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Unter aller Tage

KurzgeschichteFreundschaft, Horror / P16 / Gen
04.11.2018
04.11.2018
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4.113
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«Sag mal Carrie, was suchst du denn da so lange?», fragte Rachel und machte einen grossen Bogen um ihre Klassenkameradin, die auf dem Boden kniete und in ihrem Rucksack herumwühlte. Der Grossteil ihrer Klasse hatte sie schon längst überholt. «Mein Handy.»
«Warum? Empfang hast du da unten sowieso keinen und so interessant sind die Knochen jetzt auch wieder nicht.» Gerne hätte Carrie zu einer Erwiderung angesetzt, doch Steve stupste sie mit seinem Schuh an. «Kommt jetzt, sonst gehen die anderen ohne uns los.» Tatsächlich drängten sich die restlichen fünfzehn Schülerinnen und Schüler bereits um den Eingang der Katakomben.
«Gefunden», rief Carrie Triumphierend und hielt ihr Smartphone in die Höhe. Tatsächlich traf Rachels zweite Vermutung zu, wenn sie schon mal im Ausland war, fotografierte sie leidenschaftlich gerne. Obwohl man das in Bezug auf die Knochen durchaus etwas makaber nennen konnte.

Jedem Schüler wurde vor dem Treppeneingang ein Audio-Guide in die Hände gedrückt, der sie durch die Katakomben führen- und ihnen alles erklären sollte. So konnte jeder die Katakomben in seinem ganz eigenen Rhythmus erkunden und diejenigen, die keine Lust hatten etwas zu lernen, konnten es auch ganz bleiben lassen. Für das Durchqueren der Katakomben waren zwei Stunden eingerechnet.  gemäss Carrie müssten sie also um fünfzehn Uhr wieder draussen sein, es war genau 13:02 Uhr.

Die Treppe, die sie unter aller Tage führte, war eine schmale Rundreppe, weshalb sie im Gänsemarsch hinuntergehen mussten. Chantall und Deborah befanden sich ein gutes Stück vor ihr, waren aber wie gewohnt von allen am besten zu hören.

Der Abstieg dauerte nicht so lange wie sie erwartet hatte und sie gelangten auch nicht direkt in die Katakomben, sondern in einen Vorraum, in dem viele Informationstafeln mit alten Karten von Paris hingen. Dort wurde deutlich, wie weit sich dieses unterirdische Labyrinth erstreckte. «Und das sollen wir in einer Stunde ablatschen?», fragte Dean skeptisch. Carrie und Rachel grinsten sich verschmitzt an, da sie es aber nicht auf einen Streit ankommen lassen wollten, verkniffen sie sich das Lachen. Denn Dean war ebenso schnell eingeschnappt, wie er naiv war.
«Nein», meldete sich Angela zu Wort. Sie war die Schulsozialarbeiterin, die anstelle ihres Lehrers zu diesem Ausflug mitgekommen war. Klaustrophobie und enge Steingänge waren da offenbar keine gute Mischung. «Der Teil den wir heute machen, ist nur ein Bruchteil und führt hier entlang.» Sie zeigte auf der Karte die ungefähre Distanz. «Der Rest ist nicht begehbar, da nicht alle Mauern gleich stabil sind und man sich sehr schnell verlaufen kann.»
«Ach, nur wenn man blind ist», feixte Chantall und sah nicht gerade unauffällig in Carries Richtung, die für ihre schlechten Augen bekannt war. Dafür auch für ihren Grips.
«Also. Da mir sowieso niemand zuhören würde, wenn ich euch etwas erzähle, lasse ich euch von der Leine. Fasst nichts an, wir treffen uns in zwei Stunden vor dem Touristenshop.»

Das liess sich natürlich keiner zweimal sagen- innerhalb kürzester Zeit waren alle in den Katakomben verschwunden.

Hier gab es noch keine Knochen. Die steinernen, schmalen Gänge schafften es aber auch so, die Aufmerksamkeit der Schüler auf sich zu ziehen. Immer wieder gab es versperrte Türen und Durchgänge, die in die Finsternis führten. Vor manchen befanden sich lediglich Gitter, wie man sie aus Gefängnissen kannte. Bei anderen waren es massive Stahltüren.

Obwohl der Gang schmal war und sie zu beginn eher hinter- als nebeneinander gehen mussten, bildeten sich schnell kleine Grüppchen. Dieselben wie im normalen Unerricht auch.

