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GeschichteAllgemein / P16
OC (Own Charakter)
05.11.2018
10.08.2019
30
47.631
6
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05.11.2018 2.126
 
Kapitel 1


Die Überraschung




Miami, Florida
10. Mai 2030
17:34 Uhr

Die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel und es waren angenehme 25°C, während Miranda Chandler bereits das Abendessen vorbereitete. Ihre zehnjährige Tochter saß derweil gegenüber an dem großen Esstisch aus Mahagoni und malte mit Buntstiften auf Papier. Das Mädchen konnte es kaum abwarten, bis ihr Vater nachhause kam.
Daddy hat eine Überraschung für uns, hatte ihre Mutter ihr gesagt, nachdem sie vor rund einer Stunde mit ihrem Ehemann telefoniert hatte. Seitdem war das Mädchen total aufgeregt und konnte an nichts anderes mehr denken. Die ganze Zeit über rätselte sie in ihrem Kopf, was diese Überraschung wohl sein könnte. Vielleicht Spielsachen für den Pool, Eintrittskarten für einen Freizeitpark oder vielleicht auch sogar ein neuer Hund… Ihre Gedanken standen keine Sekunde still und sie führte beinahe abwesend ihren Stift über das weiße Blatt, bis sie die Stimme ihrer Mutter vernahm.
„Celeste?“
„Ja, Mum?“
„Dein Vater wird bald zuhause sein. Räumst du bitte deine Sachen vom Tisch, damit wir dann essen können?“
„Okay.“, rief sie und schnappte sich ihre Stifte und die Bilder, um sie hoch in ihr Zimmer zu bringen. Oben angekommen, legte sie alles auf ihrem Schreibtisch ab. Als sie Motorengeräusche und das Knallen einer Autotür hörte, eilte sie schließlich neugierig zu ihrem Fenster und sah, wie ihr Dad neben seinem teuren Wagen in der Einfahrt stand. Dann öffnete sich die Beifahrertür und ein förmlich gekleideter junger Mann stieg aus dem Auto, der vielleicht Mitte zwanzig sein mochte. In Celeste’s kindlichen Augen jedenfalls war er einfach erwachsen, wenn nicht sogar schon alt. Mit der Hoffnung einen Blick auf die Überraschung zu erhaschen, drückte sie sich vor lauter Neugier die Nase an der Fensterscheibe platt. Da schaute der Mann mit den dunklen, kurzen, welligen Haaren, wovon einige locker fallende Strähnen seine linke Seite der Stirn bedeckten, zu ihr hoch. Verlegen versteckte sie sich hinter ihren Vorhängen, nachdem sich ihre Blicke trafen.
Wenige Sekunden später ging unten die Haustür auf und für das kleine Mädchen gab es nun kein Halten mehr. Polternd stürmte sie die Treppen herunter zum Foyer und rief dabei freudig nach ihrem Daddy. Sie begrüßte ihn, indem sie ihn um den Bauch umarmte. „Mum sagt, du hast uns eine Überraschung mitgebracht. Was ist es Daddy? Kann ich sie sehen? Hm? Bitte, sag schon!“, sprang sie ungeduldig auf der Stelle und ließ damit ihren kastanienbraunen Pferdeschwanz hoch und runter hüpfen.
„Ganz ruhig meine Kleine.“, sagte er und legte ihr behutsam seine Hände auf die Schultern, damit sie endlich wieder stillstand. „Die Überraschung steht direkt neben dir.“, verkündete er schließlich.
Verwundert drehte sich Celeste in die Richtung des jungen Mannes in dem schwarzen Frack, welcher ihr ein freundliches Lächeln schenkte. Enttäuscht schaute sie zu ihm auf und hinterher wieder zu ihrem Vater. Die zuvor noch lodernde Begeisterung in ihren grünen Augen war dahin. Ungläubig fragte sie: „Das soll die Überraschung sein?“
Eine Überraschung war es allemal, bloß nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Als ihr Dad nichts sagte, blickte sie wiederum zu dem Fremden, der nun langsam zu ihr niederkniete, um sich ihr vorzustellen. Dabei entdeckte Celeste einen blau leuchtenden Kreis an seiner Schläfe, der ihr verriet, dass es sich bei dem Mann um einen Androiden handelte.
