The Other Twin

von Koyangi
GeschichteHumor, Romanze / P16
08.11.2018
21.02.2019
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“Conceit spoils the finest genius.”
Louisa May Alcott - Little Women



Ich habe nie viel von Kunst verstanden. Aber ich verstehe den Reiz darin, sich hübsche Ölmalereien mit malerischen Szenen der Neuzeit anzusehen. Ich bin sogar empfänglich für abstrakte Kunst, wenn es so aussieht, als hätte der Künstler, der das Bild gemalt hat, Talent. Wenn ich mich hier umsehe, ist das, was Armie Attenborough meiner Meinung nach hat, einen an der Klatsche. Ich dachte schon, dass die braun-violette Kaffee-Schmiererei das Highlight sei, aber die Ausstellung beschränkt sich offenbar nicht nur auf dreckige Leinwände, sondern zeigt auch… dreidimensionale ‚Kunst‘. Wenn die anderen Gäste hier wüssten, was ich darüber denke, würden sie mir bestimmt das Gehirn mit Seife auswaschen. Und wenn ich höre, wie viel eins der Bilder kostet, würde ich ihnen gerne die Augen mit Seife auswaschen.

Brent hat sich vor fünf Minuten entschuldigt, um seine Eltern zu suchen. Seitdem laufe ich verloren allein von Bild zu Bild. Die Ausstellung erstreckt sich über den gesamten ersten Stock, eine riesige Halle mit hohen, weißen Wänden, die durch in den Raum gezogene Wände mit Durchgängen in einzelne Themenbereiche zergliedert wird. Irgendwo führt noch eine Treppe auf die halboffene Terrasse mit weiteren Werken und einem Buffet – zusätzlich zu den Kellnern, die überall mit Tabletts herumlaufen, Sekt und Appetithappen verteilen und sonst nur hübsch anzusehen sind.

Im Hintergrund läuft leise Musik, die mich an einen Jazz-Club erinnert, und um mich herum murmeln die anderen Gäste leise. Ich bin bisher die einzige Frau hier, die eine Hose trägt, aber ich senke zusammen mit Brent auch den Altersdurchschnitt um mindestens zwanzig Jahre.

Ich stehe vor einer in den Raum gezogenen Wand mit Ecke und lege den Kopf schief, während ich den Text an der Wand lese. In der Ecke der Wand auf dem Boden liegt ein rot angemalter Haufen… Pappmaché, der aussieht, als würde er aus der Wand laufen wie Marmelade. Die Farbe ist ein unangenehm leuchtendes Rot und der Titel „Blut“ passt in meinen Augen überhaupt nicht zur Farbe und Konsistenz dessen, was es angeblich darstellen soll. Auf dem Pappmaché-Gebilde liegt noch zusätzlich ein brauner Herren-Lederschuh und ich bin unsicher, ob er dazugehört, oder ob sich jemand einen Spaß erlaubt hat und ihn einfach dort platziert hat, um zu sehen, ob es jemand bemerkt. Oder ob es jemand für Kunst hält.

Vielleicht nimmt der Künstler sich auch selbst auf die Schippe. Aber so, wie hier alle über ihn reden, bezweifle ich es.

„Darf ich Ihnen ein Kalbsbriestörtchen anbieten?“

Ich drehe mich um, als einer der Kellner mich direkt anspricht, um mir Baby-Kuh-Gehirn anzubieten, als wäre es ein Lollipop, und sehe in das grinsende Gesicht von Patrick… Patrick, dessen Nachnamen ich immer noch nicht kenne.
Er trägt eine schwarze Hose, ein weißes Hemd, eine schwarze Weste und schwarze Fliege, aber es ist das silberne Tablett in seiner Hand, das ihn als Kellner und nicht etwa als großen Kunstliebhaber entlarvt. Seine schwarzen Locken sind mit Gel oder Wachs aus seinem Gesicht geschmiert und ich muss zugeben, dass der Look funktioniert. Als würde er mit seinen schwarzen Locken nicht schon attraktiv genug aussehen, gibt ihm das hier einen verwegenen James Dean Look.

