Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Meine geliebte Hafuri

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
02.11.2018
23.02.2020
2
21.941
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
02.11.2018 15.476
 
Takemikazuchi wusste nicht, wer er war. Die Aussicht auf einen Kampf, war mehr als genügend, um sich für die Hinrichtung dieses Verräters freiwillig zu melden. Seinen Namen hatte er bereits vergessen. Alles was er wusste war, dass dieser abtrünnige Gott ein kleinlicher Gott des Zorns war, angeblich, der an die Ideale des Vorgängers von Arahabaki glaubte und ihm nacheiferte. Ein paar gewisse alte Schriften deuteten allerdings an, dass er ein Gott der Schmach war, geboren aus der Schande des Menschen.

    Während des Kampfs der himmlischen Heerscharen gegen die Kriegsgöttin Bishamonten, die sich wegen mutmaßlichen Hochverrats gegen den Himmel schuldig machte, und den unbekannten Kriegsgott und Komplizen von Bishamonten Yato und seiner Hafuri Yukine, musste die Armee des Himmels viele Niederlagen und Verluste einsteckten. Dieses Chaos und den geschwächten Zustand des Himmels machte sich der Verräter zu nutze, um einen erneuten Angriff gegen den Himmel und der Sonnengottheit Amaterasu zu starten und einen Krieg anzuzetteln. Er hatte versagt.

    Da die himmlische Armee nicht noch mehr Schaden erleiden wollte, wurde nur ein freiwilliger Gott auserkoren, um sich um den Abtrünnigen zu kümmern. Eine völlig schwachsinnige und unlogische Vorgehensweise. Sollte Hilfe angefordert werden, sollte er diese auch bekommen. Natürlich würde sich Takemikazuchi nie dazu herablassen, immerhin war er einer der mächtigsten Kriegsgötter, von Ouki, der Donnerklinge, mal ganz abgesehen. Die „Niederlage“ gegen Gott Yato, die Takemikazuchi immer noch nicht akzeptierte, war beschämend genug, aber um Hilfe wegen so einem Hochstapler zu bitten, wäre die Höhe!

    Der Verräter war ein kleiner, rundlicher, naiver Mann mit Halbglatze und Stoppeln am Kinn. Er sah sehr ungepflegt und schwach aus. Nicht einmal traditionelle Kleidung trug er, wie sich für einen ordentlichen Gott gehörte! Stattdessen trug er zerfledderte Turnschuhe, eine abgenutzte Jeanshose und ein ausgewaschenes T-Shirt. Dieser Mann war die Scham einer jeder Gottheit! Eine Schande!

    Dieser verwahrloste Gott (der eine verblüffende Ähnlichkeit mit einen gewissen „Scheissgott“ hatte) sollte es als Gnade erkennen, dass Takemikazuchi ihn vergehen lies und er mit seiner Wiedergeburt eine neue Chance bekam! Stattdessen verfolgte er ihn nun schon eine halbe Ewigkeit durch einen Wald der irdischen Welt und wartete auf eine passende Gelegenheit, mit Ouki alles auf einen Schlag zu beenden, doch der Flüchtige wehrte sich hartnäckig und war mittlerweile mehr lästig als bedrohlich (Auch hier kam diese Ähnlichkeit zu diesen „Scheissgott“ gut zur Geltung, wie Takemikazuchi bemerken musste).

    Der Abtrünnige selbst war kein Problem und sollte schnell erledigt sein, aber seine Shinki war was anderes. Es war keine sehr mächtige Shinki, für den Kampf, vor allem Nahkampf, gänzlich ungeeignet, dennoch war sie gefährlich. Wie ein so unbedeutender Gott an so eine Shinki ran kam, war Takemikazuchi ein Rätsel. War wohl eine Glückssache. Natürlich war diese Shinki nicht mal annähernd ein Vergleich mit Ouki oder Tsuki, der Shinki von dem Gott der Wacht, dem neuentstandenen Arahabaki, aber wenn man wusste, wie man sie richtig einsetzte, konnte sie einem schon zum Verhängnis werden, auch wenn nicht durch den Tod.

    Der Name der Shinki lautete Tutsemi (Ein völlig bescheuerter Name, wie Takemikazuchi fand) und er nimmt die Form eines Seils an. Eine Shinki, die von Tutsemi gefangen wurde, egal in welcher Form, kann sich nicht befreien und das erlaubt seinem Meister, der gefangenen Shinki einen Namen zu geben, sie so zur abtrünnigen Nora zu machen und an sich zu fesseln. Mit diesem kleinen „Trick“ hat der Verräter schon einige mächtige Shinkis entehrt und sie von ihren Göttern geraubt.

    Und hier lag auch das Problem. Takemikazuchi wurde nichts davon erzählt (oder er hat einfach aufgehört zuzuhören), wodurch er unvorbereitet war und jetzt die Gefahr bestand, wenn er nicht aufpasste, dass ihm Kiun ebenfalls zum Opfer fiel, und das möchte er um jeden Preis verhindern. Es wäre eine Katastrophe, wenn Kiun unter der Macht dieses kriegsbesessenen Abtrünnigen stünde und er vollen Zugriff auf seine mächtigen Fähigkeiten hätte. Er könnte Tutsemi natürlich auch mit Koki oder Shiki zerschneiden, aber das Risiko Kaun oder Miun dabei zu verlieren, war ebenfalls sehr groß. Er war immerhin nicht wie sein Vorgänger und achtete mehr auf seine Shinkis. Um Saiun, oder auch Saiki, musste er sich in seiner jetzigen Form als Kriegsgewand keine Sorgen machen. Jedenfalls musste er nicht nur auf die Angriffe von Tutsemi achten, sondern auch auf die schlecht ausgeführten und stümperhaften Schläge von unterschiedlichen und größtenteils unbekannten Shinkis und ihrer Form als Waffe.
   
    Die Schatten der Bäume zogen über Takemikazuchi's Körper hinweg, als er den Verräter weiter durch den Wald jagte und dabei versuchte, Kugeln eines Maschinengewehrs (Eins der geraubten Shinkis) auszuweichen und hinter den dicken Stämmen in Deckung zu gehen. Es war eine M249 SAW,  aus dem Jahr 1982, vollautomatisch, im matten schwarz, mit dem Kaliber 5,56mm. Woher er das wusste? Tja, er war nun schon sehr lange auf der Welt, irgendwie musste man sich ja beschäftigen. Aber, um wieder zum Thema zurück zu kommen... welchem Gott gehörte bitteschön ein Maschinengewehr!? Er hatte ja schon viele Götter mit voll- und auch halbautomatischen Waffen gesehen, wie die Zwillings-Shinki von Bishamonten, aber ein Maschinengewehr war da doch etwas zu viel des Guten. Was kam den als nächstes? Ein Granatwerfer?

    Als aufgehört wurde zu feuern, riskierte der Kriegsgott einen Blick. Der Verräter hatte sich bereits wieder zur Flucht begeben, also nahm er die Verfolgung auf. Allerdings verlor er ihn schnell aus dem Blick. Nach ein paar wenigen Metern verließ Takemikazuchi endlich den Wald und stand stattdessen auf einem großen Feld, überwuchert mit saftig grünen Gras, das ihn beinahe bis übers Knie reichte. Viele weiße und malerisch schöne Blumen wuchsen hier, die mit ihren blätterlosen Stängeln das Gras leicht überragten. Takemikazuchi hatte solche ungewöhnlichen Blumen noch nie gesehen. Sie bestanden aus sehr vielen winzig kleinen Blütenblättern, die zusammen eine große Blüte formten, die etwas an eine Rose erinnerte. Sie waren schön mit anzusehen, doch konnte sich Takemikazuchi nicht darum kümmern, er hatte einen Gott zu töten.

    „Ey, wo steckst du? Komm raus und hör auf dich zu verstecken, du feiger Verräter! Verschwende meine Zeit nicht und kämpfe wie es sich für einen Mann gehört!“, rief er laut und schaute sich dabei wütend und hektisch um. Der Kerl war zu langsam, um ungesehen das Feld überquert zu haben. Er hatte sich ganz bestimmt hier irgendwo versteckt. Nicht im Gras. Er war zwar klein, aber noch zu auffällig (und ungeschickt), um sich erfolgreich im Gras zu verstecken. Auch nicht zwischen den Stämmen, den Baumkronen oder überhaupt noch irgendwo im Wald, dass hätte Takemikazuchi mitbekommen.

    >>Mein Herr, seit achtsam. Wir wissen nicht, welche Shinkis sich der abtrünnige Gott angeeignet hat, noch welche Fähigkeiten sie besitzen. Er mag unerfahren sein und weiß nicht, was er tut, aber genau solche Personen können an unvorhersehbarsten und gefährlichsten sein.<< Kiun's ernste aber dennoch sanfte Stimme ließ Takemikazuchi sich etwas beruhigen. Wenn er weiter einfach nur am schnellsten alles hinter sich bringen möchte, könnte er unkonzentriert werden und das wiederum könnte zu Fehlern führen. „Ja ja, das weiß ich doch selbst. Jetzt halt die Klappe, so kann ich mich nicht konzentrieren...“, antwortete er trotzdem mürrisch. Kiun sagte kein Wort mehr.

    Er sah sich weiter um, beobachtete mit scharfen Blick die Gegend. Ein lauter Kampfschrei ertönte. Ruckartig wirbelte Takemikazuchi herum und blockte einen Schwerthieb mit Koki ab. Ziemlich dumm, während eines Überraschungsangriff zu schreien. Natürlich hätte er auch so, mit aller Leichtigkeit, blocken oder ausweichen können. Der Hieb kam von oben. Sicher hatte der andere Gott eine Shinki, mit der er sich zwischen den Wolken verstecken konnte... oder so. Immerhin hatte er auch ein Maschinengewehr. Takemikazuchi war sich sicher, dass seine Theorie stimmt.

    Der Verräter kam durch den Block aus dem Gleichgewicht und kam taumelnd auf dem Boden auf. Schnell hatte er sich wieder im Griff und hob sein Schwert. Es war dunkelsilber und mit zweischneidiger Klinge, wie es im Mittelalter während des 10. Jahrhundert die Ritter trugen. Der Unterschied war, dass die Klinge bedeuten länger und breiter war und sich zur Spitze hin scharf nach oben bog. Es sah seltsam und unpraktisch aus. Zittrig stand der Mann nun da, mit einem Schwert, was ihm definitiv zu groß und schwer war, bereit zum kämpfen, aber mit vor Angst schlotternden Knien. Keine große Herausforderung.

    Lässig schulterte Takemikazuchi sein Schwert und betrachtete den Möchtegern - „Gott des Zorns“ mit einen bösen Grinsen. Ouki schwebte um ihn herum und tat es ihm gleich, nur das seine Blicke konzentriert und achtsam waren... und er grinste nicht. Aber wie befohlen schwieg er weiter.

    „Nun, gibst du auf? So ein Schwächling wie du ist mir nicht gewachsen. Lass uns das schnell hinter uns bringen, damit ich endlich nach Hause gehen kann.“ Selbstgefällig redete Takemikazuchi daher und entfachte immer weiter den Zorn des anderen Mannes. „Ich gebe ganz sicher nicht auf! Ich kämpfe für Arahabaki und rebelliere gegen den Himmel und du wirst mich nicht aufhalten!“, schrie er stolz aus Leibeskräften, schien danach aber ziemlich aus der Puste zu sein. Takemikazuchi zog eine missmutige Schnute. Abfällig schnaubte er und winkte ab. „Nun brüll hier doch nicht so rum. Ich wollte es uns beiden einfach leichter machen, aber meinetwegen, kämpfen wir.“

    Der Kriegsgott nahm eine lockere Kampfhaltung ein und wartete auf den ersten Schlag, aber sein Feind schien zunehmend unsicherer zu werden und überlegte verzweifelt, wie er sich noch retten konnte. Sein Peiniger spielte mit ihm, dass war also vielleicht seine letzte Chance zu entkommen, er musste ihn nur ablenken. Fieberhaft dachte er nach, Takemikazuchi wurde ungeduldig. Nun gut, er hatte vielleicht keinen richtigen Plan, aber ein Versuch war es wert. Wahrscheinlich war sein Schicksal wieso schon besiegelt.

    Takemikazuchi unterdrückte ein Gähnen, als der Verräter sich endlich mal entschieden zu haben schien. Er schrie und dreschte mit unkontrollierten Schlägen auf ihn ein, der Kriegsgott blockte schon beinah gelangweilt ab. Dann sprang er wieder zurück und warf sein Schwert. Ja, tatsächlich, er warf es. Schwungvoll sauste es auf ihn zu. Takemikazuchi ging nur einen Schritt zur Seite, bevor er den Verräter mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah. Das war doch echt zu blöd. Er sollte ihn wirklich von seinem Leiden erlösen. Was der hier abzog war ja schon traurig.

    Seufzend und mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt fixierte er ihn mit seinem Schwert. Der Abtrünnige zog wieder sein Maschinengewehr, das auf seinem Rücken festgeschnallt war, und fing an zu feuern. Takemikazuchi blockte und zerteilte blitzschnell jede einzelne Kugel. Dann setzte er zu einen Gegenangriff an.

    >>Achtung!!<<, schrie Kiun plötzlich.

    Als er sich umdrehte, kam ihn alles wie in Zeitlupe vor. Das Schwert, was der Verräter nach ihm geschmissen hat, kam wie Bumerang auf ihn zurückgeschossen. Das erklärte wenigsten die gebogene Klinge. Takemikazuchi hatte nur wenige Sekunden Zeit zu reagieren und auszuweichen, was für einen Gott wie ihn kein Problem war, aber er tat es nicht. Er blieb stehen.

    >>Herr!!!<< Ouki warf sich dazwischen.

