Mögliche Welten

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
11.11.2018
24.03.2019
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Als Draco den Schlafsaal betreten hatte, war es inzwischen weit nach Mitternacht geworden. Erst als er den Blick auf sein Bett wenden konnte, wurde ihm erst richtig bewusst, wie erschöpft er nach diesem Abend geworden war.

Draco hatte genau das getan, worum ihn Dumbledore gebeten hatte. Auch wenn er damit auf dem Weg gehadert hatte und sich tatsächlich wie ein Schwächlich vorgekommen war. Er war jedoch seinen Anweisungen nachgekommen, weil es sich letztlich so gehörte. Obwohl ihn diese Denkweise an diesem Abend mehrmals zum Verhängnis geworden war. Filch hatte selbstverständlich die Anwesenheit eines Schülers dafür genutzt, um gegen die Menschheit hetzen zu können. Also hatte er die eimerschweren Spuckattacken über sich ergehen lassen müssen für etwas, wofür Black verantwortlich war. Das anschließende Gespräch mit Snape, welches vollkommen unnötig war und nur dem wachsenden Ego des Hauslehrers dienen sollte, drehte sich ebenfalls um etwas, wofür Black verantwortlich war.

Dieses Mädchen war die reine Zeitverschwendung in personifizierter Gestalt.

„Da bist du ja endlich“, kam es nuschelnd von Blaise, der sofort die Nachttischlampe angezündet hatte, womit der Dracos Leid deutlicher sehen konnte. Theo schnarchte lediglich laut auf.

„Ja“, sagte er knapp und schmiss sich auf sein Bett.

„Kam die Blutsverräterin mal wieder zu spät oder warum bist du erst jetzt hier?“, wollte Blaise wissen und legte sich erneut auf dem Rücken hin.

Draco zögerte kurz. „Ne, Filch hat uns einfach nicht abgeholt und wir mussten auf ihn warten.“

Blaise schwieg kurz. „Wie bist du denn drauf? Du hast gewartet? Warum bist du einfach nicht gegangen?“

„Hatte ich ursprünglich vor, aber ich habe vermutet, dass Snape uns einfach auf die Probe stellen wollte. Damit hatte ich auch hinterher Recht. Der hätte uns bestimmt noch das Wochenende gegeben, wenn wir ohne eine Abmeldung gegangen wären.“

„Black vielleicht, aber dir doch nicht.“

Draco gähnte. „Wie du meinst.“

Auch wenn er bezüglich des Ausgangs des Abends gelogen hatte, war doch Blaise' Reaktion darauf bezeichnend dafür, dass er immer noch nicht im Begriff war, zu verstehen, dass es Snape eine Freude bereitete, Draco zu sabotieren. Das Nachsitzen war doch der Beweis dafür und dennoch kam niemand auf die Idee, ihm zu glauben. Allein das Gespräch mit dem Hauslehrer hatte ihm persönlich klar gemacht, dass er nur noch einen weiten Bogen um ihn machen sollte. Die ölige Stimme des Mannes war  immer noch in seinem Kopf präsent.

Warum hältst du dich mit dem Black-Mädchen auf, Draco?

Warum hast du mich nicht sofort kontaktiert?

Warum bist du ausgerechnet zu Dumbledore gegangen?

Du sollst doch unverzüglich zu mir kommen
.

Heuchler. Undankbarer Heuchler!

Er war zu Dumbledore gegangen, weil das den besten Eindruck hinterlassen hatte. Wenn er mit Black zu Snape gegangen wäre, dann hätte er sich sicherlich sofort auf das Mädchen gestürzt und ihr erstmal fünfzig Hauspunkte abgezogen, bevor er sie dann weiter bearbeitet hätte. Wahrscheinlich hätte Black dann auch noch angefangen, gegen Snapes Schienbein zu treten und dann wäre Draco möglicherweise Zeuge dessen geworden, weshalb Snape wirklich von dem Dunklen Lord als Todesser rekrutiert wurde.

Die ganze Angelegenheit wäre doch sowieso an Dumbledore weitergegangen und dann? Und dann hätte sich Draco dafür verantworten müssen, weshalb er mit einer solchen sensiblen Angelegenheit nicht zu Blacks Hauslehrerin oder dem Schulleiter gekommen war. Überhaupt zeigte er mit dieser Aktion erst recht, dass er Dumbledore gegenüber nichts zu befürchten hatte. Das war genau der Punkt. Mit dieser Entscheidung stand er wenigstens noch akzeptabel da, obwohl er natürlich hoffte, dass Black die Sachlage ordnungsgemäß geklärt hatte, sodass er sich nicht mehr vor Dumbledore erklären müsste. Die Argumentationen dieser Taugenichts' kannte er doch zu Genüge.