„Was machst du denn hier?“, frage ich überrascht, obwohl die Antwort offensichtlich ist. Offensichtlich arbeitet er hier als Kellner, Clem! Duh!

„Ich werde dafür bezahlt, mir diese ‚Kunst‘ anzusehen, während du vermutlich ein Vermögen bezahlt hast, das hier sehen zu dürfen… oder müssen“, murmelt er mit einem skeptischen Blick auf den roten Fleck in der Ecke, „Je nachdem, wie man es betrachtet. Und ich biete den Gästen etwas an, was mal im Kopf einer Kuh war.“

Mein Blick fällt auf das Tablett und ich verziehe kurz den Mund. Ich war nie ein Fan von Kalbsbries. Einerseits, weil die Kohlenhydrat-Angaben dazu wirklich schwer zu finden sind. Außerdem… seien wir ehrlich, es ist das Gehirn einer Kuh! Ich esse viele Dinge, aber das muss wirklich nicht sein.

Patrick lehnt sich ein bisschen zu mir herunter und ich atme eine Wehe seines Geruchs ein. Eine Mischung aus Nelken und Waschpulver. „Nimm eins der Törtchen und tu so, als würdest du essen. Mein Manager schaut rüber.“

Ich nehme mir eins der Mürbeteig-Törtchen, die so groß sind wie eine Mandarine, darauf bedacht, das Bries nicht anzufassen, und hebe es mir Richtung Mund, ohne tatsächlich davon abzubeißen. Mein Blick wandert auf der Suche nach einem strengen Gesicht umher, aber ich sehe niemanden, der auch nur in unsere Richtung sieht.

„Dein Manager?“

„Ich arbeite für eine Eventagentur. Wenn jemand für eine Veranstaltung Kellner braucht, sucht er sie sich in einem Katalog aus und bucht sie. Mein Manager ist eingeladen worden, um zu sehen, ob wir unsere Arbeit richtig machen.“

„Jemand hat dich per Katalog gebucht?“

„Ja.“

„Wozu ist das gut?“

Kellner sollen nur das Essen herumtragen und höflich sein. Ist es wirklich so wichtig, wie sie aussehen, dass sie aus einem Katalog mit Bildern handverlesen werden? Patricks Mundwinkel zuckt, aber er behält ein lässiges, freundliches Lächeln auf den Lippen, während er kurz über meine Schulter hinwegsieht.

„Jeder Veranstalter hat andere optische Vorlieben. Nehmen wir diesen Armie…“, er hält inne und sieht sich auf der Suche nach einem Poster oder einer Erwähnung an einer der Wände um, bevor er weiterspricht, „Atta…brough… oder wie er heißt. Schwule Künstler buchen immer die jungen, gutaussehenden Männer.“

Ich sehe ihn eine Sekunde perplex an, bevor ich lache.

„Er ist nicht schwul“, sage ich und runzele dann die Stirn. Oder? Ich habe den schlechtesten Schwulen-Radar aller Zeiten; ich wusste auch nicht, dass meine Mutter lesbisch ist, aber andererseits war ich erst zehn. Da habe ich mir über solche Dinge keine Gedanken gemacht. Ich sehe ein paar Meter weiter einen anderen Kellner laufen, der genauso attraktiv ist wie Patrick, dahinter noch einen… und noch einen. Jetzt, wo er es erwähnt hat, fällt mir auf, dass alle Kellner männlich sind. Und alle lächerlich gutaussehend. Und alle unter dreißig.

„Vielleicht mag er nur… hübsche Männer“, sage ich zweifelnd und sehe in sein Gesicht. Seine hellgrünen Augen sind auf mich gerichtet und ich kann den Teufel darin sehen, „Und du solltest dich selbst nicht als gutaussehend bezeichnen.“

Ich lege das Kalbsbriestörtchen unangebissen zurück auf sein Tablett und greife stattdessen nach etwas, das aussieht wie ein harmloses Stück Gurke auf Hüttenkäse auf einem Stück Pumpernickel. Patrick grinst mich breit an und wackelt mit seinen Augenbrauen.

