Game of Hazard

GeschichteDrama, Romanze / P18
06.11.2018
02.07.2019
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Madness, as you know, is like gravity. All it takes is a little push.

- The Joker (The Dark Knight) -







K A P I T E L   E I N S


„Ich bleibe nur ein paar Tage, maximal eine Woche“, versichere ich meinem Bruder zum gefühlt hundertsten Mal und schleife meine Reisetasche die Treppenstufen nach oben. Vier Stockwerke ohne Fahrstuhl – für den Zeitraum meines Aufenthalts kann ich mir das Fitnessstudio sparen.
„Mach dir keine Gedanken, Nika. Henry kommt erst in drei Wochen wieder und bis dahin kannst du sein Zimmer haben.“ Mit erstaunlicher Leichtigkeit trägt Robbie einen Umzugskarton mit meinen wichtigsten Habseligkeiten nach oben. Alles Dinge, die ich auf gar keinen Fall im Studentenwohnheim lassen wollte.
„Und er hat sicher nichts dagegen?“, frage ich nach und bleibe schnaufend vor der Wohnungstür stehen.
„Absolut nicht. Er hat mich sogar ein paar Mal gebeten, dass ich ein paar Fotos von dir beim Schlafen schieße.“
Ich schüttle mich bei dem Gedanken. Henry ist einer der nettesten Jungs, die ich kenne. Das Objekt seiner Fantasien möchte ich trotzdem nicht sein.
„Größere Sorgen mache ich mir allerdings um dich und Sixten.“
Der Name seines zweiten Mitbewohners löst eine Gänsehaut aus. Sixten Hendricks – es gibt viele Eigenschaften, die den dunkelhaarigen Mädchenschwarm beschreiben, aber die wenigsten davon sind positiv.
„Wieso denn?“, frage ich, als ob ich nicht wüsste, was gemeint wäre.
„Tu doch nicht so“, entgegnet Robbie lachend. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr beide euch an die Gurgel geht, liegt schätzungsweise bei einer Million Prozent.“
Abwehrend verschränke ich die Arme vor der Brust, während Robbie seinen Schlüsselbund aus der Jackentasche zieht und aufschließt.
„Im Gegensatz zu ihm kann ich mich benehmen“, murre ich und folge meinem Bruder in die Wohnung.
Mein fleischgewordener Albtraum steht bereits im Flur, als könne er es gar nicht abwarten, mich persönlich zu begrüßen.
„Schade, ich hatte die leise Hoffnung, dass du den Giftzwerg unterwegs ausgesetzt hast.“ Seine monotone Stimmlage schafft es innerhalb von Sekunden, mich aggressiv zu machen. Als hätte er ein einen siebten Sinn dafür, wie man mich am schnellsten auf die Palme bringt.
„Hallo, Sixten, solltest du nicht mit dem Kopf zwischen den Beinen einer Blondine sein, deren IQ gerade so im zweistelligen Bereich ist?“, erwidere ich mit einem künstlichen Lächeln und lasse die Reisetasche auf den Boden fallen.
Robbie verdreht genervt die Augen und trägt den Karton in „mein“ Zimmer.
„Ich bin mir sicher, dass zwischen deinen Beinen schon lange keiner mehr gewesen ist, Herzchen.“
Ich fange bereits an, meinen Aufenthalt hier zu bereuen. Die einzige Alternative – unter der Brücke schlafen – klingt momentan geradezu verlockend.
„Da dürfen nur Menschen mit Niveau hin, Vollidioten wie du ausgeschlossen“, sage ich und quetsche mich an ihm vorbei, um zu meinem Bruder zu kommen.
„Schafft ihr beide es eigentlich, euch fünf Minuten im selben Raum aufzuhalten, ohne aufeinander loszugehen?“, fragt Robbie und sieht zwischen mir und Sixten, der mir still gefolgt ist, hin und her.
„Wir begrüßen uns nur“, erkläre ich schulterzuckend und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Egal wie sehr Sixten mir manchmal auf die Nerven geht, die Auseinandersetzungen mit ihm machen auf eine merkwürdige Art und Weise Spaß.
„Wie ihr meint. Das Bett ist frisch bezogen, fühl dich wie zu Hause.“ Ganz der große Bruder drückt er mir einen Kuss auf den Kopf und geht ins Wohnzimmer.
Seufzend drehe ich mich um, um meine Tasche aus dem Flur zu holen, aber bevor ich das Zimmer verlassen kann, wird die Tür von Sixten und seinem tätowierten Arm blockiert. Genervt sehe ich ihm in seine stahlgrauen Augen und lasse mir nicht anmerken, wie sehr mich dieses Muskelspiel fasziniert. Dieser Mann verbringt schätzungsweise sein halbes Leben im Fitnessstudio – was soll man da erwarten?
„Ich denke, es wird Zeit, dass ich dir die Regeln erkläre.“
Habe ich mich gerade verhört?
„Die Regeln?“, frage ich nach und er nickt mit einem selbstgefälligen Lächeln.
„Zivilisierte Menschen stellen gerne Regeln auf, um das Zusammenleben miteinander zu erleichtern“, erklärt er, als würde er mit einem Kleinkind sprechen, und ich schnalze als Reaktion darauf mit der Zunge. „Erstens: Ohne Kaffee brauchst du mich nicht anzusprechen. Zweitens: Ich will niemals sehen, dass du hier drinnen rauchst. Und drittens: Niemanden interessiert dein Privatleben, also ist Besuch während deines Aufenthalts hier absolut tabu.“
Ich lasse mir seine Worte durch den Kopf gehen und schnaube ungläubig.
„Ich wusste gar nicht, dass Robbie mit einem Diktator zusammenlebt“, necke ich ihn und Sixten nimmt endlich den Arm herunter, um mich vorbeigehen zu lassen.
„Benimm dich, Veronika, dann bekommen wir keine Probleme.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, dreht er sich um und verschwindet in seinem Zimmer.
Fassungslos stehe ich im Türrahmen und versuche die Wut, die explosionsartig in meinem Inneren aufkocht, zu unterdrücken. Meinen vollen Vornamen zu benutzen ist ein absolutes No-Go!