    Eigenmächtig verwandelte er sich zurück und das Schwert traf ihn, statt Takemikazuchi. Die Klinge traf auf seine Hüfte und schlitzte ihn bis etwas über die Mitte auf. Kiun schlug auf dem Boden auf, als das blutbeschmierte Schwert hinter ihm im hohen Gras verschwand. Takemikazuchi starrte seinen Wegweiser an. Er hörte seine anderen Shinkis nach Kiun rufen und schreien. Er selbst gab kein Ton von sich. Er bewegte sich nicht einmal. Seine Augen wurden von dunklen Schatten verdeckt, sein Mund war zu einer ausdruckslosen Miene verzogen. Es wurde still. Das einzige Geräusch war das Rauschen der Blätter und des Grases, als der Wind sie scharf durchzog.

    Sekunden vergingen... Dann breitete sich ein breites, bösartiges, von Wahnsinn erzeugtes Grinsen auf Takemikazuchi Lippen aus und seine Zähne blitzten weiß hervor. Seine Augen funkelten vor Vorfreude, als er Kiun's blutige Leiche betrachtete. Die Aufregung lies ihn zittern. Sein gereiztes Blut raste durch seine Adern.

    Das war es! Das war seine Chance! Endlich war es so weit! Solange hatte er sich nun schon danach gesehnt, nun sollte sein langersehnter Wunsch endlich in Erfüllung gehen! Endlich würde sich Kiun, eine der mächtigsten Shinkis, nach so vielen Jahren verwandeln! Endlich würde er eine Hafuri besitzen!!!

    . . .

    Weitere Minuten vergingen. Es geschah nichts. Kiun rührte sich nicht. Kein geheimnisvolles Funkeln erstrahlte. Keine Verwandlung wurde vollzogen. Es geschah einfach... nichts.

    Takemikazuchi's Augen wurden matt und glanzlos. Langsam zogen sich seine Mundwinkel nach unten, seine Lippen blieben ein Stück geöffnet. Seine Züge verloren immer mehr von dem irren Blick, den er gerade noch hatte. Ein Schluchzen erklang in seinem Hinterkopf.

    Es war Miun, die auf die Knie zusammengebrochen war, ihr Gesicht in ihren Hände verbarg und immer wieder Kiun's Namen weinend schluchzte. Sie war die jüngste Shinki, was bedeutete, dass sie als letztes zu Takemikazuchi's Shinki gemacht worden war, was auch noch gar nicht so lange her ist, und Kiun hatte sie unter seine Fittiche genommen und sich um sie gekümmert. Sie konnte immer mit allem zu ihm kommen.

    Saiun kniete auf den Boden und starrte auf seine Hände herab. Auch er war den Tränen nahe und seine Augen schimmerten schon leicht. Er und Kiun waren sehr gute Freunde gewesen. Kaun war der Einzige, der sich noch im Griff hatte. Er saß neben Miun und hatte ihr tröstend einen Arm um die Schulter gelegt. Es half nur leider nicht.

    Takemikazuchi starrte leer den weißhaarigen, jungen Mann auf den Boden an. „Kiun... Steh auf...“ Das war ein Befehl, doch es rührte sich nichts. Sein Mund wurde trocken. „Kiun, ich meine es ernst... Wir haben keine Zeit für deine Späße...“ Kiun machte nur sehr selten einen Spaß, aber ganz sicher nicht solche. Er versuchte zu schlucken, aber auch sein Hals fühlte sich ausgetrocknet an. „Sag endlich was!...“ Erschreckender Weise stellte Takemikazuchi fest, dass seine Stimme ganz ohne seinen üblichen Biss oder Rauheit erklang. Stattdessen klang sie irgendwie... gebrochen... erdrückt... und erstickend.

    Hinter ihm fing der Verräter mit zitternder Stimme stotternd zu sprechen an: „E-Es tut mir so Leid! I-I-Ich wollte nicht... wollte das nicht! Ich wollte ihn nicht töten!!“. Den letzten Satz schrie er. Dann schnappte er sich das mit Kiun's Blut überströmte Schwert und rannte so schnell wie seine kurzen Beine ihn tragen konnten stolpernd davon. Doch Takemikazuchi interessierte das nicht.

    Ihn töten? Kiun töten? Glaubte dieser Kerl wirklich, das so ein unbekannter, schwacher Tölpel jemanden wie Kiun töten könnte? Das war... schwachsinnig! Purer Schwachsinn, Blödsinn! So was Unglaubliches! Was bildete sich dieser Idiot ein?! Als ob er Kiun töten könnte!... Takemikazuchi Knie wurden schwach. Das konnte einfach nicht... Das durfte einfach wahr nicht sein! Kiun...!

    Langsam sank Takemikazuchi auf den Boden. Seine Augen waren weit aufgerissen und der Schock war gut in ihnen sichtbar. Zittrig streckte er seine Hände nach Kiun aus. Er packte ihn an den Schultern. Er sah schlimm aus. Sein Unterleib war beinahe komplett durchtrennt und dampfend heiße Eingeweide sickerten aus der riesigen Wunde aus seinem Körper. Sein ganzes Kinn, sein Hals und seine Brust waren mit dem hervorgewürgten Blut verschmutzt. Seine Haut war verdammt blass im Gesicht, schon beinah weiß. Sein Mund war leicht geöffnet und man konnte die rot verfärbten Zähne und das restliche Blut in seiner Kehle sehen. Seine Augen waren halb geöffnet, aber so weit nach oben verdreht, so das man nur ein kleines Stück seiner Iris sehen konnte. Der Rest war weiß, weiß aber blutunterlaufen. Die tiefen Augenringe und die leicht eingefallenen Wangen ließen das Bild nicht schöner aussehen, dafür zeigte es aber, wie ausgelaugt und erschöpft Kiun schon vorher gewesen sein musste.

    „Kiun...? Komm schon, Mann, mach die Augen wieder auf... Du kannst doch nicht tot sein, nicht du...!“ Aus Verzweiflung fing er an, ihn zu schütteln. „Kiun, wach auf! Sag was! Weis mich zurecht, o-oder schrei mich an, weil ich so dumm war! Mach was! Irgendwas! Ich befehle es dir, als dein Gott!! Antworte!!!“ In seiner Rasche zerrte er immer mehr an seinem Körper und schrie ihn an, bis...

    >>Hör auf! Hör endlich auf! Du hast ihn schon in den Tod getrieben! Jetzt lass ihn endlich in Frieden!<<, rief Miun wild und außer sich, die Kaun, der sie immer noch zu beruhigen versuchte, völlig ignorierte und ihn von sich wegstieß. >>Es ist ganz allein deine Schuld! Du wolltest das er für dich stirbt!! Du bist ganz allein für seinen Tod schuld! Du hattest noch genug Zeit auszuweichen! Du bist mit Absicht stehen geblieben! Du wolltest das so! Du Monster!!<<

    Endlich schaffte Kaun sie festzuhalten und ihr mit seiner Hand den Mund zu versperren. Saiun kniete mittlerweile auf allen Vieren und hielt sich ebenfalls den Mund zu. Die Tränen liefen ihm unaufhörlich über die Finger und den Handrücken. Miun's Ausbruch versetzte Takemikazuchi schmerzvolle Stiche, aber das interessierte ihn nun herzlich wenig. Sie hatte Recht. Es war seine schuld.

    Seine Augen brannten. Er hatte in all den vielen Jahrhunderten, die er nun schon auf der Welt war, nie geweint. Nun tat er es. Heiße, salzige Tränen strömten über seine Wangen und hinterließen rote Spuren. Schluchzend und völlig außer Kontrolle stürzte er auf Kiun's Brust vergrub sein Gesicht tief in seine nach Blut stinkenden Sachen. Er schrie aus Leibeskräften: „Kiun, bitte! Es tut mir so Leid, so unendlich Leid! Aber bitte... bitte komm doch zurück! Tu mir das nicht an! Es ist mir egal, ob du eine Hafuri wirst! Von mir aus, verzichte ich auch für immer auf eine, wenn du nur zurück kommst, hörst du!?! Ich flehe dich an, öffne deine verdammten Augen!!! Ich tu auch was immer du willst, alles!! Ich werde immer auf das hören, was du mir sagst, egal was, aber komm zurück! BITTE!!! Kiun! Ki! Ouki...!!“

    Und er löste sich auf. Sein Körper, samt seiner Kleidung, zersprang in Abermillionen mikroskopische, funkelnde Diamanten. Geschockt starrte Takemikazuchi sie für einen winzigen Augenblick an, bis er realisierte, dass auch der Rest von Kiun nun dabei war, für immer aus seinem Leben zu verschwinden. „Nein! NEIN!! Nicht! Komm zurück!“ Verzweifelt streckte er die Arme aus und versuchte nach ihnen zu greifen und die winzigen Diamanten mit den Händen wieder einzufangen, in der Hoffnung, so wieder Kiun ins „Leben“ zurückzuholen, aber es gelang ihm nicht. „KIUUUUUN!!!!“ Wie Kiun's Leben wirbelte der feine Staub spielerisch zwischen seine Finger, bis der Wind ihn mit sich trug. Takemikazuchi griff ihm hinterher, aber ohne jeglichen Erfolg. Kiun war fort. Und er würde nie wiederkommen. Übrig blieben nur die weißen, betörenden, wunderschönen, Blumen, die nun mit ruchlosen Blut besudelt waren...


-


    Der Verräter, der erst Schuld an der ganzen Tragödie war, konnte an jenem Tag entkommen und tauchte seither auch nicht wieder auf. Takemikazuchi saß an diesen verhängnisvollen Tag noch lange zwischen den rot gefärbten, edlen Blumen und weinte stumm. Schweigend kniete er im Gras, sein verzweifelter und gequälter Blick war zu einer ausdruckslosen Miene gewichen. Selbst seine Shinki sprachen kein Wort mehr, nicht einmal Miun. Es müssen Stunden vergangen sein, denn als Takemikazuchi seinen Kopf hob, war die Sonne bereits hinter den Baumwipfeln verschwunden und es gab keine Tränen mehr, die er noch hätte vergießen können.

    Es war Kaun, der sich als Erster traute zu sprechen. >>Mein Herr, wir sollten gehen.<< Takemikazuchi wirkte nicht so, als hätte er seine Shinki gehört. Doch dann stand er tatsächlich auf und verschwand auf sein Grundstück in Takamagahara. Dort angekommen wurde er gleich von einem sehr wütenden Sekiun in Empfang genommen, der ihn heißblütig darüber ausfragte, wieso das so lange gedauert hat und was geschehen ist. Takemikazuchi antwortete auf keine der Fragen. Stattdessen ignorierte er ihn, was ihn ziemlich empörte, gab Miun, Kaun und Saiun frei und zog sich wortlos in seine Gemächer zurück.

    Den Rest der Nacht wurde er nicht gestört. Auch nicht am Tag darauf. Takemikazuchi war sich sicher, dass Kaun allen über seinen Kampf mit dem Verräter berichten würde... und auch über Kiun. Wie erwartet, spürte er gegen Mittag eine wachsende Anspannung. Kurz darauf wurde er von vielen seiner Shinkis gestochen, als sie von Kiun's Tod erfuhren. Kiun wurde von den anderen Shinkis sehr geachtet, und auch bewundert, dass sein Tod sie schwer traf, war voraussichtlich.

    Takemikazuchi wurde am darauffolgenden Tag nicht gestört, und nicht an dem danach. Die ganze Zeit tat er gar nichts. Er lungerte nur in seinen Zimmern rum, größtenteils in seinem Bett, das neben an im Schlafzimmer stand, oder auf dem Balkon, der am ersten Raum angrenzte, aß nichts, trank nichts. Hielt sich die ganze Zeit nur vor, was er falsch gemacht hatte und überlegte, was er anders hätte machen könnten, was er anders hätte machen müssen. Sonst starrte er aus seinen Fenster. Es waren nun 6 Tage vergangen, seit Kiun seinetwegen gestorben ist. Bis an diesen Tag, war das letzte Wort, das auf seinen Lippen lag, immer noch der Name seines Wegweisers.

    Er saß auf seinen Sessel, der mit ein paar ähnlichen neu modernen Möbelstücke, zu mindesten für ihn, da es zu seinen Zeiten so was noch nicht gab, die Mitte seines ersten Raumes schmückten, und schaute blicklos an die Wand, als es klopfte. Erst beim fünften Mal reagierte Takemikazuchi. Mit langsamen, schweren Bewegungen erhob er sich und ging zu seiner Zimmertür. Er beeilte sich nicht besonders, denn es war ihm egal, wer vor der Tür stand, oder was er wollte. Endlich an seinem Ziel angekommen, öffnete er die Tür. Es war Sekiun. Wer sonst.

    „Mein Herr“ Takemikazuchi schwieg. Er wartete darauf, dass Sekiun endlich verriet, was ihn dazu trieb, es zu wagen, seinen Gott zu stören. Da aber auch er nicht sprach, sahen sich die Beiden nur für ein paar Sekunden schweigend an. Dann zogen sich Sekiun's Augenbrauen kaum merklich ein Stück zusammen.

    „Nun, darf ich eintreten?“, fragte er mit erwartungsvoller Stimme. Takemikazuchi stieß ein genervtes Schnauben aus, trat aber ein Schritt zur Seite. Mit stolzen, und irgendwie selbstgefälligen, Schritten überquerte Sekiun den Raum, bis er schließlich in der Mitte stehen blieb. Er drehte sich um, als Takemikazuchi gerade die Tür wieder zurück ins Schloss warf.

