Die Magie eines ganzen Lebens

von Jo Jonson
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
04.11.2018
10.11.2018
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Kapitel Eins

Der Tag vom Rest der Ewigkeit


Meine Geschichte beginnt an einem sonnigen Nachmittag im Mai. Der Sommer hatte noch nicht richtig angefangen, doch schon herrschten Temperaturen wie in der Karibik. Es war Sonntag und ich lag faul auf einer alten Matratze auf der Wiese hinter unserem Haus und hatte nicht das Bedürfnis, jemals wieder aufzustehen, obwohl ich wusste, dass ich morgen wieder in die Schule musste. Die Sommerferien erschienen mir zum Greifen nahe und doch so unendlich entfernt wie der Mond. Das einzige, was mich davon abhielt, zu meiner Mutter zu gehen, um sie zu überreden, dass ich morgen dringend zum Arzt müsste, weil ich unvorstellbare Kopfschmerzen hätte, war die Aussicht, meine Freundin Nadine wiederzusehen. Nicht, dass wir uns nicht auch am Wochenende zur Genüge sahen, doch dieses war sie mit ihren Eltern verreist und ich hatte mich zu Tode gelangweilt. Denn ich hatte nicht viele Freunde. Im Grunde gab es nur Nadine.
Ich war nichts Besonderes. Um ehrlich zu sein war ich sogar ziemlich langweilig. Um diese Tatsache zu überspielen hörte ich gern lauten Punkrock, hatte mein Haar blau gefärbt und sah insgesamt ziemlich düster aus. Aber ich glaube, dieses Image hat mir auf unserem Dorf niemals jemand abgenommen. Das Brave-kleine-Mädchen-Image wurde man nämlich nicht so schnell los und in meinem Alter war es damit nicht leicht, Anschluss zu finden.
Nicht, dass mich die anderen wirklich interessierten. Wahrscheinlich waren sie in meinen Augen genauso langweilig wie ich in ihren. Manchmal hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht in diese Welt zu gehören.
Es war der Sommer vor meinem sechzehnten Geburtstag. Ich kann nicht erklären warum, aber ich hatte seit Jahren das unergründliche Gefühl, dass ab diesem Tag meine ganze Welt eine andere sein würde. Und so fieberte ich schon dem November entgegen, als der Sommer noch nicht einmal richtig begonnen hatte.
Wahrscheinlich sollte ich, ehe ich weiter erzähle, noch erwähnen, dass ich adoptiert war. Meine Eltern konnten keine Kinder bekommen und so nahmen sie mich auf, als ich gerade mal ein Jahr alt gewesen bin. Für mich ist diese Tatsache nicht sehr erwähnenswert, denn ich lebe ja nun schon fünfzehn Jahre damit. Gesagt hat es mir meine Mutter vor fast genau drei Jahren, als ich zwölf war. Ich glaube, im ersten Moment haben meine Eltern sich Sorgen darüber gemacht, wie cool ich damit umgegangen bin. Sie konnten nicht wissen, dass mich ihr Geständnis nicht wirklich überrascht hatte. Viel mehr bin ich erleichtert darüber gewesen, dass sich ein Teil des seltsamen Gefühls eines Geheimnisses offenbarte, welches mich ständig zu umgeben schien.
Und doch war da noch mehr. Statt meine Identität anzuzweifeln, wie es vermutlich viele Teenager in einer Situation wie meiner getan hätten, fand ich immer mehr zu mir selbst. Doch je mehr ich zu mir selbst fand, desto mehr spürte ich, dass ich dabei war, eine nebulöse Leere zu umkreisen, die sich mir nicht ganz erschloss. Noch ein größres Geheimnis schien gelüftet werden zu wollen. Doch je mehr ich fragte und nach Antworten suchte, desto weiter schien es von mir abzurücken, als wolle es sich einfach nicht greifen lassen. Irgendwann resignierte ich und versuchte, das Gefühl zu vergessen. In diesem Sommer wäre es mir beinahe gelungen. Bis zu eben diesem Tag.
