Barty Flopper und die totgeglaubte Fortsetzung

GeschichteHumor, Parodie / P16
Harry Potter Hermine Granger Ronald "Ron" Weasley
07.11.2018
27.05.2019
6
24208
2
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Kapitel 1:   Die Rekapitulation nie stattgefundener Ereignisse

Die Hackwordz -Schule für mysteriöse Sachen, in der man lernt alles Übernatürliche vor den Schnuddeln zu verbergen, indem man es auf die Illuminaten schiebt, war die berühmteste Schule für Zauberei, Magie und sämtlichen anderen übernatürlichen Quark der ganzen Welt und Barty Flopper ihr berühmtester Schüler. Jedes Jahr bewarben sich 7.000 Bewerber auf jeden freien Platz, obwohl die Schulgebühren immer unverschämter wurden. Dies hing damit zusammen, dass der amtierende Schulleiter Klumpfuß Brumbldoof mit dem berühmten, gutaussehenden und echt in überdurchschnittlichem Maße bestückten Zauberhelden Barty Flopper eine stillschweigende Übereinkunft getroffen hatte. Unabhängig von seinen Noten durfte Barty solange auf der Schule bleiben wie er wollte, da es seine alleineige Anwesenheit zur Folge hatte, dass sich unzählige pubertierende Mädchen, Jungen und Personen mit nicht eindeutig identifizierbaren Geschlechtern für horrende Summen an der Schule bewarben, um lediglich einen, zwei oder durchaus auch mehrere Blicke auf ihn zu erhaschen und sich dann in den häufigen Stunden alleinigen Alleinseins selbst zu berühren. Viele erhofften sich natürlich auch eine körperliche, wenn nicht sogar sexuelle Beziehung mit ihrem Helden. Natürlich bekamen nur die Mädchen eine solche. Und auch nur die hübschen. Barty Flopper fängt ja nichts mit Hässlons an! Aber dafür hat er echt viele geile Gurlz gebumst und sie danach abserviert! Ja, das war so! Oder ist es immer noch! Denn Barty Flopper ist immer noch der Bitcheskilloar...

Barty ließ die Feder sinken. "Für den Anfang gar nicht schlecht…“, sagte er und blickte in die Runde. Niemand beachtete ihn. Lon krakelte in seinem Lieblingsausmalbuch, eigentlich einer limitierten Sonderausgabe der Encyclopaedia Magica, herum und Härminne war hinter einem Vorhang fettiger Haare versteckt und erledigte in orthopädisch äußerst bedenklicher Haltung irgendwelche Hausaufgaben, von denen Barty schon vor Tagen beschlossen hatte, sie zu vergessen. Die restlichen Schittydoors saßen, standen und lagen wie Kraut und Rüben überall im Aufenthaltsraum verteilt und schenkten ihm ebenfalls keine Beachtung. Aus den Augenwinkeln sah er wie Fat-Jörg Növül mehreren Mitschülern mit tränenden Augen sein Taschengeld überreichte, damit er ihnen anschließend die Süßigkeiten schenken ‚durfte‘, die er im Rahmen seines Geburtstages von seiner Oma per Pelikan-Post zugeschickt bekommen hatte. Die mobbenden Mitschüler klaubten ihm die Münzen aus den Händen, beäugten argwöhnisch die ominösen Rentner-Süßigkeiten von Növüls Oma und warfen diese anschließend kurzerhand in den Kamin. Barty räusperte sich: „Für den Anfang gar nicht schlecht!“.  Härminne blickte von ihrer Arbeit auf. „Wat machst’n da?“, fragte sie. „Ich sichere meine Zukunft.“, antwortete Barty. „Ich schreibe einen Roman mit mir als Hauptfigur und werde all die Abenteuer, die wir erlebt haben, zu so richtig viel Kohle machen. Dann muss ich keinen richtigen Job lernen, sondern kann einfach das wiedergeben, das schon passiert ist. Genial oder?“. Härminne zog die Hälfte ihrer Monobraue hoch und grunzte. Barty war sich nicht sicher wie er diese Antwort zu interpretieren hatte, deshalb sagte er nichts und starrte einfach weiter in die unwirtliche Kraterlandschaft, die Härminnes verpickeltes Gesicht darstellte. Nach mehreren Minuten unbequemen Schweigens, in denen Härminne immer schwerer zu atmen begann und sich ihr linkes Auge langsam in Richtung des Inneren ihres Schädels bewegte, entschloss er sich doch dazu, das Gespräch fortzuführen. „Willste mal lesen?“, fragte er und deutete zaghaft auf das noch zu einem deutlich geringen Teil beschriebene, dafür schon stark zerknitterte Papier das vor ihm lag. Härminne grabschte gleichgültig zu und beäugte das Blatt mit herablassendem Blick. Sie überflog den von Barty in tagelanger mentaler Kleinstarbeit zusammengeschusterten Text in Windeseile, strich ihm mit fast schon genießerischer Miene sämtliche Rechtschreibfehler an und klatschte ihm das Blatt anschließend wieder wortlos auf den Tisch. „Äh… nicht gut?“, fragte Barty. Er war sich seiner Idee eigentlich ziemlich sicher gewesen und hatte primär auf Zustimmung und Ermutigung seitens seiner Freunde gehofft. Lon hatte bereits während er ihm die Grundidee erzählt hatte, angefangen zu applaudieren. Barty war sich zwar nicht sicher, ob das an Lons überschwänglicher Begeisterung für das Projekt oder an dem Schmetterling der just in diesem Moment an ihnen vorbeigeflogen war gelegen hatte, allerdings hatte er zumindest eine positive Grundeinstellung erahnen können. Dass Härminne nun völlig desinteressiert und abgeneigt reagierte, verunsicherte ihn immens. „Härminne, sag mal… meinste das geht so oder soll ichs nen bisschen realistischer gestalten?“, fragte er. Härminne grunzte und machte eine komplizierte Wellenbewegung mit ihrer Monobraue. Diese Geste benutzte sie nur, um ihre völlige Überlegenheit zu beweisen, das wusste Barty. „Realistischer? Du hast ja nen Rad ab. Dieser Mist ist ja doch kompletter Schwachsinn! Niemand will lesen was DU zu schreiben hast, denn nichts davon hat auch nur die geringste Bewandtnis oder ist auch nur von partiellem Interesse! Und jetzt lass mich n Ruhe, ick muss arbeiten!“, sagte sie.

