Iasanara - Das Versprechen der letzten Elben

von Iasanara
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
05.11.2018
20.02.2019
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Ist das so!?

Es war still in der Herrscherstadt. Die ersten Sonnenstrahlen hatten die dunklen Dächer der Gebäude noch nicht berührt. Trotzdem schlenderte Dawius in Richtung Übungsplatz. Sein Kopf bewegte sich ruckartig zu den Stellen, von denen ein verräterisches Knistern erklang. Nicht in der Bewegung innehaltend, suchten seine Augen in der Dunkelheit einen der Wächter, der ihn die letzten fünf Sonnenwanderungen wie ein Schatten begleitet hatte. Es wurde zu einem regelrechten Wettkampf zwischen dem General und seinen Aufpassern, ob es ihm gelingen würde sich von ihnen zu entledigen. Bis auf einmal ging er immer als Verlieren hervor.
Eine Bewegung an seiner Linken rief ein enttäuschtes Schnauben aus dem tiefsten seines Bauches herauf. Aber anstelle eines Dämons lief ein hüfthoher verwilderter Antingo über die Straße. Das verdreckte Fell stand in zusammengeklebten Büscheln von dem knochigen Körper ab. Ein wütendes Knurren drang zwischen dem im Maul befindenden Fang und den nach oben gezogenen Lefzen hindurch.
Damit der vierbeinige Draufgänger nicht auf die Idee kam, ihn als Beute vorzuziehen, schlug Dawius mit den Holzstab auf den steinigen Boden. Der Knall ertönte lauter als beabsichtigt durch die Stille. Der Antingo winselte. Mit eingezogenen Schwanz machte er sich aus dem Staub.
Dawius blieb an der Stelle stehen und lauschte in die Dunkelheit. Wenn bis jetzt noch niemand auf der Palastmauer auf ihn aufmerksam geworden war, dann bestimmt nach diesem unüberlegten Tun.

Der Streitmachtführer lehnte sich an den Rahmen des offenen Fensters und blickte über die Wehrmauer zu dem noch im dunkel liegenden Gebirgszug. Es sollte nicht mehr lange dauern, dass der Herrscher von dort zurückkehrte. Die Finger seiner rechten Hand trommelten auf dem angewinkelten Bein. Das sanfte Knirschen, das durch den Sand auf dem Steinboden verursacht wurde, weckte sein Interesse. Jemand ging, bemüht keinen unnötigen Lärm zu verursachen, mit raschen Schritt unter seinem Fenster vorbei. Das silberne Licht des Mondes schimmerte auf dem unverwechselbaren schwarzen Haar. Der Blick des Dämons suchte in der Finsternis den Wächter, der auf den Elfen aufpassen sollte. Vergeblich. Zischend sprang der Streitmachtführer von der Fensterbank und durchquerte sein Gemach. Umgehend schlüpfte er in seine Gewandung, die er unachtsam vor wenigen Schattenzyklen auf den Boden fallen hatte lassen. Ohne auf den Lärm zu achten, schob er den Stuhl zur Seite, unter dem sein Schwertgürtel gelandet war.
»Was ist los?«, hörte er eine verschlafene Stimme aus seiner Schlafstatt. Das feine Tuch raschelte, als sich seine letzte Errungenschaft aufrichtete. Bewusst streckte das zierliche Dämonenmädchen ihre Arme nach oben und gähnte ruchvoll. Die Flamme, der auf dem Tischchen stehende Kerze, schenkte den Umrissen ihrer vollen Brüsten einen verführerischen Anblick.
»Es wird Zeit, dass du gehst. Hier für deine Bemühungen.«
Wie schon bei vielen davor, warf er ihr eine silberne Münze zu. Ihre empörten Worte verwehten ungehört, weil sich die Tür mit einem Poltern hinter den davon eilenden Streitmachtführer schloss.
Wie befürchtet war der General von dem Eingang des Herrschergebäudes nicht mehr zusehen. Sein Blick schweifte hinauf zu dem offenen Fenster seines Gemachs. Sich danach orientierend, wo er den Elfen das letzte Mal gesehen hatte, hielt er sich links. Er zuckte zusammen, als sein rechter bloßer Fuß auf den mit Sand und kleinen Steinen bedeckten Steinboden trat. Still vor sich herfluchend, biss der Streitmachtführer die Zähne fest aufeinander und hoffte, dass er sich an die ihm die Tränen in die Augen treibende Pikser bald gewöhnen würde. Ein bedrohliches Knurren gefolgt von einem Knall erklang nicht weit von ihm entfernt. Im Laufschritt hetzte er im Schatten der Gebäude den Weg entlang. Längst ahnte er, welchen Plan der General bei diesem unerlaubten Ausflug nachkam. Ein Besuch auf dem Übungsplatz. Damit der Elfe ihn nicht bemerkte, spähte der Streitmachtführer um die Ecke.
»Dawius ...«, wisperte der Dämon in den Wind, als wenn die vor ihm befindende Gestalt erst durch den Namen erkennbar wurde.
Der General verharrte mehrere Augenblicke – sein Kopf drehte sich zu den Palastmauern – bevor er den Weg fortsetzte.
Davon ausgehend, dass er das Vorhaben erraten hatte, nahm der Dämon einen anderen Weg.

