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Am Lagerfeuer

KurzgeschichteAngst, Tragödie / P12 / Gen
OC (Own Character)
05.11.2018
05.11.2018
1
1.998
 
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Helga war hautnah dabei gewesen, als die Welt untergegangen war.
Nun gut, untergegangen schien ihr übertrieben, immerhin gab es Dere noch. Gareth stand unterschütterlich und uneinnehmbar; die Praiosscheibe zog ihre Runden, die Jahreszeiten gingen ins Land wie all die Jahrhunderte zuvor und dennoch.
Mit drei blutigen Opfern und gleißendem Licht hatte sich Aventurien verändert. Abnormitäten, groteske Wesen mit weißem Fell und unzähligen Augen hatten sich gleich einer Plage über das Land verteilt; Menschen mit plötzlich auftauchender Wut hatten Städte zerstört und eine tiefe Furche hinterlassen, die niemand hatte füllen können. Alles ein Werk des großen Weißen. Einem Dämon? einem Magier? einem Gott? aus lang vergessener Zeit, der erneut gerufen worden war. Es hatte drei Opfer bedurft, Blut vom Glauben, Blut vom Tod und Blut vom Leben.
Unbewusst wanderte ihre Hand zu ihrem geheilten Hals. Eine dünne weiße Linie, meist kaum sichtbar, erinnerte sie daran, wie sie ihr Leben verloren hatte und dennoch …
Der Blick aus den dunklen Augen verlor sich in den Flammen des Lagerfeuers, ein Schwert für den Kampf bereit neben sich gelegt, die Beine verschränkt gleich einer Statue, die auf nichts anderes mehr wartete, als auf den unausweichlichen Konflikt.

Helga hatte noch immer nicht gänzlich verstanden, wie sie überlebt hatte. Warnert war durch einen Stich durch‘s Herz gestorben. Und neben ihr außerhalb der Höhle erwacht. Und sie war geköpft worden und im Wald hoch geschreckt. Und Thorm. Etwas in ihrem Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen bei den Gedanken an ihren alten Kameraden. Die Hand, welche zuvor noch über die Narbe geglitten war, fiel ihr in den Schoß und binnen eines Wimpernschlages befand sich der rundgeschliffene weiße Stein in ihren Händen, dessen Existenz sie sich ebenso wenig erklären konnte, wie ihre eigene. Sie war mit diesem seltsamen Artefakt zwischen den noch kalten Fingern erwacht und seit diesem verhängnisvollen Tag vor fünf Jahren war sie nicht klüger geworden. Sie wusste, dass nur sie diesen Stein tragen konnte. Sie wusste, dass sie ihn auftauchen und verschwinden lassen konnte, wie es ihr beliebte. Sie ahnte, dass sie die Gegenwart von anderen wahrnehmen konnte, sollte sie sich nur lange genug auf den kühlen Gegenstand konzentrieren.
Sie hatte an ihren Vater gedacht und diesen in der alten Taverne gesehen. Sie hatte an ihre Brüder gedacht, und diese beobachten können. Und sie hatte an Thorm gedacht und nichts gesehen. Nur gleißendes, weißes Licht und Nichts.
Die Bilder hatten sich seit damals verändert. Ihr Vater verloren irgendwo in einer ihr unbekannten Stadt. Ihr Brüder kaum mehr als Gebeine im zerstörten Ferdok. Nur Thorm war gleich geblieben. Und Helga wusste nicht, ob sie dies hoffnungsvoll oder verloren stimmen sollte. Tod sah anders aus. Tod fühlte sich anders an. Und dennoch schien der Geweihte verloren und sie war hier und er fort und … Der Stein verschwand zwischen ihrer geschlossenen Faust und ihre Fingernägel vergruben sich in der schwieligen Innenfläche ihrer Hand. Sie durfte nicht allzu lange darüber nachdenken. Sonst war sie verloren zwischen schönen Erinnerungen an ihre Kindheit und Schuldgefühlen und keines davon konnte sie sich momentan erlauben. Nicht hier auf der Reise. Nicht während diese noch immer halb fremde Elfe neben ihr das Lager aufschlug und dabei beruhigend summte.