„Du siehst wirklich fertig aus“, stellte Blaise fest. „Total gruselig.“

Draco richtete sich wortlos auf und machte sich auf den Weg ins Badezimmer, um Blaise' kritischer Musterung zu entfliehen. Er hatte sicherlich keinen Nerv dazu, sich von seinem Freund begaffen zu lassen. Mit einem Blick in dem Spiegel wurde ihm selbst mulmig zumute. Er roch an seinem Hemd, welches leicht nach Rauch stank und streifte es sich ab. Nur mit Mühe konnte er das Mal auf seinem Unterarm ignorieren, aber er konnte es merkwürdigerweise spüren. Es war bereits seit fast vier Monaten auf seiner Haut eingebrannt und er konnte sich immer noch nicht daran gewöhnen: Als wäre das Mal ein Fremdkörper, welchen er wie einen Glassplitter jederzeit entfernen könnte.

Er erinnerte sich daran, wie es wehgetan hatte, als er ihn mit seinem Zeichen für die Ewigkeit an sich gebunden hatte. Er erinnerte sich daran, wie er es drei Wochen vor diesem Ereignis erfahren hatte. Er erinnerte sich daran, wie er sein Zimmer verlassen hatte, um ihm gegenüberzutreten.

Wie in einer Trance ließ er das Wasser im Waschbecken laufen und wusch sich sein Gesicht.

Als er dem Dunklen Lord das erste Mal begegnet worden ist, hatte er seine Wut und die bitteren Vorwürfe nicht zügeln können. Verwöhnt und trotzig, wie er war, hatte er von ihm erwartet, dass er seinen Vater aus der misslichen Situation zu befreien hatte. Und er hatte am eigenen Leibe zu spüren bekommen, dass niemand sich das Recht herausnehmen durfte, irgendwelche Erwartungen an den Dunklen Lord zu formulieren.

Er hatte damals die Angst gehabt, die Tragödie um ein Vielfaches verschlimmert zu haben. Er war sich sicher gewesen, seinen Vater niemals wieder zu Gesicht kriegen zu können.

Wenige Tage später hatte ihm seine Mutter während des Abendessens verkündet, welche konkreten Wünsche der Dunkle Lord in Bezug auf ihn geäußert hatte. Seine Mutter hatte es tun müssen. Sie hatte damals geweint.

Und er hatte es nicht verstanden. Er hatte nicht verstanden, dass er dem Dunklen Lord weniger wert als die widerliche Kanalisationsratte Wurmschwanz war, dem er wenigstens gegenübertrat, wenn er ihm Befehle erteilte. Er hatte nicht verstanden, dass seine Mutter weinte, weil ihr Sohn für ihn das beste Mittel zur Bestrafung ihres Mannes gedient hatte. Er hatte nicht verstanden, dass er bloß der Schadenfreude wegen Draco gepeinigt sehen wollte. Stattdessen hatte er sich wie auf einem Höhenflug gefühlt, groß, mächtig, gesehen, wichtig, privilegiert. Der Dunkle Lord hatte etwas in ihm entdeckt, hatte er angenommen. Der mächtigste Zauberer, der jemals auf dieser Welt gelebt hatte, hatte in ihm eine echte Chance gesehen. Er konnte den Ruf seiner Familie wiederherstellen. Er hatte die Gunst des Dunklen Lords für sich gewinnen können. Er konnte der treuste und teuerste Anhänger seiner Reihen werden.

Eine Woche lang hatte er hoch erhobenen Hauptes in dem Hause seiner ehrwürdigen Vorfahren auf ihn gewartet. Draco hatte seine Mutter verhöhnt, die verzweifelt nach Auswegen und Rat gesucht hatte.

Er hatte es nicht verstanden. Er hatte nicht den leisesten Zweifel an diesen  Vorkommnissen gehegt.

Draco begann, sich seine Zähne zu putzen und betrachtete sich im Spiegel. Es spendete ihm ein wenig Trost, dass er seinem Spiegelbild ruhig und gefasst gegenüberstehen konnte.

Er musste nun unweigerlich an Black denken, die an ihm vorbeigegangen war, weil sie ihn nicht wiedererkannt hatte.

Falsch.

Sie hatte ihn nicht einmal gesehen. Sie hatte ihn nicht sehen können.

Draco war nicht mehr so weltfremd, wie er es vor einigen Monaten gewesen war. Die letzten Monate hatten ihm in intensiver Kurzfassung die facettenreiche Bandbreite an Lebenserfahrungen beschert, die ihn manchmal wünschen ließen, in den dunkelsten Wäldern der Dreckswelt ein neues Leben anzufangen.

Die Übelkeit ließ ihn für einen kurzen Augenblick innehalten, bevor er mit dem Zähneputzen fortfuhr. Er würgte jedoch auf, sodass er die schäumende Zahncreme ausspuckte, um tief einatmen zu können. Erneut setzte er die Zahnbürste an und musste das Zähneputzen immer wieder unterbrechen, weil er zu würgen anfing. Seit geraumer Zeit hatte er mit diesem Problem zu kämpfen, ohne dagegen ankommen zu können. Irgendwann konnte er endlich seinen Mund ausspülen und sich umziehen.

Die Dunkelheit im Schlafsaal und das regelmäßige Schnarchen seiner Klassenkameraden verrieten ihm, dass sich zumindest Blaise dazu entschieden hatte, nicht mehr auf ihn zu warten. Mit dem schwachen Licht an seiner Zauberstabsspitze gelangte er zu seinem Bett und trat seine Tasche unter das Bettgestell. Er würde sich am folgenden Tag Gedanken darüber machen, wie er als Nächstes vorgehen wollte. In diesem Augenblick war er viel zu verwirrt und aufgewühlt, um eine vernünftige Entscheidung treffen zu können.