Rachel und Carrie gingen schweigend nebeneinander her, lauschten ihren Audioguides und blickten hin und wieder nach oben, wenn sie von einem Wassertropfen getroffen wurden. Die Wände und Decken waren flach, wenn man von den Unebenheiten, die Gestein eben so mit sich brachte absah. Trotzdem schafften es immer wieder einzelne Tropfen den Weg durch den Boden und das Gestein zu finden.
Ihr Audioguide berichtete, dass die Bauarbeiter früher eine Russspur an die Decke sämtlicher Gänge gemacht hatten, an denen sie entlanggekommen waren. So wussten sie am Abend immer, welchen Gängen sie folgen konnten um zurück zu gelangen. An manchen Orten waren diese Spuren noch gut sichtbar, andernorts schon längst verwischt und kaum noch zu sehen.

Es dauerte einige Zeit, bis sie «das Reich der Toten» betraten, wie der Eingang so passend beschrieben worden war.

Nun kam wieder Leben in die Klasse und es wurden die wildesten Spekulationen angestellt, warum gewisse Knochen wie aussahen und wie deren Besitzer wohl zu Tode gekommen waren.
«Vielleicht wurde der hier ja von einer Axt erschlagen», mutmasste Victoria während sie auf einen Schädel deutete, der leicht gespalten war und ihnen schon fast höhnisch entgegengrinste.

Schicht um Schicht waren die Knochen aufgetürmt, alleine im begehbaren Teil des vom Menschen erbauten Höhlensystems mussten es tausende sein.
Rachel, die in Französisch um einiges besser war als sie selbst, blieb stehen um die Inschriften zu lesen.
Der Grossteil ihrer Klasse zog an ihnen vorbei, bis sie auf einmal nur noch zu zweit dastanden.

«Unglaublich, wie viel Arbeit hier reingesteckt wurde...» Normalerweise machte sich Rachel nicht besonders viel aus Architektur oder Geschichte, umso deutlicher wurde es, wie sehr der Ort sie offensichtlich beeindruckte.

Ein lautes Geräusch hinter ihnen liess die beiden jungen Frauen zusammenfahren. Alarmiert blickten sie sich an, ehe sie auf das Geräusch zugingen.
«Das ist nicht euer Ernst, oder?»

Sie wusste nicht wie, aber Dean hatte es tatsächlich geschafft, das Schloss einer der Metalltüren aufzuknacken.
«Sieht so aus, als wird der Ausflug doch noch spannend.» Chantall, die dicht neben ihm gestanden hatte, zwängte sich sogleich durch den Durchgang, Dean dicht auf den Fersen. Der drehte sich noch einmal um und blickte abwartend zu Rachel und ihr herüber.
«Das ist eine Straftat.»
«Ins Gefängnis gehen wir dafür schon nicht, aber wenigstens können wir sagen, wie waren an einem Ort, an dem noch kein anderer Schüler vor uns war.» Rachel hatte sich entschieden. Carrie stöhnte auf. Warum musste ihre beste Freundin auch nur so eine verdammte Mitläuferin sein?

~ ~ ~ ~ ~

Ihr Herz hämmerte ihr bis zum Hals und sie musste aufpassen, vor lauter Aufregung nicht noch zu stolpern. Dean und Chantall hatten aber auch ein beachtliches Tempo drauf. «Macht mal etwas langsamer, sonst sehen wir ja gar nichts.» Chantall schnaubte verächtlich. «Wir müssen dafür sorgen, dass wir so weit wie möglich kommen, bevor deine Busenfreundin uns verpetzt.» Rachel war klar, dass dies der Wahrheit entsprach, allerdings hatte sie eigentlich sowieso nicht vorgehabt, den beiden so weit hinein zu folgen. Mittlerweile waren sie mehrmals abgebogen und sie konnte nicht mehr mit Sicherheit sagen, in welche Richtungen. War es rechts, rechts, links gewesen? Oder doch rechts, links, links?