„Wieso nicht, wenn es stimmt?“

„Niemand mag Angeber.“

„Das ist keine Angeberei, das ist die Wahrheit.“

Er sagt es so direkt, so von sich selbst überzeugt, dass er mich damit zum Lachen bringt. Das ist nicht mal Großspurigkeit, sondern einfach eine Menge – jede Menge – Selbstvertrauen. Ich schiebe mir das Pumpernickel in den Mund. Das ist unverfänglicher als Kalbsbries. „Du bist also oft auf solchen Veranstaltungen?“, frage ich. Er bewegt sich mit dem Tablett in der Hand zumindest im Raum, als hätte er es schon ein paar Mal gemacht. Und wenn er nicht gerade breit grinst, hat er diesen sanften Schlafzimmerblick aufgesetzt und die perfekte Tonlage, um Leuten solange ins Ohr zu säuseln, bis sie Kalbsbries essen.

„Ja, diese Veranstaltungen werden gut bezahlt. Und das Trinkgeld ist auch nicht schlecht. Frauen stecken mir Geld und ihre Telefonnummer zu.“

„Ich schätze, nicht die Frauen, deren Telefonnummern du haben willst“, murmele ich amüsiert, denn ich bin vermutlich die einzige Frau hier unter vierzig.

„Also es gibt eine Nummer, zu der ich nicht nein sagen würde“, säuselt er und ich schmunzele, „Und was machst du hier? Bist du ein Freund der hässlichen Kunst? Oder verfolgst du mich etwa?“

„Der Künstler ist ein Freund der Familie meines Freundes“, sage ich, „Mein Freund hatte noch ein Ticket übrig und hat mich mitgenommen. Obwohl ich sagen muss, dass mir weder die Kunst noch das Essen zusagt.“

Aber an die Kellner könnte ich mich gewöhnen. Vielleicht engagiert Carolyn ihn ja zum nächsten Barbecue in Oakley Hall. Andererseits… würde ich ihn da wirklich haben wollen? Dort würden mich vermutlich alle Gäste anstarren, wenn ich mit ihm rede. Hier scheint es niemanden zu interessieren, außer dem ominösen Manager, den ich immer noch nicht zwischen den anderen Gästen entdeckt habe. Aber ‚in der Gesellschaft‘ unterhält man sich nicht den Kellnern. Das würde Brent vermutlich sagen. Und wenn ich mich richtige erinnere, redet Carolyn – so sehr ich sie mag – auch nur mit dem Personal, um ihnen Anweisungen zu geben.

„Ich verstehe. Vornehm geht die Welt zugrunde.“

„So ungefähr“, murmele ich.

„Aber… ist das hier wie in Ghost?“, fragt Patrick und ich lege den Kopf schief. Ghost? „Ist dein Freund eigentlich tot und nur du kannst seine Anwesenheit spüren? Steht er gerade direkt neben dir?“

„Warum sollte er ein Geist sein?“

„Weil du immer von ihm sprichst, er aber nie da ist. Wenn er mit dir hier ist… wo ist er dann?“, fragt er und hebt herausfordernd eine Augenbraue. Er hält mir erneut das Tablett mit Kalbsbries und den bitteren Gurken-Happen entgegen und ich nehme noch einen, behalte ihn aber in der Hand.

„Mein Freund ist sehr real“, entgegne ich, „er ist nur gerade… nicht hier.“

Er hat gesagt, dass es nur fünf Minuten dauert, aber ich bin schon fast eine halbe Stunde allein. Und so groß kann die Halle gar nicht sein, dass er seine Eltern nicht findet.