Wie ihm dieser Kindermist auf den Sack ging.

Draco legte sich ins Bett und umhüllte sich vollständig mit der Decke. Diese Nacht war besonders kalt und sein Körper zitterte tatsächlich noch eine lange Weile, bis er sich aufwärmen konnte. Er presste seine Augenlider fest zusammen und versuchte sich zu entspannen, um einschlafen zu können.

Immer wieder kämpfte er gegen den Drang an, einen neuen Gedanken weiter zu verfolgen. Der Inhalt seiner Tasche, Dumbledore, das Kabinett, Black, das Mal, seine Eltern, der Dunklen Lord, Blut, das Halsband, seine Machtlosigkeit, die brennenden Regale.

Er setzte sich verzweifelt auf. Er wartete eine Weile. Worauf genau, wusste er selbst nicht.

Manchmal spielte er dieses kindische Spiel. Er zählte bis zehn aufwärts und ließ währenddessen einen Gedankenstrom vermeintlich glücklicher Erinnerungen aus seinem Leben oder selbsterdachter Lebenswünsche zu. Und dann, wenn er bei der Zehn ankam, blieb er bei dem zufälligen Gedanken haften, der von der Zahl wie vom Blitz getroffen wurde. Wenn er sich auf einen einzigen Gedanken konzentrieren konnte, war es ihm zumeist möglich, einzuschlafen.

In jener Nacht konnte er keinen dieser glücklichen Gedankenströme herbeirufen. Sie hinterließen keinen bindenden Eindruck. Stattdessen ließ er die dunkelsten Gedanken an sich vorüberziehen, vor denen er sich fürchtete, und zählte.

Schließlich musste er sich mit seinem Dunklen Mal zufrieden geben. Welch eine Ironie angesichts der gegenwärtigen Ereignisse. Er misstraute beinahe diesem Zufall.

Aufatmend legte er sich wieder hin und verlagerte seine Position auf die linke Seite. Es war wahnsinnig leicht über die Geschehnisse, die mit dem Dunklen Mal zusammenhingen, nachzudenken. Die Erinnerungen waren wie in einer Kinderbucherzählung geordnet und sogar lehrreich.

Eine Woche lang hatte er damals aufgrund des entgegengebrachten Vertrauens und der damit verbundenen Ehre entgegen aller Sinneswahrnehmungen auf den Dunklen Lord gewartet. Er hatte Mutters wehleidigen Klagen und das schadenfreudige Grinsen auf dem roten und fettwangigen Gesicht von dem verräterischen Goyle Sr., der sich kurz bei ihnen zu Hause hatte verstecken müssen, ignoriert. Er hatte damals über all dem gestanden. Aus der Höhe betrachtet, war ihm jedes Hindernis leichter vorgekommen.

An dem Abend vor seiner Ankunft war seine Mutter beim Essen nicht ansprechbar gewesen. Er hatte den Blick nicht von ihr abwenden können. Diese leeren Augen würde er niemals vergessen können. Nach mehreren Anläufen hatte sie irgendwann auf ihn regieren können. Sie hatte aufgeatmet, kurz gelächelt, war aufgestanden.

Und war augenblicklich gefallen.

Draco hatte gewusst, was Black bevorgestanden hatte. Er hatte es bereits gesehen, als sie zur Strafarbeit gekommen war. Die Erschöpfung in ihren Augen hatte ihm verraten, dass sie bald den Platz räumen und dieser erschütternden Leere Einhalt gebieten würden. Black hatte jedoch nicht wie seine Mutter den Boden unter den Füßen verloren. Sie war ruh- und rastlos gewesen. Diese Erschöpfung hatte sich in eine Zerstörungswut verwandelt. Black hatte diese Ohnmacht in manischer Aktivität abbauen wollen.

Draco holte tief Luft und wechselte seine Liegeposition. Er versuchte, Black aus seinen Gedanken zu verbannen, um sich erneut auf diesen einen Tag zu fokussieren.

Ja, er war in höchste Entzückung ausgebrochen. Die Stimmung war jedoch an dem Tag, an dem er den Dunklen Lord erwartet hatte, drastisch gekippt. Draco hatte damals frühzeitig im Salon auf den Dunklen Lord warten wollen, um einen selbstsicheren Eindruck schinden zu können.

In Wahrheit war Draco letztendlich nicht dazu fähig gewesen, sein Schlafzimmer zu verlassen. Er hatte nicht einmal in die unmittelbare Nähe der Tür gelangen können. Es hatte diese Grenze gegeben, die er nicht hatte überwinden können und die ihm wie verflucht vorgekommen war.

Er hatte es von der einen Sekunde auf die nächste nicht aushalten können.

Immer wieder war er zurück in sein Bett gekrochen, um sich zu beruhigen. Seine Beine hatten ihn nicht tragen können, sodass er mitten im Weg das Gefühl hatte, umknicken zu müssen. Die Schlafzimmertür hatte sinnbildlich im Dämonenfeuer gestanden, welches ihn nicht in seine Nähe zugelassen hatte. Sein Körper hatte sich verkrampft, aufgebäumt, hatte sich entzweien wollen, um ihn daran zu hindern, sich auf das unausgesprochene Todesurteil seiner Familie einzulassen.