Robbie amüsiert sich prächtig, als ich ihm von Sixtens völlig überzogenen Regeln erzähle.
„Man muss dazu sagen“, sagt er und beißt ein Stück seiner Pizza ab, die wir uns eben beim Italiener um die Ecke geholt haben, „dass Sixten regelmäßig gegen jede einzelne seiner Regeln verstößt. Er veranstaltet Shisha-Partys im Wohnzimmer, trinkt ständig den Kaffee leer und hier herrscht generell ein Durchgangsverkehr wie in einem Bahnhof.“
Ich gönne mir ein Schluck eisgekühlten Biers.
„Doppelmoral“, brumme ich und verdrehe die Augen.
„Er kommt nur nicht darauf klar, dass jetzt ein Mädchen hier wohnt“, erklärt er schulterzuckend.
„Als ob ich absichtlich ein Loch in die Wasserleitung des Studentenwohnheims gebohrt hätte, nur um auf seine reizende Gastfreundschaft angewiesen zu sein“, erwidere ich sarkastisch.
„Lass dich nicht von ihm provozieren, Nika.“ Robbie lehnt sich zurück und hält sich rülpsend den vollen Bauch.
„Was soll das denn heißen?“ Skeptisch hebe ich eine Augenbraue und fühle mich aus unerfindlichen Gründen angegriffen.
„Schwesterherz, ich weiß, dass du es liebst, dich zu streiten und selbst auf die kleinste Provokation eingehen wirst. Sollen wir eine Wette abschließen, wie lange du es schaffst, ruhig zu bleiben?“ Er lacht leise und ich trete ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein.
Aber wem mache ich was vor? Es wird eine sehr lange Woche für mich werden.