„Kimmy?“ Ich rollte mit den Augen, als meine Mutter mich mit dem verhassten Kosenamen rief. Natürlich so laut, dass es das halbe Dorf hätte hören können.
Ich reagierte dementsprechend gereizt, als ich zurück rief: „Was ist denn?“
„Könntest du dich hoch bequemen, damit ich nicht über den ganzen Hof brüllen muss!?“ Sie erschien wütend an der Hausecke und winkte ungeduldig mit einem Brief in der Hand.
Stöhnend erhob ich mich. Als ob das Öffnen eines Briefes, der seit gestern Morgen im Briefkasten liegen musste, nicht auch noch bis zum Abend Zeit gehabt hätte!
„Was denn?“, fragte ich noch einmal, als ich vor meiner Mutter stand, die mir verwundert den Brief überreichte. „Den muss heute jemand für dich hier abgegeben haben. Es ist nicht einmal eine Marke drauf.“
Nun schon interessierter, nahm ich den Brief an mich. Das war mit Abstand der seltsamste Brief, den ich jemals in den Händen gehalten habe. Und das sage ich nicht nur, weil ich niemals Post bekam, bis auf die lästigen Einladungen der Jobbörse zur Berufsorientierung. Er war mit einem Siegel geschlossen. In dem roten Wachs war deutlich ein aufwendiges Wappen eingraviert wie jene, die man von teuren Privatschulen und Universitäten in Übersee kannte. Oder von irgendeinem reichen Lord. Vielleicht kam der Brief von meinen leiblichen Eltern und ich durfte meine Nachfolge auf den Thron antreten. Bei diesen Gedanken musste ich kichern, bis meine Mutter mich wieder aus meinen Träumen riss. „Erwartest du Post?“
Es war dieser gespielt desinteressierte, neugierige Tonfall einer Mutter, welche die erste große Liebesromanze ihrer Tochter witterte. Leider war sie vollkommen auf dem Holzweg. Dass ich einen heimlichen Verehrer hatte war mehr als ausgeschlossen. Ich ließ ja niemanden an mich heran. Wie gesagt langweilten mich meine Mitschüler, einschließlich der Jungs, die mir alle viel zu gewöhnlich erschienen, um mich mit ihnen abgeben zu wollen.
Statt einer Antwortet – ein „Nein“ wäre viel zu erniedrigend gewesen – brach ich mit einem geheimnisvollen Lächeln das Siegel. Das Gefühl wie es war, als es brach und dieses kleine Klack-Geräusch werde ich niemals vergessen. Es veränderte mein Leben grundlegend.
Als ich den Brief aus dem Umschlag zog, wurde mir erst bewusst, dass beides aus altertümlichem, grobem Pergament bestand. War das irgendein irrer Werbegag? Aber der Brief war an mich adressiert. Neugierig las ich den Absender in geschwungener Schrift. Ein handschriftlicher Brief war an sich schon selten, doch die Breite der Buchstaben ließ sogar vermuten, dass er mit einem alten Federkiel geschrieben worden ist. Der Absender sagte mir gar nichts. Es schien sich tatsächlich um eine Privatschule aus Übersee zu handeln. Aber wie kamen diese Leute gerade auf mich? Woher kannten sie meinen Namen? Das konnte alles nur ein großer Irrtum sein, doch mein wild schlagendes Herz strafte diese Gedanken Lügen. Ich konnte meinen Augen einfach nicht trauen, als ich weiter laß. Hätte meine Mutter mir nicht den Brief überreicht, hätte ich bestimmt geglaubt, mich in irgendeinem abgefahrenen Traum zu befinden.