Er hatte es in diesem Augenblick gewusst. Dazu hatte er erst auf dem Boden seines Kinderzimmers kauern müssen. Mitten in seinem Erbrochenen.

Und er hatte sich nicht daraus befreien können.

Und die Zeit hatte ihre Schritte gnadenlos beschleunigt.

Ohne Vorwarnung hatte ihn die Schwärze umhüllt und er hatte nichts dagegen unternehmen können, bis ihm klar geworden war, dass er nach Atem gerungen hatte. Wahrhaftig. Er hatte die Angst gehabt, sterben zu müssen. Eine ungebändigte Kraft hatte in seinem Körper zu toben angefangen und hatte ihn zerreißen wollen. Mehrmals hatte er zu schlucken angefangen, hatte sich dabei jedes Mal verhaspelt und ihm war die Luft  ausgeblieben. Er hatte plötzlich nicht atmen können. Als hätte er die universale und instinktiv ausgelegte Fähigkeit zum Leben verlernt.

Draco hatte damals luftringend zu suchen angefangen. Weil er erst unter diesen Umständen angefangen hatte, zu verstehen, hatte er auch verstanden, was in ihm vorgegangen war. Dass er eine Panikattacke hatte. Er hatte wie ein Wahnsinniger zu suchen angefangen, hatte alles, was ihm im Wege gestanden hatte, um sich geworfen.

Dabei hatte er zufällig einen Blick in dem Spiegel geworfen. Sein Verhalten hatte ihn regelrecht geängstigt, aber er hatte nicht zu suchen aufgehört.

Ein Beutel aus billigem Ziegendarm, der ihm vom letzten Schuljahr für die Zubereitung von Wasser- und sogar Stinkbomben übrig geblieben war, hatte ihn am Ende beruhigen können. Wie ein Suchterkrankter hatte er darin zu pusten und inhalieren begonnen, hatte sich in Gedanken einen Atemrhythmus auserlesen, dem er zu folgen versucht hatte. Und es hatte funktioniert.

Als Draco die Stufen zum Salon hinter sich gebracht hatte, saß der Dunkle Lord bereits mit seinen Eltern und Tante Bella am Tisch. Er war noch rechtzeitig angekommen, aber seine lange Abwesenheit hatte mögliche Zeichen und Hinweise geliefert, die seine Familie in Sorge gestimmt hatten.

Natürlich hatte es sich der Dunkle Lord zur Aufgabe gemacht, Draco vor der Einweihung verhöhnen zu müssen. Er hatte sich gegen seine Legilimentikkünste nicht wehren können. Der Spott, der über die dunklen Wände seines Elternhauses gehallt hatte, war bis heute tief in seinem Innern eingebrannt wie das Dunkle Mal auf seiner Haut.

Dreckiger Feigling.

Ja, das war er in den Augen des Dunklen Lords gewesen.

Nach diesem Albtraum war er damals mit einem blutigen und zerschundenen Unterarm in sein Zimmer zurückgekehrt.

Den Dreck hatte er darin beseitigen können.

Den Feigling versuchte er immer noch zum Verschwinden zu bringen.

Wie in einem Teufelskreis hatte er sich nach diesem Ereignis einzuprägen versucht, mit welcher Ehre ihm der Dunkle Lord überschüttet hatte. Wie glücklich er sich schätzen konnte, dass seiner Familie eine weitere Chance ermöglicht wurde. Wie stolz er sein durfte, dass ausgerechnet ihm diese Aufgabe zugetraut wurde.

Wie gut. Wie glücklich. Wie stolz. Wie einfach. Wie großartig.

Manchmal gelang es ihm, erneut daran zu glauben. Vor allem wenn diese ungebändigte Wut über ihn schwebte und ihn verschluckte. Dann war er sich sicher, dass er dieser Aufgabe gewachsen war und der Dunkle Lord seine Familie und ihn belohnen würde.

Das Zimmer würde dann vielleicht niemals wieder eine Rolle spielen.

Für den Dunklen Lord. Für seine Familie. Für ihn selbst.

Für Black würde das Chaos, welches sie veranstaltet hatte, ebenfalls keine Rolle spielen. Dumbledore wäre der Letzte, der diesen Patzer bestrafen würde. Irgendwo verbarg sich in Draco das Wissen, mit welchem er bestimmte Relationen und Bezugspunkte zwischen Blacks Verhalten und den Ereignissen, die sich vor einigen Monaten zugetragen hatten, herstellen konnte. Weil das so einfach war. Es war so einfach, Blacks impulsives Verhalten mit dem Tod des Verräters zu erklären.

