Game of Hazard

von Crys Kay
GeschichteDrama, Romanze / P18
06.11.2018
02.07.2019
20
44.992
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20.11.2018 2.149
 
K A P I T E L   Z W E I


Mit schmerzenden Füßen beende ich am Abend meine Schicht im Travellers, einer gut besuchten Bar am Rande der Stadt. Mein heute verdientes Trinkgeld wird für zwei Schachteln Zigaretten und eine Tankfüllung für meinen geliebten Plymouth GTX reichen. Eine Runde Texas Hold’em mit dem richtigen Blatt und das Geld ... nein, falscher Gedanke. Seufzend steige ich in meinen Wagen, stecke das Handy in die Halterung neben dem Lenkrad und blicke durch die Windschutzscheibe in die sternklare Nacht von Montana.
„So sieht also mein Leben aus?“,
murmle ich und lehne mich in den bequemen Ledersitz. „Ich bin pleite, Kellnerin, wohne bei meinem Bruder und habe mehr Schwierigkeiten am Hals als Bonnie Parker.“ Manchmal habe ich das dringende Bedürfnis, der Göttin des Schicksals den Mittelfinger zu zeigen.
Gerade als ich den Motor starte, leuchtet mein Handydisplay auf und zeigt einen eingehenden Anruf.
„Hallo, Diego, so spät noch wach?“, begrüße ich ihn über Lautsprecher und werfe einen Blick auf die leuchtenden Zahlen in der Ecke – halb zwölf.
„Als ich das letzte Mal vor Mitternacht im Bett war, war ich noch in der Vorschule“, erwidert er und lacht leise. „Im Wohnheim findet gerade eine kleine Party statt. Hast du Lust?“
Eigentlich bin ich hundemüde und möchte nichts lieber als meine schmerzenden Füße hochlegen. Aber ein bisschen Ablenkung und die Möglichkeit, mich kostenlos zu betrinken, klingen tatsächlich verlockend.
„Ich bin in zwanzig Minuten da“, sage ich und beende nach einer kurzen Verabschiedung den Anruf.


-

Die „kleine Party“ entpuppt sich als ausgewachsene Studenten-Eskalation. Überall springen leicht bekleidete Mädels herum, man könnte meinen, halb Montana hätte sich hier versammelt. Nur mit Glück ergattere ich einen Parkplatz in der Nähe des Wohnhauses. Genervt quetsche ich mich durch die Menschenmenge in das Gebäude und entdecke Diego bei seinen Football-Kollegen auf der Couch vor dem Fernseher.
„Nika! Deine Schönheit erhellt den Raum.“ Er springt mit einem breiten Grinsen auf und umarmt mich. „Komm, Süße, ich besorge dir was zu trinken.“

Amüsiert über seinen Enthusiasmus folge ich ihm in die Küche, die gerade von stark angetrunkenen Studenten verlassen wird. Mal wieder wird mir bewusst, warum ich solche Partys meide.
Diego öffnet den Kühlschrank und beginnt, Flaschen hin und herzuschieben.
„Was darf es sein? Ich habe Sekt, Bier, Whiskey, Wodka, Wein aus Australien …?“

„Ein Bier, das reicht mir vollkommen“, unterbreche ich ihn und mache es mir auf der Kücheninsel bequem.
Währenddessen holt er zwei eisgekühlte Flaschen aus dem Tiefkühlfach und drückt mir eine davon in die Hand.
„Erzähl, wie war die Halloween-Party?“, frage ich ihn neugierig. Das Event des Jahres, das ich für ein heißes Date mit meiner Badewanne und einer Flasche Merlot verpasst habe.
„Anscheinend der absolute Wahnsinn“, antwortet er schulterzuckend und gönnt sich einen großen Schluck seines Bieres.
„Was meinst du mit ‚anscheinend‘?“ Es ist kein Geheimnis, dass solche Veranstaltungen das Potential haben, komplett aus den Fugen zu geraten.
„Ich kann mich an rein gar nichts erinnern, Nika. Mit der Menge Alkohol in meinem Körper hätte ich jedem Fernfahrer Konkurrenz gemacht“, erklärt er und schafft es dabei, kein bisschen peinlich berührt zu wirken.

