umstand irgendeine Bedeutung, als würde die Quantität der anwesenden Personen zu einer Qualität werden. „Der Schrank“, sagte ich schnell. „Ja?“, fragte er und öffnete den Metallschrank neben der Labortür, in dem die ganzen Kittel der Belegschaft hängen. Ich suchte ihm einen Kittel ohne Namensschild und kam dabei irgendwie nicht voran, als würde ich immer wieder dieselben Kittel in die Hand bekommen. Schließlich hat er vor mir einen freien gefunden, das war mir irgendwie peinlich. Der war ihm aber zu kurz. Und der nächste war an den Schultern zu eng. Wir haben gelacht, da war wieder diese … Wärme, und da ist mir auch aufgefallen, was für breite, muskulöse Schultern er hatte. Bestimmt machte er oft Sport. Aber noch nie hat die Physis eines anderen Menschen so einen Eindruck auf mich gemacht. Schließlich ist das ja eigentlich egal, wie jemand aussieht, Hauptsache, man kann gut zusammen arbeiten. Ich weiß auch nicht, warum mir das auf einmal so auffiel. Ich gab ihm dann auch noch Haube und Handschuhe, und dabei berührten sich unsere Hände kurz. In dem Moment hatte ich ein ganz seltsames Gefühl. So wie wenn man von statischer Elektrizität einen gewischt kriegt, und mir wurde ganz heiß. Wir betraten das Labor, und auf einmal war ich froh über die farbigen Markierungen am Boden, die den Weg weisen, denn alles sah so neu und anders aus, die Geräte an den Seiten wie seltsame Vegetation, die von der Decke hängenden Kabel und Schläuche wie Lianen. Wie im Dschungel.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir ein, dass es im Kinderheim mal einen ähnlichen Vorfall gab, als ich so sechs, sieben Jahre alt war. Damals war ich versessen darauf, mit einem bestimmten Mädchen zu spielen, und wollte sie nur für mich alleine haben. Irgendetwas Besonderes hatte sie wohl an sich, ich weiß gar nicht mehr was, aber irgendetwas in ihrem Äußeren oder ihrem Verhalten muss mich angezogen haben. Ich weiß nicht, ob andere das auch fühlen, denn über diese Dinge wird ja nicht gesprochen. Jedenfalls schimpfte die Erzieherin damals mit mir, sie sagte, solches Verhalten sei ungerecht den anderen Kindern gegenüber. Und ich solle mich lieber auf meine Hausaufgaben konzentrieren. Außerdem, sagte sie, und das klingt mir jetzt so deutlich in den Ohren, ist man schwach, wenn sein Glück daran hängt, mit wem man spielt. Der Starke ist mit jedem zufrieden, weil seine Zufriedenheit in ihm selbst liegt. Es war natürlich damals zu hoch für mich, aber jetzt denke ich, dass sie recht hat. Ich bin wohl zu schwach gewesen.

Irgendwie kehrte ich nach Hause zurück, und ich sage irgendwie, weil ich nicht sagen könnte, wie. Ich bin wohl wie sonst mit der Straßenbahn gefahren, aber ich hätte genau so gut geflogen sein können. Zu Hause war ich völlig neben der Spur. Ich ließ Dinge fallen und kippte mein Wasserglas um, bis meine Mitbewohnerin N. mich fragte: „Was ist los mit dir?“
„Wir haben einen neuen Mitarbeiter bekommen.“
„Und?“
Und? Die Frage stieß mich vor den Kopf, ich wusste keine Antwort. Es war ja nichts dabei – und doch so viel. Aber nichts, was der Sprache zugänglich war. Es heißt, die Sprache formt unsere Welt, und nun war ich auf einen Teil der Welt gestoßen, für den keine Sprache existierte und den es daher eigentlich nicht geben durfte.