Ein warmer Windhauch wehte die einzelnen Strähnen, die sich aus dem Band im Nacken gelöst hatten, in Dawius Gesicht. Mit geschlossenen Augen stand der General auf der Anhöhe über den Übungsplatz. Seine Gedanken sprangen von den entführten Elfen, zu den ihnen zur Verfügung gestellten prachtvollen Gemächern, den schmackhaft Speisen, bis hin zu dem Streitmachtführer, den er, seit ihrer Ankunft nicht mehr gesehen hatte. In den letzten Sonnenwanderungen erfüllten die Diener, aber auch Lanari beinahe jeden Wunsch. Nur die Bitte, die Waffen zurückzubekommen, wurde energisch abgewiesen. Sein Herz begann bei den Gedanken, bald die vermissten Waffenübungen ausführen zu können, schneller zu schlagen an. Die Handinnenfläche fühlte sich angenehm kühl an. Dawius betrat die nach unten führende Treppe, als einzelne Strahlen des im Westen stehenden Mondes den Weg ausleuchteten. Das Geräusch von kullernden Steinchen ertönte durch die Stille. Sich nicht darum kümmernd, ging der General weiter.
Der festgetretene Sandboden federte seine Schritte ab. Die Bilder der übenden Dämonenkrieger entstanden vor seinen Augen. Fast glaubte Dawius, die herausfordernden zischenden Schreie zu hören. Die aufeinanderprallenden langstieligen Waffen klirrten über das Angriffsgeschrei hinweg.
Endlich hatte er die Möglichkeit selbst einen Waffengang durchzuführen, auch wenn er dabei einen Stock verwenden musste, der dieselbe Länge wie sein Schwert hatte.
Er umfasste das Ende mit der linken Hand. Die Schwerthand legte er knapp darüber. Mit dem Stock aufrecht über die rechte Schulter haltend, lief Dawius die letzte Schritte auf die hölzerne Figur zu. Alles um sich herum vergessend, stieß er von ganz tief aus seinem Bauch kommend, einen Kampfschrei den starren Kämpfer entgegen. Der waffenführende Arm schnellte nach unten. Der Stock schmetterte so fest auf die Statue, dass Dawius die Erschütterungen des Aufpralles in den Handgelenken verspürte. Holzstücke flogen durch die Luft. Einige prallten gegen das schmerzverzerrte Gesicht des Generals. Die Spitze des Stabes berührte den wehrlosen Kämpfer unzählige Male. Manchmal glich der über dem Körper fahrende Schnitt wie eine sanfte Berührung, um beim nächsten Schwertstreich mit voller Wucht auf die Stelle zu donnern. Dawius bewegte sich im Einklang mit dem ihn vertrauten Schwerttanz. Sich nicht von dem Pochen im Handgelenk behindern lassend, führte er eine fließende Bewegung von Links aus. Die Mitte des Stockes krachte auf den oberen seitlichen Brustkorb des Kämpfers. Wenn es ein Gegner aus Fleisch und Blut wäre, würde er spätestens jetzt sich auf den Lichtpfad befinden. Aber weil der Auserkorene aus Holz bestand, bekam Dawius die Gelegenheit einen weiteren Schwertstreich auszuführen. Als wenn der Kämpfer einen Angriff gestartet hätte, bückte sich der General und rollte sich über die Schulter ab. In der umdrehenden Bewegung hob er das Schwert erneut über den Kopf. Die Luft zischte, als wenn eine scharfe Klinge sie durchschneiden würde. Der Wutschrei kam zugleich mit dem Brechen des armdicken Stockes. Die hölzerne Halterung der Figur wackelte durch die unbarmherzige Kraft, die den Schlag begleitet hatte. Knirschend neigte sich der Kämpfer eine Fingerbreite zur Seite. Laut schnaufend setzte sich Dawius auf den Boden. Mit überkreuzten Beinen und mit einem überheblichen Schmunzeln wartete er auf die Wachen, die ihn bald in sein Gemach führen würden. Ein Geräusch an seiner Linken, dass sich wie ein Aufschlag eines Körpers anhörte, veranlasste den General, den Schatten etwas genauer zu betrachten.