Sehr geehrte Frau Harukaze,

wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass Sie an der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei aufgenommen sind.
Normalerweise hätten Sie Ihr erstes Schuljahr bereits vor zwei Jahren antreten müssen. Doch aus Gründen, die wir in diesem Brief nicht genauer erörtern möchten, hielten wir es für angebracht, Sie noch etwas länger in der Obhut Ihrer Pflegefamilie zu lassen. Dazu bitte ich Sie in den ersten Schultagen zu einem Gespräch in mein Büro.
Hogwarts wird fortan Ihr neues Zuhause für den Großteil des Jahres sein (Weihnachts –und Sommerferien teils ausgeschlossen). Das Schloss befindet sich mit seinen Ländereien an einem verborgenen Platz in Schottland. Sie gelangen mit dem Hogwartsexpress vom Londoner Bahnhof Kings Cross dorthin. Das Schuljahr beginnt am ersten August.
Anbei finden Sie eine Liste aller benötigten Ausrüstungsgegenstände und Bücher.
In der Hoffnung, Sie bald wohlauf anzutreffen

Minerva McGonagall
Stellvertrende Schulleiterin

Ich blinzelte ein paar Mal, während ein stetiges Rauschen durch meine Ohren sauste wie besagter Zug, in den ich bald einsteigen sollte. Wer erlaubte sich hier einen Scherz mit mir und warum verstand ich die Pointe nicht? In meinem Kopf ratterte es. Mit wem von meinen Mitschülern lag ich im Klinsch? Wie konnte man auf einen Witz mit Zauberschulen kommen? Hatte ich eine seltsame Bemerkung fallen gelassen?
Aber das Siegel und das Pergament…. Die alte Schrift. Alles wirkte täuschend echt. Doch wie konnte etwas echt sein, bei dem sich schon der bloße Gedanke daran wie purer Wahnsinn anfühlte? Und andererseits… da waren sie wieder – diese blinden Flecken, die um den weißen Nebel in mir tanzten, der sich nun zu lichten schien. Sie bestanden aus verdrängten Erinnerungen, die man als Einbildung abgetan hatte. Erinnerungen wie damals, als ich sieben Jahre alt geworden bin und die Kerzen auf meiner Geburtstagstorte auspusten wollte. Ich musste niesen und anstatt auszugehen, hat dieses Niesen die Kerzen entfacht wie eine Wolke aus Nitroglyzerin. Oder vor zwei Jahren zur Klassenfahrt als Nadine und ich uns gestritten hatten. Sie war gemein zu mir und hat sich mit einem Mädchen zusammengetan, das ich auf den Tod nicht ausstehen kann, um mir gemeine Dinge an den Kopf zu werfen. Ich habe ihr nur einen kurzen bösen Blick zugeworfen und daraufhin war die Naht ihrer Hose gerissen, sodass die ganze Schule Nadines Unterhöschen hatte sehen können.
Je mehr ich diese Erinnerungen zuließ, desto mehr tauchten auf. Sollte das wirklich alles nur Zufall gewesen sein? Und am Rand der Erinnerungen waren da meine Eltern, die sich kein bisschen wunderten, in welchen Schlamassel ihre Tochter da immer wieder hineingeriet und stattdessen alles herunterspielten.
Ich sah von dem Brief auf in das aschfahle Gesicht meiner Mutter, deren Augen sich nun ebenfalls von dem Pergament lösten. In ihren Pupillen sah ich ebenfalls, wie sich ein Nebel zu lichten schien. Als hätte sich durch das Jahre lange Schweigen ein Schleier über die Wahrheit gelegt.
„Mutti, du weißt etwas, oder?“, fragte ich argwöhnisch.
Sie hielt sich eine Hand gegen die Stirn und anstatt zu antworten, schrie sie nach meinem Vater. „MARTIN!! Komm schnell!“
Mein Vater rannte über den Hof, als wäre der Teufel hinter ihm her. Vermutlich hat die Hysterie meiner Mutter ihn angesteckt. In meinem Magen bildete sich ein Knoten aus Angst und nun trat auch mir der Schweiß auf die Stirn. „Kann mir mal jemand von euch erklären, was hier los ist?“
Als mein Vater einen Blick auf den Brief warf, wirkte er danach, als wäre er um Jahre gealtert. Doch anders als bei meiner Mutter, schien es ihm nicht die Sprache verschlagen zu haben. Er redete so viel, wie ich ihn noch nie hatte sagen hören. „Ach Kim, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Eigentlich wussten wir es ja, seit sie dich uns damals gegeben haben. Wir sollten auf dich aufpassen, bis sie sagen, es wäre an der Zeit, dass du zu ihnen zurückkehrst. Als es vor zwei Jahren nicht passiert ist, habe ich irgendwie gehofft, es würde niemals passieren. Schließlich bist du ja jetzt schon zu alt, um dein erstes Schuljahr dort anzutreten…“