In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Als würde in mir ein Sturm toben, wälzte ich mich umher, strampelte vor Hitze die Bettdecke fort, holte mir ein Glas Wasser, wälzte mich weiter herum, ständig die dunklen Augen dieses Neuen vor mir, die nicht mal dann verschwanden, als ich endlich in einen unruhigen Schlummer fiel, sondern mich in meinen Träumen verfolgten.

Trotz der halb durchwachten Nacht war ich am nächsten Morgen voller Tatendrang. Kaum hatte mein Wecker gepiept, sprang ich aus dem Bett und ins Bad. Dort fiel mir mein Spiegelbild auf, als hätte ich es nie zuvor gesehen. Die buschigen Augenbrauen, die Pickel auf der Stirn. War ich schon immer so hässlich? Ich sank auf den Klodeckel. Dann trieben mich ein erneuter Schuss Adrenalin und die Beschimpfungen meiner Mitbewohner nach draußen. Wie ferngesteuert bewegte ich mich in die Küche, schaufelte die Cornflakes in mich hinein, von den Radionachrichten berieselt. Wie immer ging es um das Wirtschaftswachstum. Aus weiter Ferne hörte ich N.: „Anja, denkst du an deine Lemex?“
Geistesabwesend schluckte ich die Tablette, während ich das Bild auf der Packung betrachtete. Ein paar fröhliche junge Leute, darunter: „Für ein harmonisches Leben.“
„Fährt nicht gleich deine Bahn?“
Ein Blick auf die Uhr und ich schnappte meine Sachen und raste nach draußen. Kälte schlug mir entgegen. Es war ja Anfang Herbst, schon war es morgens kühler und an den Bäumen zeigten sich die ersten orange Blätter. Mein Atem kondensierte in kleinen Wölkchen in der kalten Luft, die aber kristallklar war und von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erfüllt. Der Himmel war knallblau und die Häuser, Straßenschilder und Autos leuchteten in diesem Licht wie neu erschaffen. Wie schön das war. Alles kam mir schön vor, selbst die müden, soeben aus dem Bett gefallenen und sich zur Arbeit quälenden Leute in der Bahn schienen zu leuchten. Ich sprang aus der Bahn und trabte zum Institut, durchquerte die Halle, in der es strahlte wie im Inneren eines Diamanten, lächelte jeden an, der mir entgegenkam. Vor der Labortür hatte ich das Bedürfnis, mir die Haare zurechtzustreichen, albern, da sie doch unter der Haube verborgen sind. Im Glas der Tür konnte ich mein Spiegelbild erahnen. Wie unförmig diese Kittel sind, dachte ich. Ich holte tief Luft und stieß die Tür auf. Eilte die Gänge zwischen den Geräten entlang, die verschwommen an mir vorbeizogen, das Blut rauschte mir in den Ohren, mein Herz schlug hart und schnell. Ich bog um die Ecke und hatte freien Blick auf meinen – unseren – Arbeitsplatz.

Er war nicht da. Nur vier Worte. Vier Faustschläge direkt in den Magen. Das Licht wurde dunkler, die Farben verblassten, die Müdigkeit brach über mich herein. Zehn Minuten vergingen. Ich dachte: Vielleicht ist er krank. Vielleicht ist er von einem Auto überfahren worden und liegt blutend auf der Straße. Vielleicht ist er tot. Ich begann mit der Arbeit, mechanisch, sah meinen Händen bei ihren Bewegungen teilnahmslos zu, sah die Flecken auf dem zerkratzten Tisch, vom unbarmherzigen Neonlicht hervorgehoben. Es war doch alles sinnlos. Was machte ich überhaupt hier?