-

Meine erste Nacht in Henrys Zimmer ist erstaunlich erholsam. Das frisch bezogene Bett riecht nach Kirschblüten und Robbie hat mir sogar einen Luftbefeuchter auf den Nachttisch gestellt. Als mein Wecker um acht Uhr klingelt, ist meine Wut über Sixtens bescheuerte Regeln fast vergessen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine Unterhaltung der Jungs aus dem Flur an mein Ohr dringt.
„Welpenschutz?“, fragt Sixten überaus skeptisch.
„Ich bitte dich nur, etwas netter zu Nika zu sein, Bro. Sie hat es momentan wirklich nicht leicht“, erwidert mein Bruder und ich schnaube.
Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts, Bruderherz.
„Und bitte, bitte, bitte versuche nicht, sie anzugraben“, setzt Robbie nach und sein bester Freund lacht schallend.
„Nichts für ungut, aber deine Schwester ist nicht einmal ansatzweise so attraktiv, wie sie es sich einbildet, und darüber hinaus auch überhaupt nicht mein Typ.“

Ich widerstehe der Versuchung, meinen Kopf gegen die angelehnte Tür zu schlagen. Wow, Sixten, ein getroffener Hund bellt, oder was?
„Ich werde versuchen, ihr das Leben nicht noch schwerer zu machen. Aber ich kann dir nichts versprechen.“
„Gib dir Mühe“, bittet Robbie und einen Moment später hört man das Zuschlagen der Wohnungstür.
Ich schlüpfe aus dem Bett und werfe einen Blick in den Spiegel. Meine Haare sind etwas verstrubbelt und mein Outfit besteht aus Stoffshorts, die während des Schlafens etwas nach oben gerutscht sind, sowie einem bequemen Bralette. Im Gehen schnappe ich mir meine Zigarettenschachtel samt Zippo von der Kommode und verstaue sie auf dem Weg in die Küche in meiner Tasche.
„Guten Morgen“, begrüße ich meinen neuen Mitbewohner fröhlich.
„Morgen“, grummelt Sixten und wirft einen auffällig langen Blick auf mein Outfit, welches ihn nicht kalt zu lassen scheint. Sein süffisantes Lächeln verrät ihn.
Übertrieben aufreizend strecke ich mich, um eine Tasse aus dem Hängeschrank zu holen, und spüre seinen Blick auf meinem Hinterteil, als ich mir einen Kaffee einschenke. Männer sind so einfach gestrickt.
„Weißt du“, ich schütte unauffällig die frisch aufgebrühte Kanne in den Abfluss, „ich bin euch Jungs wirklich dankbar, dass ihr mich aufgenommen habt. Ein Hotel wäre unbezahlbar gewesen.“ Ich lehne mich mit dem Rücken gegen den Kühlschrank, während Sixten absolut teilnahmslos in seine Zeitung vertieft zu sein scheint. „Wirklich dankbar“, wiederhole ich murmelnd und zünde mir eine Zigarette an.
Das Klicken des Zippos lässt seinen Lesestoff sofort zur Nebensache werden. Er fixiert mich mit seinen grauen Augen. Wenn Blicke töten könnten.
„Willst du mich verarschen?“, fragt er gefährlich leise.
„Oh, entschuldige.“ Ich blase genüsslich den Rauch aus meinen Lungen und zeige mein bestes, künstliches Lächeln. „Das hatte ich ganz vergessen“, rechtfertige ich mich und lösche meine Kippe unter dem tropfenden Wasserhahn.

Sixten beißt augenscheinlich so heftig die Zähne aufeinander, dass sein kompletter Kiefer angespannt ist. Er hat meinem Bruder noch vor wenigen Minuten versichert, dass er sich Mühe geben wird, freundlich zu mir zu sein. Zum jetzigen Zeitpunkt würde er mir wohl am liebsten den Hals umdrehen.
„Danke für den Kaffee.“ Ich verlasse hüftschwingend den Raum und höre lediglich einen wütenden Aufschrei, als Sixten die leere Kanne bemerkt.

Eins zu null für mich, Arschloch.
Erstaunlicherweise folgt Sixten mir nicht und ich kann in Ruhe meine Sachen für die Uni packen. Irgendwann verlässt er ohne ein Wort in meine Richtung die Wohnung und ich kann mir endlich meine langersehnte heiße Dusche gönnen. Minutenlang stehe ich wie ein kleines Mädchen in der Ecke der Kabine und warte bis sich Dampf bildet, aber das Wasser bleibt kalt und meine Laune sinkt in den Keller. Jemand hat den Boiler bis zum letzten Tropfen ausgereizt und mir bleibt nichts anderes übrig, als in einem Regenschauer aus Eiswürfeln zu duschen.