Während sie sich alle Mühe gab, den eingeschlagenen Weg im Gedächtnis zu halten, achtete sie zu wenig auf ihre Umgebung, was sich mit einem Mal schmerzhaft rächte. Sie trat auf einen Stein und knickte um. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihren Knöchel und sie zog scharf die Luft ein, während sie im Staub landete. Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen. Weiter konnte sie so jedenfalls nicht. Erst als sie den ersten Schock überwunden hatte merkte sie, dass ihre Klassenkameraden sich nicht mal nach ihr umgedreht hatten. «Wartet!», rief sich den beiden hinterher, während ein erster Anflug von Panik in ihr aufstieg. Die konnten sie doch nicht einfach so liegen lassen. «Wir holen dich auf dem Rückweg ab!», rief Dean und bestätigte damit ihre schlimmste Befürchtung. Dann waren die beiden auch schon hinter der nächsten Abzweigung verschwunden und sie alleine, mit verstauchtem oder gar gebrochenem Knöchel in den Katakomben von Paris.

Fluchend lehnte Rachel sich gegen die Wand direkt hinter ihr- nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es dort keine Knochen gab. Mit der Taschenlampe ihres Handys leuchtete sie die Umgebung ab. Dieser Abschnitt der Höhle ähnelte dem Beginn der Katakomben. Es war ein gewöhnlicher Gang ohne Knochen, aber mit deutlich mehr Geröll. Sie stellte sich vor, wie eine der Wände einstürzte und ihr den Rückweg abschnitt. Das wäre ihr Tod... Getrieben von diesem Gedanken erhob sie sich, auch wenn der Schmerz als sie versuchte ihr Bein zu belasten ihr fast den Atem raubte. Mit der Wand als Stütze humpelte einen Teil des Weges zurück, bis sie zur ersten Abzweigung kam. Dann wurde sie auf einmal in vollkommene Dunkelheit gehüllt und ihr Herz setzte eine gefühlte Ewigkeit aus. Entgeistert starrte sei auf ihr Smartphone, dessen Display vom Sturz zwar einen Spalt hatte, das aber immer noch lief. Der Akku war auf 5% gesunken, weshalb alle besonders stromfressenden Funktionen eingestellt wurden. Wie hatte sie nur so unachtsam sein können? Immer hatte sie ihr Smartphone aufgeladen, immer. Und nun, am wohl ersten Tag in ihrem Leben, an dem sie ernsthaft darauf angewiesen war, liess die Technik sie im Stich. Dabei war sie doch so sicher, das Handy die ganze Nacht über geladen zu haben...
Sie wählte Carrie aus ihrer Kontaktliste aus, in der absurden Hoffnung, ihre beste Freundin erreichen zu können. Doch natürlich hatte sie keinen Empfang. Da es sonst völlig dunkel war, hätte der Display an sich ausgereicht, um die grössten Unebenheiten auf dem Boden sichtbar zu machen. Doch wenn sie nun die falsche Abzweigung nahm, verirrte sie sich nur noch weiter. Ohne es zu wollen begann sie zu schluchzen. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie eine solche Angst gehabt.

Um alles nur noch schlimmer zu machen, hörte sie hinter sich etwas. Es war ein klackern, als würde etwas langsam aber beständig näher kommen. Langsam und die Luft anhaltend drehte sie sich um. Dean und Chantall waren es sicher nicht, denn das Geräusch hörte sich nicht nach Schuhen an. Mit dem Display in der Hand suchte sie die Umgebung ab- und bemerkte einige Meter hinter sich eine Bewegung. Waren es doch Dean und Chantall? Die Grösse und Form wirkten jedenfalls menschlich. Von der Grösse her müsste es Dean sein. Er kam näher, so nahe, bis sie selbst im Diffusen Licht erkannte, dass es sich nicht um ihren Schulkameraden handelte. Es war ein Skelett, dessen Augenhöhlen sie anstarrten, obwohl sich keine Augen mehr darin befanden. Zuerst befand sie sich in einer Schockstarre, doch dann streckte es die Hand nach ihr aus und ihr Überlebenswille übernahm wieder die Oberhand.

Ein Schrei entwich ihrer Kehle und sie drehte sich in Todespanik um, damit sie möglichst schnell möglichst viel Abstand zwischen sich und diesen Albtraum bringen konnte.  Dabei hatte sie ihren verletzten Knöchel vor lauter Schreck völlig ausgeblendet. Dieser schmerzte nicht nur wie die Hölle, beim ersten Abtreten gab er nach. Als Rachel diesmal stürzte, konnte sie sich nicht mehr rechtzeitig abfangen, weshalb ihr Kopf ungehindert auf einen Stein krachte. Die Dunkelheit wurde vollkommener, die Panik löste sich auf.