    „Mein Herr“, fing er an mit fester, überzeugter Stimme zu sprechen, „Ich weiß, Kiun's Tod war ein schwerer Verlust, aber das ist nun schon 6 Tage her. Es wird Zeit...“. Gegen Ende wurde er doch etwas unsicher, da Takemikazuchi durch seine Worte zunehmender wütender zu werden schien. Vor allem bei dem Wort „war“ stieß er ein bedrohliches Knurren aus. Sekiun raffte die Schultern. „Es wird Zeit, dass Ihr Euch einen neuen Wegweiser sucht.“

    Es war still... verdammt still. Takemikazuchi starrte seine Shinki schweigend an, als die Worte langsam zu ihm durchsickerten. „Einen neuen...?“ Dann explodierte er. „Einen neuen Wegweiser!? Einen neuen!? Verdammt, ich will keinen neuen Wegweiser! Niemanden! Denkst du wirklich, jemand könnte Kiun's Platz einnehmen?! Du alter Narr!! Verschwinde sofort! Und wehe ich höre auch nur noch ein Wort über Kiun oder einen neuen Wegweiser! Nimm seinen Namen nicht mehr in den Mund!!“, schrie er ihn an. Seine Schultern bebten und seine Brust hob und senkte sich zügig zu seinem schweren Atem. Er hatte es noch nie gewagt, so mit Sekiun zu reden oder auch nur zu widersprechen, aber wie er sprach, dass hörte sich an, als sei Kiun nur ein austauschbarer Gegenstand, dem es nicht wert war, lange nachzutrauern. Das machte ihn wahnsinnig wütend.

    Sekiun hatte immer darauf geachtet, wie er sich benahm, damit er nicht so wurde, wie sein altes Ich, aber er hatten ihn immer nur behandelt wie ein kleines Kind und als trüge er die ganze Schuld und Lasten von seinem Vorgänger. Was damals passiert war, war schrecklich, es war aber nicht Takemikazuchi Schuld. Zumindest nicht die, von seinem jetzigen Ich. Er hatte nicht den Frust und die Wut an seine Shinkis ausgelassen und sie dann getötet. Das war sein Vorgänger. Und das schien Sekiun nicht zu akzeptieren. Stattdessen erinnerte er ihn immer wieder daran und ließ ihn dafür haften.

    Kiun hatte das nie getan. Natürlich hatte er darauf geachtet, dass sich keiner seiner früheren Fehler wiederholten, aber hatte ihn nie verurteilt oder ansatzweise auch nur mal schräg angesehen. Nein, ganz im Gegenteil. Er hat sich um ihn gekümmert und wollte, dass es ihn gut ging und er glücklich war. Nicht das er für die Missetaten und Sünden seines Vorgängers löhnte und büßte. Er stand immer hinter ihm, auch wenn er es nie wagte, gegen Sekiun zu sprechen, was Takemikazuchi ehrlich nicht verstand. Immerhin war Kiun auch einer der 12 Älteren und noch dazu sogar sein Wegweiser... zumindest war er das.

    Sekiun, immer noch etwas überrascht über den plötzlichen Ausbruch seines Gottes ihm gegenüber, stand steif da und wollte offensichtlich etwas sagen, schaffte es aber nicht, auch nur einen Ton herauszubekommen. Schließlich schloss er wieder seinen Mund, senkte zögernd den Kopf und nickte. „Natürlich, mein Herr, verzeiht.“ Seine Stimme war leise und ergebend, wie das Winseln eines Hundes. Hastig huschte der ältere Mann aus dem Zimmer und murmelte dabei noch ein „Entschuldigt mich bitte“ und ließ ihn damit endlich wieder allein, damit Takemikazuchi sich unter Kontrolle bekam und beruhigen konnte. Verkrampft öffnete er seine zu Fäuste geballten Hände und hörte auf, malmend die Zähne zu knirschen.

    Sekiun störte die nächsten Tage auch nicht mehr. Er hielt sich zurück und sprach seinen Herr nicht an. Nie hätte er gedacht, dass Takemikazuchi Kiun's Tod so sehr treffen würde, so wie er ihn immer behandelt hatte. Scheinbar hatte er sich gewaltig getäuscht.

    Takemikazuchi verbrachte die folgenden Tage wie zuvor auch. Mit nichts. Das einzige, was sich änderte, waren seine Nächte. Er fing an, mitten in der Nacht, wenn alle Shinkis schliefen, Spaziergänge durch die Flure seines Anwesen zu machen, oder viel mehr, er schlurfte trübsinnig durch die Gänge wie eine willenlose Gestalt, die sich ganz ihren Gedanken hingegeben hat. Die wenigen Shinkis, die seinen Geistergang bemerkten, ließen ihn in Frieden und versuchten einfach zu ignorieren, was aus ihren sonst so heißblütigen, kriegsbesessenen, launischen Kriegsgott geworden ist.

    So vergingen weiter 8 Tage voller Trägheit und Kummer. Als es das nächste Mal an seiner Tür klopfte, war dass das erste Mal, seit der Auseinandersetzung mit Sekiun. Aber genau dieser stand nun wieder vor ihm. Mit hocherhobenen, tadelnden Blick (Er nahm ihm wohl den Ausgang ihrer letzten Konfrontation immer noch übel) und triefender Stimme sprach er frei heraus: „Ihr habt Besuch, mein Herr.“. Damit trat er ein Schritt zur Seite.

    Takemikazuchi war noch deutlich überfordert, mit dem plötzlich angekündigten Besuch. Außerdem sah er furchtbar aus. Sein langes Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Vor allem die Haare, die sonst mit einem roten Band zurückgehalten worden, hingen ihm lose im Gesicht. Noch dazu trug er nur einen einfachen Yukata, der schäbig zusammengebunden war.

    Trotz seines äußern Erscheinungsbild, trat sein „Besuch“ ohne zu Zögern (und ungebeten) ein. Takemikazuchi bemühte sich nicht einmal, seine Abneigung zu verstecken. Es war Oushi, eine der Personen, die er nun am wenigsten sehen wollte. Sie war immer da, leitete alles und kam sich dabei sooo mächtig vor. Sie war es auch, die bei dem Fall des alten Glücksgott Ebisu das Sagen hatte und sogar die restlichen 6 Glücksgötter eingesperrt hielt und ihnen „drohte“, auch wenn sie stets behauptete, es sei kein richtiges „drohen“ gewesen.

    Takemikazuchi kam nicht drum rum, sich zu fragen, ob es ihr nicht wenigstens ein bisschen schlecht ging, nachdem sich herausstelle, dass der alte Ebisu nicht der Meister der Künste war. Er bezweifelte es. Aber sicher kam sie sich irgendwo, tief in sich drinnen, dumm vor. Dieser Gedanke erheiter ihn ein wenig. Er selbst könnte nicht direkt behaupten, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben, auch wenn er ihm den Todesstoß versetzt hatte. Immerhin war es sein Auftrag... Nun, vielleicht verspürte er ein klein wenig Reue dafür, dass es so gekommen ist und Ebisu im Nachhinein förmlich völlig umsonst gestorben ist und zu Unrecht beschuldigt wurde, auch wenn er immer noch illegal mit Dämonen experimentierte und ihnen Masken aufgesetzt hatte.

    „Ich werde Tee - “ Takemikazuchi hob ruckartig seine Hand und schnitt Sekiun das Wort ab. „Nicht nötig. Das wird nicht lange dauern.“, verkündete er knapp. Für eine Sekunde sah in seine Shinki nur schweigend an. Schließlich nickte er und zog sich zurück, wobei er beinahe geräuschlos die Tür schloss.

    Mit dem wenigen Stolz, den Takemikazuchi in diesem Aufzug aufbringen konnte, schritt er ehrfürchtig auf seine Matte zu, auf der er sich liegend nieder lies und seinen Kopf mit einer Hand stützte. Mit kühlen Blinken betrachtete er Oushi. Da er ihr aber keinen Sitzplatz anbot, musste sie vor ihm stehen bleiben. Sie rümpfte abwertend die Nase, als sie ihn genauer betrachtete. Sie schien genauso von ihm abgeneigt zu sein, wie er von ihr.

    „Werter Gott Takemikazuchi, verzeihen Sie mir bitte, dass ich so unangekündigt hereinplatze, aber es konnte einfach keinen Kontakt zu Ihnen aufgenommen werden.“, fing sie mit natürlichen Manieren an zu reden. Die Hochnäsigkeit in ihrer Stimme war kaum zu überhören. „Ja ja, jetzt komm mal auf den Punkt.“, motzte Takemikazuchi genervt. Er hatte nun wirklich keine Geduld für so etwas, oder besser gesagt, für sie. Sie warf ihm einen scharfen Blick zu, redete aber weiter, nur leider sagte sie nicht das, weswegen sie hier ist.

    „Warum heute schon wieder so launisch, verehrter Takemikazuchi-Sama?“ Er gab ein verächtliches Schnauben von sich. Als ob die Antwort nicht auf der Hand läge. „Warum wohl? Weil ich dich nicht leiden kann, weil niemand dich leiden kann.“ Sichtlich empört machte Oushi ein wütendes Geräusch, das verdächtig nach einem Grunzen klang. Wenigsten ließ sie das ihren „Smalltalk“ beenden.

    „Jedenfalls... bin ich gekommen, um über Yamatotakeru zu sprechen.“  Irritiert zog Takemikazuchi seine Augenbrauen noch mehr zusammen.

    „Wem?“

    Oushi unterdrückte eine Augenrollen. „Dem Verräter“

    „Wer?“

    „Der Gott, den Ihr fangen solltet.“

    „Keine Ahnung“

    Damit brannte bei der jungen Frau eine Sicherung durch. „Der Mann, der Euren Wegweiser tötete!“

    Es wurde still im Raum, keiner der Beiden sprach ein Wort. Die Stimmung wurde so angespannt, dass man sie mit einem Schwert hätte teilen können. Langsam setzte Takemikazuchi sich auf. „Ahhhh... Der... Was ist mit dem?...“ Er sprach beherrscht und mit erzwungen ruhiger Stimme. Aber in seinen Augen konnte man sehen, was für ein Sturm aus Hass, Reue und Rache wütete.

    Oushi fühlte sich auf einmal nicht mehr so überlegen, eher klein und unbedeutend. Irgendwie hatte sie sogar Angst, Angst davor, dass der Kriegsgott plötzlich ein Schwert zog und sie umbrachte. Dennoch musste sie weiterreden, vorsichtig.

    „Ihr habt ihn uns nicht gebracht... und Eure Mission damit nicht erfühlt...“

    „Und?“

    „Und nun wurde er wieder gesichtet, erneut in der irdischen Welt. Ihr sollt eine neue Chance bekommen, um Eure Mission zu erfüllen.“
   
    Seufzend stand Takemikazuchi auf. So nervig das auch war, er freute sich sogar ein klein wenig darauf. Er würde diesen Yamato..., und wie auch immer er weiter hieß, dafür leiden lassen, dass er ihn Kiun genommen hat.

    „Gut, ich schnapp' ihn mir und lasse die „Göttliche Strafe“ über ihn walten.“

    „Nein!“

    Takemikazuchi legte den Kopf schief, warnend verengten sich seine Augen. Oushi wurde deutlich nervöser. „Nein...?“

    „Nun, ähm, es ist so... Ihr sollt Yamatotakeru lebend zu uns bringen. Es sind immer noch viele Shinkis in seinem Besitzt, die er an sich gefesselt hat. Zuerst soll er sie freigeben, dann erwartet ihn seine Hinrichtung.“

    Takemikazuchi gab ein bedeutend unzufriedenes Grummeln von sich. Er wollte sich rächen. Die ganzen gefangenen Shinkis von irgendwelchen Göttern waren ihm gleich! Aber immerhin lebten sie noch! Seine Shinki war tot. Er hatte doch wohl ein Recht darauf, den Verräter eigenhändig auszulöschen! ...Aber er durfte sich auch nicht gegen den Himmel auflehnen. Das hieß dann also, wenn es nicht zu einem „zufälligen Unglück“ kam, dass er wohl oder übel gehorchen musste.

    Er zeigte seine Unzufriedenheit deutlich, stimmte dann aber mit einem Nicken zu. „Sag mir, wo sich dieser Mistkerl befindet, ich kümmere mich sofort um ihn.“


-


    In den zwei Wochen, die seither vergangen sind, hat es Yamatotakeru doch tatsächlich fast durch ganz Japan geschafft und versteckte sich nun in einer kleinen, abgenutzten Hütte im Wald. Allerdings war dort in der Nähe ein kleiner Schrein für Tenjin, wodurch man den Verräter zufällig entdeckt hatte.

    Mit Kaun und Saiun begab sich Takemikazuchi auf die Suche. Die Suche nach der Hütte dauerte länger als gedacht. Schließlich fanden sie das morsche Ding unter zwei gebrochenen Bäumen, die sich gegenseitig stützten.

    Mit dem gezogenen Koki stürmte er die Tür. Es war ein Wunder, dass dabei die Hütte nicht zusammenbrach. Wütend richtete er die Schwertspitze auf den Verräter, der zusammen gekugelt, ihm den Rücken zugewandt, auf einen klapprigen Stuhl saß und ihn erschrocken über die Schulter anschaute, und sprach mit donnernden Stimme: „Du, Verräter, ergib dich! Es gibt keinen Ort, an dem du dich verstecken könntest, an den ich dich nicht finde! Du musst mit deinem Tod büßen! Und glaube mir, das ist noch Gottesgnade!! Am liebsten würde ich dich foltern, für das, was du getan hast!!“.

    Der Verräter sah so aus, als ob er gleich vor Schreck in Ohnmacht fallen würde. Doch Takemikazuchi war das egal. Stattdessen baute er sich bedrohend auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. „Aber zuerst... wirst du die Shinkis, die du zu widerlichen Noras gemacht hast, freigeben, klar?!“ Er ging noch einen Schritt weiter, Yamatotakeru hatte sich noch kein Zentimeter gerührt. Dann fing er plötzlich an zu grinsen.  

    Noch ehe sich der Kriegsgott wundern konnte, explodierte die ganze Hütte. In Sekunden loderten riesige Flammen auf und füllten alles mit Rauch. Takemikazuchi sprang aus den brennenden Überresten der Hütte und landete ein paar Meter weit weg auf einen Baum. Husten hielt er sich einen Ärmel über Mund und Nase. Sein Gesicht war mit Rus bedeckt und seine Haori war an mehreren Stellen angekokelt. Schlimmer war aber der große Holzpfahl, der sich in seine rechte Schulter gebohrt hatte. Die Explosion musste von einer Shinki hervorgerufen worden sein, was auch erklärte, warum das Feuer nicht auf die Bäume überging.