Der Streitmachtführer erreichte im selben Moment den Übungsplatz wie Dawius. Er kletterte den versteckten Pfad hinab. Spitze Steinsplitter bohrten sich in die dünne Haut der Fußsohle. Lautlos schimpfend, trat der Dämon nach einigen. Das Aufschlagen auf den steinigen Weg hörte sich für ihn genau so laut an, als wenn er zwei faustgroße Steine gegeneinander geschlagen hätte. Kopfschüttelnd wegen seines Zornesausbruches folgte er den restlichen Pfad. Für einen Atemzug genoss er mit geschlossenen Augen den angenehmen harten Sandboden, auf dem Nichts lag, dass sich in seine Haut bohren würde.
Ein Schrei drang durch die Finsternis. Freude aber auch Jähzorn schwang wie eine lodernde Feuersbrunst in dem Aufschrei mit. Der Streitmachtführer beobachtete den General mit wachsamen Augen. Dessen Bewegungen glichen den fließenden Wogen eines Feuers, das über eine trockene Grasebene tanzte. Nichts konnte den Waffenmeister aufhalten. Das Mondlicht schien auf das schmerzverzerrte Gesicht. Trotzdem prasselte der Stab wie der Regen eines Gewitters gegen die unnachgiebige Holzfigur. Als der General zu dem letzten Schwertstreich ansetzte, begannen die Finger seiner Waffenhand zu kribbeln. Sein Herz setzte aus, um kurz danach sein starkes Schlagen zu beschleunigen. Der Dämon legte die linke Hand an seinen Hals. Unter den Fingerspitzen pulsierte sein Blut. Die plötzlich von dem General ausgestrahlte Seelenkraft, ließ den Streitmachtführer taumeln. Ihm wurde schwarz vor Augen. Ohne das er etwas dagegen tun konnte, sackte sein Körper zusammen. Sein Kopf prallte hart auf den festen Sandboden auf. Helle Punkte flimmerten vor ihm. Schritte kamen näher. Brummend versuchte der Streitmachtführer sich zu erheben. Die Muskeln erbebten. Seine Kraft reichte nicht aus, um die Arme oder Beine zu bewegen.
Zu schwer!
Als wenn sie aus Stein gemeißelt wurden. Bevor die Schritte ihn erreichten, zog ihn eine düstere Macht mit sich. Tief in seine Seelenlandschaft, wo ihn undurchdringliche Dunkelheit umgab.

Dawius erkannte einen Körper auf den Boden liegen. Etwas an der Gestalt kam ihm bekannt vor. Im ersten Augenblick entflammte ein Gefühl von Schadenfreude. In seinen Augen geschah es demjenigen recht, dass er im Dunkeln stürzte und der Aufschlag offensichtlich schmerzlich war.
Trotzdem überwog der Respekt gegenüber einem Krieger. Auf keinen Fall hätte er sich abwenden können. Daher ging Dawius mit den angeknacksten Stab auf den zuckenden Körper zu. Er war noch wenige Schritte entfernt, als er den Dämonen erkannte. Den letzten Abstand brachte der General in einem Bruchteil eines Wimpernschlages hinter sich. Der Stock fiel ihm aus der Hand. Er stürzte neben dem Streitmachtführer auf die Knie. Behutsame drehte er den erschlafften Körper auf den Rücken. Seine linke Handfläche legte er unter dem Kopf des Dämons. Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als er sich an das Verlangen erinnerte, die weichen Haare des Kriegers zu berühren. Das Lächeln gefror. Er rückte näher zu den Kopf des Streitmachtführers. Bevor er die Hand darunter hervor zog, bettete Dawius den Kopf auf seine angewinkelten Knie. Die Innenseite seiner Handfläche war dunkel. Ein zäher Tropfen fiel auf den Sandboden. Der Geruch von Blut lag in der Luft. Er konnte es förmlich schmecken.
»Streitmachtführer!«
Dawius rüttelte an den Schultern des Dämons. Keine Bewegung. Kein Zittern oder flattern der Augenlider. Betroffen wegen der Hilflosigkeit begann der General um Hilfe zu rufen. Er wusste, die Wachen verstanden seine Worte nicht. Aber sie würden eine Heilerin zu dem Streitmachführer bringen, oder ihn zu einer tragen.