„Wenn du das sagst.“

„Wie lange warst du gestern noch auf der Feier?“, frage ich und bewege mich langsam von der roten Pappmaché-Figur weg und entlang der Wand, wo einige Leinwände hängen. Die Bilder sind keinesfalls schöner als der rote Hundehaufen in der Ecke, aber zumindest ist es nur zweidimensional. Die Leinwände sind in unangenehmen Farben beschmiert und ich sehe zwischen den Bildern durch die Fenster nach draußen. Die Sonne scheint immer noch und ich wünschte, ich wäre draußen. Ich sehe mich nach der Treppe um, die nach oben auf die halboffene Terrasse führt. Vielleicht kann ich so für ein paar Minuten mein Gesicht in den warmen Wind halten, statt hier den beißenden Geruch von Farbe und Parfum in der Nase zu haben.

Patrick sieht kurz über seine Schulter und läuft mir dann nach. Der Manager scheint ihn aus den Augen verloren oder ihn einfach aus dem Fokus genommen zu haben. Wenn er überhaupt existiert. Ich habe ihn nicht gesehen.

„Du hast das Beste verpasst. Nachdem du gegangen bist, ist deine Freundin mit den blauen Haaren und der Oma-Brille…“

„Bailee“, helfe ich ihm auf die Sprünge und er nickt.

„Ja, genau, die. Sie wollte erst den mechanischen Bullen besteigen, dann hat sie mit einem Mädchen rumgemacht, das sie nicht kannte, und dann hat sie auf der Bar getanzt… ohne Höschen. Das hat sie dem mechanischen Bullen vorher über den Kopf gezogen.“

Ich sehe ihn mit offenem Mund an. Und das habe ich verpasst?

Kein Wunder, dass sich weder Michelle noch Bailee heute bei mir gemeldet haben. Von Michelle habe ich nichts anderes erwartet, sie war schon sternhagelvoll, bevor ich gegangen bin. Aber Bailee hat auf mich einen soliden Eindruck gemacht. Offenbar hat sie es danach etwas mit den Schnäpsen übertrieben.

Patrick sieht mich grinsend an und zuckt mit den Achseln.

„Und Michelle… hat mich einfach abblitzen lassen“, sagt er und schüttelt den Kopf, als würde er es bedauern – oder könnte es immer noch nicht ganz glauben –, während er darüber nachdenkt und es Revue passieren lässt, „du schuldest mir so gesehen also mehr als einen Tanz.“ Seine grünen Augen finden meine und ich sehe ihn interessiert an.

„Das tut mir leid, aber wer sagt, dass sie überhaupt mit dir ins Bett gegangen wäre?“, frage ich, weil es das ist, worauf er damit anspielt.

„Bevor du gekommen bist, konnte sie nicht die Finger von mir lassen. Und kaum erscheinst du in deinem Teeparty-Kleid und sie fasst mich nicht mal mehr mit der Kneifzange an. Findest du das nicht seltsam?“

„Ich habe eben einen positiven Einfluss auf meine Freunde.“

„Und was ist daran positiv?“

„Ich halte sie davon ab, mit fremden Männern ins Bett zu gehen. Ich finde das sehr positiv. So erspart sie sich Enttäuschungen, falsch geweckte Hoffnungen, den peinlichen Morgen danach, eine ungewollte Schwangerschaft oder… und ich möchte hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber man weiß ja nie: eine Geschlechtskrankheit.“
Er sieht mich einen Moment mit offenem Mund an und blinzelt, bevor er zu einem der Kalbsbriestörtchen greift und es sich abwesend in den Mund schiebt. Ich sehe zu, wie er darauf herumkaut und sich sein schöner Mund langsam verzieht. Er betrachtet seine Hand, sieht auf das Tablett und zieht eine Grimasse, als hätte er gar nicht gemerkt, dass er das Törtchen gegessen hat. Als er fertig gekaut hat, schluckt er es schwerfällig herunter und wischt sich mit der Rückhand einmal über den Mund. Dann sieht er mich wieder an und zieht seine schwarzen Augenbrauen zusammen, bis sich ein tiefes V zwischen seinen Augen bildet.