Stinksauer steige ich eine halbe Stunde später in mein Auto und fahre – einige Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreitend – zur Uni. Auf meinem Lieblingsparkplatz, einem schattigen Plätzchen in der Nähe der Kantine, steht natürlich kein anderes Auto als Sixtens Geländewagen.
„Du elender Scheißkerl“, nuschle ich wütend und balle die Hände zu Fäusten.
„Hallo, Nika“, grüßt mich Anastasia, eine Kommilitonin mit der ich gerne meine Mittagspausen verbringe.
„Hast du Hendricks gesehen?“, frage ich sie erbost, und lasse meine sonst tadellosen Höflichkeitsformen außer acht.
„Sixten? Ja, er ist in der Kantine mit –“

Ich drehe mich auf dem Absatz um und laufe zum gelb gestrichenen Gebäude, ohne auf weitere Erläuterungen zu warten. In der hintersten Ecke hat er sich mit seiner Gefolgschaft bestehend aus zwei Studenten, die ähnlich breit gebaut sind wie er, und Trish, der Universitätsmatratze, bequem gemacht.
„Guten Morgen, Sonnenschein.“ Er begrüßt mich mit einem Grinsen, das ich ihm am liebsten aus dem Gesicht schlagen würde.

„Siehst du das?“, fauche ich und deute auf meine Haare, die sich dank der Blitzdusche und ohne die gewohnte Haarspülung nun leicht wellen.
„Hast du etwas mit deiner Frisur gemacht? Steht dir gut.“

Trish hebt fragend eine Augenbraue, weil sie vermutlich noch nicht gecheckt hat, dass seine Aussagen sarkastisch gemeint sind. Ich hätte nicht wenig Lust, ihm dafür vor versammelter Mannschaft eine Ohrfeige zu verpassen. Er muss einen siebten Sinn dafür haben.
„Es geht mir am Allerwertesten vorbei, was du heute morgen mit Robbie besprochen hast“, erkläre ich ihm leise und deutlich. „Wenn du Krieg willst, kannst du Krieg haben.“

„Ich möchte doch keinen Krieg mit dir, Herzchen. Wir können uns doch bestimmt verhalten wie zivilisierte Menschen, die die Regeln und Grenzen des anderen akzeptieren“, erwidert er mit seinem typischen Psychogerede und bringt mich damit nur dazu, innerlich bis fünf zu zählen und tief durchzuatmen. „Glaubst du, wir bekommen das hin?“
Sekunden verstreichen und meine rechte Hand zittert gefährlich. Aber statt ihm diesen Triumph zu gönnen, präsentiere ich ihm mein fieses Joker-Gesicht und zeige ihm den Mittelfinger.
„Leck mich, Sixten“, säusle ich und verlasse mit wehendem Haar die Kantine.




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Herzlich Willkommen liebe Lesebegeisterten und Fan-Fiktion-Verrückte bei Game of Hazard!

Ich freue mich über jeden einzelnen Leser! Egal ob neu auf meinem Profil, über CGYT auf den Geschmack gekommen oder von fleißiger Schleichwerbung (Grüße gehen raus) beeinflusst.
Schön, dass du Teil dieser Geschichte sein möchtest.

Game of Hazard ist eine „Kurzgeschichte“ mit ca. 15 Kapiteln und beinhaltet einige, kleine Specials.
Liebesbriefe und Fanpost sind zu versenden an Miss Impression aka 'die unglaublich talentierte Tanja', die mich als Beta und Mittäterin begleitet. Um die Specials in vollem Zuge genießen zu können, seid ihr herzlich dazu eingeladen Invisible zu besuchen.

Lange Rede, kurzer Sinn – am 21.11.2018 geht’s mit dem zweiten Kapitel weiter, aber ihr seid nicht gezwungen solange zu warten sondern dürft gerne am 14.11.2018 bei Miss Impression vorbei schauen.

Feedback, Reviews, Mails, Liebe, Kritik, neue und bekannte Gesichter sind sehr erwünscht!

Eure CK ♥
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