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both benediction and malediction

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Cedric OC (Own Character)
06.11.2018
06.11.2018
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Es war ein recht ruhiger Tag für Orube gewesen. Wie seit ein paar Jahren gab sie Unterricht für eine jüngere Generation und sie hatte Spaß daran. Zu sehen, wie sie heran wuchsen, wie sie lernten, wie sie weiser wurden, wie sie besser wurden... das bereitete ihr eine immense Freude.

»Tarlon! Dreh' dich mehr beim Schlag mit. Du musst dich voll und ganz in die Bewegung hinein versetzen, aber verliere nicht die Verbindung zum Boden, sonst kann dein Gegner dein Ungleichgewicht ausnutzen und zu Boden befördern, wie Karra es eben getan hat«, belehrte sie den Jungen, der nun mit leicht verzerrtem Gesicht auf dem Boden landete und sich dann eine Stelle seines Rücken rieb.

»Autsch... «, murmelte er und ließ sich von Karra aufhelfen, während die anderen Schüler im Kreis um sie herum saßen, ihnen jedoch genug Platz zum Kämpfen gewährten.

Sie sah das dunkelhaarige Mädchen mit den dunklen Augen an. »Das war ein Paradebeispiel, gut gemacht«, meinte sie und das Kind lächelte ihr breit zu, ehe sie eine Verbeugung als Dank andeutete. Dann drehte sie sich zu Tarlon, der mittlerweile ebenfalls stand. Als sie beide sich gegenüber standen, verbeugten sie sich voreinander und der Lehrkampf war damit beendet.

»Für heute sind wir fertig. Hat noch jemand Fragen?«, hakte sie nach und sah in die Runde rein. Die meisten schüttelten den Kopf, bis auf zwei, die sich schnell anblickten, jedoch still blieben. Natürlich bemerkte sie es.

»Khir-la, Sharron, was gibt es?«, fragte sie die beiden Jungen und sah, wie sie beide einmal schluckten, bevor Sharron, der Mutigere von den beiden Freunden, das Wort erhob: »Miss Orube, das hat nichts mit dem Unterricht zu tun, aber wir haben uns gefragt... wir wissen, dass Sie nicht verheiratet sind, aber waren Sie jemals verliebt? Es gab niemals ein Anzeichen für jemanden an ihrer Seite und wir sind neugierig.« Er sah furchtbar beschämt aus, als wenn er es selbst nicht ganz fassen konnte, dass er das wirklich gefragt hatte.

Sie wusste nicht genau, was sie sagen sollte. Sie dachte an Cedric, an sein langes Haar, an seine blauen Augen, sein trockener Humor, seine Vorliebe für alte, staubige Bücher... »Was möchtet ihr wissen?«, fragte sie mit seltsam sanfter Stimme und ein melancholischer Blick trat in ihre goldenen Augen.

Khir-la biss sich auf die Lippe. »Also... waren Sie verliebt?«, kam es von ihm und seine Stimme wurde höher. Ihre Mundwinkel zuckten, als sie nickte. »Das war ich. Und ich weiß bis heute nicht, ob ich es als Segen oder als Fluch sehen soll«, murmelte sie und seufzte.

»Hat er Ihnen das Herz gebrochen?«, kam es kleinlaut von Karra und sie sah so traurig für Orube aus, dass es ihr einen Stich gab.

»So sehr man ein Herz brechen kann, wenn man sich für den anderen opfert, damit er lebt«, gestand die Ältere und sah noch rechtzeitig die betroffenen Blicke ihrer Schüler, als diese ein »Oh...« wisperten. Gemurmel erhob sich in den Reihen und wieder erhob Sharron das Wort. »Wie war er so?«

»Er war...«, sie lachte leicht auf. »Er war ständig schlecht gelaunt, ein Krimineller auf Bewährung und er war—«

»Er war ein Verbrecher?!«, kam es von mehreren der Kinder gleichzeitig. Das Gemurmel wurde lauter und etwas irritiert erhob sie ihre Hand und es wurde wieder still.
»Lasst mich ausreden. Ja, er wurde als Verbrecher verurteilt, aber das Orakel höchstpersönlich hat ihm eine zweite Chance gegeben. Er kommt ursprünglich aus Meridian und wurde auf die Erde gesandt, wo die Wächterinnen lebten, damit diese ein Auge auf ihn haben konnten. Aber durch Zufall kam es dann, dass ich immer mehr auf ihn aufpasste, zumal eine neue Gefahr lauerte. Er war so wütend auf die ganze Welt, aber ich glaube, am meisten hat er es gehasst vollkommen machtlos zu sein, denn er wurde seiner Kräfte beraubt, bevor er dort eintraf. Das war sein größter Fehler. Dieses Streben nach Macht und plötzlich musste er ein ganz normaler Sterblicher sein, was ihm zuwider war.«

»Er klingt nicht gerade nach jemanden, in den man sich verlieben kann, wieso waren Sie es dann?«, fragte eines der Kinder verwirrt und sie ließ noch einmal gedanklich Revue passieren, was sie gesagt hatte und ja, das Kind hatte Recht. Wenn jemand anderes ihr diese Beschreibung von einer Person gegeben hätte, dann wäre es für sie ebenfalls unverständlich, was an diesem Wesen so toll war.

