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Light of my Life

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
10.11.2018
10.11.2018
14
58.493
4
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Anmerkungen:

1. Diese Geschichte spielt vor einem historischen Hintergrund im 17. Jahrhundert in England, aber sie ist nicht so politisch, wie es vielleicht den Anschein hat. Trotzdem haben die historischen Ereignisse Auswirkungen auf das Handeln der Charaktere und die Figur des Harold Aird ist beispielsweise an eine reale Person angelehnt.

2. Bei der Geschichte handelt es sich um eine AU Fanfiction, weshalb die meisten Figuren an die Charaktere aus dem Roman „Carol“ (bzw. „The Price of Salt“) von Patricia Highsmith angelehnt sind. Allerdings ist es nicht notwendig, das Buch vorher gelesen zu haben bzw. die Verfilmung (2015) gesehen zu haben. Es steht jeder/jedem frei, die eigene Phantasie spielen zu lassen, aber wer eine Anregung für die Figuren möchte, kann sich gern Cate Blanchett als Carolyn, Rooney Mara als Therese, sowie Sarah Paulson als Abigail und Kyle Chandler als Harold Aird vorstellen :).

3. Diese Geschichte ist selbstverständlich nur zum Vergnügen geschrieben und alle Rechte an den Figuren liegen beim Diogenes Verlag bzw. bei den Produktionsfirmen Number 9 Films, Film 4, Killer Films, StudioCanal und The Weinstein Company.

4. Schon jetzt ein dickes Dankeschön für alle, die sich die Zeit nehmen, in „Light of my Life“ mal reinzulesen!


Kapitel 1

Im Jahr 1640, zwei Jahre vor dem Ausbruch der englischen Revolution, ist das Leben in England von politischen Unruhen geprägt. Charles I. regiert seit mehr als zehn Jahren lang ohne ein Parlament, sehr zum Missfallen der Bevölkerung. Aber nach den Aufständen in Schottland braucht er Geld und hofft, dieses durch die strategische Wiedereinsetzung eines Parlaments zu bekommen. Die Abgeordneten wiederum hoffen, nun ein Mittel zu haben, um den König zu verschiedenen Zugeständnissen wie z.B. Steuersenkungen bewegen zu können. Unter den Politikern, die am 13. April 1640 ins House of Lords gewählt werden sollen, ist auch Harold Aird, Earl of Essex, der den politischen Entscheidungen des Königs äußerst kritisch gegenübersteht.


London, 16. Februar 1640

Der Himmel über London war grauverhangen, als eine schmale Gestalt vor den Toren des Essex Houses vom Wagen sprang. Ihr schwarzer Mantel und die dunkle Hose mit den schwarzen Stiefeln setzten sich kaum ab vom einheitlichen Grau des Himmels, aber standen im starken Kontrast zu den hellen Mauern des riesigen Anwesens. Zum ersten Mal seit über zwei Wochen waren die Temperaturen über den Gefrierpunkt gestiegen und in der Luft lag der Duft von Gras und feuchtem Laub. Auf den Dächern der Häuser befand sich noch Schnee, und Therese Belivet machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, als ihr das Tauwasser auf den Fenstersimsen von oben auf den Hut tropfte.

Seufzend nahm sie den Hut von ihrem Kopf und wischte die Nässe vom schwarzen Leder, bevor ihr dunkles Haar wieder unter der Kopfbedeckung verschwand. Der Earl von Essex war über die Landesgrenzen hinaus für seine strenge Etikette bekannt und Therese wollte ihm auf keinen Fall in feuchter Kleidung begegnen.

In seinen Ausmaßen erinnerte Therese das Gebäude eher an eine Burg oder ein Schloss, und sie presste nervös das Ölgemälde unter ihrem Arm fester an sich, als ein Diener sie am Eingang in Empfang nahm. Der junge Mann führte sie durch ein Gewirr verschiedener Flügeltüren, sodass Therese schon nach kurzer Zeit hoffnungslos die Orientierung verloren hatte. In London wurde gemunkelt, das Anwesen des Earls verfüge über mehr als 42 Wohn- und Schlafräume, zudem waren die Räume äußerst geschmackvoll und teuer eingerichtet. Das Schmuckstück des Hauses war zweifellos die prachtvolle Bildergalerie, in die der Diener Therese schließlich führte.

„Der Earl ist noch beschäftigt, Mr. Belivet“, erklärte der Diener und ließ Therese nach einer Verbeugung allein. Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, trat Therese neugierig näher an die Gemälde, die an allen vier Wänden hingen. Alles, was in Europa Rang und Namen hatte, ob tot oder lebendig, war in diesem Saal versammelt. Bei vielen der Bilder konnte Therese deren Schöpfer an ihrem Handwerk erkennen, ohne auf die Signatur schauen zu müssen.