~ ~ ~ ~ ~

Angelina war - freundlich ausgedrückt- etwas in Aufruhr. Wut und Sorge kämpften in ihr um die Oberhand. Eine jugendliche Dummheit zu begehen, das war eine Sache. Sachbeschädigung und einen gross angelegten Sucheinsatz auszulösen etwas anderes. Einmal davon abgesehen, dass sie die Verantwortung für die Klasse trug. Selbst, wenn die Schule und die Eltern ihr keine Vorwürfe machten, sie selbst tat es schon zur Genüge. Aber wer konnte auch ahnen, dass die drei eine Stahltür aufbrechen und sich dann auch noch verlaufen würden?

Sie atmete tief durch und rieb sich die Schläfe. Ändern konnte sie jetzt sowieso nichts mehr daran.
«Du siehst nicht gut aus. Soll ich übernehmen?» Nachdem sie gemerkt hatte, dass sie alleine nicht mehr Herr der Lage werden würde, hatte sie Herrn Hendrick angerufen. Immerhin war er der Klassenlehrer und so lange er nicht in die Engen Gänge hinabsteigen musste, kam er fast mit jeder Situation klar.
«Vielleicht wäre es gut, wenn du die restlichen Schüler in die Jugendherberge zurückbringst. Ich gehe gleich nochmal runter und warte mit den Rettungskräften.» Sie selbst hätte ohnehin keine Ruhe gefunden, also konnte sie auch gleich hier warten.
«Ich komme mit.» Carrie war entschlossen und Angelina schätzte ihre Courage, war sich aber nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war. Auf der anderen Seite war Carrie dabei gewesen und vielleicht hatten der Suchtrupp noch Fragen an sie.
«In Ordnung.» Als die Schülerin ihr berichtet hatte, was da unten vorgefallen war, hatte sie es erst gar nicht so recht glauben wollen. Natürlich hatte sie gewusst, dass es gewisse Problemschüler gab, doch so etwas hätte sie keinem von ihnen zugetraut. Auch dass Rachel sich in die Sache mit hatte hineinziehen lassen, überraschte sie doch sehr.

Einige der anderen Schüler maulten, sie sahen das noch immer als eine interessante Attraktion und nicht als die ernste Situation, die es war. Jedenfalls alle bis auf Carrie. Auch Deborah zog eine Schnute, aber wahrscheinlich nur, weil sie bei der kleinen «Exkursion» nicht dabei sein konnte. Auch Steve wollte mitgehen, vor allem um Carrie zur Seite zu stehen. Doch je weniger Schüler dort unten waren, desto besser konnten die Rettungskräfte ihre Arbeit machen.
«Sobald wir wieder oben sind, schreibe ich dir», versprach Carrie, ehe sie der schon etwas ungeduldigen Schulsozialarbeiterin folgte.

Mit jeder Treppenstufe die sie wieder hinabstiegen, wurden die Stimmen hinter ihnen leiser bis sie schliesslich ganz verstummten. Weder Angelina noch Carrie sprachen ein Wort, bis sie die aufgebrochene Tür erreichten, vor der vier Sanitäter warteten. Man wollte ja nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen, aber bei einer Bergungsaktion war es nunmal Standard, dass ein paar Sanitäter vor Ort waren.
In Carries Fall vielleicht ganz gut so, die Siebzehnjährige war doch etwas blass um die Nase. Das sah wohl auch einer der Sanitäter so, der ihnen beiden sogleich je eine Wärmedecke reichte. Angelina blickte auf ihre Uhr- diese zeigte 17:23. Wie lange sie hier wohl ausharren mussten?

