The sound of love

von Solli05
GeschichteDrama, Romanze / P12
Gideon de Villiers Gwendolyn Shepherd
03.11.2018
26.03.2020
45
52004
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Kapitel 45

Die Handtücher waren zerknäult und man musste sie drei mal ausschütteln, damit man sie anständig über die Wäscheleine legen konnte. Neben mir stand der Korb mit der feuchten Wäsche, die darauf wartete, aufgehängt zu werden und hinter mir seifte die Waschmaschine schon die nächste Ladung Kleidung ein. Es war ein ganz normaler Tag. Jedenfalls so normal wie er das in der letzten Zeit sein konnte. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Klar, in irgendeiner Weise gefiel es mir, so umgarnt zu werden, aber in erster Linie war ich immer nervös, ob Gideins Mutter in der Nähe war und auch ein bisschen genervt, dass er nicht mal für zehn Minuten damit aufhören zu können schien. Mit einem schadenfrohen Lacher dachte ich an seine heutige Aktion. Ein kleiner Strauss Rosen. Er stand in der Küche als ich ankam.
Als er dann später auf dem Frühstückstisch stand, umgeben von Marmeladen, Rührei und Brötchen, war der Sänger ganz schön überrascht. Selina dagegen war entzückt.
"Oh Gwendolyn! Das war doch gar nicht nötig!" rief sie mit breitem Grinsen aus.
"Das war ich gar nicht." meinte ich und grinste hinterlistig zu Gideon. "Ihr Sohn dachte sich wohl ein kleines Dankeschön an seine liebe Mutter wäre eine tolle Art, den Morgen zu beginnen. Er hatte sogar schon eine Vase dazu gestellt!"
Gideons Blick war eindeutig nicht so emotional wie der von Selina, die beinahe in Tränen ausbrach, so gerührt war sie. Sie umamrte ihren Sohn der hilflos murmelte: "Äh... Ja. Die sind... doch wunderschön, nicht?"

Mit zwei Hemden, einer Stoffhose und drei Blazern machte ich mich auf den Weg zur Garderobe. Die sechs Kleidungsstücke mussten spätestens morgen in die Reinigung und bevor sie dort hin geschickt werden konnten, musste jedes von ihnen sorgfältig in eine Extra-Hülle gesteckt werden. Allerdings wurde diese einfache Unternehmung ein wenig gestört. Zwei warme, große Hände legten sich über meine Augen und die einzige Männliche Stimme im Haus wisperte mir ins Ohr. "Du weißt schon, dass die Blumen heute für dich waren, oder?"
Um meinen Schock und meine Gänsehaut wegen der Nähe von uns zu überspielen drehte ich mich um und entgegenete:" Nein, wirklich? Oh das ist ja zu Schade! Jetzt habe ich mich so geirrt und dabei hat Selina sich ja so darüber gefreut! Wäre es keine Klischee-Blume gewesen hätte ich es vielleicht kapiert." Der letzte Teil triefte vor Sarkasmus. Gideon grinste. "Na schön. Aber das nächste Mal kommst du mir nicht so einfach davon."
Kühn sah ich ihm in die Augen. "Ist das ein Versprechen oder eine Drohung?" fragte ich. Er lachte. "Gwen ganz ehrlich. Es ist doch verständlich, dass ich Zeit mit dir verbringen möchte und nicht als Angestellte und Vize-Chef. Sondern als Gwendolyn und Gideon. Die sich eine Weile nicht gesehen haben, sich offenbar nicht hassen und etwas zusammen essen."
Es war falsch. In jeder Hinsicht. Natürlich auf der beruflichen Ebene, er war wirklich etwas wie mein Vize-Chef. Aber auch auf emotionaler Ebene. Wie sollte ich denn alles hinter mir lassen, wenn der Grund zum zurück gehen jeden Tag vor meiner Nase herum tanzte!
Doch dieser Blick. Die grünen Augen, die mich flehend ansahen, die Unterlippe ein bisschen vorgeschoben und die Hände aneinander gelegt. Der Moment wurde mir zu intensiv und um daraus herauszukommen hob ich meine Hände wie ein Schutzschild vor mich, schloss kurz die Augen und sagte: "Gut. Dann machen wir das eben!" Noch bevor mein Gehirn richtig erkannte, was ich da gesagt hatte, hatte Gideon mich an sich gerissen und wirbelte im Flur herum. Gegen meinen Willen lachte ich über seinen euphorischen Ausbruch und klammerte mich an ihn, einfach nur aus Absicherung.
Er jubelte leise und ich war ihm dankbar dafür. Hätte er es lauter getan, wäre Selina sicherlich nachschauen gegangen, was denn die "tolle Neuigkeit" war. Und unsere Pose war schon ein bisschen wie das Klischee eines Liebespaares.  