    >>Das war eine Falle.<<, meldete sich Kaun gepresst, der seinen verletzten Freund stützte. Saiun war durch die Schädigung der Haori natürlich auch zu Schaden gekommen. „Stimmt, aber der Verräter kann noch nicht weit gekommen sein...“ Misstrauisch sah Takemikazuchi sich um. >>Mein Herr... es tut mir Leid...<<, kam es röchelnd von Saiun. „Schon gut, ohne dich hätte ich sicher viel mehr abgekriegt. Mach dir keinen Kopf.“ Das war wahr, aber nur teilweise.

    Für gewöhnlich hätte er gar nicht verletzt sein dürfen, aber seit Kiun... tot war, war keiner seiner Shinkis in bester Verfassung. Takemikazuchi durfte es sich aber kaum beschweren, bei ihm war es nicht anders. Eigentlich hätte er das mit der Falle gleich wissen oder spüren müssen, stattdessen ist er geradewegs hineingelaufen, ohne etwas zu bemerkten.

    „Der Verräter kann noch nicht weit gekommen sein, er ist sicher noch in der Nähe... Wir müssen ihn finden und betrafen.“ Kaun räusperte sich und sprach dann mit gesenkter Stimme: >>Ihr solltet aufpassen, Herr, der Flüchtige könnte noch mehr Fallen errichtet haben.<<. Takemikazuchi antwortete nicht. Ehrlich gesagt, machte es ihn krank, dass seine Shinki ihm einen Rat gab, auch wenn es gut gemeint war, als ob er Kiun einfach so ersetzten könnte.

    Er schüttelte den Kopf. Es war nicht der richtige Moment dafür. Er musste Yamatotakeru finden. Prüfend sah er sich um, konnte aber unmöglich einen Hinweis auf die Richtung, in die er gegangen ist, finden. Der schwarze Rauch war auch viel zu dicht dafür. Ganz rein zufällig wanderte sein Blick nach unten, wo er für einen Moment verharrte. Takemikazuchi's Brust begann zu vibrieren. Dann konnte er einfach nicht mehr anders, er brach in schallendes Gelächter aus. Die Verwirrtheit seiner Shinkis konnte er deutlich spüren, dennoch konnte er sich nicht halten. Tränen bildeten sich und er hielt sich mit einer Hand den Bauch, als er einfach nicht aufhören konnte lauthals zu lachen, oder viel mehr, jemanden auszulachen.

    Auf dem Boden krabbelte ein verkohlter Yamatotakeru durch totes Laub und noch brennenden Überresten der Hütte. Er hatte es doch tatsächlich geschafft, sich selbst gleich mit in die Luft zu sprengen! Erschrocken starrte der Verräter zu ihm auf, geschockt darüber, gesehen worden zu waren und offensichtlich auch beschämt über seine eigene Dummheit.

    „Ich glaub's nicht! Hast du das gesehen, Kiun?! Dieser Idiot ist...“

    Er stoppte. Abrupt erstarb das Lachen wieder. Jetzt hatte er es doch glatt vergessen. Takemikazuchi's Gesichtsausdruck wurde plötzlich wieder kalt und seine Stimmung änderte sich, als ob ein Schalter umgelegt worden wäre. Auch Yamatotakeru schien das zu bemerkte, da er es plötzlich ganz eilig hatte, zu verschwinden, den er rappelte sich auf und rannte los. Der Kriegsgott wollte keine Zeit mehr verschwenden.

    Er zog sich, ohne auch zu zucken, den Holzpflock aus der Schulter und sprang mit den erhobenen Koki vom Baum. Er nahm die Verfolgung auf. Der Flüchtige schien nicht weiter verletzt zu sein, da er zügig unterwegs war. Takemikazuchi aber hatte trotz seiner Verletzung kein Problem damit, aufzuholen. Er machte sich nicht die Mühe, ihm hinterher zu rufen. Der Abtrünnige hatte oft genug bewiesen, dass er zu dumm zum aufgeben war.

    Als Takemikazuchi nahe genug an ihn herangerückt war, holte er mit Koki aus. In diesen Moment drehte sich Yamatotakeru um und holte mit Tutsemi aus. Das Seil schoss auf sein Schwert zu und umschlang es. Reflexartig zog Takemikazuchi die Hand mit seinem Schwert zurück und konnte es von dem Seil befreien, bevor es Kaun zu fest in seinem Griff hatte. Durch den plötzlichen Schwung geriet er ins Schwanken und lies Koki aus Versehen los. Er konnte es sich aber nicht leisten, stehen zu bleiben, umzukehren und ihn wieder aufzuheben und dabei zu riskieren, Yamatotakeru wieder zu verlieren. Das Einzige, was er noch tun konnte, war zu rufen: „Rückverwandlung, Ka!“, bevor er sich außer Reichweite befand. Nun hatte er nichts mehr zum verteidigen. Aber es war ihm egal, Hauptsache, er bekam den Mistkerl zu fassen. Und nur darauf konzertierte er sich jetzt.

    Langsam kam er aber nicht mehr drum herum, zu denken, dass der Typ gezielt irgendwo hinlief. Noch dazu rannte er nicht wie beim letzten Mal im Zickzack wie ein Hase oder bog abrupt nach links oder rechts ab. Schon beinahe so... als wollte er ihn irgendwo hinführen.

    Nach ein paar Metern verließen sie den Wald landeten auf einer unebenen, mit Gras bewachsenen Fläche. Sie rannten über die trostlose Landschaft. Dann blieb Yamatotakeru stehen, Takemikazuchi ebenso. Es blieb still. Langsam begann der Feind zu sprechen: „Du... bist mir direkt in die Falle gelaufen, schon wieder.“. Grinsend drehte er sich um und zog dabei dieses komisch geformte Bumerang-Schwert. Zu dumm, Kaun war immer noch im Wald.

    Yamatotakeru rannte auf ihn zu und schwang bedrohlich sein Schwert. Takemikazuchi hatte keine andere Wahl, außer auszuweichen. Er sprang nach hinten, nach links und rechts und auch mal nach oben, Hautsache das Schwert traf ihn nicht. Er setzte alles auf die letzte Karte und hoffte, ihn außer Puste zu bekommen. Dann warf Yamatotakeru das Schwert. Takemikazuchi wich zur Seite aus, behielt das Schwert jedoch im Auge, immerhin wusste er jetzt, dass das Schwert zurück kam. Diesen Fehler würde er nicht noch einmal tun. Allerdings wusste auch Yamatotakeru, dass Takemikazuchi über das Schwert Bescheid wusste. Takemikazuchi schallte sich innerlich für seine Unachtsamkeit.

    Abrupt drehte er sich wieder um. Der Verräter stand bereits genau vor ihm und hatte ein Kurzschwert in der Hand, das er wahrscheinlich zuvor hinter seinem weiten T-Shirt versteckt hatte, das gezielt auf seinen Hals ausgerichtet war. Gerade noch rechtzeitig konnte er nach hinten ausweichen, was er seinen schnellen Reflexen zu verdanken hatte. Das Kurzschwert fuhr dafür aber quer über seine herausgedrückt Brust und hinterließ einen tiefen, blutigen Schnitt, den Saiun vor Schmerzen schreien ließ.

    Takemikazuchi hatte nicht genug Zeit, sich darum zu kümmern, den das Bumerang-Schwert kam zurück. Mit einer Rolle nach hinten konnte verhindern, dass er geköpft wurde. Dafür erlitt sein Rücken eine weitere fleischige Wunde. Saiun schrie erneut. Keuchend wankte der Kriegsgott zurück und starrte auf den Boden.

    Was war nur los mit ihm? Dieser Möchtegern-Gott konnte ihn so fertig machen, als sei er ihm bei weitem unterlegen! Schwer atmend legte er sich die rechte Hand auf die Wunde seiner Brust.

    Ein Klicken ertönte. Langsam hob er den Blick. Das Klicken kam natürlich Yamatotakeru... Yamatotakeru und seinem verdammten Maschinengewehr. Er lachte böse. „Es ist aus. Du hast keine Chance mehr. Niemand hält mich, den großartigen Yamatotakeru, jetzt noch auf!“

    Das war's. Takemikazuchi wusste das. Er stand mitten in einer Landschaft die nur von Gras bewachsen war, und das so gut wie schutzlos und ohne Deckung. Saiki würde nicht lange gegen die Kugeln standhalten können, schon gar nicht konnte er seinen Kopf schützen. Es war aus. „Rückverwandlung, Sai.“, sagte er leise, er wollte ihn nicht auch noch mit ins Verderben ziehen. Saiun erschien gute zwei Meter rechts von ihm, schnell atmend und blutend auf dem Boden. Er schien bewusstlos zu sein.

    Takemikazuchi bereute es, so unachtsam gewesen zu sein. Er bereute es, sich so weit vom Wald wegführen lassen zu haben, wo die Bäume ihn Schutz hätten liefern können. Er bereute es, auch wenn er dem Risiko, Yamatotakeru zu verlieren, ausgesetzt war, Kaun liegen gelassen zu haben, mit dem er sich verteidigen hätten können. Er bereute es Miun im Anwesen gelassen zu haben, nur weil sie ihn immer noch zu hassen schien. Er bereute es, sich gehen gelassen und sich so von seinen Rachegelüsten leiten lassen zu haben.

    Er bereute es, mehr als alles andere in den letzten 1200 Jahren, Kiun... Kiun in den Tod getrieben zu haben. Er wird wiedergeboren, aber er würde auch alles vergessen, Kiun vergessen. Zwar würde er damit auch diese Schuld und diesen Schmerz in seiner Brust vergessen, aber all das nahm er Kauf, solange Kiun in seiner Erinnerung bleiben würde. Aber er würde sterben... und wiederkommen. Aber Kiun nicht. Dabei konnte er sich ein Leben ohne ihn einfach nicht mehr vorstellen. Er wollte ihn um alles in dieser Welt wieder zurück haben. Wieso wurde ihm das erst jetzt, wo es schon lange zu spät war, so klar, als ob es das Selbstverständliche der Welt wäre. Er bereute so sehr.

    Verbittert lachte Takemikazuchi leise, aber traurig. Was war nur dieses erdrückende Gefühl in seiner Brust, wenn an seinen ehemaligen Wegweiser dachte? Warum trieb es ihn wieder die Tränen in die Augen und ließ ihn sich so schwach fühlen? Wieso wollte er ohne Kiun keine erneute Chance auf ein neues Leben? Was waren das für Schmerzen, die nicht von den Wunden herrührten, sondern von der Tatsache, dass es Kiun nicht mehr gab, was er versucht hatte, die letzten zwei Wochen zu verdrängen? Was war das? Takemikazuchi wusste es einfach nicht. Dennoch schien etwas in seinem Kopf diese Antwort zu kennen, sich aber nicht einzugestehen vermochte, dass... dass...

    Yamatotakeru begann zu schießen. Ja, es war vorbei. Und würde Takemikazuchi nicht wiedergeboren werden, würde es ihn noch nicht mal so besonders stören... „Verzeih mir, Kiun.“

    Ein ohrenbetäubendes Geräusch ertönte. Es klang wie krachende Blitze und dröhnender Donner. Dann wurde es plötzlich so hell, dass selbst Takemikazuchi seine Augen abschirmen musste. Zumindest, bis sich ein riesiger, tiefer Schatten über ihn legte. Er riss die Augen wieder auf und schaute nach oben, aber sehen konnte er nicht den Himmel sondern... Blitze? Es war schwer zu erklären.

    Als erstes musste Takemikazuchi feststellen, dass ein riesiges Ungeheuer über ihn stand. Und er konnte es nicht leugnen, es verursachte ihm eine Gänsehaut. Dieses Monstrum sah aus wie eine Art von... Drache. Aber nicht einer mit einem langen Körper, kurzen Beinen oder dünne Hals, wie er es von den üblichen japanischen Drachen gewohnt war.

    Dieser hatte einen sehr kräftigen Körperbau, einem Raubtier ähnlich, und war sicher um die 7 Meter groß! Jeweils vor und hinter sich konnte Takemikazuchi die vor Muskeln trotzenden Beine und scharfen, alles zerfleddernden Krallen sehen. Es hatte ein großes Maul voller scharfer Zähne und Augen, die so hell leuchten, dass es schmerzte, wenn man zu lange hineinsah. Noch dazu traten unaufhörlich Blitze aus den hinteren Augenwinkeln. Zwei lange, schräg nach hinten und nach oben gerichtete Hörner besaß das Biest auf seinem Kopf. Und nach hinten gerichtet Zacken, die mittig vom Kopf bis über den Nacken und Rücken führten, bis über den langen, kraftvollen Schwanz, der noch mal am Ende zwei große Zacken hatte, jeweils eine an einer Seite. Noch dazu hatte es riesige, kräftige Drachenflügel, mit einer beeindruckenden Spannweite. Die Kreatur war wahrhaft monströs.

    Aber noch merkwürdiger war seine... Haut... Ehrlich gesagt, sah es so aus, als ob sie, außer die Krallen, Zähne und Hörner, nur aus hellblauer, beinah weißen Elektrizität bestehen würde, die nur an manchen Stellen etwas dunkler war, um die Konturen des Drachen besser erkenne zu können. Die schuppige Haut konnte man nur erahnen. Hin und wieder erschien ein heller Blitz um den Drachen herum und ließ ihn noch bedrohlicher wirken.

    Und es... beschützte ihn?! Es hatte seinen Kopf gesenkt, wodurch alle von Yamatotakeru's abgefeuerten Kugeln, der dazu auch ziemlich geschockt aussah, an ihm abprallten. Yamatotakeru schien wirklich nicht zu wissen, was er tun sollte.