~ ~ ~ ~ ~

«Meinst du es war richtig, sie einfach so zurückzulassen?» Es hatte seine Zeit gedauert, bis Dean die ersten Zweifel darüber gekommen waren, dafür äusserten sie sich nun umso deutlicher.
«Klar. So hätte sie eh nicht weitergekonnt. Du weisst genau so gut wie ich, dass sie nach uns suchen werden, dann finden sie sie schon.» Mittlerweile hatten die beiden ihr Tempo gedrosselt. Es war kurz vor sieben, sie waren also schon eine ganze Weile herumgeirrt und der Kick des Verbotenen war etwas verflogen.
«Stimmt schon. Aber apropos finden... Meinst du nicht, wir sollten uns vielleicht auch mal auf den Rückweg machen?» Dean war noch nicht so weit, dass er behaupten würde verängstigt zu sein, doch das was er hatte sehen wollen hatte er gesehen- seit einiger Zeit waren sie nämlich in Gängen gelandet, in denen es wieder Knochen gab und diese waren weit weniger sorgfältig übereinandergestapelt als in dem Teil der Katakomben, den sie an diesem Nachmittag besichtigt hatten.
«Sag mir jetzt bloss nicht, du hast Schiss?»
«Nein verdammt, aber wir sind seit über vier Stunden hier und für den Rückweg brauchen wir bestimmt ebenso lang. Wenn nicht noch länger, dachte er für sich. «Sei doch nicht so eine Memme», begann Chantall, sprang Dean jedoch schon in der nächsten Sekunde um den Hals, als ein Geräusch zu hören war. Einer der Schädel hatte sich aus dem Haufen vor ihnen gelöst und kullerte den Steinboden entlang, ehe er, von der Wand aufgehalten wurde und dort reglos liegen blieb.
«Das sagt die Richtige», feixte Dean, wenngleich auch sein Herz sicherlich mehr als nur einen Schlag ausgesetzt hatte. Aber zumindest war Chantall nun einiges bereitwilliger, den Rückweg anzutreten. Zumal sie die Akkus ihrer Handys nicht gerade geschont hatten. Ihm selbst blieben noch zwanzig Prozent und er war sich nicht sicher, ob das für den Rückweg reichte. Es musste einfach.

Für einige Zeit gingen sie schweigend nebeneinander her. Dean fühlte sich beobachtet- und zwar nicht von Chantall, die hatte den Blick nämlich genau wie er mehrheitlich auf den Boden gerichtet, damit ihnen nicht dasselbe widerfuhr wie Rachel. Bei der ersten Abzweigung zeigte sich dann, wie Orientierungslos die beiden wirklich waren. Während Dean zielstrebig nach links abbog, sah er aus dem Augenwinkel, wie Chantall nach rechts abbiegen wollte. «Hier geht's lang», maulte er. «Nein du Idiot, wir sind aus dieser Richtung gekommen», beharrte auch Chantall. Und wenn er ehrlich war, konnte sie genauso gut Recht haben wie er. Ob sie es sich eingestehen wollten oder nicht, sie hatten sich komplett verirrt.
«Wir sollten uns aufteilen», schlug sie vor. «Irgendeiner von uns wird den richtigen Weg schon finden und kann den Rettungskräften dann vielleicht den Weg etwas besser erklären.»
«Und der andere irrt hier umher bis er verhungert oder wie?» Dean gab sich alle Mühe, die Panik aus seiner Stimme herauszuhalten, aber langsam wurde ihm wirklich unbehaglich zu Mute.
«Hast du eine bessere Idee?», gab sie bissig zurück. Natürlich hatte er keine.

So ging also jeder der beiden ihrer Wege und Dean versuchte sich einzureden, dass dies wirklich die beste Lösung war.
Da er ohnehin nicht mehr wusste, wo er hergekommen war, entschied er sich bei den Abzweigungen instinktiv für diejenigen Gänge, welche ihm einladender erschienen. Was recht schwer war, den wirklich einladend wirkte keiner davon. Mit der Zeit begann er sich gar einzubilden, dass die Schädel sich ihm zuwandten und ihn beobachteten. Trotzdem zwang er sich zur Ruhe, wenngleich er seine Schritte beschleunigte. Immer wieder hörte er Geräusche, manchmal hörte es sich an wie ein Starker Windstoss, der an den Wänden entlangschrammte, manchmal wie ein Flüstern aus weiter Entfernung. Irgendwann war ihm dermassen unwohl, dass er zu rennen begann.
«Wo willst du denn so schnell hin, Kleiner?» Wie vom Donner gerührt blieb er stehen. Eine rauchige, tiefe Frauenstimme erklang direkt neben seinem rechten Ohr. Ein eisiger Schauer durchlief seinen Körper. Wie konnte das sein? War das eine andere Besucherin der Katakomben, die ihnen hineingefolgt war? Ja, so musste es sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Aber warum hatte er dann ihre Schritte nicht gehört?
Als er sich umdrehte, sah er sich jedoch keiner Frau, sondern einem Schädel gegenüber- unter dem sich ein gesamtes, zusammengesetztes Skelett befand, das nicht so einfach hätte dastehen dürfen. Geschweige denn eine Hand auf seine Schulter legen.
«Alles in Ordnung? Du wirkst etwas blass...» Er spürte, wie er sich einnässte. Wie gelähmt stand er da, nicht fähig zu schreien, oder sich auch nur zu bewegen. Von der Stelle aus, an dem das Skelett ihn berührte, begann sich eine eisige Kälte auszubreiten. Sein Arm wurde taub.
»Ich sehe schon, du weisst wohl gar nicht welcher Tag heute ist?» Dean wusste im Moment nicht einmal mehr, welches Jahr sie gerade hatten. Verdammt, ein sprechendes Skelett stand vor ihm!
«Wir haben heute Samhain», erklärte die Frau- oder das Ding, das wahrscheinlich einmal eine Frau gewesen war. «Heute sind die Grenzen zwischen den Lebenden und den Toten verwischt, was es uns möglich macht, mit euch zu kommunizieren. Nunja, jedenfalls wir hier, die einfach so liegen gelassen wurden. Die anderen von uns, die auseinandergenommen wurden, haben nicht so viel Glück. Es ist gar nicht so einfach, alle Knochen wieder zusammenzusetzen, das kannst du mir glauben.» Endlich schaffte es Dean, genug viel seines verbliebenen Verstandes zusammenzuraufen, die Beine in die Hand zu nehmen und einfach loszurennen.