Sie ließ sich in diesem Schuljahr auf jeden Streit ein und zeigte keine Scheu davor, sich  seinen Grausamkeiten anpassen zu wollen, auch wenn er ihr darin haushoch überlegen war. Schließlich hatte sie ihn nicht mit einem Messer angegriffen. Aber sie schien sich auf ihn fokussiert zu haben. Was tatsächlich auf einer Gegenseitigkeit beruhte. Es ging gar nicht darum, dass sie in letzter Zeit wegen Zaubertränke und der Strafarbeit oft in seiner Nähe vorzufinden war. Sie ließ sich auf Draco ein und war für ihn damit erreichbarer geworden.

Blacks Vorwürfe richteten sich nicht nur gegen Draco. Sie hatte sich auch geweigert, Dumbledore entgegentreten zu wollen. Obwohl Dumbledore sie bislang in Schutz genommen hatte. McGonagall hätte sie trotz ihrer belastenden Erfahrungen auseinandergenommen. Wer würde dann an ihrer Stelle nicht freiwillig zu Dumbledore gehen wollen?

Wollte sich Draco überhaupt damit beschäftigen?

Wer würde dann nicht freiwillig zu Dumbledore gehen wollen?

Er musste damit aufhören. Eindeutig.

Unruhig wälzte er sich kurz im Bett, um eine bequemere Liegeposition einzunehmen.

Wer würde dann nicht freiwillig zu Dumbledore gehen wollen?

Sie hatte gesagt, dass der Schulleiter alles schlimmer machen würde. Er hatte gesehen, dass sie ihre Worte sofort bereut hatte. Vielleicht hatte sie im Laufe des Gefechts unreflektiert gesprochen und ihre Aussage nicht ernst genommen. Aber sie hatte sich von Anfang an dagegen gesträubt, zu Dumbledore gehen zu wollen.

Was genau hatte sie an diesem Raum gestört? Dass sie mit den Strafakten ihres verstorbenen Vaters konfrontiert wurde? Er hatte bislang angenommen, dass Black damit stressresistenter umging. Welches Prinzip hatte sie gemeint? Dass sie nicht zerstört werden konnten?

Er überlegte kurz, ob es einen Sinn machte, nach seiner Tasche zu greifen, um sich die Strafakte genauer anzusehen. Aber seine wachen Glieder gaben allmählich nach, sodass er diesen Umstand zufrieden willkommen hieß. Er legte sich erneut auf die andere Seite.

In seinem Kopf schwirrte das Bild von Black, die in blinder Panik nach einer Akte gesucht hatte. Er hatte ihr dabei zugesehen, wie er damals sich selbst im Spiegelbild beim Suchen zugesehen hatte. Black hatte nach dieser Akte gesucht, als hätte ihr Leben davon abgehangen. Das Bild hatte ihn auch diesmal geängstigt.

Er legte sich auf den Rücken, obwohl er wusste, dass er es in dieser Position nicht lange aushalten würde, weil ihm seine Kehle binnen kurzer Zeit wie eingeschnürt vorkommen würde.

Nochmal. Wollte er sich damit beschäftigen? Warum?

Irgendwo in seinem Hinterkopf erinnerte er sich an Theos spöttische Bemerkung, die er am Anfang des Schuljahres über ihn in Bezug auf Black gemacht hatte. Die er aber nicht ernst gemeint hatte.

Verständnis?

Er zuckte zusammen und änderte erneut seine Liegeposition.

Vielleicht.

Das angenehme Schlummergefühl, welches sein kurz bevorstehendes Einschlafen ankündigte, machte sich in ihm breit.

Ja, vielleicht.

Vielleicht empfand er Black gegenüber für diesen kurzen, unbedeutenden Augenblick Verständnis.



******




Bevor Ruby die Große Halle betreten hatte, stand ihr Entschluss fest, dass sie ihre Freunde von ihrem Aussetzer unterrichten wollte. Zunächst einmal war sie sich sicher, dass Malfoy jeden in der Umgebung stehenden Schüler davon in Kenntnis setzen würde, sodass sie sogar die Befürchtung hegte, am Frühstück zu spät mit der Geschichte herausgerückt geworden zu sein. Das andere Problem stellte Dumbledore dar, dem zuzutrauen war, dass er Harry bei ihrem nächsten Treffen fragen könnte, wie es Ruby bislang ergangen war. Und spätestens dann würde ihrem Freund auffallen, dass etwas vorgefallen war.

Es ging auch gar nicht darum, dass sie jemand verraten könnte. Sie musste es einfach ihren Freunden erzählen.

Natürlich.

Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie diese unangenehme Angelegenheit einfach für sich behalten. Sie wollte ihren Freunden unter keinen Umständen das Gefühl vermitteln, dass sie unzurechnungsfähig war. Die Ansätze, die darauf schließen lassen konnten, dass sie ihr eigenes Leben gerne selbst verkomplizierte, waren ja schon immer vorhanden gewesen. Aber mit dem Verhalten am Vortag würde sie diese latente These nur noch zu einem Faktum erklären.

Wer wollte denn freiwillig zugeben, dass er seinen eigenen Mist nicht mehr zusammenhalten konnte? Sie wusste nicht einmal, welche konkreten Entwicklungen diesem Mist zuzuordnen waren. Oder war das herausstechende Merkmal der Überforderung eben das fehlende Wissens des Ursprungs des Mists?