    Da das Maschinengewehr, auf welche Stelle er von dem Biest auch zielte, keinen Schanden anzurichten schien, schmiss er es achtlos zur Seit, hob das Schwert, das neben ihn im Boden steckte, und warf es auf den Drachen. Unbeeindruckt peitschte dieser mit seinem Schwanz und räumte das Schwert aus dem Weg, als sei es nur eine lästige Fliege. Als letzten Ausweg sah Yamatotakeru nur noch seine eigene Shinki Tutsemi. Er schwang das Seil und warf es. Blitzschnell schoss der Kopf des Drachen nach vorne und schnappte sich das Seil in der Luft, noch bevor es sich um seinen Hals wickeln konnte, und ließ es nutzlos, aber ohne es zu zerbeißen und damit ohne die Shinki zu töten, auf den Boden fallen.

    Nun stand Yamatotakeru da, unbewaffnet und überwältigt, so wehrlos wie Takemikazuchi zuvor. Bedrohlich schritt der Drache auf den Verräter zu, aus dem leicht geöffnet Maul traten weiße Rauchschwaden, während es leise fauchte. Takemikazuchi musste sich nun wirklich fragen... wird diese Bestie nun Feuer speien!?

    Tat das Ungeheuer nicht. Stattdessen brüllte es. Seine Augen blitzten einmal so hell auf, so das man Angst haben musste, zu erblinden. Für Takemikazuchi kein Problem, da er hinter dem Biest stand, aber Yamatotakeru schaute ihm direkt in die Augen und wich dann tatsächlich mit einem Schmerzensschrei zurück und versuchte seine Augen zu bedecken. Er schien nicht blind zu sein, aber dennoch kurzzeitig geblendet. Kurz nachdem die Augen des Drachens aufgeblitzt waren, geschah etwas merkwürdiges.

    Obwohl der Himmel strahlend blau war, erschien aus dem Nichts fünf mächtige Blitze die gezielt um den Verräter herum einschlugen, ohne der irdische Welt zu schaden. Yamatotakeru wagte sich nun kein Schritt mehr zu gehen und verharrte, ohne sich zu trauen, sich zu bewegen, auf der Stelle. Ein letzter Blitz erschien, schwächer getrimmt als die davor, und raste genau auf den Verräter zu. Er traf und schockte ihn. Zurück blieb nur ein rauchendes Haufen Elend, das er gewesen war... Gut, ist, ein rauchendes Haufen Elend, das er ist. So wie Takemikazuchi es beurteilen konnte, lebte er. Aber halt sehr schwer verletzt und nun für eine sehr lange Zeit bewusstlos.

    Der Kriegsgott spürte schon beinahe eine Art Genugtuung, aber auch nur beinahe. Immerhin lebte das Scheusal noch, die Betonung lag auf noch. Dennoch, sein Tod würde auch nichts ändern. Nun, der Kampf war vorbei, der Gegner geschlagen und Takemikazuchi noch am Leben... aber er war nicht glücklich. Wie auch? Kiun war immer noch fort und würde auch nie wiederkommen...

    Takemikazuchi wollte was sagen, irgendwas, sich bedanken, kein Schimmer ob es ihn verstehen würde, oder so, aber er brachte einfach keinen Ton über die Lippen. Der Drache rührte sich. Die Elektrizität, die den Großteil seinen Körper auszumachen schien, bewegte sich immer schneller und schien irgendwie... unruhig. Dann zog sie sich zusammen, bis sie sich plötzlich entlud und mit einen riesigen zuckenden Blitz im Himmel verschwand. Takemikazuchi sah ihm nach. Für einen Moment dachte er, der Drache, sein geheimnisvoller Retter, wäre verschwunden, aber dann hörte er ein ungeduldiges Schnaufen.

    Irritiert sah der Kriegsgott wieder vor sich. Da stand er, nur... kleiner? Das Biest war sicher um die Hälfte geschrumpft, also war er nur noch ungefähr 3,5 Meter groß, aber das lies ihn nicht weniger monströs und ehrfürchtiger aussehen. Jetzt konnte man auch sehen, dass die Zacken, die über den Rücken, Nacken und Kopf führten und, wie man jetzt sehen konnte, aus Knochen bestanden, scheinbar nicht auf der Haut saßen, sondern viel mehr Wirbelsäule herrührten und durch die Haut gebrochen waren. Seine dicke Haut war tatsächlich geschuppt. Sie schimmerte immer noch in der hellblauen-weißen Farbe, nur hatte der Drache jetzt auf seinen gesamten Körper ein schönen, gekringeltes Muster, das in einem saftigen, strahlenden, kristallisierten Blau leuchtete. Was aber noch ungewöhnlicher war, die Linie des Musters bewegten sich, als ob sie auf Wellen flossen, oder als wären sie ein Zusammensetzung aus zahlreichen, sanft fließenden Bächen und Flüssen. Es war wunderschön... bereitete aber nach längeren hinsehen Kopfschmerzen und ein leichtes Schwindelgefühl. Nur die kraftvollen Flügel waren ohne Muster.

    Aber von dieser atemberaubenden Haut gab es zwei Makel, und zwar die zwei großen, dicken, weißen Striche, die sich quer über die Nase und über die Vorderseite des Halses zogen. Sie sahen nicht so aus, als wären sie natürlich. Auch auffallend waren die Augen, die Takemikazuchi so schmerzlich vertraut vorkamen. Sie leuchteten nicht wie vorher, stattdessen konnte man jetzt die dunkle Iris und weißen Pupillen sehen... Takemikazuchi blickte in diese Augen, in die er früher jeden Tag blicken durfte.

    „Kiun...“, murmelte er und der mittlerweile bekannte Schmerz kam in seine Brust zurück. Er bildete es sich sicher bloß ein... Er durfte sich keine Hoffnungen machen und sich quälerischen Hirngespinsten nachgeben, sonst... geht er am Ende doch noch völlig kaputt.

    Der Drache schien die getrübte Stimmung es Kriegsgottes zu merken. Er senkte den Kopf und schmiegte ihn sanft, ohne ihn zu verletzten, an Takemikazuchi's Seite. Dieser schien wirklich überrascht zu sein und zuckte zusammen, bewegte sich aber kein Schritt vom Fleck. Stattdessen, erstarrte sein Körper bei dieser plötzlichen Zärtlichkeit. Dann legte er vorsichtig eine Hand auf die Schnauze des Ungeheuers und schaute mit traurigen Blick zu Boden.

    „Ich vermisse ihn so sehr...“, wisperte er unbewusst und sein Hals schnürte sich wieder zu. Wieso verriet er das diesem Biest? Als ob es ihn überhaupt verstehen konnte. Es war unbedeutend, alles. Und sinnlos. Er war noch immer fort und würde nicht zurückkommen. Er war tot. Nichts würde das ändern. Die Welt war grausig, doch konnte er ihr keine Schuld geben, da es seine eigene war. Er selbst war grausig und er würde sich das nie vergessen lassen. Genauso wie seinen Selbsthass.

    >>Erlöse mich<< Sanfte Worte hallten durch Takemikazuchi Kopf. Seine Augen weiteten sich. Es war ihm, als käme ihm die Stimme mehr als nur bekannt vor. War es vielleicht nur Einbildung? Wie in Trance öffnete er den Mund und sprach die Worte, die in den letzten 12 Hundert Jahren so oft gesagt hatte: „Rückverwandlung, Ki“.

    Es wurde hell als der Drache sich auflösten und Takemikazuchi trat überrascht ein paar Schritte zurück und starrte mit großen Augen auf das Geschehen vor sich. Kurz wurde das Schimmern noch ein bisschen heller, bis die eine menschliche Silhouette darin erschien. Das Schimmern erstarb allmählich.

    Und da stand er. Kiun Das lange Haare fiel wie ein nie endender Wasserfall über seine Schultern und seinem Rücken. Das rote Band war verschwunden, das sonst ein paar seiner Haare zurückhielt, wodurch ihm einige Strähnen ins Gesicht fielen. Sein Körper strotzte vor Stolz und Ehrfurcht. In seinen Augen lag eine selten Wärme und seine Lippen waren zu einem kleinen, weichen Lächeln verzogen. Man hatte das Gefühl, dass er leuchtete.

    „Kiun... Bist du das wirklich...?“ Überwältigt taumelte Takemikazuchi langsam auf ihn zu. Seine rechte Hand war nach ihm ausgestreckt und zitterte. „Kiun...“ Endlich konnte er mit seinen Fingerspitzen sein Gesicht zaghaft berühren. Es fühlte sich so verdammt echt an. Nicht so wie in den zahlreichen Albträumen, die ihn Nacht für Nacht gequält und dann schreiend aus seinem Schlaf gerissen haben. Seine Wange war warm. Er musste sich zusammenreißen, nicht einmal hinein zu kneifen, nur um sicher zu gehen.

    Stattdessen senkte Kiun seine Lider, schloss halb seine Augen und schmiegte sich in die Hand, während er leise und sanft flüsterte: „Ja, ich bin es wirklich. Ich bin wieder da...“.

    In der nächste Sekunde setzte Takemikazuchi Gehirn kurz aus. Als wieder bei Sinnen war, hatte er bereits Kiun an sich, in eine feste Umarmung  gezogen und seinen Kopf auf seiner Schulter gestützt, so, dass er auf einen unbekannten Fleck hinter ihn starren konnte. Seine Augen waren immer noch weit aufgerissen. Dann vergrub er sein Gesicht in seine Schulter. Er wollte nicht mehr sehen, nur noch spüren, und zwar Kiun, lebendig in seinen Armen. Kiun gab ein Geräusch der Überraschung von sich, als sein Herr sich ohne Vorwarnung so schnell bewegte und ihn umarmte. Diese Zärtlichkeit und Anhänglichkeit war er gar nicht von ihm gewohnt. Irgendwie machte ihn glücklich...

    Das Glück war jedoch nur von kurzer Dauer, den schon wurde grob an den Schultern gepackt und eine Armeslänge weggedrückt. „Wo, verdammt noch mal, bist du gewesen!? Weißt du eigentlich, wie scheiße es mir ging, hä?! Ich dachte, du wärst tot! Und dann tauchst du plötzlich hier wieder auf?! Nach verdammten 2 Wochen?! Du... du... du... Idiot!!!“

    Etwas perplex konnte Kiun nur diesem plötzlichen Ausbruch zuhören. Diese plötzlichen Stimmungsschwankungen waren echt ungewöhnlich... Takemikazuchi schrie seinen Wegweiser ungestüm ins Gesicht und ließ seinen Frust und seine Depression ganz offen an ihm aus. Erst als ihm klar wurde, was er da genau gesagt hatte, und als er bemerkte, wie viel er von seinem Gefühlschaos er ungewollt preis gab, wurden vor Scharm sein Gesicht heiß.

    Er wollte Kiun nicht anschreien. Er war wahnsinnig glücklich, ihn wieder zu haben, auch wenn er es immer noch nicht ganz fassen konnte, und wollte ihm sagen, wie Leid ihm das alles tat. Er wollte sich entschuldigen, ihn weiter umarmen, ihn... Jedenfalls wollte er gerade vieles tun, aber ganz sicher nicht schreien. Aber er konnte nicht anders. Zu viel hatte sich in den letzten 2 Wochen angestaut.

    Er schloss die Augen und atmete tief durch. Er musste sich erst einmal beruhigend. Dann öffnete er seine Augen wieder und blickte Kiun fest an. „Erzähl mir, was passiert ist. Ich habe gespürt, wie dein Name erlosch.“, verlangte er mit ruhiger, fester Stimme zu wissen.

    „Mein Herr, wenn ein Name schlicht, spürt der Gott, zu dem die Shinki gehört, Schmerzen. Bisher ist kaum eine Eurer Shinkis gestorben, vielleicht habt ihr diesen Schmerz, bei dem ganzen Geschehen, mit etwas anderen vertauscht.“ Ja, das leuchtete ihm sogar ein. Vielleicht hat der ganze plötzliche Schock und die Angst ihm tatsächlich einen Streich gespielt. Kiun öffnete den Mund und wollte seinen Herr weiter Antwort geben, aber dann wurde er abgelenkt.

    Währenddessen hatte Kaun auf der Suche nach seinem Herr das Ende des Waldes erreicht. Er stolperte, als er sich aus dem Dickicht kämpfte. Er war dem ohrenbetäubenden Lärm gefolgt, aber mittlerweile war es wieder leise. Viel zu leise, was Kaun beunruhigte und ihm Sorgen bescherte. Als er auch seinen zweiten Fuß aus den schlingenden Ranken befreit hatte, sah er sich um.

    Er musste genauer hinsehen, aber geradeaus erkannte er zwei Gestalten. Sicher war einer der Gestalten Takemikazuchi-Sama! Also riss er sich noch mal zusammen (da die Wanderung durch den Wald schon sehr an seinen Kräften zerrte und ihn außer Puste gebracht hatte) und rannte los. Ein paar Meter hinter dem Kriegsgott blieb er stehen und rang nach Luft. Dann, als er seinen Gott ansprechen wollte, blickte er nach vorne und erkannte die zweite Person.

    „Kiun!“, rief er erstaunt aber auch geschockt. Immerhin war er doch tot! Er hatte es mit eigenen Augen mit angesehen! Dennoch stand er jetzt hier. Kaun konnte sich vor Schock nicht rühren, aber eine große Freude breitete sich in seiner Brust aus.

    Gerade wollte er Kiun umarmen, als auch sein Herr mitbekam, dass er zu ihnen gestoßen war. „Hm?“ Forschend drehte Takemikazuchi den Kopf, um auszumachen, wer der Störenfried war. Er ließ Kiun's Schultern los. „Ah, perfektes Timing, Kaun. Der Flüchtige ist erledigt und wird so schnell nicht mehr aufwachen. Kümmere dich darum, dass Oushi benachrichtigt wird. Wir kehren schon mal nach Takamagahara zurück.“ Ohne ein weiteres Wort der Erklärung verschwanden Takemikazuchi, Kiun und Saiun.