Da, auf einmal, die zufallende Tür, hastige Schritte. Außer Atem kam er um die Ecke, auf mich zu – und mit ihm das Licht, die Farben, wie wenn man am Fernseher den Kontrast hoch dreht. Er stammelte ganz außer Atem irgendwas, dass er die Bahn verpasst hätte, „Es tut mir leid.“ Schnell erwiderte ich: „Das macht doch nichts, wie schön, ich dachte schon, ich hätte dich vergrault.“ Irgendwie ging ich zum Du über, und er genauso, sagte: „Aber nein, du doch nicht.“ Und wir lachten ein bisschen, leise und verlegen, aber froh ... Ich zumindest war froh, und ich glaubte, er sei es auch. Er wirkte doch so, und er lächelte doch so, und er hat das wirklich gesagt, „Du doch nicht.“ Vieles habe ich mir vielleicht nur eingebildet, aber das nicht. Und wie schön dann alles war, das Funkeln des Lichts auf den Reagenzgläsern, die bunten Flüssigkeiten, die kleinen Gummistöpsel, die er mit sicherem Griff entfernte mit seinen großen Händen, die Welt war so schön und wir beide in ihrer Mitte.  
In der Pause gingen wir zusammen in den Hof, und auch der, sonst ein trostloser Ort, wo man unter dem rauschenden Abluftkasten der Klimaanlage steht und seine Kippen auf den Betonboden vor den Müllcontainern wirft, war schön. Ich fragte ihn nach seinen Hobbys. Er erzählte, dass er gerne Gitarre spielt. „Oh, das ist toll“, sagte ich. „Vielleicht kannst du mir mal was vorspielen.“  Und er sagte: „Ja, gerne, irgendwann.“

Es vergingen ein paar Tage, und jeden Tag, wenn ich zur Arbeit ging, diese Angst, diese schweißnassen Hände, das rasende Herz, die Übelkeit. Ich weiß gar nicht, wovor ich mehr Angst hatte, davor, dass er nicht da wäre, oder dass er da wäre, denn auch davor hatte ich Angst, vor seiner Gegenwart, in der ich das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren und einen reißenden Fluss hinabzutreiben. Und dann kommt irgendwann der Wasserfall.
Irgendwann gingen wir ins Kino. Ich hatte ihn gefragt, voller Furcht, er würde das albern oder unpassend finden, so von einer älteren Kollegin. Aber er freute sich wirklich und sagte sofort zu. Und das kann doch nicht alles nur Einbildung sein. Ich wüsste gerne, an welchem Punkt der Fehler beginnt, denn so trivial ist er nicht zu finden, wo die Grenze liegt zwischen Interpretation und Spekulation und ab wann ich nicht ihn sah, sondern nur das Bild von ihm in meinem Kopf. Können Sie mir das sagen? Nein, Sie können mir das nicht sagen. Niemand kann das sagen, ganz einfach, weil niemand einen anderen wirklich sieht, weil jeder nur mit einer Projektion der anderen in sich selbst zusammen ist; wenn ich krank bin, dann ist es jeder, nur die anderen verbergen es besser. Aber wenn wir das zugeben würden, dann würde unser schönes ordentliches Leben nicht mehr so funktionieren, wie wir uns das zurechtgelegt haben, und ums Funktionieren geht es. Können Sie sagen, wie lange Sie durchhalten werden, und an welchem Punkt bei Ihnen alles aus dem Gleis gerät? Vielleicht hat es auch schon angefangen, und Sie haben es nur noch nicht gemerkt, das geht ja erst allmählich, und dann immer schneller vom Gleichgewicht weg, bis es zu spät ist.
Aber ich mache ja schon mit meiner Geschichte weiter.