Ich hatte großen Respekt vor meinem Vater, aber ich wusste, wenn ich ihn jetzt nicht unterbrach, würde ich ihm nie mehr folgen können: „Warte, warte doch mal! Langsam! Ich verstehe nichts von dem, was du sagst. Wer sind denn die? Erstes Schuljahr? Ja, dafür bin ich in der Tat zu alt, schließlich wird man mit sechs eingeschult. Was hat es mit dem Brief auf sich? War es das, was ihr mir all die Zeit verschwiegen habt?“
Nun erwachte meine Mutter wieder aus ihrer Starre als sie zu erklären versuchte: „Es ist nicht so, dass wir dir all die Zeit bewusst etwas verschwiegen hätten. Sie haben etwas mit unseren Erinnerungen gemacht. Zwar war sie unterbewusst noch da, doch immer wenn ich versuchte, danach zu greifen, driftete sie weg wie ein…“ Offenbar suchte sie nach den richtigen Worten.
„… blinder Fleck.“, ergänzte ich sie entsetzt. Wo sind wir da nur hineingeraten? Verschwörungstheorethiker? Aliens??
Als mein Vater meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, wiegelte er sofort ab: „Du musst dich nicht fürchten. Sie sind Menschen wie du, mein Schatz. Menschen mit magischen Fähigkeiten.“
„Menschen wie ich?“, stolperte es nahezu unkontrolliert aus meinem Mund. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“
„Es ist Realität.“, erwiderte meine Mutter mitfühlend. „So unglaublich es dir auch scheinen mag. Uns ging es damals ähnlich. Der Schulleiter dieser Hogwarts-Akademie brachte dich zu uns und sagte, du seihst in Gefahr und solange nicht einhundert Prozent Sicherheit für dich gewährleistet werden könnte, dürftest du nicht in deine Welt zurückkehren.“
„Moment! Heißt das, meine Eltern sind auch Zauberer?“, fuhr ich aufgeregt dazwischen. „Darüber wissen wir nichts.“, erwiderte mein Vater. „Von deinen Eltern haben sie uns nichts gesagt, Kimmy.“
Was nahe legte, dass sie tot waren. Das mussten meine Pflegeeltern wohl genauso sehen, denn sie sahen mich mitleidig an, ehe meine Mutter schnell das Thema wechselte. „Jedenfalls hättest du mit dreizehn Jahren dein erstes Schuljahr antreten müssen. Wir waren froh, dass der Brief nicht kam, Kim, denn von nun an wirst du in einer anderen Welt leben als wir, weit weg von uns.“
„Aber das ist meine Welt!“, brach es da unverhofft aus mir heraus. Als ich ihre entsetzten Gesichter sah, brach immer mehr verzweifelte Wut und Angst frei. „Wie könnt ihr nur so egoistisch sein! Ich habe mich in meinem Leben nie angekommen und normal gefühlt und ihr habt den Grund dafür all die Zeit vor mir verheimlicht! Und jetzt freut ihr euch nicht einmal, dass ich mein Leben zurückbekomme.“
„Dein Leben ist bei uns.“, sagte meine Mutter betroffen.
Das ist mein Leben!“, sagte ich laut und voller Schmerz, während ich den Brief hoch hielt. Die Worte schimmerten in ihrer blauen Tinte hoffnungsvoll in der Sonne und schienen fröhlich auf dem Pergament zu tanzen, als wollten sie mich anfeuern. „Am ersten August werde ich dort sein.“
„Kim, dafür musst du nach London. Das ist nicht der nächste Weg.“, sagte mein Vater und schien es nun auf der rationalen Tour versuchen zu wollen.
„Denkst du allen Ernstes, das hält mich auf?“, erwiderte ich erbarmungslos. Ich sah so klar wie nie zuvor in meinem Leben. Es war verrückt und waghalsig und völlig abwegig, doch es war mein Weg. Nur dieser Weg konnte sich richtig für mich anfühlen und mir die Person geben, die ich mein Leben lang verzweifelt in der weißen Leere des Geheimnisses um mich gesucht hatte. Entschlossen sah ich zu meinen Eltern auf. „Ich werde es mit und ohne eure Hilfe tun, aber mit eurer Hilfe wäre es leichter.“
Da sahen sie wohl ein, dass sie verloren hatten. Vielleicht wussten sie doch mehr, als sie bereit waren zuzugeben. Vielleicht ahnten sie deshalb, dass – ließen sie mich jetzt gehen – dies unser letzter gemeinsamer Sommer sein würde.
 
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