Ruby bemerkte schon beim Eingang der Großen Halle, dass sie mit ihrer Neuigkeit warten musste. Hermine und Ron waren nicht anwesend und Harry genoss sein Frühstück mit ihrem Lieblingsmenschen Ginny Weasley. Sie könnte aber über ihren Schatten springen und zumindest Harry um eine privatgehaltene Zusammenführung unter Freunden bitten.

Als sie sich dazusetzte, wurde sie ausgerechnet von Ginny zuerst begrüßt, während Harry sich kurz räusperte, bevor er ihr einen guten Morgen wünschte.  

Und dann fiel ihr ein, dass sie sich mit Harry wegen Ginny gestritten hatte. Und sie Ginny beim letzten Training mit dem Quaffel eine reingehauen hatte. Und sie Jimmy sogar seinen Schläger aus der Hand gerissen hatte, um ihm damit anschließend eine gepfeffert.

Wenn sie nun mit einem Können-wir-uns-später-mal-unterhalten? ankommen würde, dann würde Harry annehmen, dass sich die Thematik lediglich um diesen Streit drehte.

Na und?

Oder Harry könnte annehmen, dass sie bloß Aufmerksamkeit suchte, um den Streit mit diesen linken Mitteln zu begraben.

Welcher Freund würde aber auf diese Weise denken?

Wie sollte sie überhaupt das Thema sensibel ansteuern? Wo waren Ron und Hermine?

Gedankenverloren griff sie nach der Holzschüssel mit den Rühreiern und befüllte damit ihren Teller.

Gerade als sie den Mund aufmachen wollte, bemerkte sie, dass auch Ginny zum Sprechen ansetzen wollte.

„Nein, sorry“, kam es kopfschüttelnd von Ginny. „War sowieso nicht wichtig.“

„Ich wollte nur wissen, wo Ron und Hermine sind“, entgegnete Ruby.

„Sie sind bei McGonagall bei einer Vertrauensschüler-Sitzung“, meldete sich Harry zu Wort. „Sie sind vor ein paar Minuten gegangen.“

Aus unerklärlichen Gründen fand sie dies merkwürdig. Sie schaute sich am Tisch um, konnte jedoch nichts Ansprechendes finden, womit sie ihre Hassmahlzeit angenehmer gestalten könnte. Und dann meldete sich dieses unangenehme Gefühl in ihr, welches einer anfänglichen panischen Sorge glich.

Hatte Dumbledore ihrer Hauslehrerin bereits berichtet, was Ruby angestellt hatte? Könnte McGonagall ihren Freunden mittels bestimmter Äußerungen verraten haben, dass mit ihr etwas nicht stimmte?

Nein.

McGonagall hatte Besseres vor, als heikle Angelegenheiten dieser Art an die Welt weiterzutragen. Und selbst wenn sie wüsste, dass ihre Freunde informiert waren, käme sie niemals auf die Idee, über Rubys Mist während ihrer Abwesenheit zu sprechen. Eine Vertrauensschüler-Sitzung bedeutete für diese Frau eine Vertrauensschüler-Sitzung. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Außerdem wäre Dumbledore nicht so eilig zu McGonagall gerannt, um sie mit diesen Informationen zu bereichern.

Sie sah auf und stellte fest, dass Ginny und Harry in einem Gespräch über Quidditch vertieft waren und es fiel ihr tatsächlich schwer, ihnen zuzuhören, um sich in dieses Gespräch wenigstens mit einem Kopfnicken einzubringen.

Als sie die Große Halle betreten hatte, hatte sie sich nur getraut, flüchtig zu dem Slytherintisch rüberzublicken. Malfoy war mit seinem blonden Haar unter all den Köpfen glücklicherweise sofort herausgestochen, sodass sie zumindest die Gewissheit über seinen Aufenthaltsort hatte. Wenn er auf die Idee kam, sich in der Großen Halle über sie lustig zu machen, dann hätte sie zumindest die Ausrede parat, dass sie ihre Freunde bis zum Frühstück gar nicht erst hätte sehen können.

Ruby erinnerte sich daran, wie sich Malfoy im dritten Schuljahr pantomimisch über Harrys Ohnmachtsanfall lustig gemacht hatte. Oder in diesem Jahr über seine gebrochene Nase. Früher oder später würde er auch über ihren wahnsinnigen Auftritt keinen Halt machen können. Am liebsten wollte sie sich einfach umdrehen und ihn dabei erwischen, wie er sie hinter ihrem Rücken nachäffte. Dann wüsste sie wenigstens Bescheid, dass es soweit war. Harry jedenfalls bestätigte mit seinem entspannten Gesichtsausdruck, dass ihm Malfoy nicht über den Weg gerannt war.

„Alles gut, Ruby?“, fragte Ginny, während sie sich ihr Brötchen mit Marmelade bestrich.

Sie wandte den Blick von ihren Rühreiern ab, die ihr mehr als unappetitlich vorkamen. „Ja, klar“, sagte sie bloß und sah sich erneut am Tisch um. „Wo ist der Speck?“

„Direkt vor dir“, kam es lachend von der Angesprochenen und sie biss herzhaft von ihrem Brötchen ab.

In diesem kurzen Augenblick wünschte sich Ruby tatsächlich, Ginny Weasley zu sein.