Barty schaute auf das Blatt, zählte die Fehler und warf anschließend einen Blick auf Härminnes Arbeit. „Diskutieren Sie die Bedeutung und Bewandtnis der Zauberstabnutzung unter adulten Magiern als bloßen Phallusersatz und konkludieren Sie, dass das patriarchalische System die Zaubrerinnen und Magierinnen in ihrer gesellschaftlichen Stellung zu unterwerfen versucht, indem sie sowohl Magierinnen als auch magisch begabten Personen nicht binären Geschlechts die phallusersetzende Zauberstabnutzung aufzwingt“, stand da. Barty schnaubte verächtlich. „Das nennst du arbeiten? Also ich find meinen Plan deutlich sinnvoller als deinen Scheiß! Bei dir ist das Ergebnis doch schon vorgegeben… quasi als ob du zu gar keinem anderen Schluss kommen kannst. Aber bei mir habe ich die volle Entscheidungsgewalt. Stell dir doch mal vor, was das für Bestseller werden!“.  Härminne blickte erneut auf und warf ihm einen Blick zu, wie er ihn noch nie von ihr gesehen hatte. Normalerweise waren ihre Blicke voller unnötiger Aggression und Vorboten ihres sinnentleerten Rumschreiens, doch dieser Blick war anders. Barty sah echtes, abgrundtief verachtendes Mitleid in ihren leicht schiefstehenden Augen und als sie sprach, klang ihre Stimme ungewohnt ruhig: „Du willst also dein Leben, beziehungswiese deine durchlebten Abenteuer zu Papier bringen und damit reich werden?“, fragte sie und Barty nickte. „Wie stellst du dir das vor? Soll der erste Band von unserem ersten Schuljahr handeln? Was hältst du von >Barty Flopper versagt beim Versuch IrgendwasMagisches™ zu bergen, nur um später herauszufinden, dass der ganze Mist eine völlig unsinnige Geschichte war, die sich Haarig ausgedacht hat< als Titel? Klingt zwar scheiße, spiegelt aber genau das wieder, das damals passiert ist, oder?“. Barty wollte gerade widersprechen, doch Härminne fuhr energisch dazwischen: „Oder unser zweites Jahr… die ganze Affäre um das magische Gruseldingsbums… du weißt schon, das Ding das bei dir seitdem im Regal einstaubt, weil es eine vollkommen unnütze Erfindung ohne auch nur die geringste Signifikanz in der Zauberwelt ist und sich niemand bis auf den Unaussprechbaren Lord je dafür interessiert hat. Weißt du überhaupt noch was damals passiert ist?“. Barty schluckte. „Nein, nicht wirklich. Irgendwie fehlt mir da so einiges.“, sagte er. Tatsächlich fiel es ihm schwer sich an irgendwas Konkretes aus seiner Schullaufbahn zu erinnern. Er war sich sicher, dass er spannende und gefährliche Abenteuer durchlebt und gemeistert hatte, denn anderenfalls würde es ja bedeuten, dass er nur ein ganz normaler, unbedeutender Junge war, der seine gesamte Schullaufbahn damit verbracht hatte, sich diverse Hirngespinste auszudenken, um über seine eigenen miserablen Leistungen hinwegzutäuschen und sich nie wirkliche Gedanken um seine Zukunft machen zu müssen. „Hallooooo? Ist dein Hirn abgestürzt? Bist du kognitiv schachmatt?“, fragte Härminne und holte ihn aus seinen Gedanken zurück. „Alter Schwede, Barty… wenn du nachdenkst, siehst du noch dümmer aus als Lon.“, sagte sie. Lon schaute von seinem Ausmalbuch auf: „Sssstimmt… noch blöder aaaals wie ich!“, lachte er hohl. „Deine Brille sitzt schief!“, mahnte ihn Härminne. „Und wo ist dein Hut?“. „Aaaach ja, Mist!“, sagte Lon, richtete das unglaublich klobige Drahtgestell auf seiner Nase, welches zwei Aschenbecher als Brillenglas-Surrogate und mehrere Rollen Tesafilm als Halterung vereinigte und kramte aus seinem Erstklässler-Scout-Rucksack einen Doktorhut hervor und setzte ihn auf. Wie immer, wenn er so dasaß, den Mund leicht offenstehend, mit verschnodderter Nase und Filzstiftstreifen im Gesicht, wurde sich Barty den schwerwiegenden Veränderungen bewusst, die in den letzten Jahren in Hackwordz eingezogen waren. Nicht nur, dass die charakteristischen und für ihn im Laufe der Zeit alltäglich gewordenen und lieb gewonnenen Baufälligkeiten der Schule nach und nach in Stand gesetzt worden waren – Anfang des Jahres, ihres siebten und letzten Schuljahres, hatte es sich der neu ernannte Schulförderungsbeauftragte und Lehrer für Verteidigung von Unsittlichkeit, schlechter Magie, Scientology und anderer Fisimatenten, der politisch korrekte und unglaublich progressive Professor Doktor Doktor Doktor Erasmus LupLup, in den Kopf gesetzt, Lon, der seiner Meinung nach nicht etwa den Förderschwerpunkt „Alles“ hatte, sondern mit seiner intelligenzverneinenden Art einfach nur die Unterforderung mit dem herkömmlichen Lehrplan ausdrücken wollte, zu einer Art Gallionsfigur des neuen Hackwordz zu machen und ihn zum Schulsprecher und alleinigen Teilnehmer der Begabten-Förderung ernannt. Da niemand außer Erasmus LupLup auch nur im Entferntesten verstand was das Ganze bewirken sollte, wurde Lon in Windeseile in der neuen Rolle als missverstandenes Wunderkind akzeptiert, dessen schlechte Schulleistung lediglich auf die jahrelange Unterforderung zurückzuführen sei. Dass Lon die geistige Reife eines Milchbartes hatte und in der Vergangenheit mehrfach von einer Krähe im Uno und einem Hausschuh im Scrabble besiegt worden war, kümmerte niemanden.