Sie war überrascht, mit wie viel Liebe zum Detail die Bildergalerie ausgestattet war. Die Gemälde hingen zum Teil über- und untereinander, und die dunklen Eichenmöbel im Raum waren so arrangiert, dass sie den Charakter der Bilder noch unterstrichen. Vielleicht hatte Therese dem Earl Unrecht getan, als sie mit innerem Widerwillen auf seine Anfrage eingegangen war.

Zwar hatte Harold Aird den Ruf, ein arroganter Stratege zu sein, den außer Politik wenig interessierte, aber Therese hatte in den letzten Jahren gelernt, sich lieber selbst ein Bild von den Menschen zu machen, bevor sie über sie urteilte. So manch gefürchteter Herrscher entpuppte sich beim Porträtmalen als frommes Lamm, während andere geschätzte Staatsmänner in den eigenen Räumen herrschten wie ein Tyrann.

Therese fuhr herum, als sich hinter ihr die Tür öffnete und der junge Diener wieder hereintrat. „Der Earl lässt nun bitten, mein Herr“, sagte er kurzangebunden und deutete mit einer Geste an, dass sie ihm zu folgen hatte. In der einen Hand ihr Ölgemälde, in der anderen ihren Hut, folgte sie dem Mann erneut durch eine Reihe von Zimmern, bis er schließlich in einem Raum voller Bücher stehenblieb, in dessen Mitte ein großer Schreibtisch stand. „Der Earl bittet Sie, hier auf ihn zu warten“, informierte sie der Diener und blieb neben der Tür stehen, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Seiner Miene nach zu urteilen, hatte sie sich auf eine längere Wartezeit einzustellen und Therese lehnte das in ein Leinentuch gewickelte Ölgemälde sorgsam an den Schreibtisch. Während sie nervös auf das Erscheinen von Harold Aird wartete, spürte sie mit jeder Minute mehr die Erschöpfung in ihren Gliedern. Sie hatte wenig geschlafen in den letzten Nächten – zu groß war ihre Sorge um ihre kranke Schwester Beth und zu wichtig der Auftrag des Earls von Essex.

Der große Schreibtisch ließ darauf schließen, dass es sich bei dem Raum um das Arbeitszimmer des Earls handelte. Rechts und links auf dem Tisch stapelten sich hunderte von Papieren, die offenbar noch zu lesen oder zu unterzeichnen waren. Selbst auf den gepolsterten Stühlen setzten sich die Papierstapel fort. Die voluminösen Bücherregale, die den Raum einrahmten, schienen hingegen auf das Penibelste geordnet. Auch wenn ihm sein arroganter Ruf vorauseilte, schien Harold Aird ein Mann zu sein, der sich nicht nur einer adeligen Herkunft erfreute, sondern offenbar auch hart arbeitete.

Irgendwo im Haus spielte jemand Cembalo. Eine schöne, traurige Melodie, die sich sofort in Thereses Herz schlich. Ganz still lauschte sie den Klängen und beschloss, dass dieses Haus unmöglich ohne Seele sein konnte.

Die melancholische Melodie erinnerte Therese an warme Sommernächte, wenn sie mit ihren Schwestern am Feuer gesessen hatte und sie gemeinsam von einem besseren Leben geträumt hatten. Plötzlich hörte das Spiel auf und wenig später hörte Therese Stimmen hinter der Flügeltür. Dann flog die Tür auf und ein hochgewachsener Mann in einem goldblau-gestreiften Wams trat herein. Sein dunkles Haar war recht kurz geschnitten und endete noch vor seinem weißen Kragen. „Ah, der bestellte Besuch“, rief er, als erinnerte er sich erst jetzt, dass er einen Porträtmaler zu sich bestellt hatte. „Theodore Belivet, wenn ich nicht irre?“ Er winkte sie zu sich heran. „Treten Sie doch näher.“

„My Lord.“ Therese machte eine tiefe Verbeugung, bevor sie zum Schreibtisch trat. „Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen?“

„Nein, nein.“ Der Earl schüttelte zerstreut den Kopf. „Es wird Zeit, dass diese Angelegenheit endlich über die Bühne kommt.“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Dieners. „Ich brauche die Bilder, Oliver.“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da war der Diener schon im angrenzenden Raum verschwunden, wo er kurz darauf mit diversen Gemälden wieder herauskam.