Kritisch wanderte der Blick der selbst ernannten Schurkin zu ihrer neuen Gefährtin und sie konnte nicht umhin, Abneigung zu verspüren. Nicht weil Alena tatsächlich eine schlechte Reisegenossin war. Um ehrlich zu sein, tat sie Helga teilweise leid. Immerhin war sie auf der Suche nach einem Heilmittel gegen diese Wut in den Menschen und Elfen auf jemanden gestoßen, der kaum verschiedener hätte sein können. Aber sie war nun einmal nicht Warnert und sie war schon gar nicht Thorm und dies konnte Helga ihr kaum verzeihen.
Doch wenigstens hatte Alena ein Ziel. Die Elfe hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese Krankheit – diese Wut – zu bändigen und anderen zu helfen und sich dafür in Gefahr zu begeben. Helga war schlichtweg hier, weil sie nicht wusste wohin. Alles was sie kannte, war fort. Oder tot.
„Du scheinst in Gedanken versunken“, bemerkte die hochgewachsene Heilerin und machte sich daran, sich neben Helga am Lagerfeuer niederzulassen und gerade so konnte sie sich davon abhalten, abfällig zu schnauben. Natürlich hatte man ihren Blick bemerkt. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie nichts vor den klaren Augen Alena‘s verbergen konnte, auch wenn sie sich noch so viel Mühe gab. Die Elfe wusste zwar nie genau, was los war, aber sie hatte es immer im Gefühl, wenn Helga verstimmt war. Auch wenn diese nur Ausrede nach Ausrede hervorbrachte oder aber die Herkunft der Gefährtin ins Lächerliche zog.
Darin war sie schon immer gut gewesen. Sich aus unangenehmen Gesprächen herauszureden. Und sich über andere lustig zu machen. Über die anderen Diebe in Fuhrmannsheim, über ihre Brüder und ihre alten Gefährten. Alena schien jedoch die einzige zu sein, die darauf nie anzuspringen schien.
„Ich hab nur darüber nachgedacht, warum du hier bist.“
„Ich?“, fragte Alena erstaunt zurück und blinzelte im flackernden Licht des Feuers einige Male.
„Du hast ein Ziel, oder? Du willst deiner Sippe helfen und du willst ein Heilmittel und ich … ich will einfach nur nach Hause.“ Mit Mühe schaffte es die junge Frau ihre Stimme davon abzuhalten zu brechen. Nicht vor Alena. Nicht vor anderen. Oder am besten nie. Und auch wenn sie aufhören wollte, zu sprechen, schien ihr Herz andere Pläne zu haben: „Ich will zurück zu meinem Vater. Und meinen Brüdern und nach Ferdok. Ich will endlich aufwachen.“ Um die Tränen zurückzuhalten, presste Helga sich die geballten Fäuste gegen die Augen und atmete einige Male die Nachtluft ein. „Ich will Thorm davon abhalten, in diese dumme Höhle zu gehen.“
Als sie die Augen öffnete, war ihre Begleitung still und sah in die Flammen hinein. Ihre schlanken Finger spielten mit dem Saum ihres Gewandtes, stumm und überlegend und Helga hasste die Stille. Da wünschte sie sich einmal, dass Alena etwas sagte, irgendetwas, und sie wurde mit Schweigen bestraft.
„Du sprichst nie von damals. Bevor ich dich fand“, kam schließlich ruhig von der dunkelhaarigen Elfe und ein trostloses Lachen entfuhr der Ferdokerin. „Es gibt auch kaum etwas zu erzählen, oder? Ich wach auf und erfahre plötzlich, dass alles den Bach herunter gegangen ist und dass nichts mehr so ist, wie es war. Ferdok ist nicht mehr. Diese Anhänger des Weißen befinden sich überall und sind dabei, Städte einzureißen und ich kann absolut nichts dagegen tun. Ich sollte nicht hier sein.“
Mit einem tiefen Seufzen erschien der helle Stein erneut in ihrer Hand, fing das Licht des Lagerfeuers ein und schien Helga mit seiner Unberührtheit zu verspotten.
„Ich hab diesen Stein bekommen, nachdem man mir den Kopf abgeschlagen hat. Und eigentlich sollte er nicht mir gehören. Ich weiß nichts damit anzufangen, außer nach meiner Familie zu suchen. Ich hatte die Gelegenheit, dass die Hesinde Geweihten sich um ihn kümmern und ich war zu eigennützig, um ihn her zu geben. Thorm hätte ihn abgegeben. Thorm hätte das richtige gewusst und er ist nicht da und es ist ungerecht. Alles ist ungerecht und ich versteh nicht, wie es dazu kam und warum ich hier bin und warum er nicht.“ ‚mehr bei mir ist‘ wäre ihr beinahe herausgerutscht, doch sie verschluckte die Worte und das Schluchzen, das ihr entkommen wäre. Ihr Blick füllte sie mit seit Monaten ungeweinten Tränen, mit Schuldgefühlen und Angst und binnen weniger Sekunden schien Helga mehr nach ihrem Alter auszusehen, als sie es jemals getan hatte.