    Ein völlig verwirrter Kaun blieb zurück. „Hey... das könnt Ihr doch nicht machen... Herr! Kommt zurück!... Das ist nicht fair!“

    Es war vielleicht nicht besonders nett von Takemikazuchi, Kaun einfach zurückzulassen, aber er würde sich jetzt ganz sicher nicht um diesen Nichtsnutz Yamatotakeru kümmern, wenn er gerade erst erfahren hat, dass Kiun am Leben ist! Er wusste immer noch nicht, was seitdem geschah und wie Kiun überlebt hatte. Kaun hatte sie ja unterbrochen, also hatte er sich das selbst zuzuschreiben.

    Auf sein Anwesen in Takamagahara wurden sie sofort von neugierigen Blicken betrachtet. Als den anderen Shinkis bewusst wurde, dass Kiun am Leben war, brach eine große Unruhe aus. Viele umarmten ihn, sagten wie glücklich sie waren, zu sehen, dass es ihm scheinbar gut ging und er doch nicht gestorben war und vergossen auch Tränen. Es sprach sich in wenigen Minuten rum und in kürzester Zeit hatten sich sämtliche Shinkis vor dem Anwesen versammelt. Zwei Männer brachten Saiun weg, um seine Wunden zu flicken. Als auch welche sich um Takemikazuchi kümmern und ihn behandeln wollten, scheuchte er sie weg.

    10 Minuten nach dem glücklichen Beisammen sein, kam auch Sekiun. Die Mundwinkel wie immer leicht verächtlich verzogen, schritt er hervorkommend auf sie zu. Vor Kiun blieb er dann. „Kiun, wie schön dich zu sehen. Ein Gott braucht immerhin einen Wegweiser. Und nun erzähl, wie kommt es, dass du doch noch am Leben bist?“ Sekiun hörte sich kein bisschen an, als würde er sich freuen. Seine Stimme hatte diese gewisse, abneigende Kühle und Ablehnung. Es war aber auch kein Geheimnis, dass, seit Kiun ihm, nach den Kampf mit Gott Yato, widersprochen hat, Sekiun nicht mehr viel für den Jüngsten der 12 Älteren übrig hatte.

    Als Kiun erneut zu sprechen anfing und von jenem Tag berichten wollte, wurde er wieder unterbrochen, diesmal von seinen Herr selbst. Takemikazuchi redete mit lauter Stimme, die keine Widerrede duldete: „Es ist spät. Ich bin erschöpft. Kiun sicher auch. Morgen kann er euch in Ruhe alles erzählen.“. Tatsächlich war es bereits Abend geworden. Takemikazuchi stampfte einfach davon, ins Anwesen. Kiun folgte ihm, da er das Gefühl hatte, dass man das von ihm erwartete.

    Takemikazuchi hatte gelogen. Die Wahrheit war, dass er selbst ganz heiß darauf war, zu erfahren, was passiert war. Dennoch hatte er zwei Wochen gedacht, sein Wegweiser wäre tot, was ihn ziemlich fertig gemacht hat, und hatte erst vor einer guten halben Stunde erfahren, dass dem nicht so ist. Er hatte nicht die geringste Lust, sich selbst und Kiun dieser neugierigen Meute, auch wenn es verständlich war, auszusetzen. Er wollte seine Ruhe. Und er wollte, dass auch Kiun Ruhe hatte. Eigentlich wollte er einfach nur nach so langer Zeit der Schmerzen und Trauer Kiun für sich allein haben. Woher dieser Wunsch plötzlich kam, wusste er selbst nicht.


-


    Takemikazuchi hatte sich hingelegt und Kiun förmlich befohlen das Gleiche zu tun. Zum Glück kam keiner vorbei und störte. Nur einmal wurde eine Shinki mit ärztlichen Wissen zu ihm geschickt, der ihm, gegen seinen Willen, den Brustkorb und seine Schulter untersuchte, reinigte und verbannt.

    Takemikazuchi's und Kiun's, als sein Wegweiser, Zimmer lagen weiter hinten im Anwesen. Sie waren von den Zimmern der restlichen Shinkis abgeschirmt. Ohne triftigen Grund, war es wieso niemanden vergönnt, unerlaubt so weit ins Anwesen hinein zu dringen. Eigentlich galt das auch für Sekiun, aber als einer der 12 Älteren dachte er wohl, er könne sich alles erlauben.

    Ruhelos wälzte sich Takemikazuchi in seinen großen, luxuriösen, prächtigen Bett herum. Die Lichter waren ausgeschaltet, aber wie im Vorraum brannten hier mehrere schwach leuchtende Kerzen auf hohen, schmucklosen Ständern und gaben den Räumen eine friedliche, beinahe schon romantische Atmosphäre. Jetzt, allerdings, halfen sie nicht. Stattdessen war er unruhig. Und wie wann sich hätte denken können, kreisten seine Gedanken um Kiun.

    Seit sie hierher zurück gekommen waren, und sie von der aufgeregten Menge verschwunden waren, hatten sie kein Wort gesprochen. Dabei war es Takemikazuchi, der ihn weggeschickt hatte, obwohl er Kiun vorher sogar anschrien hatte. Dennoch plagte ihn das Gefühl, Kiun sehen zu wollen, mit ihm zu sprechen und sich zu vergewissern, dass er wirklich zu ihm zurückgekehrt war. Außerdem... war Kiun ein riesiges Monstrum! Natürlich war er da neugierig!

    Seufzend setzte Takemikazuchi sich auf. Es war schon einige Zeit vergangen und die schlaflosen Stunden, und auch die vorherigen unruhigen Nächte, zeichneten sich als tiefe Ringe unter seinen Augen ab. Aber jetzt zu versuchen weiter zu schlafen, wäre komplett sinnlos. Er würde sein Bett eh nur weiter zerwühlen. Mit einem weiteren Seufzer schwang er seine Beine über die Bettkante. Zum schlafen trug er nur einen einfachen, roten Jimbei, bestehend aus einem lockeren, dünnen Oberteil und dazugehöriger Hose aus feiner Seide. Er stand auf und ließ seine Wirbel erst mal ordentlich knacken, bevor er sein Schlafzimmer verließ und den Vorraum betrat. Die Kerzen schimmerten schön und warfen lange Schatten an die Wände. Dennoch war es größtenteils dunkel im Zimmer und alles nur schwer erkennbar.

    Takemikazuchi fing an, im Zimmer auf und ab zu tigern. Er dachte nach. Dann trank er ein Glas Wasser, was auf seinem Tisch stand, auf ex und nahm sich dann wieder seines vorherigen Tuns an. Eine halbe Stunde verging und seine Gedankengänge führten zu nichts, nur gähnender Leere. Takemikazuchi gab ein frustrierten Schrei von sich. Er wusste nicht, was er tun sollte. Am liebsten würde er einfach in Kiun's Zimmer stürmen. Und was dann? Ihn wecken und mit ihm reden? Ja, das sicher auch. Aber immerhin war er Kiun's Gott, dass heißt, keiner konnte ihn deswegen verurteilen. Man würde es einfach akzeptieren müssen.

    Neuen Mutes trat Takemikazuchi aus seinen Räumlichkeiten. Am Ende des langen Flures auf der rechten Seite würde der große, vordere Bereich beginnen. Von dort aus gesehen, war Takemikazuchi's Zimmer auf der linken Seite, und zusammen mit dem riesigen Bad, gleich daneben, auch die einzigen. Der Kriegsgott ging nach links und dann rechts der Ecke. Hier gab es keine Zimmer mehr auf der äußeren, linken Seite. Das ersten Zimmer rechts war Kiun's. Drei Meter weiter befand sich sein nicht annähernd so prunkvolles Bad.

    Takemikazuchi blieb vor der Zimmertür stehen. Sein neu gefasster Mut war bereits wieder verflogen. Es war still auf der anderen Seite. Natürlich, sicher schlief Kiun. Nicht, dass ihn das aufhalten würde, immerhin war sein Zimmer nicht einmal verschlossen, so wie es das nie war, dennoch war er verunsichert. Ein Gefühl, das er vorher so gut wie nicht kannte. Nervös verlagerte er sein Gewicht von einem Fuß zum anderen. Das war doch bescheuert. Wütend über sich selbst knurrte Takemikazuchi. Dann riss er ohne Vorwarnung die Tür nach innen auf.

    Kiun's Oberkörper schoss erschrocken nach oben und mit verschreckten, aufgerissenen Augen starrte er ihn vom dem bedeutend gewöhnlicheren Bett, das mittig der gegenüberliegenden Wand stand, an. Er trug einen einfachen, dünnen, weißen Yukata. In seinem Zimmer brannten ebenfalls ein paar Kerzen, die das Zimmer schwach bis kaum beleuchteten. Uuupps. Eigentlich hatte Takemikazuchi nicht vor, so mit der Tür ins Haus (Zimmer) zu fallen und ihn so zu verschrecken.

    „Ehm...“, unsicher gluckste er herum, „Ich, äh, wollte... dich nicht erschrecken... Sorry...“. Er pustete seine Wangen auf und schellte sich innerlich für dieses dumme „Schulmädchen“-Verhalten. Kiun schien sich wenigsten etwas beruhigt zu haben. Langsam stand er auf. „Mein Herr, ist etwas passiert?“

    Ob etwas passiert war? Yeah, sein Wegweiser wurde angeblich vor zwei Wochen getötet, bis er plötzlich als ein riesiges Ungeheuer in letzter, rettender Sekunde wieder auftauchte. Definitiv ist etwas passiert, ja. „Ich wollte etwas mit dir besprechen...“

    „Uhh, sicher, mein Herr. Wenn wir uns setzten wollen...?“ Kiun deutete mit der Hand auf die Matte, die mitten im Raum lag und der ähnelte, die Takemikazuchi besaß. Kiun bevorzugte sie, statt bekanntliche Möbelstücke, weshalb sein Raum auch nur spärlich möbliert war und sonst im alt-japanischen Stil gehalten wurde, im sehr alten, japanischen Stil. Takemikazuchi nickte bloß. Langsam schloss er wieder Tür und nahm dann ebenfalls im Schneidersitz gegen über von Kiun auf der Matte Platz. Eine unangenehme Stille breitete sich aus.

    „Also erst mal... Entschuldigung, dass ich hier einfach so rein geplatzt bin...“ Was war nur los mit ihm? Seit wann war er so... weich? Früher hatte es ihn doch auch nicht gestört, wenn er wegen sinn- und belanglosen Dingen, auch mitten in der Nacht, in sein Zimmer gestürmt kam, egal wie Kiun darüber dachte. „Schon gut, mein Herr, es gibt nichts zu entschuldigen. Ihr könnt jeder Zeit, egal um was es geht, zu mir kommen. Ich bin immer für Euch da.“, sprach Kiun mit wohltuender Stimme, während er so sanft und herzlich lächelte, dass in Takemikazuchi ein unbekanntes, warmes Gefühl aufstieg. Er könnte sogar schwören, dass seine Wangen etwas heiß wurden, wodurch er beschämt mit dem Blick nach rechts auswich. Zum Glück war es zu dunkel, als das Kiun etwas bemerken konnte... Hoffte er zumindest.

    „Nun, was wolltet Ihr den mit mir besprechen?“ Takemikazuchi hätte lachen können. Wie wäre es, mit deinem Tod? Wäre doch ein guter Anfang, oder? Deine plötzliche Wiederauferstehung und der monströse Drache waren ja nur halb so wichtig. „Ich will wissen, was an jenem Tag geschah.“ Kiun's Lächeln fiel etwas, als hätte er damit gerechnet, aber dennoch gehofft, dass es nicht so kommt.

    „Ah, natürlich...“, Kiun räusperte sich vorsichtig, „Wie Ihr sicher bereits erahnt habt... starb ich am jenem Tag. - “, Ja, er hatte da was mitbekommen... und es Nacht für Nacht von Neuem erlebt, „ - Und ich war auch bereits für mehrere Minuten tot. Es war wohl so vorherbestimmt, dass ich mich nicht verwandelte. - “, Takemikazuchi war sich sicher, dass Kiun die Verwandlung zur Hafuri meinte, „ - Ich weiß nicht genau, was geschehen ist oder was der Auslöser war, aber das Schicksal schien sich doch anders entschieden zu haben und obwohl es bereits mit mir vorbei war, verwandelte ich mich. Ich kann mich noch erinnern, dass ich die ganze Zeit wie durch Wolken schwebte und nicht wusste, wo ich mich befand. Um genauer zu sein, wusste ich gar nichts mehr. Ich wusste nicht was passiert ist, noch wer ich war, noch wer Ihr ward. Es schien, als ob mein Kopf sich einfach nicht erinnern konnte, oder viel mehr, als ob es da etwas in meinem Kopf gab, das sich einfach nicht erinnern wollte oder als ob ich mich selbst nicht erinnern wollte. - “, Takemikazuchi's Brust fühlte sich erdrückt an. Kiun wollte sich, auch wenn unbewusst, an nichts erinnern. Das war seine Schuld. Wer wollte sich den auch schon daran erinnern, wie der eigene Gott, dem man vertraute, einen in den Tod trieb?, „ - Und so schwebte ich völlig ahnungs- und orientierungslos umher, ohne ein Gefühl für Zeit und Raum. Dann hörte ich plötzlich eine mir so bekannte Stimme, als ob jemand, der mir sehr wichtig ist und den ich beschützen wollte, sich in Gefahr befand. Und ehe ich mich versah, stand ich mit wiedergekehrten Erinnerungen, in der Gestalt, in der Ihr mich gesehen habt, vor Euch und handelte instinktiv. Ich war selbst sehr erschrocken darüber, und verwirrt.“. Kiun endete langsam und ließ zittrig seine Schultern sinken.