Hals über Kopf nahm er jede Abzweigung, die er nur erwischen konnte. Dabei gab er tunlichst darauf acht, nicht nach rechts oder links, sondern nur auf den Boden direkt vor sich zu blicken. Bis er auf einmal gegen etwas Hartes prallte. Es war nicht die Steinwand, denn er brach einfach so hindurch, auch wenn es verdammt schmerzhaft war.
Dean hob dem Blick und sah, was seinen Lauf gebremst hatte. Ein weiteres Skelett, das durch die Wucht seines Aufpralls in sich zusammengefallen war. Doch der Knochenhaufen blieb nicht einfach so am Boden, nein, Es begann sich selbst wieder zusammenzusetzen. Von unten nach oben, bis die frei schwebenden Arme zuletzt den Kopf draufsetzte und zurechtrückte. «Die Jugend von heute, einfach keinen Respekt mehr...» Er drehte sich um und wollte zurückrennen, doch da waren schon die beiden nächsten Skelette. Ausserdem begann die Taubheit, welche die Berührung der Frau ausgelöst hatten, auf den Rest seines Körpers überzugreifen. Das Bewegen fiel ihm immer schwerer. «Jetzt warte doch mal. Wir hatten hier schon lange keinen Neuling mehr, das muss richtig gefeiert werden», meinte ein drittes Skelett zu seiner linken.

«Lasst mich», schrie Dean. Er umklammerte seinen Kopf und sank auf die Knie, einfach, um diesen Wahnsinn nicht mehr ansehen zu müssen. Schluchzend rollte er sich auf dem Boden zusammen und wartete auf sein Ende. Doch so viel Glück hatte er nicht.

~ ~ ~ ~ ~

Ohne es zu wollen war Carrie kurz eingenickt. Obwohl- oder vielleicht gerade weil ihr Schlaf nicht tief war, träumte sie schlecht. Im Nachhinein konnte sie nicht mehr sagen, von was ihr Traum gehandelt hatte, doch als Angela sie wachrüttelte, war sie mehr als nur dankbar. Schweissperlen hatten sich auf der Stirn des Mädchens gebildet und sie brauchte einige Momente um sich zu erinnern, wo sie sich befand. Und vor allem warum sie sich hier befand.
Es kam Leben ins Sanitätsteam. Aus dem Inneren der Höhle erklangen Schritte und kurz darauf traten ihnen vier Mitglieder des Suchtrupps entgegen, zwischen sich auf einer Bahre lag Rachel. Derjenige Teil, ihres Gesichts, der nicht von Blut überzogen war, wirkte totenblass.
«Rachel!» Ohne daran zu denken, dass dies für allfällige Verletzungen sicher nicht förderlich war, stürzte sie auf ihre bewusstlose Freundin zu und rüttelte an ihrer Schulter. «Rachel!» Tränen rannen ihre Wange hinab und tropften auf Rachels Gesicht, wo sie sich schliesslich  mit dem Blut vermischten. Es war ihre Schuld. Sie hätte Rachel niemals alleine lassen dürfen.
Sanft aber bestimmt zogen die Sanitäter sie von der Bahre weg.
«Wir werden uns um sie kümmern. Aber wenn du willst, kannst du sie ins Krankenhaus begleiten. Es wäre sicher gut, wenn jemand bei ihr ist, den sie kennt.» Sie nickte entschlossen. Chantall und Dean konnten von ihr aus hier unten versauern. Natürlich hatte Rachel die Höhle freiwillig betreten, aber ohne den Anstoss durch die beiden wäre das niemals passiert.