Sie hasste aber Marmelade.

Und der Speck vor ihrer Nase war ihr zu trocken.

„Du, hör mal“, schien Ginny etwas eingefallen zu sein. „Was schenkst du eigentlich Hermine zu Weihnachten? Ich glaube, dass es bei mir wieder ganz knapp mit der Zeit sein wird.“

Oh.

Da musste sie nun wirklich sehr lange überlegen. Hatte sie überhaupt - ?

„Doch!“, kam es erleichtert von ihr.

Doch? Doch – was?“ Ginny sah so aus, als würde sie erneut auflachen wollen.

„Ich meine -“ Ruby atmete tief ein. „Ich habe in den Sommerferien bei Flourish & Blotts eine limitierte Sonderausgabe für Zauberkunst gefunden. Die größten Irrtümer der magischen Kunststücke im Wandel der Zeit und was die größten Zauberer daraus lernen können heißt das Buch.“

„Das hört sich gut an“, sagte Ginny und es klang tatsächlich so, als würde sie es ernst meinen. Sie wandte sich jedoch schnell von ihr ab und grinste Harry an. „Was schenkst du denn Ron?“

Ruby fiel ein, dass sie ihrer ursprünglichen Idee gar nicht weiter nachgegangen war. Bereits in den Sommerferien hatte sie für Hermine vor jedes Kapitel eine Notiz hinterlassen, mit angeblichen Dingen, die sie im nächsten Jahr unbedingt erleben sollte.  Sie hatte ihr lauter kindischer Aufgaben und Mutproben aufgetragen, da sie im Sommer sowieso dauerhaft Beschäftigungen gesucht hatte, sodass ihr diese Idee nicht mehr so brillant vorkam.

Sie hatte beispielsweise einen Auftrag für sie gewählt, der folgendermaßen hieß: Bis das Jahr vorüber ist, musst du einen guten Freund küssen.

Jedenfalls hatte sie vorgehabt, nach einem Zauber zu suchen, der die Kapitel erst erscheinen ließ, wenn sie die dazugehörige Aufgabe gelöst hatte. Was sie in diesem Schuljahr definitiv nicht getan hatte. Sie hatte das Buch gekauft, hatte die Idee mit den lächerlichen Mutproben binnen weniger Stunden in die Tat umgesetzt, einfach zur Seite gelegt und sich nie wieder darum gekümmert.

„Ich würde mich ja freuen, wenn Hermine über Weihnachten herkommen könnte und wir Mädels zu dritt sein würden“, hörte sie Ginny sagen. „Ich halte es mit Schleim einfach nicht aus. Ich brauche so viel Unterstützung wie nur möglich.“

Da war ja schon wieder das Thema.

Wie hatte sie sich nochmal entschieden? Hatte sie sich überhaupt entschieden? Es kam ihr so vor, als hätte sie bereits eine Entscheidung gefallen, aber ihr fiel nicht mehr ein, wie diese geheißen haben könnte.

„Wie war gestern die Strafarbeit?“, fragte Harry vorsichtig und sah sie auch endlich während ihrer bisherigen Anwesenheit an.

Dieses Thema auch noch.

Zu viele Themen. Sie wusste beim besten Willen nicht, wo und wie sie anfangen sollte.

„Gut“, sagte sie bloß und in ihrem Kopf ratterte es wild und heftig. „Gut. Hör zu – Meinst du, wir könnten später nach der Verwandlungsstunde mit Ron und Hermine runter gehen zum See, um -“

„Nach der Verwandlungsstunde?“, wiederholte Harry ehrlich verwirrt.

Ruby erschauderte.

Keine Verwandlungsstunde? Sie hatte diesmal gründlich auf dem Plan geschaut. Wirklich.

Harrys Blick wanderte kurz zu ihrem Rucksack.

„Ruby, wir haben Wochenende“, sagte er schließlich langsam.

Sie erstarrte.

Keine Verwandlungsstunde?

Wochenende?

Oh Merlin.

Wie wahr.

Und wie dämlich sie sich nun vorkam. Vor allem vor Ginny.

Wie konnte sie das vergessen haben? Deshalb waren auch Ron und Hermine bei der Vertrauensschüler-Sitzung. Deshalb war es ihr auch merkwürdig vorgekommen. Und sie war einfach nicht dahintergekommen.

„Ich habe mich schon gewundert, warum du deine Uniform anhast“, murmelte Harry und er kratzte sich an der Stirn. Ihr Verhalten war ihm sichtlich unangenehm.

Ginny schien sich augenblicklich mit den auf dem Tisch liegenden Schokofroschkarten beschäftigen zu wollen, während Harry angestrengt in die Luft starrte. Ruby bemerkte, dass seine rechte Hand, die auf dem Tisch ruhte, zu einer Faust geballt war. Früher hätten sie über Rubys Missgeschick gelacht.

Sie spürte, dass sie sich verteidigen wollte und wusste, dass sie dafür möglicherweise zu frustriert war.

„Kriegt euch wieder ein“, hörte sie sich langsam sagen. „Ich habe nur die Tage verpeilt.“

Eine lange Stille trat ein.