Dank der Schwerter an ihrer Hüfte und einer gewissen Rücksichtslosigkeit, die man sich in Fuhrmannsheim aneignete, konnte man leicht vergessen, dass Helga noch immer fünfzehn Winter alt war. Mit fünfzehn Jahren war sie in die Höhle gegangen und mit fünfzehn Jahren als Dachs wieder erwacht. Die Zeit war für sie stehen geblieben und beinah hasste Helga sich dafür.
„Mir wäre es lieber, ich wäre im Kampf gestorben, als durch seine Abwesenheit zu leben“, murmelte sie in die Stille hinein und zog ihre Knie weit unter ihr Kinn.
„Sag so etwas nicht...“, begann Alena, doch die Halbelfe schnitt ihr das Wort ab.
„Warum nicht? Das Schicksal hat uns vertauscht. Er hätte gewusst, was zu tun wäre und ich lauf ziellos umher mit diesem verdammten Stein, der mir nicht weiterhilft!“ Wut füllte ihre Stimme, während Tränen unbemerkt ihre Wangen benetzten.
„Wir hatten uns darauf geeinigt, dass ich mitkomme, um ihn zu beschützen! Er war immer … bei den Göttern, er war einfach nicht gemacht gewesen für diese Reise. Er hat Gedichte geschrieben und Blumen gezeichnet und das Gute in Menschen gewesen und … ich hab immer darauf gewartet, dass er es durchschaut. Mich durchschaut. Wie sehr ich mich verändert hatte seit unserer Kindheit. Wie weit ich mich von seinem Ideal entfernt hatte. Aber selbst wenn er es geahnt hatte, Thorm hat nie etwas gezeigt. Er hat mich noch immer so angesehen, als hätte ich irgendetwas bewirken können und er hat mich immer davor bewahren wollen, zu weit vom Weg abzukommen. Und ich hatte ihn immer beschützen wollen und am Ende haben wir beide ziemlich versagt. Weil ich immer noch dieselben dummen Entscheidungen mache wie früher und er tot ist. Und ich konnte ihn nicht beerdigen oder etwas von ihm behalten, weil ich einfach verwandelt wurde und ...“ Ihre Atmung schnappte hektisch, ihre Lungen schienen sich mit Nichts zu füllen, während die Ränder ihres Blickfeldes flackerten. Es war ungerecht und ihrer Auffassung nach ein ziemlich großer Fehler von Seiten des Schicksals oder der Götter oder wem auch immer man die Schuld in die Schuhe schieben wollte.
Wie so häufig in den letzten Wochen verkrampfte sich ihr Herz, zog sich zusammen und mit jedem schmerzhaften Schlag schien sie für Thorm und Warnert und sich selbst zu bluten. Und für das, was hätte sein können und fast gewesen wäre. Für all die Momente, die sie hatte verstreichen lassen, im Glauben, dass es noch so viele davon geben könnte. Es war unnütz über verstrichene Momente nach zu denken oder sogar Tränen zu vergießen. Es gab wichtigeres in dem Leben der Halbelfe. Und dennoch hatte sie das Gefühl, dass sie keinem der beiden Gefährten damit gerecht werden würde, wenn sie nicht trauerte. Wie reißende Flüsse hinterließen nun die Tränen Schlieren auf ihren geröteten Wangen, verbanden Sommersprossen mit einander, bis Schmutz und Salz im Schein des Lagerfeuers einem Kunstwerk glichen. Helga konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal geweint hatte. Wann das letzte Mal Trauer in solchem Ausmaßen ihren schlaksigen Körper hatte erbeben lassen.
In einer ungeachteten Ecke ihres Bewusstseins erinnerte sie sich an Alena und was dankbar dafür, dass man sie nicht berührte, sondern sie leiden ließ. Laut und schluchzend und herzzerreißend. Bilder von glücklichen und einfachen Tagen in Ferdok, von Sonnenstrahlen auf ihrer Haut und einem Lachen auf ihren Lippen vermischten sich mit den Erinnerungen an all die Fehlentscheidungen, die sie getroffen hatte und an das Blut, das sie auf ihrer Zunge geschmeckt hatte, wann immer etwas schief gelaufen war.
Sie erinnerte sich daran, wie Thorm im Kampf das Bewusstsein verloren hatte und wie sie ihn danach mit mündlichen Gift besprüht hatte. Wie sie ihm verboten hatte, zu sterben, weil sie diejenige wäre, die seinen Eltern die Nachricht überbringen müsste. Und sie erinnerte sich an den Blick seiner Mutter, als sie hatte zugeben müssen, dass sie ihn nicht hatte beschützen können und versagt hatte.
Wäre es nach Helga gegangen, hätte sie sich für immer auf die kalte Erde unter sich gelegt und wäre eins mit der Natur geworden. Sie hätte sich von Blumen und Ranken überwachsen lassen, wäre eingesunken in das Moos. Doch Alena ließ sie nicht. Erstaunlich starke Arme schlangen sich plötzlich um die Halbwüchsige, gerade in dem Moment, als ihre Tränen zu versiegen schienen, weil es keine Tränen mehr zu vergießen gab. Eine Hand strich mütterlich über ihr strohiges Haar, sanfte Worte wurden ihr zu geflüstert.

Doch Helga hörte nichts mehr, ihr Blick glasig in die Ferne gerichtet, krampften sich ihre Finger um den weißen Stein. Das Weiß vor ihren Augen brach ihr das geschundene Herz und auch als sie stumm nach ihrem Freund und Gefährten rief, antwortete nur Licht und Leere, so wie die unzähligen Jahre davor.
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