Lon hatte inzwischen angefangen auf einem Wachsmalstift herum zu kauen. Stück für Stück biss er ab und fraß sich so langsam aber sicher durch seine ganze Federtasche. Härminne ergriff wieder das Wort: „Weißte Barty, als wir noch jünger waren, da waren deine ganzen ausgedachten Stories ja witzig und auch die völlig sinnlosen „Abenteuer“, wie du unsere damaligen Ferien nennst, waren ja schöne Erinnerungen, aber mehr auch nicht. Du kannst nicht ewig darauf herumreiten, dass wir uns einmal mit Lord Etanäbugleru angelegt haben, denn selbst dem ist irgendwann aufgefallen, dass er sich immer nur schwachsinnigen Projekten gewidmet hat, die niemanden interessiert haben und ihn selbst kein Stück weitergebracht haben. Spätestens aber nach dem Fiasko mit dem Gefangenenzug nach Achterbahn (auch hieran erinnerte sich Barty nicht mehr), wurde sogar ihm klar, dass er die Rolle als Bösewicht wirklich erbärmlich gespielt hat und sich nur du immer wieder von ihm hast beeindrucken und manipulieren lassen… und selbst das wurde ihm zu blöd. Deshalb hat er sich doch auch mit seinen Kotnaschern gewerblich selbständig gemacht. Die Zauberergemeinschaft braucht keine Helden und Bösewichte mehr und beide Parteien hätten das früh genug merken sollen. Der unaussprechbare Lord hat verstanden worauf es ankommt, nur du mal wieder nicht.“. „Worauf kommt es denn an?“, fragte Barty. Härminne seufzte genervt. Das rasselnde Geräusch das sie dabei machte klang wie ein kaputter Staubsauger. „Es kommt darauf an, sich seinen eigenen Platz in der Gesellschaft zu verdienen und einen Haufen Cash zu machen!“, sagte sie. „Ja, aber genau das will ich doch tun!“, sagte Barty laut. „Genau das ist doch mein Ziel, deshalb schreibe ich doch die ganzen Abenteuer auf!“. „Ja, aber es war deine Idee und deine Ideen sind immer blöd!“, erwiderte Härminne. „Außerdem“, und mit diesen Worten schob sie ihm ein in Leder gebundenes Buch über den Tisch: „Außerdem bist du dafür 2 Jahre zu spät dran. Fiktive Abenteuer über einen zaubernden Underdog gibt es schon lange. Und sie sind deutlich besser geschrieben als alles, was du jemals zustande bringen würdest.“
Barty nahm sich das Buch, strich mit der Hand über die goldenen Lettern auf dem Einband und las: „Kóht Salmander: Fabelwesen und wie man sie zubereitet…“.
 
'