Augenrollend nippe ich an meinem Bier. „Die besten Partys sind immer solche, an die man sich nicht erinnern kann“, ziehe ich ihn auf und erhebe die Flasche zum Prost.
Diego lacht schallend und lehnt sich neben mich gegen die Theke.
„Da bin ich ganz deiner Meinung. Besonders wenn man solch nette Freunde wie Cyrus hat, die einem am nächsten Tag seine Verfehlungen vor Augen führen.“

Beinahe löblich wie die Jungs aufeinander achten.
„Was hat unser Star-Quarterback Diego Ramirez denn angestellt?“ Ich kann es nicht lassen, meine Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken. Irgendwann wird mich diese Eigenschaft vermutlich das Leben kosten.

„Etwas zu offensiv an einem abgeneigten, aber extrem scharfen Grady-Zwilling gebaggert, die ihr Desinteresse mit einem Tritt in mein Heiligtum verdeutlicht hat“, erzählt er und ich kann nicht anders als loszuprusten.
„Respekt“, keuche ich unter meinem heftigen Lachanfall. „Die Kleine hat ganz schön Courage.“
„Ich kann es nicht verübeln. Und sollte ich jemals herausfinden, wer sie wirklich ist, werde ich mich dafür entschuldigen“, verspricht er mit erhobenem Zeige- und Mittelfinger.
„Guter Vorsatz“, lobe ich ihn grinsend und nehme einen weiteren tiefen Zug.
„Bei der nächsten großen Party bist du aber hoffentlich dabei.“

Ich schlage die Beine übereinander und bemerke, wie Diegos Blick anfängt zu wandern.
„Du weißt doch, dass ich kein Freund von einem solchen Studenten-Saufgelage bin“, erwidere ich und leere mit einem letzten Schluck die Flasche.
„Und dennoch bist du hier“, murmelt er mit einem verschlagenen Grinsen.
„Könnte daran liegen, dass ich dich mag“, erkläre ich schulterzuckend und er zwickt mir amüsiert in die Seite. Dieses Geplänkel zwischen ihm und mir ist so vollkommen anders als bei Sixten.

„Jo, Diego, was ist das denn für eine lahme Party ohne Wodka?“ Wenn man vom Teufel spricht. Mein fleischgewordener Albtraum betritt die Küche und meine Laune sinkt in den Keller. Als Sixten mich erblickt, verziehen sich seine Lippen zu einem creepy Grinsen.
„Nika, seit wann nimmst du denn am gesellschaftlichen Leben der unwürdigen Kommilitonen teil?“, stichelt er und heiße Wut kocht in mir auf, aber ich reiße mich zusammen.
„Seit ich selbst entscheide, wer in meinen Augen würdig ist.“
„Autsch“, zischt Diego belustigt und Sixtens Gesichtszüge verrutschen ein wenig. „Wodka ist im Kühlschrank, Bro.“

Das Verlangen, Sixten zu provozieren, pulsiert geradezu übermächtig in meinem Inneren und ich beschließe, die seltene Gelegenheit zu nutzen. „Bediene dich ruhig. Diego und ich wollten sowie gerade hochgehen.“ Ich springe von der Küchentheke, stelle mein Bier darauf ab und nehme Diegos Hand, um ihn hüftschwingend aus dem Raum zu ziehen. Der Ausdruck in Sixtens Augen ist mehr als befriedigend.
Oben angekommen schließe ich die Tür hinter uns und kann mir ein Lachen nicht verkneifen.
„Hast du seine Fresse gesehen? Dafür allein hat es sich gelohnt, heute herzukommen.“

Aber Diego lacht nicht, sondern stellt seine Flasche auf den Nachttisch und drängt mich sanft nach hinten, bis ich die Wand in meinem Rücken spüre.
„Willst du Six eifersüchtig machen?“, fragt er leise und schiebt mir eine lose Strähne hinter das Ohr.

„Wie kommst du denn darauf?“ Provokation ist absolut nicht vergleichbar mit Eifersucht.
„Wenn wir schon mal hier sind“, sagt er und übergeht damit meine Frage, „könnten wir das auch nutzen. Um der alten Zeiten willen.“ Seine Finger spielen am Saum meines ärmellosen Oberteils und ein angenehmer Schauer kriecht über meinen Rücken.