    Takemikazuchi schwieg. Er überlegte. Dann hob er wieder langsam den Kopf und sah seinem Wegweiser direkt an. „Heißt das... du bist eine Hafuri!?“ Takemikazuchi's Augen funkelten wie bei einem kleinen Jungen, der an einem Weihnachtsmorgen viele Geschenke unter dem Weihnachtbaum fand. Aber als er sah, wie Kiun bei dem Wort „Hafuri“ zusammenzuckte, änderte sich das. Kiun wich seinem Blick aus und sagte leise: „Ja, ich befürchte, dem ist so...“. Erst jetzt bemerkte Takemikazuchi, was er gesagt hatte und bekam ein schlechtes Gewissen und schämte sich für diese unangemessene Reaktion, bei Kiun's traurigen Tonfall und diesen schmerzvollen Blick in seinen Augen.

    Ein schwermütiges Schweigen kam zwischen Beiden auf und der Kriegsgott biss sich auf die Lippen. Er hatte damals gesagt, dass es ihm egal war, ob er jemals eine Hafuri besitzen würde, und das hatte er auch so gemeint. Dennoch musste er Kiun wieder mit so etwas verletzen, gerade, als er ihn doch endlich nach so langer Qual wieder hatte. „Kiun... hör mal, es tut mir Leid... Es ist mir egal, was du... bist... Ich bin nur froh, dass du... naja... dass es dir... uh...“ Eine zarte Röte erschien während seines Gestotter. Irgendwie traute er sich einfach nicht, Klartext zu reden und schämte sich.

    Zu seiner Überraschung fing Kiun an, zart zu lächeln, als er sanft, auch wenn er ihn nicht ansah, sprach: „Ist schon in Ordnung, Takemikazuchi-Sama. Obwohl ich tot war, habe ich jedes Wort mitbekommen, das Ihr gesprochen habt. Kiun hob endlich den Blick und sah ihn so lieblich, mit schimmernden Augen an, so, dass Takemikazuchi kurz das Herz stehen blieb. Dann erreichten ihn endlich die gerade gesprochenen Worte. Er wurde hochrot und sein ganzes Gesicht brannte. Nun war er es, der überall, nur nicht zu Kiun sehen wollte. Das war schon ziemlich peinlich.

    Erst seine nächsten Worte, ließen ihn Kiun wieder anstarren. „Ich habe... mich sehr über diese Worte gefreut. Es tut mir Leid, dass ich Euch solchen Kummer bereitet habe. Ihr habt wirklich um mich geweint. Ich dachte immer, ich sei Euch zuwider... Ihr habt mich so glücklich gemacht. Danke!“ Und dann konnte Takemikazuchi es einfach nicht mehr aushalten. Er stürzte nach vorne, schlang seine Arme um Kiun's Oberkörper und riss ihn hinunter auf die Matte, als er ihn fest umarmte. Kiun blieb für einen Moment wie erstarrt und konnte sich nicht bewegen. Er wusste nicht, wie er reagieren soll. Er war überfordert, also blieb er einfach so liegen.

    Es schienen Minuten zu vergehen und sein Körper heizte sich bei dieser Nähe zu seinem Gott immer weiter unangenehm auf. „Takemikazuchi-Sama, könntet Ihr vielleicht bitte von mir runter gehen...?“ Wie ein kleines Kind schüttelte Takemikazuchi den Kopf, hob ihn aber trotzdem, um Kiun mit immer noch geröteten Wangen anzusehen, dabei hatte er einen Blick, wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal einem Mädchen seine Liebe gestehen wollte.

    Langsam hob er die rechte Hand, während er sich mit der anderen etwas abstützte, um nicht mit seinem gesamten Gewicht auf Kiun zu liegen, und strich ihm zärtlich ein paar Haare aus dem Gesicht. Fasziniert ließ er die verirrten, langen Strähnen durch seine Finger gleiten und zwirbelte sie etwas. Kiun drehte seinen Kopf weg. Erkunden strich Takemikazuchi mit seinen Fingern über seine erstaunlich glatte Stirn, bis rechts über seine Schläfe und unter seinem Auge. Kiun hatte überraschender Weise doch höhere Wangenknochen als gedacht, auch wenn sie nicht so auffielen. Seine Finger strichen weiter über die leicht errötete Wange, bis runter zu seinem Kieferknochen, der seinem Gesicht noch einen gewissen markanten Zug gab, auch wenn nicht so ausgeprägt wie bei sich selbst. Nun glitt sein Daumen behutsam über Kiun's leicht geöffneten und bebenden Lippen. Es waren wunderschöne, blasse, schmale Lippen.

    Schmerzlich wurde Takemikazuchi bewusst, dass er diese Lippen noch nie wirklich lächeln gesehen hat. Natürlich lächelte Kiun oft, aber das schien mehr ein gewohntes Lächeln zu sein, aber nie eins, das einfach zeigte, dass er glücklich war. All die langen Jahre hatte Kiun nie so gelächelt. Und auch nicht gelacht. Es tat Takemikazuchi in der Seele weh, als ihm das klar wurde. Er wollte, dass Kiun glücklich war, und er würde dafür sorgen, bald.

    Seine Finger strichen über Narbe auf seiner Nase, die wie ein Makel auf dieser schönen Haut wirkte. Auch diese warf keine schönen Erinnerungen auf. Es erinnerte ihn daran wie grausam er war, als Kiun blutend vor ihm kniete und zu sterben drohte. Es war genau das, was Takemikazuchi damals wollte: das er starb und zur Hafuri wurde. Er war so ein abartiger Mann. Er hasste sich dafür. Er schüttelte den Kopf, als wollte er so die bösen Gedanken vertreiben. Er wollte sich jetzt nur auf den Mann, der leicht zitternd unter ihm lag, konzentrieren.

    Als nächsten besah er sich seine Wimpern. Sie waren nicht voll, dafür aber kraftvoll geschwungen und kamen nicht zu sehr in Kontrast mit den dünnen, feinen Augenbrauen. Seine Augen waren aber das seltenste. Die dunklen Iris und die weißen Pupillen passten wunderbar zu seinen platinblonden, beinahe weißen Haar. Es war wundersam. Schon damals vor seinem Tod, als Mensch, musste er so ausgesehen haben. Dabei war ihm noch nie ein Lebewesen untergekommen, egal ob tot oder lebendig, das so außergewöhnliche Augen hatte. Und solch helles Haar, schon damals in Japan wie heute, war eine Besonderheit.

    „Kiun... du bist einzigartig. Etwas... Jemand ganz besonderes.“ Kiun's Augenlider waren halb gesenkt, seine Wangen gerötet und ein schon beinah gequälter Ausdruck war auf seinem Gesicht zu sehen. Sanft drehte Takemikazuchi sein Gesicht zu sich, so das er ihm richtig in die Augen schauen konnte. Kiun's Augen schimmerten und Tränen glitzerten in seinen Augenwinkel. „Du bist wunderschön und unersetzbar. Als ich dachte, dass du tot bist, wusste ich nicht mehr weiter. Ich war verzweifelt. Ich wusste zuerst nichts mit diesen Gefühlen anzufangen, aber.. ich glaube ich weiß mittlerweile, was sie zu bedeuten haben.“

    Takemikazuchi schloss seine Augen und berührte Kiun's Lippen federleicht und zärtlich mit seinen eigenen. Kiun riss seine Augen auf. Nie hätte er mit so etwas gerechnet. Einige Sekunden lang bewegte sich Takemikazuchi nicht. Dann hob er wieder den Kopf, aber so, dass seine Lippen nur wenige Millimeter über Kiun's schwebten. „Verlass mich nie wieder“, wisperte er. Kiun gab ein Geräusch von sich, das einem Schluchzen nahe war. Er handelte instinktiv, als er seine Arme hob, die bis dahin starr an seiner Seite lagen, schlang sie um Takemikazuchi Nacken und zog ihn wieder zu sich herunter. Als sich ihre Lippen wieder berührten, war der Kuss bedeutend intensiver, schon daher, weil er sie förmlich aneinander presste und so wirkte, als wäre dass das letzte, was ihn noch hielt, damit er nicht völlig verloren ging.

    Takemikazuchi war doch kurz überrascht darüber, dass sein Wegweiser plötzlich die Initiative ergriff und ihn nicht wie erwartet geschockt wegstieß, mit angewiderten Augen ansah und anschrie. Mit neuen Mut befasst, bewegte er seine Lippen. Sein Gegenüber tat es ihm gleich. Sie küssten sich immer wieder, bis in Takemikazuchi der Wunsch aufkam, Kiun zu berühren und ihm zu zeigen, wie ernst er seine Worte gemeint hatte. Er trennte sich, auch wenn etwas widerwillig, von Kiun's Mund und hauchte mit seinem eigenen zarte Küsse auf seinen Kiefer.

    Dann lehnte er sich zurück und betrachtete ausgiebig seinen wunderschönen Körper. Dadurch, dass er ihn einfach umgestoßen hat, hat sich Kiun's Yukata gelockert und entblößte beinah seinen ganzen Oberkörper, seine Schultern und Oberarme. Bloß ein kleiner Teil seiner Hüftknochen blieb verdeckt. Kiun hatte seine Beine leicht nach oben angewinkelt, die Füße standen auseinander und die Knie und Schenkel waren zusammengedrückt. Da Takemikazuchi aber praktisch auf seinen Becken saß, störte ihn das nicht.

    Er legte beide Hände flach auf seine Brust und ließ sich herunterfahre, bis sie an seine Taille umfassten. Mit den Daumen zog er sanfte Kreise auf seine sichtbaren Rippen. Kiun hatte einen wunderbaren Körper mit elfenbeinfarbiger, weicher Haut. Er war trainiert, nicht im Vergleich mit sich selbst, aber dennoch konnte man die leicht definierten Muskeln erkennen. Er wollte fit sein, um seinem Herr nie eine Last zu sein. Dadurch fühlte sich sein Körper natürlich auch viel härter an. Takemikazuchi hatte in seiner langen Lebenszeit schon mit vielen Frauen geschlafen. Größtenteils mit Frauen der irdischen Welt, die ihn trotz seiner göttlichen Präsenz lange genug wahrnahmen konnten. Ihre Körper waren immer weich. Kiun's hingegen war fest und auch etwas knochig, aber nicht im Sinne von zu dünn oder gar dürr.

    Aber das war in Ordnung, es fühlte sich toll an, ihn zu berühren. Seine Haut war hier genauso makellos wie im Gesicht, aber wieder mit der Ausnahme von ein paar vereinzelter Narben, wie auf seiner Nase und seinem Hals. Dünne, weiße Striche überzogen mal hier, mal da seinen Körper. Auch auf den Armen und Beinen, aber da weniger. Einige waren etwas breiter und länger und deuteten auf tiefere Verletzungen hin, andere wiederum waren kurz, wie bei Stichwunden. Es waren nicht übermäßig viele und sie fielen auf den ersten Blick auch nicht so auf, aber es waren genug, um erahnen zu können, wie sein Leben vor dem Tod aussah. Nur wenige stammen von der Zeit als seine Shinki.

    Takemikazuchi strich über eine Narbe, die rechts an der Stelle saß, wo seine Brustkorb am Rand eine Biegung nach oben machte. Die Narbe hatte die Form eines „X“, nur das die untere linke Ecke länger war als die anderen. Am liebsten hätte er Kiun gefragt, woher diese Narbe stammte, doch könnte er ihm keine Antwort darauf geben. Er wusste mal alles über sein Leben, aber seit sein Vorgänger starb, starben auch alle seine Erinnerungen mit ihm.

    Takemikazuchi hätte gern mehr über Kiun gewusst. Was er am liebsten mochte, was er gerne aß oder mit welchen Menschen er sich abgegeben hatte. Was er arbeitete und ob daher seine ganzen Narben stammen oder ob er in Kriegen gekämpft hatte. War er ein lieber Mensch, ein gutherziger? Oder doch ganz anders? Wie und warum war er gestoben, wie hatte er gelebt? Wem hatte er geliebt und hatte er Kinder?

    Jetzt musste Takemikazuchi den Kopf geschüttelt. Das war eine Lüge. Er mochte jetzt kindisch und dumm klingen, immerhin sind seither 1200 Jahre vergangen, wenn nicht noch mehr, immerhin wusste er nicht, seit wann Kiun seine Shinki war, aber er wollte nicht wissen, ob oder wem er geliebt oder ob er mit dieser Person auch noch Kinder hatte. Es interessierte ihn einen feuchten Dreck. Egal wie lange es her ist, niemand durfte mehr für Kiun solche Gefühle hegen. Das würde er niemals zu lassen, und mag es noch so egoistisch klingen. Kiun gehörte ihm, und auch nur ihm. Takemikazuchi holte einmal tief Luft. Das tat jetzt alles nichts zur Sache.

    Mit einer flüssigen Bewegung zog er sich das Oberteil seines Jimbei über den Kopf und warf es unbrauchbar eine hintere Ecke des Zimmers. Kiun's Brust stockte, als er einen Kuss mitten auf sein Brustbein pflanzte. Frauen waren an den Brutwarzen meist empfindlich, ob es bei Männern auch so war? Er probierte es gleich mal aus und fuhr mit geübter Zunge über die rechte Knospe. Kiun keuchte bei dieser unerwarteten Handlung und bestätigte Takemikazuchi's Theorie. Jetzt musste er nur noch herausfinden, ob lieber sanft oder etwas ruppiger.

    Mit seiner Zunge leckte er erst mal nur immer wieder über die Brustwarze, umkreiste sie oder saugte leicht an ihr und befeuchtete sie ordentlich, bis sie hart und steif wurde. Kiun stöhnte leicht dabei. Dann zog der Kriegsgott sich leicht zurück und pustete den nassen Nippel kurz an. Eine Gänsehaut breitet sich über der Haut aus. Nun machte er sich an die andere Seite ran.

    Erst strich er nur wieder leicht mit der Zunge darüber, bis sich die ersten Regungen zeigten. Dann strich er probeweise mit den Zähnen darüber und ließ den Körper unter sich erschaudern. Das nahm Takemikazuchi mal als Zustimmung. Er nahm die Spitze zwischen die Zähne und gab ihr einen leichten Kniff, der Kiun aufstöhnen ließ. Er zog an ihr und saugte härter als bei der rechten, tippte spielerisch mit der Zunge genau in die Mitte. Kiun stöhnte bei der Spielerei, lauter als zuvor.