„Hallo. Mein Name ist Alister. Verrätst du mir auch wie deiner lautet?“, sagte er mit einem charmanten Lächeln.
Auf der Straße hatte sie schon öfters einen von ihnen gesehen und sich damals gefragt, was es bedeutet, ein Android zu sein. Ihre Mutter erklärte ihr darauf, dass Androiden von Menschen erschaffene Maschinen sind, die den Menschen sehr ähnelten.
„Celeste.“, antwortete sie ihm letztendlich.
„Celeste.“, wiederholte Alister. „Ein schöner Name.“ Doch anstatt sich über das Kompliment zu freuen, sah das kleine Mädchen bloß schmollend in seine haselnussbraunen Augen.
Plötzlich betrat ihre Mutter die Eingangshalle und der Android richtete sich wieder auf.
„Colin, wen hast du da mitgebracht?“, wollte sie wissen. Vor Überraschung sog sie scharf die Luft ein, nachdem sie nähergekommen war und ebenfalls die blaue LED an ihm ausmachte. „Ein Android?“ Ihre Augen weiteten sich vor Freude. „Ich dachte immer, du willst keinen.“
Der Familienvater kratzte sich an seinen kahl rasierten Kopf und musste verschmitzt grinsen. „Stimmt ja eigentlich auch, aber der Kunde, für den ich neulich das Haus fertig gebaut habe, arbeitet bei Cyberlife und er bestand darauf, dass ich ihn als ‘kleine Aufmerksamkeit‘ mit nachhause nehme.“
Miranda bestaunte den Androiden voller Faszination. Im Gegensatz zu ihrer Tochter schien sie überglücklich darüber, was ihr Ehemann ihnen mitgebracht hatte.
Alister nahm eine straffe Haltung an, beugte sich leicht nach vorne über und reichte ihr höflich die Hand. „Wenn ich mich Ihnen vorstellen darf, M’am. Ich heiße Alister und es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.“ Zunächst mochte das alles oberflächlich und einstudiert klingen, doch die Stimme, mit der er sprach war so klar und samtig, dass sie einem wie eine sanfte Brise am Meer durch die Ohren streifte und man gar nicht anders konnte, als Sympathie für ihn zu empfinden.

„Tja, mein Schatz, du wirst ab sofort einiges weniger zu tun haben, was den Haushalt betrifft.“, erzählte Colin Chandler später stolz beim Abendessen. „Laut dem Kerl von Cyberlife, war er ursprünglich für einen reichen alten Mann aus England gedacht. Er hatte vor einigen Jahren seinen 25-jährigen Sohn bei einem Unfall verloren, weshalb er sich einen Androiden bauen ließ, der optisch seinem Kind nachempfunden ist. Kurz nachdem sie ihn fertiggestellt hatten, ist der Mann allerdings an einem Schlaganfall gestorben und sein Entwickler empfand es als eine zu große Verschwendung, den Androiden einfach auf den Schrott zu werfen. Also hat er ihn umprogrammiert und zunächst selbst behalten.“
„Und wieso hat er ihn jetzt an dich abgegeben?“, fragte seine Frau, wobei sie mit der Gabel etwas Gemüse aufspießte.