»Er war auch auf subtile Art und Weise gütig. Er hat mich nie verurteilt, dass ich seine Wärterin in diesem Gefängnis war, nie auch nur ein schlechtes Wort über mich gesagt — über alle anderen? Gewiss, aber niemals zu mir und ich habe ihn oft genug gereizt mit unseren Diskussionen und Streitigkeiten. Wenn er dachte, dass ich nicht hingucke, dann war er nett, er hat mich nicht einfach hängen gelassen, selbst wenn er es wahrscheinlich wirklich wollte. Er hat mich auch mit meinen wirklichen Namen angesprochen und wir haben Trost in dem Gedanken gefunden, dass wir beide Aliens dort waren.«

»Warum hätte er Sie nicht mit Ihren echten Namen ansprechen sollen?«, wollte Karra von ihr wissen und Orube stellte fest, dass sie die volle Aufmerksamkeit der Kinder hatte, was normalerweise wirklich schwer war zu erlangen.

»Ich hatte einen Decknamen. Die Menschen wollen für jede Person eine Erklärung haben, wo kommt sie her, sonst werden sie schnell misstrauisch. Er konnte seinen Namen behalten, weshalb ich manchmal wirklich neidisch war«, lachte sie kurz auf und dachte zurück.

»Oh, was war Ihr Name und wie hieß er?!«, meinten Sharron und Khir-la aufgeregt und sahen ungeduldig drein. »Mein Deckname dort war Rebecca Rudolph und er hieß... Cedric.«

»Hat er gelacht? Meine Mama sagt immer, dass man niemanden trauen kann, der nicht lacht!«

»Natürlich hat er gelacht, auch wenn es bei ihm immer so erschien, als wenn er davon selbst überrascht war, sein Lachen war... es war...«, und sie stutzte in ihrer Erzählung, denn sie versuchte sich zu erinnern, wie sein Lachen klang. War es hoch oder tief oder was war daran so besonders? Sie wusste noch ganz genau, dass sie jeden einzelnen Moment davon geliebt hatte, aber... sie konnte sich nicht mehr erinnern. Sie konnte sich an seine tiefgründigen blauen Augen erinnern, an sein schmales Lächeln, sein selten sanfter Blick, an sein langes, blondes Haar, aber nicht an sein Lachen... oder seine Stimme.

Ihr Hals wurde eng, als ihr das bewusst wurde. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wieso—?

»Miss Orube, warum weinen Sie?!«, kam es entrüstet von ihren Schülern und die Dunkelhaarige hob eine Hand an ihre Wange und tatsächlich. Sie war nass. Fassungslos starrte sie die verräterische Flüssigkeit an ihren Fingerspitzen an und mit Schmerz in ihren Augen blickte sie zu den Kinder.

»Wir sehen uns morgen«, wisperte sie mit brüchiger Stimme und eilte aus dem großen Raum, das aufgeregte, als auch erstaunte Raunen und Wispern der Kinder hinter sich lassend.

Sie machte sich keine Sorgen, sie würden alle alleine nach Hause finden oder abgeholt werden. Sie hingegen schaffte es nicht nach Hause, sie konnte nicht. Stattdessen führten ihre Beine sie blind in den Wald, so lange, bis sie einfach zu Boden fiel, um ihren ganzen Schmerz hinaus zu schreien. Bis auf die Vögel, die aufgeschreckt wurden, hörte sie keiner.

Sie bedauerte seinen Tod, dass er nie eine Chance hatte zu zeigen, dass er sich vielleicht doch geändert hatte und dachte zurück an alle Kleinigkeiten an ihm, an die sie sich nicht mehr so genau erinnern konnte, denn die Erinnerungen verschwammen täglich etwas mehr und sie hasste diesen Umstand, verfluchte ihn und sie stellte fest, dass sie Recht hatte mit der Aussage, dass sie nicht wusste, ob ihre Liebe zu ihm ein Fluch oder ein Segen war.

Jetzt jedoch weinte sie wieder, als wenn es alles gestern geschehen wäre, trauerte wieder wie vorher um ihn.
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