Es gab einen lustigen Film über die Bewohner einer WG, die eine Menge Unsinn anstellen. Doch trotz allem war der Unsinn harmlos, und am nächsten Morgen gehen sie zur Arbeit wie immer. Danach standen wir draußen, es regnete, die Lichter der Straßenlaternen schimmerten auf dem nassen Boden zu unseren Füßen. Ich sagte: „Vielleicht gehen wir noch zu dir, wenn du magst, und du spielst mir auf der Gitarre vor?“
Er wirkte überrascht, lehnte aber auch nicht ab, und so gingen wir zu ihm. Er hatte ein kleines Zimmer in einem heruntergekommenen Mietshaus mit vielen Parteien, aber mir schien es der gemütlichste Ort auf der Welt. Wir saßen auf Kissen auf dem Boden, zwischen uns brannte flackernd ein Teelicht. Ich saß da inmitten seiner Sachen, vor dem Schreibtisch, an dem er arbeitet, und dem Bett, in dem er schläft, und den Wänden, auf die Tag für Tag sein Blick fällt, mit den Postern seiner Lieblingsbands, beobachtete die Bewegungen seiner Hände auf den Saiten und verlor mich in den Melodien, die er für mich spielte. Keine Ahnung, ob er gut spielte. Es klang wunderschön und melancholisch, aber da ich schon so vieles durcheinandergebracht habe, frage ich mich, ob er vielleicht doch nur ein Dilettant war, der ahnungslos herumklimperte. Würde das einen Unterschied machen? Als er fertig war, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Schließlich platzte ich irgendwas heraus, „Das war wunderschön“, oder so.
Er wehrte verlegen ab: „Nein, das ist doch nichts Besonderes.“
Plötzlich war mir wichtig, dass er nicht denkt, mein Lob wäre nur aus Höflichkeit dahin gesagt, dass er mich nicht für eine Heuchlerin hält. Mit einem Impuls griff ich seine Hand und redete auf ihn ein, nein, er solle nicht so bescheiden sein, er könnte auftreten und so weiter. Ich wusste kaum, was ich sagte. Er war ganz verwirrt, „Ähm, danke, ich werd's mir überlegen“, und versuchte, mir seine Hand zu entwinden. Ich rutschte dicht zu ihm heran, und dann, ohne einen Gedanken, legte ich meine Arme um ihn. Sein Körper verspannte sich. Er fragte: „Was soll das?“
Die Frage tat mir weh. Vor allem wusste ich selbst nicht, was das sollte. Ich sagte: „Mir ist so kalt, du bist schön warm.“
Das war natürlich Blödsinn, mit der Kälte. Er fragte: „Soll ich dir einen Pulli geben?“, während er versuchte, aus meiner Umarmung herauszukommen. Ich hielt ihn fest, „Nein, bleib hier ...“ Ich sah ihn an, der verwirrte Blick in seinen dunklen Augen, berührte seine Wange.

Ab diesem Punkt weigerte sich die Patientin, weiter zusprechen; Elena musste das folgende Geschehen aus dem Bericht des Geschädigten S. und den Zeugenaussagen der Nachbarn rekonstruieren, welche in der Krankenakte eingeheftet waren. Offenbar hatte Anja Lehmann ihre Lippen dem Mund von S. genähert und, bevor er Widerstand leisten konnte, ihre Zunge in seinen Mund eingeführt. Dieses „höchst befremdliche, abnormale Verhalten“ wurde als klares Indiz ihrer geistigen Unzurechnungsfähigkeit gewertet und gab den Ausschlag für ihre Einweisung in die Anstalt. Zudem war durch die Infektionsgefahr der Tatbestand der Körperverletzung gegeben; S. verzichtete jedoch auf Anzeige. Er gab zu Protokoll, dass er nicht glaube, Lehmann habe etwas Böses im Sinn gehabt. Inzwischen sehe er es so, dass sie durch die Krankheit nicht mehr Herr ihrer selbst gewesen war, und empfinde nur Mitleid für sie. In dem Moment aber sei er selbst von Entsetzen übermannt worden. Daher stieß er sie von sich und drängte sie unter Beschimpfungen aus seiner Wohnung. Dann kam es nach Aussagen der Nachbarn zu einem großen Tumult: Lehmann hämmerte weinend mit den Fäusten gegen die Tür und bat laut schreiend um Einlass, es täte ihr Leid und sie schwöre, sie werde S. nicht mehr berühren. So vergingen einige Minuten, bis S. die Tür mit vorgelegter Kette öffnete. Einen Moment lang herrschte Schweigen; S. rang mit sich, bis er zu einer Entscheidung kam und Lehmann einließ. Diese hatte inzwischen offenbar die Zwecklosigkeit ihres hysterischen Verhaltens begriffen und sich einigermaßen beruhigt. Sie ließ sich in einer Ecke in S.' Zimmer nieder und sagte, was S. nachdrücklich in Erinnerung blieb, sie sei schon glücklich, wenn sie nur bei ihm bleiben dürfe. Außerdem bat sie ihn um einen Pullover. Vermutlich lag der Grund für diese Bitte nicht in der Kälte, sondern in den Geruchsstoffen von S. in dem Kleidungsstück, welche bekanntlich die Lemerenz stimulieren. Elena sah deutlich vor sich, wie Lehmann sich in den Pullover kuschelte, seinen Duft tief einsog und sich vorstellte, S. würde sie umarmen, während der Klang seiner Stimme aus dem Nebenraum zu ihr drang, wo er den psychiatrischen Notdienst rief.  

