Auf Papier geborene Kinder

DrabbleFantasy / P16
OC (Own Character)
09.11.2018
09.11.2018
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1904
 
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Kriemhild hätte nie von sich behauptet, als Held geboren worden zu sein. Tochter einfacher Händler, Schwester, Kriegerin.
Ihr Leben hätte in hunderte Richtungen gehen können, doch der Moment, in dem sie eine Axt und ein Schild das erste Mal in den damals noch jungen Händen gehalten hatte, hatte alles verändert. Sie hatte nicht geplant, in ihren reisenden Gefährten eine zweite Familie zu finden. Sie hatte nicht geplant, eine Legende unter vielen zu sein.
Noch heute sprechen die Bewohner ihrer Heimatstadt – ja ihres Heimatlandes – über sie voller Stolz. Die Thorwalerin, die Feuergeküsste, die Gebrandtmarkte, die Heldin. Die Kriegerin, die dem Tod nur knapp entronnen und durch Efferd gerettet worden war. Die junge Frau, die ihr entstelltes Äußeres nicht abgeschreckt hatte. Die durch ihre Wärme und Hilfsbereitschaft eins ums andere Mal ihre Mitmenschen verwundert hatte. Die sich selbst stets als letztes hatte retten wollen, die ihre Freunde mit einer solchen Loyalität geliebt und beschützt hatte, dass ihre Kraft im Kampf und ihre Brutalität meist nicht erwähnt werden.
Kriemhild war sicherlich nicht als Held geboren worden und auch wenn ihre tapferen Taten sie sicherlich zu einem gemacht hätten, so war es am Ende ihr Wesen gewesen, das die Zeit überlebt hatten. Die Schildmaid mit den flammenden Narben, deren warmes Lachen Herzen und Türen geöffnet hatte. Die Thorwalerin, die so voller Mitleid und Gefühl mit anderen umgegangen war. Die Heldin, die im Kampf gegen das Böse gefallen war. Die Freundin, die auf einem Hügel begraben worden war, mit friedlichen Worten und einem Wal auf ihrem Schild und einem Lächeln auf den Lippen. Kaum als Heldin geboren, doch als Heldin gelebt und als Legende gestorben.

Cassajida hatte kaum Worte, um sich selbst zu beschreiben. Gescheitert, gefallen, siegreich, verloren. Jung hatte in ihr ein Feuer gelodert, die Wut gebrodelt. Verlassen, gehärtet, gefürchtet, verachtet. Mit den Jahren hatte sie ihren Hass geschürt, ihn gegen Unschuldige und Fremde gerichtet, sich an ihm gewärmt und genährt, wenn die Welt um sie herum zu zerbrechen schien. Das Ziel nie aus den Augen verlierend, hatte sie vergessen, was der Grund ihrer Reise war. Betrauert, stolz, wütend, rachsüchtig. Die Hexe hatte den Überblick verloren, wie viele Menschen sie niedergestreckt hatte, um eine Fantasie zu erfüllen, dessen tatsächliche Erfüllung enttäuschend gewesen war. Als jeder Gegner gefallen, jede Rache verübt worden war, war nur Stille und Schuld geblieben. Nur Hass und mehr Wut, ungerichtet und ziellos und sinnlos. Als hätte sie mit den Jahren verlernt, was es bedeutete, zu leben. Zu atmen, ohne zu fluchen. Zu lieben, ohne es zu bereuen und zu hoffen, ohne dafür zu bluten. Ihr Leben war zum Kampf geworden und als es keine Front mehr gab, hatte sie sich eine gesucht.
So war sie hier in diesem Wald geendet, als stumme Herrscherin über Getier und Bäume. Als Königin mit einer Krone aus Holz und Knochen, als brodelnde Beschützerin der Hexen und des Ortes und der Magie. Als Ankläger, Richter und Henker von jenen Seelen, die sich in den Wald verirrten oder gar ihren Untergang suchten.
Leer, kalt, herrisch, bemitleidet. Cassajida hatte mit den Jahren aufgehört, zu versuchen, das Blut von ihren Händen zu waschen. Sie trug es voller falschem Stolz, als Mahnmal der Rachsucht.
Das Blut von Unschuldigen und Schuldigen hatte sich gemischt. Von Ruchlosen und Hilfsbereiten. Von Freund und Feind. Die blasse Königin über ein fruchtloses Land. Eine lebendige Schreckensgeschichte. Selbst empor gestiegen zur schaurigen Legende. Leer, allein, allein, so allein.