„Ich habe Sie mir größer vorgestellt, Mr. Belivet“, kommentierte der Earl mit leichtem Spott. „Und vor allen Dingen älter.“ Er nahm seinem Diener die Gemälde ab und breitete sie auf dem Schreibtisch aus. „Aber was soll’s. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus.“ Er nahm ein Tuch und wischte ein paar Staubkörner von den Gemälden. „Wie ich höre, haben Sie Ihr Handwerk in den Niederlanden gelernt?“

„Ja, bei Pieter van Goyen“, antwortete Therese knapp. Es war ihr schon immer unangenehm gewesen, etwas über sich zu erzählen, aber ganz vermeiden ließ es sich nicht, wenn sie einen Auftrag bekommen wollte.

„Genau deshalb habe ich Sie kommen lassen“, nickte der Earl zufrieden. „Niemand versteht so viel vom Licht wie die Niederländer. “ Mit einer Geste befahl er ihr, sich neben ihn zu stellen. „Sehen Sie sich das an, Mr. Belivet.“ Er wies auf die Porträts. „Ich habe die besten Maler Englands kommen lassen, um meine Gemahlin zu porträtieren und kein einziger war in der Lage, sie einzufangen.“ Er schnaubte verächtlich.  „So etwas verdient den Namen Porträt nicht.“

Therese folgte der Aufforderung des Earls und beugte sich näher über die Bilder. Sie sah eine schlanke, blonde Frau, vielleicht etwas über dreißig Jahre alt, mit strahlend blauen Augen, die gelangweilt in Richtung des Betrachters schauten. Sie trug ein cremefarbenes Kleid mit weißem Spitzenkragen und wirkte ausgesprochen schön. Bei näherem Hinsehen erinnerte sie Therese ein wenig an die junge Queen Elizabeth. Soweit Therese es beurteilen konnte, waren die Porträts handwerklich ausgezeichnet gemacht und sie konnte beim besten Willen nicht sehen, was dem Earl so an den Bildern missfiel. Der fehlende Esprit vielleicht? Oder die etwas leblose Gestaltung der Schatten?

„Wie es scheint, hat unser Land auf diesem Gebiet der Kunst nicht viel zu bieten.“ Der Earl seufzte mit einer Mischung aus Ärger und Resignation. „Deshalb habe ich Sie rufen lassen, Mr. Belivet.“

Therese schluckte nervös. Ihr war bewusst, dass sie keine einzige Münze erhalten würde, wenn der Earl mit ihrem Werk nicht zufrieden war. „Ich werde mein Bestes versuchen, my Lord“, sagte sie höflich. „Allerdings würde es sehr helfen, wenn Ihr mir sagtet, was Euch bei dem Porträt wichtig ist.“

Der Earl lachte, als ob es keinerlei Erklärung bedürfte. „Bilden Sie die Schönheit der Countess ab“, sagte er kurzangebunden. „Dann bin ich zufrieden.“

„Wahre Schönheit ist schwierig abzubilden, my Lord“, erwiderte Therese lächelnd. „Sie kommt genauso von innen wie von außen.“

„Das mag sein, aber von einem Maler erwarte ich, dass er beides sichtbar zu machen vermag.“ Der Earl wies den Diener Oliver an, die Bilder wieder zu entfernen. „Ist das eines Ihrer Gemälde?“ Er zeigte auf das Bild, das sie an den Schreibtisch gelehnt hatte.

„Ja, my Lord. Allerdings ist es kein Porträt.“ Therese befreite das Gemälde von seinem Leinentuch und reichte es dem Earl.

Harold Aird betrachtete das Bild mit gerunzelter Stirn. „Eine Schale mit ein paar Früchten? Und eine Fliege auf einem Pfirsich? Was soll das sein?“

„Es nennt sich Stillleben, my Lord. Solche Bilder sind gerade sehr modern in den Niederlanden. Dieses hier symbolisiert die Licht- und die Schattenseiten des Lebens.“

Therese hielt den Atem an, als der Earl sich näher zu dem Gemälde neigte. Wenn er es sich doch anders überlegte, würde sie die Medikamente für Schwester Beth nicht bezahlen können. „Du bist unsere letzte Hoffnung“, hatte ihre Mutter zu ihr gesagt, als sie Therese zu sich nach Sudbury gerufen hatte. „Wir können das Geld für die Arzneien unmöglich aufbringen.“

Beth war noch nicht einmal ein Jahr alt gewesen, als Therese in die Niederlande ausgewandert war. Es war eine schwere Zeit gewesen damals, als sie von ihren Eltern und ihren Geschwistern Abschied nehmen musste. Aber ihre Eltern waren zu arm, um alle fünf Töchter ernähren zu können. Die Weberei des Vaters warf immer weniger ab, und an Thereses 15. Geburtstag eröffneten die Eltern ihr, dass der Vater ihr eine Anstellung bei einem Hofmaler in Utrecht besorgt hatte.