Für den Rest des Tages sah ich den Sänger gar nicht. Wahrscheinlich musste er sich erst mal überlegen, wie er das mit dem Essen überhaupt anstellen sollte. Ich selbst war mir nicht ganz sicher, ob ich das richtige getan hatte. Die Antwort war aus dem Impuls enstanden und wirklich darüber nachgedacht hatte ich nicht. Klar, in meinem Inneren wollte ich mich genau so gerne mit Gideon treffen wie er sich mit mir, aber in meinem Kopf steckte diese Blockade und sie wollte einfach nicht weggehen. Diese Angst, dass all das fatale Folgen haben würde, dass etwas schlechtes passieren würde. Vielleicht auch, dass ich ihn verlieren würde. Und wenn - was ich für ziemlich unwahrscheinlich hielt - wenn wir zusammen kämen, wie würde das dann aussehen? Er war weltberühmt, ich müsste mich eigentlich nur darum kümmern, dass sein Zimmer aufgeräumt und seine Wäsche gewaschen ist! Würde das bedeuten, sich nur an bestimmten Tagen und um bestimmte Uhrzeiten richtig sehen zu können und so zusammen sein konnte wie man will? Das würde doch niemals hinhauen! Und deshalb sollte ich ihm auch keine Hoffnungen machen und mit ihm essen gehen, oder? Doch ich wollte ja auch! Wieder bei ihm sein, mit ihm reden. Es war ein endloses Karussell an Gedanken und Gefühlen. Und wie das bei Karussellen so ist, man steigt da aus, wo man angefangen hat.

Das hatte sich nicht geändert. Auch nicht, als ich fast vier Stunden später meinen Arbeitstag beendete und mich auf den Weg zur Tube machte. Das Fahrrad hatte heute morgen einen platten Reifen - Danke an den Idioten der sich einen Spaß draus gemacht hat - und musste laufen. Aber so schlimm war es eigentlich gar nicht. In fast jedem der vornehmen Fenster hingen, klebten und standen Weihnachtsdekorationen, dazu noch die edlen Straßenlaternen, die London zu bieten hat; Ein wahr gewordener Traum für jeden, der all diesen Kitsch liebt.
"Gwen warte!"
Das darf doch nicht wahr sein! In einem hastig übergestreiften Mantel und nicht zugebundenen Schuhen rannte Gideon zu mir. Hoffentlich sah jetzt niemand aus dem Fenster. "Gideon!" rief ich aus, hoffte, dass es anklagend und missbilligend klang.
"Ich dachte, wir essen zusammen!" Durch die vereisten Gehwege kam er schlitternd vor mir zum stehen.
"Hattest du nicht vor einer Stunde Abendessen?"
"Was meinst du, warum habe ich so wenig gegessen?"
"Und ich dachte schon du Ärmster verhungerst noch, nur weil dir mein Essen nicht schmeckt. Meinst du mir ist das aufgefallen?"
"Kann ja sein. Außerdem ist dein Essen immer der Hammer, bestreit das ja nicht." Gegen meinen Willen schlich sich ein geschmeicheltes Lächeln über mein Gesicht.
"Und du willst dich jetzt wieder in die Küche schleichen und essen machen?" Adieu an die schöne Ordnung, die ich gerade erst herein gebracht habe.
"Nein. Wir gehen zu mir." Triumphierend grinste er über das ganze Gesicht.
"Du meinst das Studio?" fragte ich unsicher.
"Nein. Meine Wohnung in Chelsea."
"Wann warst du das letzte mal dort? Ich frage wegen dem Essen. Nur zur Info, ich habe keine große Lust auf eine Lebensmittelvergiftung."
Gideon lachte. "Genau deshalb habe ich die jüngere und weniger tolle Version von mir auf einen Botengang geschickt."
"Raphael ist bei dir?" Ich mochte ihn wirklich, aber nachdem, was ich alles getan hatte. Vor allem der Streit mit ihm und Leslie kurz  bevor ich ging.
"Nicht mehr." beruhigte Gideon mich. "Obwohl er und Leslie dich gerne wiedersehen möchten. Sie vermissen dich."
"Glaub mir, wir werden uns bald wiedersehen. Aber ich glaube für heute habe ich genug."
"Super. Ich habe mir die Freiheit genommen, alles für diesen Salat zu richten, den du so magst, den Couscous-Salat und - "
"Gideon!" Er hielt in seiner Ausführung inne. "Ich muss nach Hause."
"Nein, Gwenny bitte! Ich möchte nicht klingen wie ein kleiner Junge dem sein Eis weg genommen wurde, aber ohne dich bleibe ich hier stehen und erfriere bis morgen und dann sind die Schlagzeilen groß und ich werde als Geist dafür sorgen, dass dich die Paparazzi dein Leben lang verfolgen und - "
Wieder unterbrach ich ihn. "Ist ja gut! Meine Güte ich hab noch nie so eine große Drama-Queen wie dich getroffen!"
Schnell schrieb ich Nick eine Nachricht, dass es später werden würde und schlenderte neben Gideon die Straßen von Belgravia entlang. Vor der Tube blieb ich stehen.
"Gut. Hast du irgend eine Verkleidung dabei? Ein falscher Bart, eine Cap oder irgendwas?"
"Wofür das denn? Es ist fast halb elf!"
"Du wirst staunen wie viele Teenager in der High Society von London so spät noch unterwegs sind."
Gideon verdrehte die Augen, dann holte er eine Wollmütze aus der Manteltasche und setzte eine altmodische Brille mit Fensterglas auf. Überrascht sah ich ihn an. Als der Sänger das bemerkte grinste er überlegen. "In jeder Jacke etwas." strotzte er legte einen Arm um mich, mit dem er mich runter zu den Gleisen führte.