Die gute, alte Zeit, als wir nichts anderes waren, als zwei Menschen, die öfter mal das Bett teilten.
Mit einem verführerischen Wimpernaufschlag lege ich meine Hände auf seine Schultern und den Kopf schief.
„Wie kann ich da Nein sagen?“, erwidere ich schmunzelnd.

-

Als ich Stunden später die Wohnungstür aufschließe und auf Zehenspitzen durch den Flur tapse, freue ich mich einfach nur auf Henrys Bett. Dass Sixten oberkörperfrei im Türrahmen seines Zimmers steht und mich mit verschränkten Armen mustert, habe ich allerdings nicht erwartet.
„Ramirez, Nika, ernsthaft? Er fällt in die Rubrik Männer mit dem nötigen Niveau?“ Sein Tonfall klingt fast beleidigend, sodass ich mich direkt wieder angegriffen fühle. Das kann nicht gut für meinen Blutdruck sein.

„Hast du ein Problem damit?“ Ich stemme die Hände in die Hüfte und überlege, ob ich ihm eine sehr detaillierte Beschreibung meiner Orgasmen mit Diego liefern soll. Mein Gegenüber öffnet den Mund, aber im selben Moment hört man eine viel zu hohe Stimme aus seinem Schlafzimmer.
„Schaaaatz, kommst du?“ Oh mein Gott, er hat sich Trish ins Bett geholt.

„Wie ich höre, brauchen wir uns über das Thema Niveau nicht zu unterhalten“, sage ich selbstgerecht und lasse ihn einfach stehen, ohne auf eine Reaktion zu warten.

-

Am nächsten Morgen sitzt glücklicherweise nur Robbie am Frühstückstisch und gießt mir frisch aufgebrühten Kaffee in eine Tasse mit Uni-Logo. Der Blick, mit dem er mich bedenkt, verunsichert mich allerdings ein wenig.
„Warum schaust du so?“, frage ich ihn und nehme mir einen Bagel aus der Bäckertüte, die neben einer offenen Packung Frischkäse liegt.
„Du siehst anders aus. Irgendwie ... zufrieden.“ Schulterzuckend trinkt Robbie seinen Kaffee.
„Zufrieden?“
„Ja, zufrieden“, bestätigt er. „Hat das zufälligerweise etwas mit meinem Mitbewohner zu tun?“

Augenrollend beiße ich in meinen Bagel. „Meine Zufriedenheit ist absolut nicht von Sixten Hendricks abhängig“, erkläre ich ihm eindringlich, aber mein Bruder wirkt nicht sonderlich überzeugt.
„Dann haben deine ... anderen Probleme sich gelöst?“

Meine Hand, die die Tasse hält, verkrampft sich. Danke, Bruderherz, dass du mich daran erinnerst, dass ich neben diesem Kindergarten mit deinem gutaussehenden besten Freund auch ernste Probleme habe.
„Bedauerlicherweise nein“, antworte ich zähneknirschend und hoffe, dass Robbie nicht weiter nachbohrt.
Seufzend lehnt er sich nach vorne und packt seine Große-Bruder-Miene aus. „Nika, wenn du irgendwie Hilfe brauchst. Du weißt, dass ich –“
„Wir hatten dieses Thema bereits mehrmals und die Antwort lautet nach wie vor Nein“, unterbreche ich ihn. „Es sind meine Angelegenheiten und ich löse sie alleine.“ Das ich keine Ahnung habe, wie ich das bewerkstelligen soll, werde ich ihm jetzt allerdings nicht auf sein Mehrkornbrötchen schmieren.
„Du wirst dir mit dieser Einsamer-Wolf-Nummer eines Tages dein eigenes Grab schaufeln“, meint er angefressen, während ich meine mittlerweile leere Tasse in die Geschirrspülmaschine stelle.
„Mag sein“, gebe ich zu. „Aber dann weiß ich wenigstens, wem ich es zu verdanken habe.“


