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Ein Brief an meine Angst

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
03.11.2018
03.11.2018
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Es gibt so viele verschiedene Arten von Angst. Bei mir ist es oft die unnötige, die mich daran hindert, Dinge in Angriff zu nehmen, die mir einredet, ich sollte Angst vor Neuem haben, bloß nichts ausprobieren. Dadurch entsteht diese nervige Aufschieberitis:  Kann ich ja noch später machen...
Geht es euch auch so?



Brief an meine Angst

Wenn dies ein normaler Brief wäre, würde ich damit beginnen, jemanden zu begrüßen. Dies ist kein normaler Brief. Aber ich möchte den Adressaten trotzdem gerne begrüßen.

Hallo Angst.
Ich kann nicht sagen, dass ich dir gerne begegne, im Gegenteil, ich fürchte mich davor, dir über den Weg zu laufen. Denn immer, wenn du bei mir vorbeischaust, hälst du mich von den Dingen ab, die ich mir vorgenommen habe. Du fütterst meinen inneren Schweinehund, solange, bis ich mich dir unterwerfe, kapituliere und dir Recht gebe. Es ist nicht so, als hätte ich nicht versucht, mich nicht von dir aufhalten zu lassen. Aber jedes Mal, wenn ich wir miteinander ringen, gehe ich ko und du triumphierst. Das Gemeine daran ist, dass du, nachdem du dich mir in den Weg gestellt hast, vorspielst mein Freund zu sein. Du versuchst mich davon zu überzeugen, dass deine Entscheidung die richtige war. Und so oft gibt der größte Teil von mir dir Recht. Erst wenn du zufrieden wieder in deinem Versteck verschwunden bist, meldet sich der Teil in mir, auf den ich eigentlich hören wollte. Dann bin ich unzufrieden und werfe mir vor, nichts schaffen zu können. Dass ich schwach bin. Feige. Ich möchte so nicht sein. Ich möchte mutig sein. Mutig und entschlossen. Meine eigenen Ziele und Träume verfolgen, ohne Angst vor dem Scheitern zu haben. Ohne Angst davor zu haben, andere könnten schlecht über mich urteilen oder mich verletzen. Verzieh dich, Angst! Ich brauche deinen „ Schutz“ nicht. Er hindert mich nur daran ich selbst zu sein. Hast du gezählt, wie oft ich schon etwas aufgeschoben oder einfach nicht weiter verfolgt habe? Hole deine Statistik aus der Schublade, ich bin sicher, du bist stolz auf dich, Angst. Ich habe mir nicht gemerkt, wie oft du ein Häkchen auf deiner Liste machen konntest, aber ich bin mir sicher, du bist schon mindestens auf der Rückseite angelangt. Ich hasse dich dafür. Du stehst mir so oft unnötigerweise im Weg, schämst du dich nicht, dass du mir nicht lieber nur da hilfst, wo es wirklich nötig ist? Wo ich kurz davor bin, eine Dummheit zu begehen? Welches Ziel verfolgst du mit dieser Taktik? Willst du mir Angst machen? Was ist passiert, dass du so übereifrig bist? Wenn ich es nur wüsste. Fest vorgenommen hatte ich mir, meine Vorhaben in Tat umzusetzen, damit sie nicht länger nur Träume und Wünsche bleiben. In manchen Momenten habe ich mich stark gefühlt, war voller Tatendrang und so sicher, mich nie wieder von dir unterkriegen zu lassen. Es ist überflüssig zu erwähnen: Im Spiel um meine Entscheidungen hast du schließlich am Ende doch den Siegtreffer versenkt. Aber fühle dich nicht zu sicher, eines Tages werde ich meine Revanche bekommen, es wird der Tag kommen, an dem der Mut sich mit der Lebensfreude und der Hoffnung verbündet und du verlierst. Schallend scheiterst. Vertraue darauf. Denn ich habe dir den Kampf angesagt. Ich schiebe auf ohne Ende. Erfinde Ausreden. Bin mir selbst damit eigentlich nicht treu. Hintergehe mich. Wie traurig diese Erkenntnis doch ist, aber es ist die Wahrheit. Es ist an der Zeit, dass ich dich überwinde, dass ich später nicht nur erzählen kann, was ich alles hätte machen können, sondern was ich tatsächlich getan habe. Dass ich meine Träumen gefolgt bin. Nimm dir das zu Herzen, dem Herzen, in dem auch du als meine Emotion wohnst. Oder bist du vielleicht nur in meinem Kopf? Eigentlich hat mein Herz nämlich längst begriffen, dass du nicht der richtige Umgang für uns bist. Ich werde nicht aufgeben, egal wie viele Rückschläge ich verkraften, egal wie oft ich dich, Angst, noch ertragen muss. Denn ich habe auch Hoffnung. Und die ist stärker als du.

Wenn dies ein normaler Brief wäre, würde ich mich am Ende verabschieden. Dies ist kein normaler Brief. Aber ich möchte den Adressaten trotzdem gerne verabschieden.

Auf nimmer Wiedersehen, falsche Angst
 
 
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