„Ich kenne keinen Menschen, der so gern malt wie du“, hatte Mr. Belivet zu seiner Tochter gesagt. „Ein Kollege von mir liefert Seide an einen Hof in Utrecht. Dort arbeitet ein bekannter Porträtmaler, dem du assistieren darfst.“

„Endlich kannst du dich Tag für Tag mit Bildern umgeben“, hatte ihre Mutter hinzugefügt, als könnten die Worte über die Tränen in ihren Augen hinwegtäuschen. „Du wirst lernen, wie man Farbe anmischt, Therese, und wie man Grundierungen fertigt. Und du darfst dem Künstler jeden Tag über die Schulter schauen.“

„Aaaber….“, hatte Therese gestottert. „Wie soll das möglich sein…?“

„Es ist deshalb möglich…“ Ihr Vater erriet sofort ihre Gedanken. „weil ich meinem Kollegen gesagt habe, ich hätte einen Sohn, der auf dem Gebiet der Malerei sehr begabt sei.“ Er wagte es nicht, Therese anzuschauen und sah stattdessen betreten auf seine Schuhe. „Es tut mir leid, Therese. Es ist der einzige Weg, den wir gefunden haben. Aber mach dir keine Sorgen. Du wirst an dem Hof gut versorgt werden.“

Zwei Wochen später war Therese als Theodore Belivet in die Niederlande ausgewandert, wo sie vier Jahre lang an einem Hof für den Maler Pieter van Goyen arbeitete. Der Hofmaler erkannte schnell das Talent seines jungen Angestellten und förderte ihn, wo er nur konnte. Schon nach drei Jahren durfte Therese selbst Auftragsporträts fertigen und verließ schließlich den Hof, in der Hoffnung, von ihren Bildern leben zu können. Dank der guten Kontakte von Herrn van Goyen erhielt sie Aufträge in Spanien, Frankreich, Preußen und England, und obwohl man vom Porträtmalen nicht reich werden konnte, dauerte es nicht lange, bis sie genug Geld hatte, um regelmäßig kleine Summen an ihre Familie zu schicken.

Obwohl sie nie aufgehört hatte, ihre Heimat zu vermissen, fand Therese Gefallen an ihrem neuen Leben. Ihre Arbeit brachte es mit sich, dass sie viel reisen musste, und auf diese Weise sah sie viel von der Welt. Da sie von Natur aus ein neugieriger, interessierter Mensch war, sog sie die Eigenarten anderer Kulturen förmlich in sich auf und freute sich immer über neue Erfahrungen. Als Mann musste sie keine Übergriffe und Zudringlichkeiten fürchten, was das Reisen weitaus weniger beschwerlich machte.

Es war erstaunlich, wie sehr die Wahl der Kleidung Menschen täuschen konnte. In all den Jahren hatte noch keine einzige Person je ihre Identität angezweifelt. Ein paar Schnüre um den Brustkorb, eine bewusst tiefere Stimme und die Kleidung eines ehrhaften Mannes reichten offenbar aus, um alle Welt von der Echtheit Theodore Belivets zu überzeugen.

Dennoch führte Therese kein einfaches Leben. Nie konnte sie sein, wer sie wirklich war, und immer musste sie Menschen etwas vormachen. Durch das Reisen kam sie nie zur Ruhe, sie zog von Ort zu Ort, war nirgends zu Hause, und manchmal kam es ihr vor, als sei sie immer auf der Suche nach etwas, ohne sagen zu können, was es war. Die Malerei tröstete sie über Vieles hinweg, was ihr Leben vermissen ließ, und vor allen Dingen konnte Therese durch sie ihrer Familie die nötige finanzielle Unterstützung geben.

Erst der plötzliche Tod ihres Vaters vor vier Jahren hatte Therese wieder nach Sudbury zurückgeführt. Plötzlich musste die Mutter die Weberei ihres Mannes allein übernehmen, doch die Zunft drohte, ihr den Betrieb wegzunehmen, wenn Mrs. Belivet nicht die notwendige Ausbildung machte. Also musste Thereses Mutter ihre Ausbildung nachholen, während sie gleichzeitig Tag und Nacht weiter als Weberin arbeitete, um das Geld für die Familie zu verdienen. In dieser Zeit hatte Therese tagsüber die Betreuung ihrer Geschwister übernommen und nachts weiter an ihren Porträts gearbeitet. Es war eine schwere Zeit für alle Beteiligten gewesen, und die ganze Familie war überglücklich, als die Mutter endlich ihr Zertifikat als Weberin in den Händen gehalten hatte.