„Ja, das kann schon mal passieren“, sagte Harry gedehnt, während er immer noch ihren Blick mied. „Aber klar – wir können gerne runter zum See gehen, wenn Ron und Hermine wieder zurück sind. Danach können wir Hagrid besuchen gehen.“

Oh Mist, ja. Sie hatten am Montag bedauerlicherweise Hagrids Flehen nachgegeben und sich mit ihm für den Samstag zum Plätzchenbacken verabredet. Wäre wirklich nett von Hagrid gewesen, wenn er es am Vortag erwähnt hätte. Dann hätte sie sich die Nummer mit Hagrids Geschichtsstunde gespart.

Sie wollte nicht nochmal zu Hagrid. Seinetwegen war es erst zu dieser Eskalation gekommen und eine Wiederholung ihres krankhaften Verhaltens wollte sie tunlichst vermeiden. Hagrid war die größte Laberbacke in ganz Hogwarts. Er würde sicherlich erzählen, dass sie nicht ganz dicht war.

„Ähm, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist, mit Hagrid backen zu gehen“, sagte sie deshalb so beiläufig wie möglich, was ihr alles andere als beiläufig gelang. „Hinterher bekomme ich einen allergischen Schock von seinem Mehl oder so.“

Eine einsame Eule schwirrte in der Großen Halle herum und warf zwei Briefe auf Rubys Platz ab. Wahrscheinlich hatte die Botin hoffnungsvoll auf die Ankunft der verwirrten Empfängerin gewartet.

Harry sah sie unbeeindruckt an, sodass sie zunächst davon abließ, auf den Absendernamen zu schauen. „Du hast dich aber mit Hagrid verabredet. Du warst diejenige gewesen, die eingeknickt ist und in unserem Namen zugesagt hat.“

„Ja, nun -“ Es machte ihr nichts aus, wie offensichtlich sie nach einem Ausweg suchte. „Ich war gestern schon bei Hagrid. Ich habe meinen Soll erfüllt.“

Sie wollte ihn wenigstens schon mal darauf vorbereiten, dass sie bei Hagrid vorbeigeschaut hatte. Dieser sah sie verständnislos an.

Ein weiterer Brief landete auf ihrem Platz und die Schrift auf dem Umschlag ließ sie stutzig werden, sodass sie sich diesen diesmal genauer ansah. Es war ihre Schrift. Der Absender war sie höchstpersönlich und der Brief war an Remus adressiert.

Was war das denn?

„Warum gestern, wenn wir heute hingehen wollten?“, kam es vorwurfsvoll von ihm.

Er nahm wahrscheinlich an, dass sie bereits am Vortag die Tage verwechselt hatte.

„Ich hatte einfach Lust gehabt, Hagrid zu besuchen?“, versuchte sie es damit und sie öffnete den Brief, während ein weiteres Schreiben auf ihrem Platz abgeworfen wurde.

„Was willst du eigentlich am See?“, schien Harry immer genervter zu werden, während sie den Pergamentbogen in ihren Händen studierte und ihn ignorierte.

„Harry“, meldete sich Ginny mahnend zu Wort.

Tatsächlich. Das war ihr Brief, den sie Remus verfasst hatte. Er wurde unberührt an sie zurückversendet.

Sie reichte dem wütenden Harry das Pergament und bemerkte, dass noch drei weitere Briefe angekommen waren.

„Muss man sich Sorgen machen?“, kam es so ruhig wie möglich von ihr, während Harry den Brief kurz überflog. „Ich habe Remus vor ungefähr einem Monat geschrieben. Und dann kriege ich jetzt sowas zurück. Remus hat mir seit dem Sommer kein einziges Mal zurückgeschrieben. Aber noch nie kam der Brief zurück.“

Harry gab ihr kopfschüttelnd das Pergament zurück. „Er könnte möglicherweise unterwegs sein.“

Ja.

Vielleicht steckte er mitten in einem Auftrag für den Orden und musste unentdeckt bleiben, hatte keine Zeit, hatte bestimmte Sicherheitsvorkehrungen getroffen, musste sich verstecken, hatte keine Lust auf Ruby.

Alles war möglich.

Sie begann, an ihren Lippen zu kauen.

Alles.

Ruby holte tief Luft.

„Oder er ist tot.“



******
Harry sah sie verständnislos an.

„Es war nicht Sirius' Schuld, dass er in diesem Haus eingesperrt werden musste. Ich wäre auch frustriert, wenn ich in dieser Situation stecken würde. Du hast Sirius sogar dazu geraten, rauszugehen. Wie kannst du also jetzt sagen, dass es besser gewesen wäre, wenn er zufrieden zu Hause geblieben wäre?“

„Das sage ich nicht“, widersprach sie ihm ruhig. „Es wäre aber besser gewesen, wenn er sich von Anfang an für eine Seite entschieden hätte, oder? Wir saßen manchmal absolut ratlos vor dem Kaminfeuer und haben uns lauter Sachen gefragt wie 'Hätte er?', 'Würde er?', 'Sollte er?', 'Hatte er?'. Wenn ich irgendwann meine eigenen Kinder habe, werde ich sie niemals so im Dunkeln zappeln lassen.“
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