Sie schloss die Akte. Eine Zeit lang saß sie regungslos da. Die Heizung gurgelte, Leute gingen schwatzend durch den Flur, ein Telefon klingelte. Doch sie hörte weiterhin die verzweifelten Rufe im Treppenhaus des Lukas S. Die Szene stand ihr immer noch hartnäckig vor Augen, als sie die Klinik verließ. Es war bereits dunkel; inzwischen, einige Tage nach dem Schneesturm, war der Himmel klar und zeigte selbst hier in der Stadt einige Sterne. Deutlich erkannte Elena den großen Wagen über den riesigen Blöcken einer Wohnsiedlung. Wie viele Lemerenz-Kranke mochten zu ihm aufgesehen haben, nachdem sie die Person ihres Begehrens verließen? Sie wandte sich um, sah zurück zur Klinik, deren hellerleuchtete Fenster gegen die Dunkelheit kämpften. Dort saß Anja Lehmann jetzt in ihrem Zimmer, verlassen von allen, allein mit der Stimme in ihrem Gehirn, die vor Einsamkeit schrie. Schrie, eingesperrt  unter der Knochenplatte des Schädels, hinter den grauen Betonwänden. Warum ging Elena das so nahe? Warum war ihr so nach Weinen zumute, als sie den Wagen vom Parkplatz steuerte und die Klinik im Rückspiegel schrumpfte und in der Nacht verschwand? Sie hatte noch dutzende Interviews vor sich – sie würde ihre Dissertation schreiben, und einen Artikel für die Clinical Psychology Review –  einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Lemerenz leisten – die verstaubten Hypothesen der Wissenschaftler über den Haufen werfen. Aber hatte sie wirklich etwas verstanden? War es wirklich richtig, die Geschichte, die Anja Lehmann ihr in den letzten Tagen anvertraut hatte, in die nüchterne Sprache der klinischen Psychologie zu übersetzen, in der alles verloren gehen würde? Die Haarsträhnen, die Anja ständig ins Gesicht fielen und die sie ungeduldig beiseite wischte, ihre vor Nervosität verkrampften Hände, sämtliche Nuancen der Blicke, die sie Elena beim Erzählen zuwarf – zögernd, herausfordernd, traurig, verlegen, und, selten, bei einer glücklichen Erinnerung versonnen lächelnd.
Wieder und wieder hörte sich Elena in den nächsten Tagen die Aufnahme an. Bald legte sie Stift und Papier beiseite, dann legte sie sich aufs Bett und überließ sich völlig dem Klang aus dem kleinen Lautsprecher. Die weiteren Interviews, die ganze Kontroverse waren vergessen; denn da war Anja und sagte, die Hingabe deutlich in ihrer melodischen Stimme: „Alles kam mir schön vor.“
Hätte Elena sich im Spiegel sehen können, hätte sie in ihrem traumverlorenen Gesicht die ersten Symptome erkannt. Aber sie konnte sich nicht sehen, denn da war kein Spiegel und ihre Augen waren geschlossen.
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