„Er wollte sich lieber ein neues weibliches Modell zulegen, was wohl den perfekten Partner abgeben soll. Du weißt schon, mehr als eine einfache Haushaltshilfe.“ Colin nahm einen Schluck Wein zu seinem Stück Entrecote und fuhr daraufhin fort: „Jetzt gehört Alister jedenfalls uns und wird uns als Butler so gut wie jede anfallende Arbeit, die wir nicht erledigen wollen übernehmen. Er kocht, hält das Haus sauber und intakt, bewacht es, wäscht die Wäsche und tut was immer man ihm aufträgt. Seine Programmierung sei sehr umfangreich und in der Lage dazuzulernen.“
Während sich ihre Eltern unterhielten, hörte Celeste gar nicht zu und stocherte mürrisch mit der Gabel in ihrem Essen. Alister stand derweil regungslos neben ihrem Vater, der am Tischende saß. Seine Hände hielt er hinter dem Rücken und er starrte einfach geradeaus ins Nichts. Celeste’s Blick war ebenfalls starr, doch er ging nicht ins Leere, sondern haftete fest an dem Androiden mit der schwarzen Fliege am Hals. Ein hellblauer Streifen zierte seinen rechten Oberarm und ein Dreieck der gleichen Farbe befand sich an seiner Kleidung links auf der Brust. Sie musterte ihn kritisch und irgendwie fand sie ihn merkwürdig, so wie er sich verhielt.
„Bleibt er denn jetzt für immer hier?“, platzte es plötzlich aus hier heraus.
Überrascht sah ihr Vater zu ihr auf. „Sicher, Schatz.“, gab er zurück, worauf seine Tochter klirrend ihr Besteck auf den Teller fallen ließ und protestierend die Arme vor der Brust verschränkte.
„Ich will nicht, dass der hierbleibt! Er ist komisch!“
Der Vater zog seine dichten Brauen hoch und versuchte sie zunächst zu besänftigen: „Jetzt hab dich nicht so, du wirst dich schon noch an ihn gewöhnen, das verspreche ich dir. Und jetzt sei artig und iss weiter auf.“
Doch alles was Celeste dem entgegenzusetzen hatte war Trotz. „Ich hab‘ keinen Hunger mehr.“, maulte sie zum Entsetzen ihres Dads, der schon dazu ansetzte, ein Machtwort zu sprechen. Allerdings war ihre Mutter schneller und entschärfte die Situation indem sie sagte: „Schon in Ordnung, Liebling. Du musst nicht alles aufessen, wenn du satt bist.“
Colin bedachte seine Frau mit einem strengen Blick, doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. „Wie wäre es, wenn du hoch gehst und Alister dein Zimmer zeigst, hm? Du könntest ihm dabei ja deine Bilder zeigen.“, schlug sie ihr vor. Eindringlich sah sie Celeste, die ihr direkt gegenüber saß in die Augen und steckte sich eine Strähne ihrer kurzen Haare hinters Ohr. „Dann habt ihr Gelegenheit euch kennenzulernen.“
Der Android hatte seinen Blick inzwischen unauffällig auf die beiden Damen gerichtet und wartete nun gespannt auf eine Antwort. Celeste zog eine beleidigte Schnute, um sich dann einen Augenblick später von ihrem Stuhl zu erheben und in Richtung Treppe zu marschieren. „Kommst du?“, fragte sie schnippisch, als sie an Alister vorbeiging und er folgte ihr wortlos, ohne eine Miene zu verziehen.

Die Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch die violetten Vorhänge und tauchten Celeste’s Zimmer in ein warmes, rosafarbenes Licht. „Da wären wir.“, sagte sie und betrat zusammen mit Alister den Raum, dessen Wände zahlreiche bunte Bilder schmückten. Auf den ersten Blick war es mehr eine Kunstgalerie, als ein Kinderzimmer. Doch der Berg aus Kuscheltieren auf dem Bett, das Puppenhaus auf dem Boden und all die anderen Spielsachen in den Regalen ließen darauf schließen, dass es doch das Zimmer eines kleinen Mädchens war. Celeste ließ ihren Gast stehen, warf sich gelangweilt auf das Bett und spielte Spiele an ihrem Tablet. Der Android sah sich um und betrachtete aufmerksam die Bilder. „Hast du die alle selbst gemalt?“, wollte er herausfinden, doch sie tat einfach so als hätte sie nichts gehört.