Nach eine heißen Dusche mache ich mich mit deutlich schlechterer Laune auf den Weg zur Uni und parke den GTX auf meinem Lieblingsparkplatz, der erstaunlicherweise nicht von Sixten blockiert wird. Die Erkenntnis, dass ich eine Affäre mit Diego habe, hat seinem männlichen Ego scheinbar einen herben Tritt verpasst. Leider kann ich nicht einmal Genugtuung empfinden, weil mich andere Sorgen und Gedanken plagen, die nichts mit diesem Idioten zu tun haben. Kopfschüttelnd versuche ich, mich auf meine heutigen Vorlesungen zu konzentrieren. Heute soll außerdem mal wieder eine Informationsveranstaltung für die erfolgreiche Integration der veganen Ernährungsweise in der Mensa stattfinden, für die ich die Bilder schießen darf, welche dann in einem Artikel in RAWR!news, unserer College-Zeitung, Verwendung finden. Dafür hole ich meine schwere Kameratasche aus dem Kofferraum und mache mich auf den Weg zur Redaktion.
Auf halbe Strecke, ich starre gedankenverloren auf die Fugen des Natursteinbodens, packt mich plötzlich jemand am Arm und zieht mich hinter das Bibliotheksgebäude.
„Lass mich los, du Gorilla“, fauche ich den Hünen an, der mir schmerzhaft die Handgelenke zusammendrückt.

Endlich gibt er mich ruckartig frei und ich stolpere nach vorne. Wütend hebe ich den Kopf und schaue direkt in das Gesicht der Inkarnation meiner Probleme – Blaine Wyler.
„Hallo, Nika.“ Seine eiskalte Stimme genügt, um eine heftige Ganzkörper-Gänsehaut auszulösen.
„Schön dich zu sehen, Blaine“, begrüße ich ihn mit meiner üblichen Charme-Offensive, die an ihm abprallt, als hätte er den Lotuseffekt.
„Entschuldige die grobe Behandlung, aber ich habe immer mehr den Eindruck, dass du mir aus dem Weg gehst“, sagt er ohne jegliches Amüsement in der Stimme, während ich mir die schmerzenden Handgelenke reibe.

Mein Herzschlag beschleunigt sich drastisch und ich werfe einen beunruhigten Blick über meine Schulter. Blaines Gorilla, der sicherlich nicht zögern würde, mich krankenhausreif zu prügeln, wenn es ihm befohlen wird, schaut grimmig drein.
„Das würde ich niemals wagen“, lüge ich mit einem künstlichen Lächeln.
„Guuut“, säuselt er und zieht einen Mundwinkel nach oben, als er langsam den Abstand zwischen uns verringert. „Dann hast du auch sicher nicht vergessen, dass wir zwei Hübschen noch eine Rechnung offen haben.“

Die Situation wird immer ungemütlicher und ich muss mir dringend etwas einfallen lassen, um ihn zu besänftigen, sonst wird das nicht gut ausgehen für mich.
„Ich habe nicht vor, dich zu hintergehen, Blaine“, sage ich mit süßlicher Stimme. „Du bekommst dein Geld, fristgerecht und mit Zinsen.“
Ich zucke zusammen, als er die Hand hebt, aber er streichelt lediglich meine Wange.
„Das ist schön zu hören. Wir wollen schließlich nicht, dass diesem hübschen Gesicht etwas zustößt.“ Die offensichtliche Drohung in seinem Tonfall verunsichert mich, aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.
„Wir sehen uns bald wieder, Nika“, verabschiedet Blaine sich leise, nickt seinem Handlanger zu und nimmt endlich seine Pfoten von meinem Gesicht.

Die beiden verschwinden im Parkplatz-Getümmel und ich atme kräftig ein, als ob ich minutenlang die Luft angehalten hätte.
Fuck – meine Probleme haben sich gerade verschlimmert.


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W H A T   T H E   F U C K ?

Ich habe im ersten Kapitel ja geschrieben, dass ich mich sehr über Feedback freue, aber das macht mich einfach nur sprachlos. Vielen, vielen Dank an kleineelfe, Melli, Mariko Yamada, liesl, Rici, Ally, Sara, Cat und natürlich die fabelhafte Miss Impression!

Sollte der eine oder andere es verpasst haben – unbedingt bei Invisible von der lieben Tanja vorbei schauen! Nevan ist ein absolutes Zuckerstück welches man einfach abschlecken möchte ^^ (viel Spaß mit dem Bild in eurem Kopf).

Wie immer ist euer Feedback mehr als erwünscht! Besonders da ihr den guten Diego auf eine andere Art kennen lernen durftet.

Es freut uns tierisch, dass ihr genauso Spaß an dem Projekt habt wie wir!

Eure CK ♥
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