Wie in Trance folgte sie den Sanitätern und kehrte erst in die Realität zurück, als sie ihren Namen hörte. Gekrächzt und sehr leise, aber doch ihr Name. «Gottseidank», seufzte sie und umklammerte Rachels Hand als wäre sie diejenige, die Halt benötigte und nicht umgekehrt.
«Sind sie weg?» Carrie war verwirrt.
«Chantall und Dean? Die haben sie noch nicht gefunden.» Das Piepsen des Monitors beschleunigte sich.
«Nein, ich meine die Skelette.» Sie wurde nicht recht schlau aus Rachels Worten. Wahrscheinlich war das der Schock. Sie versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln. «Wir sind im Krankenwagen. Du wirst so schnell keine Skelette mehr zu sehen bekommen, glaub mir.»

Fünf Jahe später

Gähnend streckte sie sich und genoss die angenehme Wärme ihres Bettes. Umso mehr, da sie hörte, wie der Herbstwind an den Fensterläden zerrte und ein Heulen verursachte. Schon morgen begann der November.

Immer noch schlaftrunken tapste Carrie in die Küche, wo sie schon der Geruch nach frisch gebrühtem Kaffee empfing. Auf Rachel war einfach Verlass. Sie bereute es kein Stück, ihre beste Freundin als Mitbewohnerin auserkoren zu haben.
«Morgen.» Sie erhielt keine Antwort, Rachel war in ihrer ganz eigenen Welt. Wer konnte es ihr verübeln? Heute war Halloween und auch wenn Rachel viele Fortschritte in ihrer Therapie gemacht hatte, an diesem Tag wurde sie von ihren Erinnerungen eingeholt. Genau deshalb hatte Carrie heute auch frei genommen um ihrer Freundin beizustehen. Nach den Geschehnissen in den Katakomben war sie nie wieder dieselbe gewesen. Als sie Geschichten von sich bewegenden Skeletten erzählt hatte, hatte man es auf das Schädel-Hirn-Trauma geschoben und irgendwann hatte Rachel es aufgegeben, den Leuten die Wahrheit erzählen zu wollen. Niemand glaubte ihr. Niemand, ausser Carrie.

Der Einzige, der vielleicht in der Lage wäre Rachels Erzählungen zu bezeugen, war Dean. Man hatte ihn vier Tage nach seinem Verschwinden aufgefunden, lebend. Jedenfalls körperlich. Geistig war er nie aus den Katakomben zurückgekehrt und befand sich seit jenem Tag in einem Wach-Koma. Einzig Chantalls Leiche blieb bis heute verschollen.

Sie legte Rachel eine Hand auf die Schulter. Die junge Frau zuckte kurz zusammen, lächelte ihre Mitbewohnerhin dann aber dankbar an. «Du weisst, dass du wegen mir nicht hierzubleiben brauchst.»
«Machst du Witze? Du würdest doch dasselbe auch für mich tun.» Sie wusste nicht, ob ihre Freundin das Trauma je ganz überwinden wurde, aber wenigstens war sie am Leben.

Einige stunden später in Paris

François langeweilte sich zutiefst. Wusste der Teufel, was seine Eltern dazu geritten hatte, die Katakomben zu besuchen. Sie wohnten nur etwa eine Fahrtstunde ausserhalb von Paris, da hätten sie ich nicht extra mitschleppen müssen. Ohne jegliche Motivation schlurfte er hinterher, war mittlerweile auch ein gutes Stück hinter seinen Eltern zurückgefallen.

Ein eisiger Windhauch liess ihn innehalten. Er warf einen Blick nach rechts und links. Zu seiner Rechten befanden sich aufgetürmte Knochen, zu seiner Linken eine vergitterte Tür. Neugierig machte er einen Schritt darauf zu. Vor ihm in der Dunkelheit glaubte er, eine Bewegung zu sehen. Er rüttelte an den Gittern, doch das Tor blieb verschlossen. Enttäuscht zog er von dannen und sah daher auch nicht das Skelett, welches sich nur kurz darauf am Gitter festklammerte. «Lasst mich raus!»
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