„Vielleicht wollte ich ja nicht nur mit ihr schlafen“, sagt er, „vielleicht bin ich ja hoffnungslos romantisch und suche eine stabile, ernsthafte Beziehung. Willst du das wirklich auf dem Gewissen haben?“

Ich sehe ihn an, lege kurz den Kopf schief und nicke dann. „Ja, damit kann ich leben.“

„Das habe ich nicht von dir erwartet.“

Ich bleibe vor einer Leinwand stehen, die die Größe des Schaufensters unseres Buchladens hat. In der Mitte ist ein dunkler Fleck, der nach außen immer heller verschmiert wird in beißenden Grün- und Brauntönen. In einer Ecke ist ein kleiner knallroter Punkt, der aussieht, als wäre der Künstler aus Versehen beim Malen eines anderen Bildes mit dem Pinsel über diese Leinwand gerutscht. Auch der Titel ‚Höhe‘ weckt keinerlei emotionale oder rationale Assoziation zu der Schmiererei.

„Inwiefern?“, frage ich.

„Ich dachte, du stehst auf Liebesgeschichten. Wie in diesem Buch mit den kleinen Frauen.“

Ich fahre überrascht zu ihm um. Also hat er mein Buch doch aus dem Waschsalon mitgenommen! Ich habe es schon mit einem Exemplar aus dem Buchladen ersetzt, aber ich vermisse die Version, die ich dort habe liegen lassen. Ich weine um jedes Buch, das ich verliere, das kaputt geht oder nass wird, wenn es unerwartet regnet und ich es in einem dünnen Stoffbeutel mit mir herumgetragen habe. Meine Bücher sind wie meine Freunde. Ich liebe sie, ich sorge mich um sie. Und Patrick hat es mitgenommen.

„Little Women“, rufe ich, „kannst du es mir wiedergeben?“

Er hebt einen Finger in die Höhe, als würde er eine Lektion erteilen wollen, und nimmt einmal tief Luft. „Das könnte ich tun“, setzt er an und grinst dann breit, „aber ich bin noch nicht fertig damit.“

Die Überraschung in meinem Blick wird immer deutlicher, genau wie sein Grinsen immer breiter wird. „Du hast es gelesen? Ich dachte, du liest nicht. Wieso liest du ein geklautes Buch?“

„Ich dachte, falls ich dich je wiedersehe, kann ich es dir wiedergeben. Und du hast so begeistert darüber gesprochen, ich wollte wissen, ob es gut ist“, sagt er und ich lächele ihn mit leuchtenden Augen an. Er hat das Buch meinetwegen gelesen? „Ist es nicht“, fährt er fort und mein Lächeln fällt. Banause. „Es ist schrecklich langweilig und gestelzt und ich weiß sowieso schon, wie es ausgeht. Jo merkt, dass sie Laurie liebt, obwohl sie niemals heiraten wollte, und sie heiraten und kriegen einen Haufen Kinder. Und der Rest der Familie lebt sorglos bis an ihr Lebensende.“

Ich beiße mir auf die Unterlippe und sehe ihn zögerlich an. „Du bist noch nicht besonders weit, oder?“

„Wieso?“

„Lies… einfach weiter“, murmele ich. Wenn er wirklich denkt, dass Little Women so ausgeht, sollte er sich auf eine herbe Enttäuschung gefasst machen. Mal abgesehen davon, dass eine der Schwestern am Ende stirbt, heiratet Jo nicht Laurie, sondern einen deutschen Professor. Und Laurie, der Jo liebt, heiratet Jos Schwester Amy. Es ist also nicht ganz so vorhersehbar, wie Patrick das denkt. Aber er runzelt nur ahnungslos die Stirn und fährt sich mit einer Hand durch seine nach hinten frisierten schwarzen Haare.