Die Wohnung war eine dieser modernen Minimalisten-Buden, die zu steril aussehen, als dass irgendjemand darin wohnen könnte. Weiße Wände, große Fenster, dunkle Möbel. Es gab auch nicht viel, was darauf hinweisen könnte, dass hier jemand über längere Zeit gewohnt hätte. Mal abgesehen von den Notizblättern, die anscheinend überall herum lagen. Bevor ich auch nur einen davon näher betrachten konnte, raste Gideon durch die Wohnung und sammelte alle ein. Ich lachte nur und warf einen Blick in die Tüten voller Lebensmittel, die Raphael und freundlicherweise gebracht hatte. Tatsächlich war alles, was man für einen guten Salat braucht darin und noch viel mehr! Vielleicht hatte der jüngere De Villiers die Hoffnung, hier auch mal länger als zwei Tage zu bleiben und nicht ausgehen zu müssen.
Abgesehen von ihrem Aussehen war die Küche fantastisch! Sie war geräumig und modern, ganz anders als die kleine Mikrowelle bei mir in der Wohnung. Und das Kochen war großartig! Was vielleicht auch daran lag, dass ich unterhaltsame Hilfe hatte. Inzwischen dachte ich, dass dies eine sehr gute Idee war. Und dass es mich nicht wirklich kümmerte, in welche Richtung es sich entwickeln würde. Denn die Hauptsache war, ich hatte Spaß mit jemandem, den ich wirklich mochte. Als einen Freund und vielleicht auch ein wenig mehr als das, aber selbst mit einer normalen Freundschaft konnte ich leben.

Als wir den Couscous fertig angerichtete hatten setzte sich Gideon vor den großen Fernseher im Wohnzimmer und klopfte auf den PLatz auf dem Sofa neben ihm. "Ich glaube wir müssen unsere Tradition vom Filme schauen aufrecht erhalten, findest du nicht?" Ich lachte auf. Aber es war klar, dass keine Diskussion der Erde Gideon dazu bringen würde, sich jetzt an den Tisch zu setzen und keinen Film anzuschauen. Also setzte ich mich neben ihn und wartete, bis er sich entschieden hatte. Ich kannte mich in Filmen nicht das geringste aus, deswegen entschied er meistens, was wir schauten.
"Hier. Der ist ehrlich gut."
Kingsman. Actionfilm.
"Gideon, jeder "ehrlich gute" Film bei dir ist mit Waffen, Krieg oder Monstern voll gestopft."
"Ja, aber der hier ist britisch." Er zwinkerte mir zu und ich verdrehte die Augen.
"Na los." seufzte ich und nahm den ersten Bissen von meinem Abendessen. Bevor die erste Szene wirklich anfangen konnte, schrieb ich Nick noch einmal.
"Wird wahrscheinlich erst morgen."

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Ja wird wahrscheinlich erst morgen. Ich muss sagen ich glaube ich habe nie länger für ein Kapitel gebraucht. Ganze drei Tage hatte ich keine Ahnung, wie ich nach den ersten drei Absätzen weiter machen sollte. Gut dass ich jetzt einen Schreib-Flow hatte und fertig geworden bin ;)
Solli05