Flackender Fackelschein erhellte die Stufen zu dem Übungsplatz. Der Lichtschein teilte sich auf. Laufschritte kamen näher. Durch das grelle Licht des Feuers tränten Dawius Augen. Mit seiner rechten Hand schirmte er die Helligkeit so gut wie möglich ab. Ein Zischen erklang neben ihn. So laut und kreischend, dass der stechende Schmerz in seine Ohren, den General aufkeuchen ließ. Immer mehr Schritte kamen auf ihn zugelaufen. Das Gezische wurde dröhnender. Plötzlich verstummte es. Ein kratzender Laut kam näher. Dawius Augen waren weiterhin von dem Licht abgeschirmt. Daher sah er nicht wer, oder was auf ihn zu kam. Ein Befehl wurde ausgesprochen, der die Wächter zurücktreten ließ. Die Erde bebte, als ob jemand vor dem General hochgesprungen wäre. Ein Hecheln erklang an seiner Rechten. Dawius Nackenhaare stellten sich auf. Mit verschleierten Blick sah er auf. Ein Dämon kniete sich vor den Streitmachtführer. Ein eisiger Schauer jagte durch den Körper des Generals, als sich am Rücken des Kriegers zwei Schwingen öffneten. Voller Zorn blitzende orange Augen starrten auf ihn hinab. Ein anderer Dämon trat neben ihn und hielt den zerbrochenen Stock in der Hand. Tiefe Falten bildeten sich auf der Stirn des Knienden. Seine Oberlippe schob sich nach oben. Das Kinn begann zu beben. Laut einatmend legte er seine Hand über das Gesicht des Streitmachtführers.
»Athe.«
Dawius Mundwinkel zuckten vor Erleichterung, weil der beeindruckende Krieger das Wort der Heilmagie weben konnte.
Zischende Laute verließen die zusammengepressten Lippen. Die Augen des Dämons waren auf den General gerichtet. Er streckte den Arm aus, woraufhin der andere ihm den Stock übergab. Schweigend betrachtete er die Bruchstelle. Er erhob sich. Vier Wächter traten an den besinnungslosen Streitmachtführer und hoben ihn schonend auf.
»Es ist nicht, wie es scheint«, verteidigte sich Dawius, der langsam begriff, was der zerbrochene Stab fälschlicherweise aussagte. Er streckte die nach oben gedrehten Handflächen, den ihn musternden Dämon entgegen. Inständig hoffte der General, dass der Krieger die durch die Geste veranschaulichte Ehrlichkeit und Loyalität richtig deutete.
Die rechte Hand des Dämons packte sein linkes Handgelenk. Rücksichtslos drückte der Krieger die Handfläche nach oben, sodass Dawius die blutverschmierte Haut ansehen musste.
»Ist das so!?«
Dawius Gesichtsmuskeln verloren jegliche Spannung. Sein Kinn sackte nach unten. Die Augenbrauen zogen sich so weit zusammen, dass sie sich beinahe berührten. Nicht allein, weil sich seine Befürchtung bestätigte, dass der Dämon die falschen Schlüsse zog. Dieser kannte sogar die Zunge der Weltenerbauer.
»Sag Elf, bist du Stolz darauf, dass du meinen Sohn von hinten angegriffen hast?«
Die Schwingen des Dämonen nahmen knisternd ihre vollständige Größe ein. Die Wächter wichen mit geneigten Kopf zurück. Den geringen Abstand, der zwischen Dawius und ihm war, brach der Krieger schneller hinter sich, als das überraschte Raunen die Kehle des Generals hinaufgeklettert war.
Seine freie Hand umgriff Dawius Hals. Ohne Mühe hob er den Elb so weit nach oben, bis er sich in seiner Augenhöhe befand. Die nach unten gerichteten Zehenspitzen berührten gerade nicht den Boden. Der feste Griff verhinderte, dass Dawius atmen konnte. Er schnappte nach Luft. Beide Hände zerrten an dem Handgelenk des Dämons. Ein höhnisches Lachen steigerte seine Panikattacke.
»Keine Angst, die jetzt über dich hereinbrechenden Schmerzen sind zu gering. Du wirst dir noch wünschen, Orellan nicht meuchlings angegriffen zu haben.«
Dawius sah eine Bewegung im Blickfeld. Seine Augen zuckten nach links. Ein Schlag zwischen den Schultern presste die restliche Luft aus dem Körper. Er hörte das Knacken von Knochen. Ein so noch nie gefühlter Schmerz jagte in den Kopf und riss ihn, bevor er hart auf den Boden aufschlug, in die Finsternis der Besinnungslosigkeit.
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