„Offensichtlich malst du sehr gerne.“, mutmaßte er und erkundigte sich daraufhin weiter: „Können denn alle Mädchen in deinem Alter so gut malen?“
Seine Bemühungen zu ihr durchzudringen schienen aussichtslos, denn Celeste strafte ihn nur weiter mit Ignoranz. Er war für sie unerwünscht und sie sah ihn als Eindringling. Doch Alister zeigte sich genauso hartnäckig wie sie und beharrte daher weiter auf ihrem Talent. „Mir gefallen deine Bilder. Warum erzählst du mir nicht etwas über sie?“
Celeste seufzte letztendlich und legte resigniert das Tablet zur Seite. „Also.“, begann sie und stellte sich neben den Androiden. „Alles, was du hier sehen kannst, habe ich gemalt und in meiner Klasse bin ich die beste in Kunst und ich male am liebsten mit Wasserfarbe.“
Obwohl sie fast mehr als die Hälfte kleiner war als er, schaute sie so hochmütig zu ihm auf, dass er nur noch so klein war wie eine Amöbe. Sie fragte ihn danach, welches von ihren Kunstwerken ihm am besten gefiel, worauf er sich, höchst erfreut darüber, dass sich das kleine Mädchen ihm gegenüber doch noch geöffnet hatte, umblickte und schließlich auf eine Zeichnung von einem Hundegesicht zeigte.
„Das dort gefällt mir. Der Hund darauf sieht freundlich aus. Hat er einen Namen?“
Celeste ließ traurig ihre Schultern und Mundwinkel hängen. „Das ist Cheddar. Er… Er wurde von einem Auto überfahren.“
Die LED des Androiden blinkte kurz gelb, als er feststellte, dass er mit seiner Frage in einen Fettnapf getreten war und dem Kind Wehmut bereitete. „Oh, das tut mir leid. Sicher vermisst du ihn.“
Die Kleine senkte ihren Blick und schwieg für einen Moment, bis sie ganz unvermittelt zur Wand auf der anderen Seite lief und mit ihrer kleinen, zarten Hand auf ein abstrakter wirkendes Bild deutete. „Wie gefällt dir das hier?“, fragte sie und Alister fand, dass es irgendwie außergewöhnlich im Vergleich zu ihren anderen Bildern sei.
„Das habe ich auch mit Wasserfarbe gemacht. Ich habe ein paar Kleckse rot und blau auf dem Papier verteilt und es dann bei Regen kurz nach draußen gelegt. So sind die lila Farbe und die ganzen lustigen Muster entstanden.“, erklärte sie und strotzte dabei nur so vor Selbstbewusstsein.
„Das ist toll! Ich wünschte, ich könnte auch so etwas wie du.“ Das waren die Worte, mit denen Alister endgültig das Eis zwischen sich und dem Mädchen brach.
„Hast du denn überhaupt schon einmal was gemalt?“ Neugierig und erwartungsvoll zugleich schaute sie ihn an und er überlegte.
„Ich habe es, um ehrlich zu sein noch nie versucht, aber…“ er konnte seinen Satz nicht beenden, da nahm ihn Celeste bereits bei der Hand und zog ihn zu ihrem Schreibtisch. Lachend machte sie ihm Mut: „Es ist ganz einfach! Komm, ich zeige es dir!“
„Wie es aussieht, habt ihr beide euch ja doch noch angefreundet.“ Celeste’s Mutter stand in der Zimmertür und trug ein breites Lächeln auf ihren Lippen. „Es wird Zeit, sich bettfertig zu machen, mein Schatz.“
Ausgerechnet jetzt musste sie auftauchen. „Aber Mum, wir wollten gerade etwas zusammen malen. Darf ich nicht noch ein bisschen aufbleiben? Ich bin noch gar nicht müde.“, beschwerte sich das kleine Mädchen.
Hatte sich ihre Mutter vorhin noch nachsichtig gezeigt, so war es jetzt vorbei damit. „Nichts da, Prinzessin. Morgen ist Schule und du musst früh aufstehen. Ihr könnt das auch auf morgen verschieben, schließlich läuft es euch nicht weg.“
„Na gut.“, gab sich Celeste geschlagen. „Dann gehe ich jetzt Zähne putzen.“, sagte sie und ging hopsend aus ihrem Zimmer.
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