Leyaris war zu bescheiden gewesen, um sich eines Titels zu bereichern. Als treue Dienerin und Gefährtin Ifirns waren ihr Taten stets wichtiger gewesen als Worte. Das warme Lächeln einer Dorfbewohnerin oder die scheue Umarmung eines Kindes hatten ihr mehr bedeutet, als Ruhm und Reichtum oder die Aussicht auf Anerkennung und ihren Namen in aller Munde.
Vielleicht lag es an ihrem Unverständnis für materielle Schätze. Vielleicht war es ihr Glauben oder ihr elfische Herkunft, die in all ihren Gegensätzen doch diese Gemeinsamkeit teilten.
Mehr tot als lebendig, blau vor Kälte mit tauben Gliedmaßen hatte sie vor dem einzigem Bau gestanden, der zur späten Stund noch spärlich erleuchtet gewesen war. Noch immer war sie sich nicht gänzlich sicher, wie genau sie in die Stadt gefunden hatte. Im tiefsten Norden Aventuriens war Einsamkeit ein Todesurteil, selbst für Firnelfen. Doch zwischen den Schneeflocken hatte sie immer wieder unsichtbare Wege gefunden und hatte scheinbar ziellos ihr Ziel gefunden. In späteren Jahren waren die Geweihten des Tempels sich einig, dass die Mittlerin persönlich dem Kind erschienen sei und sie zur Sicherheit geführt hatte.
Leyaris selber hatte derlei Vermutung stets beschmunzelt. Zu bescheiden um derlei Spekulationen über die eigene Person Glauben zu schenken, hatte sie stattdessen ihr Leben einer Göttin und ihren Anhängern gewidmet und beinah all ihre Facetten mühelos verkörpert. Doch auch wenn die Firnelfe  eine geübte Jägerin und tödlich mit Pfeil und Bogen war, suchte sie stets einen gewaltlosen Weg, kümmerte sich lieber um Verletzte und Verstörte, statt um die Feinde an der Front. Suchte Versöhnung und Güte, dort wo andere Hass und Zerstörung sahen. Bot Hilfe und Freundschaft, wo die Mehrheit beschämt wegsah. Leyaris gab und gab und gab, bis sie nichts mehr zu geben hatte. Bis das Geben sie des Nachts in den Wald führte, auf der Suche nach verlorenen Seelen. Sie gab und gab und gab, bis sie den feindlichen Pfeilen nichts mehr entgegen zu setzen hatte.
Sie gab und gab und gab, sodass ihr Name zwar nicht in den Büchern der Orden zu finden sein wird, dafür aber in warmer Erinnerung in den Gedanken all jener, deren Leben sie berührt hatte.

Helga wurde stets als Kind bezeichnet, selbst von Gleichaltrigen. Vermutlich sogar zurecht. Zu neugierig, zu impulsiv, zu genussfreudig und gierig nach der Anerkennung selbst ernannter Helden und Vorbilder. Um zu imponieren und die Kleinkriminellen Ferdoks zu beeindrucken, trank sie, rauchte sie, stahl und tötete sie; solange bis all dies ebenso zu ihrer Persönlichkeit gehörte, wie ihr Fröhlichkeit und Sorglosigkeit. Solange bis sie selbst keinerlei Problem mehr mit ihrer Lebensweise sah. Es war das, was sie kannte und das worin sie gut war. Und für Jahre suchte sie sich bei Dieben und Mördern Anerkennung. Und sicher gab es Vorteile, die sie sich erspielte. An Geld und Kumpanen mangelte es ihr selten. Langeweile kam kaum auf. Und ihre Fähigkeiten waren in Fuhrmannsheim gefragt. Obwohl sie stets vor Wachen und Verantwortung davonlief, hatte die Halbelfin ihren Spaß am Leben und sah sich in der Zukunft kaum verändert.
Ihr Selbstbild als Heldin der Gassen bekam zarte Risse, als man ihre Entscheidungen in Frage stellte und versuchte, ihr einen moralischen Kompass in Form eines alten Freundes aufzuerlegen. Sichtweisen und Einstellungen trafen auf einander, fanden selten Kompromisse und oftmals war es Helga, die am Ende als Bösewicht dargestellt wurde. Und vermutlich war auch dies zurecht geschehen.
Doch ihr Fokus veränderte sich. Statt ihrem diebischen Ziehvater, wurde der altbekannte, neu gefundene Freund zum Dreh und Angelpunkt ihrer Handlungen. Unbewusst hatte sie das unfassbare Bedürfnis, Thorm zu beeindrucken. Vielleicht lag es daran, dass er sie für das mochte, was sie als Kind gewesen war und nicht für ihre Fähigkeiten. Vielleicht lag es an dem sanften Ausdruck in seinen Augen, an dem Blick, der ihr gleichermaßen den Boden unter den Füßen wegzog und sie an Ort und Stelle hielt. Seit Jahren war der Geweihte, der sie mit einer gewissen Zuversicht betrachtete. Für ihn war sie nicht die nützliche Diebin oder die lustige Trinkgefährtin. Die Kartenspielerin, die durch heimtückische Tricks Männern das Geld aus den Taschen zog. Die Schwertkämpferin, die im Notfall Stadtwachen ablenken oder aber sich herausreden konnte. Für ihn blieb sie Helga. Das Mädchen von nebenan. Die Frohnatur mit dem breiten Lächeln, das eine Zahnlücke entblößte. Die Spielkameradin, die zwar den Großteil ihrer Kindheit in der Gosse verbrachte, aber nie verbittert war. Zwar bemerkte sie nie die Blicke, die ein wenig zu lang auf ihr lagen oder die Sehnsucht, die man in seiner Stimme vernahm. Doch das musste sie auch nicht. Thorm half ihr zu wachsen, ohne dies mit jugendlicher idealistischer Romantik zu belasten.
Helga hatte das Talent alles um sich herum ein wenig leichter erscheinen zu lassen, auch wenn sie sich stets in Schwierigkeiten brachte, denn kaum einer verkörperte das Leben mit all seinen Schwächen so gut für sie. Trinklust, Spielsucht, Verschwendung und Schulden. Flucht vor Autoritäten und den eigenen Fehlern.
Am Ende wünschte sie sich diese Probleme zurück. Sie wünschte sich das belehrende Wort Thorms oder das stille Einverständnis Warnerts. Sie wünschte sich zurück an den Anfang, als sie noch ein Kind gewesen war. Und nicht eine ziellos umherwandernde Kämpferin auf halsbrecherischer Mission.