Als Therese ihr Zuhause wieder verließ, waren ihre Schwestern Eda und Martha zwölf und dreizehn Jahre alt und konnten ihre Mutter in der Weberei unterstützen, während die 16-jährige Meggy eine Anstellung als Magd gefunden hatte. Ein paar Jahre lang lief alles gut, bis Therese die Nachricht erhalten hatte, dass Beth an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war. Therese hatte ihrer Mutter sofort Geld geschickt, damit sie den Arzt bezahlen konnte. Die Arznei, die er verschrieb, war jedoch schnell aufgebraucht und Beths Fieber war noch immer nicht gesunken.  

Die Mutter hatte Therese dringend gebeten, so schnell wie möglich eine Auftragsarbeit anzunehmen, und als die Anfrage vom Earl von Essex gekommen war, hatte Therese diese sofort angenommen, obwohl sie sich eigentlich lieber für ein Angebot in Bayern entschieden hätte, das sie zur selben Zeit erreicht hatte. Doch die Zeit drängte und der Earl würde wesentlich besser zahlen. Deshalb hoffte Therese inständig, dass sie für diesen Auftrag genug Geld bekommen würde, um die Arznei für Beth besorgen zu können.

Das vernehmliche Räuspern des Earls brachte Therese wieder in die Gegenwart zurück. „Nicht uninteressant“, murmelte er und rollte seine Schultern. „Vielleicht bringen Sie ein bisschen frischen Wind in die Sache, Mr. Belivet. Ich werde es noch einmal auf einen Versuch ankommen lassen.“

„Vielen Dank, my Lord.“ Therese versuchte, sich ihre Erleichterung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. „Welches Material soll ich verwenden?“

„Öl auf Leinwand.“ Harold Aird drückte Therese ihr Stillleben in die Hand. „Und ich möchte, dass Sie noch heute anfangen.“

Heute? Therese hätte fast ihr Bild fallen lassen. Wie stellte der Earl sich das vor? Sie hatte ja nicht einmal ihre Farben dabei.

„Ich werde veranlassen, dass Ihr Werkzeug hierher gebracht wird.“ Den Earl interessierte ihre Überraschung offenbar wenig. „Das Gemälde muss fertig sein, wenn die zukünftigen Abgeordneten des Parlaments sich hier treffen.“

Welches Parlament? Therese verstand nicht viel von Politik, aber jeder wusste, dass der König seit über zehn Jahren ohne Parlament regierte. Tyrannei, hatte ihre Mutter das noch letzte Woche beim Abendessen genannt.

„Sie haben richtig gehört, Mr. Belivet.“ Der Earl amüsierte sich über Thereses Unwissenheit. „Charles hat kein Geld mehr und nun will er ein Parlament einberufen, um über diesen Weg welches zu bekommen. Eine Woche vor der Gründung werden sich alle Beteiligten des zukünftigen House of Lords hier treffen, damit wir uns vorbereiten können. So leicht kommt der König uns nicht davon. Er ist ein starrsinniger Egoist, der das Land in den Ruin treiben wird, wenn wir dem nicht Einhalt gebieten.“ Der Earl warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Wahrscheinlich interessiert Sie das alles nicht im Geringsten, aber ich sage es Ihnen, damit Ihnen bewusst ist, dass sich hier in ein paar Wochen die Elite Englands versammeln wird. Und bis dahin muss das Porträt fertig sein, also strengen Sie sich an.“

Therese ärgerte die Arroganz des Earls, aber sie war zu gut erzogen, um ihm die Antwort zu geben, die er verdient hätte. „Wann wird die Zusammenkunft sein, my Lord?“, fragte sie stattdessen.

„Am 6. April.“ Der Earl kramte auf seinem überfüllten Schreibtisch nach einem Dokument, gab aber auf, als er es nicht fand. „Und ich erwarte, dass das Porträt bis dahin hängt.“

Therese wurde blass. „Das ist nicht viel Zeit. Das Bild wird zu dem Zeitpunkt noch nicht trocken sein, my Lord.“

„Das interessiert mich nicht, so lange es nur fertig ist. Dann sind Sie bei dem Transport eben vorsichtig“, sagte der Earl ungeduldig. „Und nun sagen Sie dem Personal, wo Ihr Werkzeug abzuholen ist. Auf diese Weise verschwenden wir keine Zeit und meine Gemahlin hört endlich mit ihrem nervtötenden Cembalo-Spiel auf.“
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