    Takemikazuchi begnügte sich noch etwas mit der Brustwarze und rieb mit den Zähnen an ihr, während seine Hände wieder und wieder über seinen Körper fuhren und interessiert nach mehr empfindlichen Stellen suchte, je nachdem wie sein Körper auf die unterschiedlichsten Stellen reagierte. Und er fand eine, rechts, weiter oben seitlich der Rippen. Bei den schönen Geräuschen, die Kiun von sich gab, wurde Takemikazuchi ganz heiß und seine Geduld schwand. Er wusste, was er machen musste (keine Fragen darüber, woher).

    Die rechte Hand lag mittig auf seinen Bauch. Langsam, um Kiun nicht zu erschrecken, glitt er mit ihr weiter runter zu seinem Unterleib, wo er erst mal an den Gürtel zu schaffen machte und damit den Yukata anständig öffnete. Unterwäsche trug er nicht. Mit seinen Daumen übte er immer wieder Druck auf seine Leistengegend aus und brachte ihn vor Verlangen zum erzittern. Dann berührte er die empfindliche Haut seiner Innenoberschenkel und wanderte quälend zum Zentrum seiner Lust.

    Dann endlich packte er mit einem festen Griff den bereits schmerzvoll harten Schwanz. Er hatte noch nie den Schwanz eines anderen Mannes berührt, ganz geschweige, gestreichelt. Es war ungewohnt, und auch etwas seltsam, aber da es Kiun war, störte es ihn nicht. Hauptsache, er tat ihm etwas Gutes. „Mein Herr...!“, rief Kiun, halb stöhnend, halb schreiend, und hob unbewusst seine Hüften und lehnte sich mehr in die Hand seines Gottes, was ihn schmunzeln ließ. Mit leichten Druck rieb er mit seinen Daumen den Schaft hinab und wieder hinauf, bis die Spitze anfing zu lecken.

    Mit der anderen Hand hörte er auf, seine Seiten zu streicheln und hob sie stattdessen zu Kiun's Mund. Auffordernd berührte er ihn. Da Kiun nicht wusste, was er tun sollte, teilte er einfach seine Lippen. Das reichte Takemikazuchi und er schob den Zeige- und Mittelfinger hinein. Jetzt schien Kiun zu verstehen. Er packte mit beiden Händen sein Handgelenk und fing an, mit der Zunge über die Finger zu streichen. Er umkreiste sie hingebungsvoll, saugte wie in Trance an ihnen und glitt mit der Zunge auch zwischen ihnen durch, bis sie vor Speichel triefen. Takemikazuchi hatte mit seinem Mund von der Brustwarze abgelassen und beobachtete Kiun's Treiben mit heißen Augen. Er sah einfach zu scharf aus, wie er sehnsüchtig und bedürftig an seinen Fingern saugte und es fühlte sich zu geil an.

    Mit einen leisen Plop zog er seine Hand ruckartig wieder zurück und bewegte sie zu seinem Arsch, bis er mit dem Zeigefinger neckend den zuckenden Muskelring umkreiste. Das alarmierte Kiun, der ihn geschockt anstarrte. „Mein Herr, nicht...!“ Takemikazuchi achtete nicht auf die Proteste und schob die feuchte Fingerspitze des Mittelfingers in ihn hinein. „Ngh!!“ Kiun klang gepresst, aber nicht gequält, also schob er seinen Finger langsam und prüfend bis zum Ansatz hinein. Kiun war überraschend offen für ihn, so das es keine Probleme gab.

    Langsam bewegte er ihn und drückte gegen die Innenwände. Kiun keuchte erregt und wandte sich unter ihm, als er den Finger beinah komplett herauszog und dann wieder hinein stieß. Gleichmäßig glitt er immer wieder rein und raus, dabei legte er seine Lippen an die gefundene, empfindliche Stelle, seitlich der Rippen, und fing an daran zu saugen, bis er einen beachtlichen Knutschfleck hinterließ, der sicher noch Tage danach zu sehen sein würde. Gleich darunter setzte er noch einen kräftigen, markierenden Biss, der Kiun vor Schmerz kurz zucken ließ.

    Da seine Geduld nun langsam wirklich nicht mehr ausreichte, schob er den Zeigefinger ebenfalls mit rein, darauf bedacht, Kiun keine Schmerzen zu zufügen. Er zog seine Finger auseinander und weitete ihn. Als er der Meinung war, Kiun sei bereit genug für einen dritten, nahm er den Ringfinger dazu, auch wenn er nicht befeuchtet war, was sein Becken zum stottern brachte. Mit der anderen Hand ließ er den Schwanz los, was Kiun widersprüchlich schnaufen lies, und befreite sich selbst von seiner Hose, die bei seinem Oberteil landete, ohne mit der linken Hand zu stoppen. Schnell umfasste er seinen eigenen halb stehenden Penis und übte ein paar lahme Schläge aus, bis er zu einer ordentlichen Größe heranschwoll, die sich sehen lassen konnte.

    Er zog seine Hand zügig zurück und fasste stattdessen an Kiun's rechte Kniekehle. Dann zog er das Bein über seine Schultern, schob das andere an seiner Seite entlang, hob seine Hüften an und positionierte sich ungeduldig. Er wartet auch nicht lange und drang mit der Eichel in ihn ein. Da sein Schwanz noch mal was anderes als seine Finger waren, wand sich Kiun kurz schmerzvoll. Erst als Takemikazuchi so tief wie es gerade ging in ihn eingedrungen war, stoppe er und lies Kiun erst mal an ihn gewöhnen. Als er langsam lockerer zu werden schien, bewegte er sich.

    „Nicht, mein Herr, bitte! Ich will nicht...“ Takemikazuchi lehnte sich zu ihm runter, wobei er Kiun's Bein bis an seine Brust drückte, und wisperte rau und mit heißer Stimme: „Ich glaube dir nicht. Dafür umklammerst du mich viel zu sehr und hältst mich fest...“. Kiun wollte noch Laute des Protestes geben, aber biss sich dann auf die Lippen. Sein Gott hatte Recht. Es schmerzte zwar, war aber dennoch ein berauschendes Gefühl, wie dieser Mann, dieser wundervolle Mann, ihn vollkommen ausfüllte.

    Takemikazuchi lehnte sich ein kleines Stückchen zurück, damit er das Bein nicht zu sehr belastete. Dabei ließ er zu, dass sein Wegweiser seine Arme um seinen Rücken legte und die Nägel in seine Schultern schlagen konnte, wobei er versuchte, darauf zu achten, nicht zu sehr am Verband zu ziehen. Der Kriegsgott zog sein Schwanz bis zur Spitze hinaus. Tatsächlich zuckten die Muskeln um ihn herum, als wollten sie ihn wieder einsaugen. Kraftvoll schlug er zu und Kiun stöhnte so laut wie noch nie zuvor. Er hemmte seine Stimme nun nicht mehr. Ganz offen keuchte und stöhnte er, und rief immer wieder „Mein Herr!“, als Takemikazuchi anfing, ihn ordentlich zu ficken.

    Sein Schwanz schwoll noch etwas mehr in ihn an, bis endlich seine volle Größe erreicht war, und Kiun öffnete sich weiter, so das er tiefer in ihn hineinrutschen konnte. Er erhöhte das Tempo nochmal und sein Atem wurde zunehmend schwerer und schneller. Er spürte, wie Kiun immer näher kam. Schon allein daher, weil der Griff an seinen Schultern sich noch mehr verfestigte. Der Verband spannte und presste sich dadurch näher an seine Wunde. Aber das machte ihn nichts aus. Wenn überhaupt, verleitete es ihn dazu, wilder, schneller und unkontrollierter zu werden. Sie würden beide nicht mehr lange brauchen. Er stieß wieder zu und traf dann zufällig Kiun's Prostata, was ihn schreien ließ. Aber das war in Ordnung. Sie lagen so weit von den anderen entfernt, dass sie niemand hören würde. Außerdem waren die Wände auch nicht gerade aus Papier.

    Takemikazuchi beugte sich vor um Kiun zu küssen. Mit der Zunge berührte er seine Lippen. Kiun zögerte keinen Moment und gewährte ihm Einlass. Süchtig berührten sich ihre Zungen und erforschten den jeweils anderen. Takemikazuchi schluckte sein Stöhnen. Er zögerte zuerst, fing aber dann Kiun's Zungenspitze zwischen seine Zähne und biss zu. Nicht besonders stark, aber kräftig genug, um einen kurzen, scharfen Schmerz zu verursachen. Kiun konterte mit einem Biss auf seiner Unterlippe, der ihn verlangend wimmern lies. Der Kriegsgott schmeckte Blut, wusste aber nicht, ob es seines oder das von seinem Partner war, oder vielleicht auch ihnen beiden. Egal, wem es gehörte, es brachte ihn zum stöhnen. Sie teilten noch viele feuchte und heiße Küsse, bis Kiun's Körper sich plötzlich verkrampfte. Takemikazuchi zog seinen Kopf zurück. Speichel lief Kiun aus dem Mundwinkel.

    Dann packte der Kriegsgott mit einer Hand seine Hüften, mit der anderen seinen Schwanz. Er tätigte noch ein kraftvolle Stöße, während er pumpte. In Kiun's staute sich bereits der Orgasmus auf. Noch zwei Mal, dann kam er und spritze heißes Sperma bis über seine Brust und traf dabei sogar Takemikazuchi's Bauch. „Take-Chan...!!“ Noch drei weitere schnelle Stöße und auch Takemikazuchi kam einem lauten Keuchen. Er schob seinen Schwanz noch mal so tief es ging hinein. Es brauchte ein paar Sekunden, bis das Nachbeben seines Orgasmus ausklang und er aufhörte, zu zittern. Erschöpft lehnte er seine Stirn an Kiun's Schulter und zog sich aus ihm zurück.

    Seine eigenen Schultern brannten, weil Kiun dort mit seinen Nägeln blutige Striemen gezogen hatte. Er zog sich das Bein von der Schulter. Der Kriegsgott schnaufte angestrengt, als ihm etwas einfiel. Er lehnte sich wieder zurück und blickte seinen Wegweiser an. Kiun atmete noch schwer und hielt seine Augen geschlossen. Als er eine Hand seiner Wange spürte, öffnete er sie. Takemikazuchi sah auf ihn herab. „Uhh, sag mal... Wie hast du mich gerade genannt?“

    Zuerst war Kiun verwirrt, aber als es ihm wieder einfiel, wurde sein Gesicht noch heißer als zuvor. Beschämt drehte er den Kopf weg und flüsterte leise: „T-Take-Chan... Tut mir Leid. Das ist eine Art Spitzname... er ist mir einfach raus gerutscht...“. Takemikazuchi Wangen erröteten sich. Take-Chan... das klang so... vertraut. „Kiun, ich möchte... das du mich weiterhin so nennst, ok!?“, rief er begeistert.

    Überrascht weiteten sich Kiun's Augen. Mit so einer Antwort hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Mehr, dass sein Herr vielleicht wütend werden würde und es als respektlos ansah. Vielleicht hatte er sich wirklich geändert. „Wie Ihr wünscht...“ Takemikazuchi räusperte sich leicht und blickte schmollend in eine andere Richtung, während er, wie bei einer kleinen Bemerkung neben bei, sprach: „Ähm, dieses „Ihr“ und „Euch“ kannst du auch ruhig... weglassen...“. Er wusste nicht wieso, aber das zu ihn zu sagen, brachte seine Wangen noch mehr zum glühen. Kiun sah ihn an, schweigend.

    Dann bildete sich Lächeln auf seine Lippen. Ein aufrichtiges, ehrliches und glückliches Lächeln. Es war das schönste Lächeln, das Takemikazuchi je gesehen hat. Dann konnte er nicht anders und küsste ihn keusch auf die Lippen. Er wischte das Sperma von Kiun's Brust, schlang die Arme um ihn und platzierte stattdessen seinen Kopf darauf und blieb dann einfach so, mit seinem gesamten Gewicht auf ihn liegen.

    „Kiun? Du wirst mich nicht mehr verlassen, oder?“

    „Niemals.“

    „Und du wirst mich auch nicht verraten oder ablehnen?“

    „Niemals.“

    „Bleibst du bei mir?“

    „Für immer.“
 
    „Ok.“ Takemikazuchi wusste das alles, dass konnte er spüren, aber es fühlte sich gut an, dass von ihm zu hören. Es machte ihn richtig glücklich.

    „Gut, denn...“, Takemikazuchi setzte sich auf und zog den überraschten Kiun mit, während er einen Kuss auf sein rechtes Schlüsselbein pflanzte, „ich will nochmal. Dieses Mal werde ich aber nicht so sanft sein.“. Kiun lachte, so offen und frei wie noch nie in den letzten Jahrhunderten.

    Er hatte es nicht immer leicht. Eigentlich fast nie. Takemikazuchi Wunsch nach einer Hafuri verletzte ihn immer wieder. Egal ob durch körperliche Wunden oder emotional. Er dachte, er sei ihm gar nichts wert und zuwider, und das war schlimmer als alles andere. Das er einer der „verräterischen“ 12 Älteren war, brachte nur noch mehr Leiden. Er würde alles für seinen Gott tun, und so auch für ihn sterben. Immer wieder. Es war nicht leicht, Takemikazuchi hatte einen schwierigen, aufbrausenden Charakter. Das war in Ordnung. Wenn er sah, wie zärtlich und brauchend er ihn umarmt, waren alle schlechten Erinnerungen vergessen und er konnte wahrhaft glücklich sein.

    Und dennoch... da war etwas, was er nicht ganz beschreiben konnte. Ein Gefühl, das aufkam, als er seine Erinnerungen nach seiner Verwandlung zur Hafuri wiederbekam. Es war so, als hätten sie ein verbundenes Schicksal, ein Schicksal, das schon vor seinem Tod geknüpft worden war...
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast