Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Trauriges / Lucky

Lucky

von NamYensa
OneshotAllgemein / P6
07.11.2018
07.11.2018
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Ich erinnere mich noch so gut an den Tag, an dem du zu uns kamst, an jenem Sonntagmorgen im Juli vor zehn Jahren, als Kimahri von seinem Ausflug zurückkehrte und dich dabeihatte. Du warst sein Geschenk an uns. Fest zwischen seinen Zähnen hat er dich gehalten, als er mit dir über den hohen Zaun in den Garten geklettert kam. Du hast laut geschrien, als er heruntersprang und dabei wohl etwas fester zupackte, und da erst wurden wir überhaupt auf dich aufmerksam.

Doch trotz Kimahris überlanger Eckzähne hat er dich nicht beschädigt, du warst gesund und munter, zitternd und voller Angst, aber unverletzt. Gerade einmal 230 Gramm wogst du, ein Baby noch, wohl kaum mehr als acht Wochen alt, passtest du gerade in meine Hand.

Du warst eines von jenen bedauerlichen Kaninchenkindern, denen in jenem Sommer ein ungewisses Schicksal zuteil werden sollte, unerwünschter Nachwuchs, den ein gewissenloser Mensch loswerden wollte und dich mitsamt deinen Geschwistern einfach zwischen die Wildkaninchen ausgesetzt hat. Es war dein großes Glück, dass Kimahri dich entdeckte und entschied, dich zu fangen und mitzunehmen.

Obwohl wir eigentlich nie Kaninchen haben wollten, fiel uns die Entscheidung, dich bei uns aufzunehmen, nicht schwer. Was blieb uns auch anderes übrig? Als Albino hättest du draußen keine Chance gehabt, wie auch deine Geschwister keine Chance hatten. Euer weißes Fell lässt euch aus der Höhe wie Fackeln leuchten, und jeder Raubvogel wird euch zwischen all den graubraunen Wildkaninchen zuallererst entdecken und sich auf euch stürzen. So wie deinen Geschwistern, die im Laufe weniger Wochen eines nach dem anderen verschwand und nie wieder auftauchte, wäre es auch dir ergangen. Wie hätten wir es mit unserem Gewissen vereinbaren sollen, dich wieder nach draußen zu setzen und dich deinem sicheren Tod zu überlassen?

Da wir schnell entschieden hatten, dass du bei uns bleiben solltest, räumten wir also ein Zimmer leer und richteten es mit Holzhäuschen und Tunneln als Hasenzimmer ein. Aber wichtiger noch war das Päppeln. Noch immer muss ich über mich selbst lachen, weil ich damals von Pontius zu Pilatus gelaufen bin, um Aufzuchtmilchpulver für dich zu beschaffen. Du warst doch so klein, und ich dachte, du brauchst das noch. Also habe dir mit einer Spritze alle zwei Stunden ein wenig Milch gegeben. Sogar nachts. Aber du wolltest nicht, hast gezappelt und dich mit allen deinen vier winzigen Pfötchen dagegen gewehrt. Was musst du damals gedacht haben? "Lass mich, Mama, ich bin doch schon groß, große Jungs brauchen kein Fläschchen mehr." Nach zwei Tagen wurde mir das dann auch klar, und seitdem hast du die Milch aus einem Schälchen bekommen und nebenher ganz normal Grünzeug gemümmelt. Trotzdem warst du für mich immer mein Flaschenkind.

Natürlich solltest du nicht allein bleiben, und so gesellten wir dir bald eine gleichaltrige Spielkameradin hinzu: Zuerst Knöpfchen, die leider schon krank zu uns kam und trotz aller ausgeschöpften medizinischen Möglichkeiten schließlich starb; etwas später kam dann Tiffy. Einen Käfig musstet ihr nie kennenlernen, nur ab und zu die lästige Transportbox, wenn Impftermine oder Behandlungen anstanden. Denn du warst unser kleines Sorgenkind, vermutlich durch Inzucht körperlich etwas zurückgeblieben und außerdem mit Kaninchenschnupfen belastet. Aber obwohl du immer der Kleinste warst, warst du nichtsdestotrotz immer der Boss. :)

Über zehn Jahre hast du mit Tiffy an deiner Seite verbracht, und noch im März lobte die Tierärztin eure Kondition und dass man euch euer Alter überhaupt nicht ansieht.

Aber nun hast du uns und Tiffy ganz plötzlich und unerwartet verlassen. Nun hast du dein Plätzchen im Garten gefunden, gleich neben Kimahri, Nicki, Cindy und Knöpfchen unter einem Apfelbäumchen.

Ruhe in Frieden, mein kleiner Lucky. Durch dein Schicksal warst du für mich immer etwas Besonderes.

♥♥♥


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