Ilais war stets eine Enttäuschung gewesen. Halb Ork halb Mensch, halb Biest halb Frau. Zwischen zwei Welten gedrängt, die sie beide voll Abscheu verstoßen wollten. In einer Realität aufgewachsen, in der sie nie genug gewesen war. Doch Ilais versuchte es stets. Diejenige, die stets einen Kampf suchte, sich stets beweisen wollte. Brandzeichen auf ihrer Haut, um fremde Götter zu verehren, selbst zugefügte Narben, um ihre Tapferkeit im Kampf zu bewahren und zur Schau zu stellen, wie stark sie doch war. Schmuck in die Haare geflochten, um ihren erklauten Reichtum zu präsentieren. Voller Krampf versuchte sie verzweifelt, Orks zu beeindrucken, für die ihre reine Existenz bereits Schande genug war. Ihr Geschlecht war eine Schwäche, ihr Blut ein Blut. Nie würde sie so gut, wie ein vollblütiger Ork sein. Nie so mächtig wie ein Mann, nie so stark wie ein Stammeskrieger und nie ein vollwertiges Mitglied.
Niemand behandelte sie mit Respekt oder gar Freundschaft, selbst als die damals Jugendliche an den Haaren durch das Lager gezerrt wurde und ihre Zunge ihr herausgeschnitten wurde, erhob niemand das Wort. Eine Woge der Erleichterung ging stattdessen durch die Männer, denn nun würde sie zumindest nicht mehr mit Worten die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. Auch nach dieser Schmach, nach dieser Gewalt brauchte Ilais drei weitere Jahre, um Reißaus zu nehmen. Drei lange Jahre tat sie alles in ihrer Macht stehende, um Vater und Clan zu beeindrucken.
Der winzige Hoffnungskeim, dass es bei den Menschen anders sein würde, war rasch zerstampft worden. Statt sie zu ignorieren, fürchtete man sie nun. Ihre graue Haut, ihr Gebiss, ihre Wildheit kapselte sie von der Menge ab. Und für jene, die ihr nicht die Tür vor der Nase zuschlugen, war sie selten mehr als ein barbarisches Biest. Ein Hammer aus Fleisch und Blut, den man anheuern konnte, um seine Feinde niederzustrecken oder aber das eigene Leben zu schützen.
Ilais musste sich geschlagen geben, jemals mehr zu sein, als ein Außenseiter, der immer wegen anderen Gründen auffiel und verstoßen wurde.
So konnte sie nicht davon träumen, ein Held oder eine Legende zu sein. Nichts lag ihr ferner. Erst spät in ihrem Leben akzeptierte sie, dass sie zwar anderen Furcht einflößte und sich ihren Weg mit Blut und Schmerz erkämpfen musste, doch Freundschaft ihr dabei half und sie sich nicht mehr solche Sorgen machen musste. Es dauerte lange, bis die Wortlose so etwas wie Freundschaft schloss. Und dann geschah es ganz plötzlich und alles auf einmal und ihr einziges Ziel in der Welt war es, diese schwächlichen Menschen zu beschützen. Diese Reisenden, die nie zu wissen schienen, auf was sie sich einließen. Die mit ihr kein Wort wechseln konnten, aber zurückgekehrt waren und seit diesem Moment hätte sie ihr Leben für die anderen gelassen, auch wenn dies damals noch niemandem bewusst gewesen war.
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