„Und wann kann ich es dir wiedergeben?“

„Meinem Vater gehört Carpenter Books in der vierundzwanzigsten Straße. Kennst du den Buchladen?“

„Ja, ich war schon mal da. Der Laden gehört dir? Dein Name ist also Clementine Clem wie das Obst Carpenter?“

„Clem reicht völlig“, sage ich lachend und wende dem Gemälde den Rücken zu, „bring das Buch einfach im Buchladen vorbei, wenn du fertig bist. Aber jetzt musst du mir noch deinen Namen verraten.“

„Du kennst meinen Namen.“

„Ich kenne deinen Vornamen.“

„Ich bin Patrick… Blake.“

„Clementine.“

Patrick und ich drehen uns beide um in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Brent kommt mit großen Schritten auf uns zu und ich lehne mich kurz in Patricks Richtung. „Das ist übrigens mein sehr realer Freund“, flüstere ich, bevor Brent uns erreicht und eine Hand auf meinen Rücken legt. Er positioniert mich genauso, wie er es haben will, und ich fühle mich für einen kurzen Moment wie eine Marionette, an der Brent die Fäden zieht. Er nimmt sich ein Kalbsbriestörtchen von Patricks Tablett, der immer noch ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen trägt und mich ansieht, ignoriert ihn ansonsten aber, als wäre er nichts weiter als ein Servierteller auf zwei Beinen.

„Könnte ich noch zwei Gläser Champagner haben? Danke“, sagt er, ohne Patrick anzusehen, und macht eine wegwinkende Bewegung mit der Hand, bevor er mich noch einen Schritt nach vorne schiebt, bis ich direkt neben einem der hässlichen Bilder stehe. Patrick wirft mir kurz einen skeptischen Blick zu, nickt dann mit gehobenen Augenbrauen zu Brent und dreht sich um, um wieder seiner Arbeit nachzugehen.

„Darf ich dir jemanden vorstellen, Clem?“, sagt Brent laut und flüstert leise an mein Ohr, „hättest du dir nicht etwas Besseres anziehen können?“

„Was ist jetzt hieran nicht in Ordnung?“, murmele ich und sehe kurz an mir herab, als ein Mann vor uns erscheint und mir seine Hand entgegenhält, als erwarte er, dass ich seinen Siegelring küsse und mich vor ihm verneige. Stattdessen schüttele ich seine Hand, obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, wer das eigentlich ist.

„Das ist Armie Attenborough. Der Künstler dieser fantastischen Ausstellung. Armie, das ist meine Langzeitfreundin Clementine Carpenter. Ihrem Vater gehört ein Buchladen in der Nähe“, stellt Brent uns vor und ich sehe wieder zu Armie Attenborough. Er ist um die fünfzig, obwohl sein glatt gebügeltes Gesicht das nicht vermuten lässt, und hat volles, schwarzes Haar, von dem ich zu neunzig Prozent überzeugt bin, dass es eine Perücke ist. Er trägt grüne, weit ausfallende Samthosen und einen schwarzen Morgenmantel über einem himmelblauen Hemd, eine sehr unkonventionelle Kleiderwahl. Und er trägt mehr Rouge auf seinen runden, künstlich aussehenden Wangen als ich… je getragen habe.

Jetzt verstehe ich, wieso Patrick ihn als schwul bezeichnet hat – ohne Vorurteile haben zu wollen oder Klischees bestätigen zu wollen. Aber als er seinen Mund öffnet, um etwas zu sagen, bin ich von jedem Zweifel erhaben. Seine Stimme ist hoch und er redet mit der Dramatik und Theatralik eines Darstellers in einem Musical aus den Fünfziger Jahren.

„Willkommen. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich hoffe, meine Kunst inspiriert Sie genauso, wie sie mich und Millionen anderer inspiriert.“

Ich nicke einmal mechanisch und lächele breit.

„Ja, es ist… sehr… innovativ. So… gewagt.“

„Nicht wahr?“, sagt Armie und sieht sich einmal in der Halle um, als wäre er umgeben von den schönsten Kunstwerken der Welt. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, nicht zu lachen, und linse zu Brent herüber. Normalerweise würde er jetzt zu mir rüber sehen, unmerklich die Augen verdrehen und ebenfalls mit den Mundwinkeln zucken. Aber jetzt… hält er Blickkontakt mit Armie Attenborough mit einem ernsten Mund und nickt, während der Künstler sich selbst beweihräuchert.

„Welches Bild gefällt Ihnen am besten?“, fragt er irgendwann an mich gerichtet und ich lege den Kopf schief.

„Ähm…“
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