Der Gastprofessor

von minamia
GeschichteRomanze / P12
Penny Sheldon Cooper
01.11.2018
01.11.2018
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Hallo zusammen,
nach sehr langer Abwesenheit bin ich wieder auf diese Seite zurückgekehrt. Ich arbeite an einigen Geschichten und diese hier geht mir schon eine ganze Weile durch den Kopf. Weil ich lange nicht geschrieben habe, liest sie sich vielleicht etwas holprig, ich bitte das zu entschuldigen. Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!




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Sheldon saß im Zug und blickte gedankenversunken aus dem Fenster. Feld um Feld und Brücke um Brücke zogen an ihm vorbei. Er hätte ewig so dahin fahren können. Wie lange hatte er auf den Tag gewartet, endlich 18 zu werden? Er konnte noch immer kaum glauben, dass er endlich volljährig war und auf seiner ersten unbegleiteten Zugreise quer durch Amerika. Er war sich sicher, irgendwann würde er das noch einmal wiederholen.

Irgendwann, wenn er an einer Universität arbeiten würde, erfolgreich und von allen endlich so geehrt, wie er es verdiente. Er würde den Nobelpreis im Koffer dabei haben und nicht in jedem noch so kleinen Kaff anhalten, um Erstsemester zu unterrichten oder High-School-Kids davon zu überzeugen, eine Laufbahn in der Physik anzustreben.

Wenn er diese Tour als Gastprofessor mit Dr.Thompson erledigt hatte, würde er an einer der besten Unis im Lande anfangen, der Cal Tech in Kalifornien. Sie hatte, was die technische Ausrüstung anging, nicht das allerbeste Equipment, aber es war im oberen Drittel, Kalifornien war beinahe so heiß wie Texas, aber nicht so heiß, dass man dauernd schwitzte, es hatte eine angemessene Entfernung zu seiner Familie und vor allem und das war am Wichtigsten, keine radial-konzentrisch angelegten Straßen.

Gegen Ende seiner Reise würde er dort vorbeikommen. Er würde sich Wohnungen ansehen und umziehen, sobald die Tinte auf dem Vertrag trocken war. Sheldon konnte es nicht erwarten sein neues, rein wissenschaftlich basiertes Leben zu beginnen.

In der Ferne konnte er einige vereinzelte Häuser erkennen, dahinter lag vermutlich ein Dorf oder sogar eine kleine Stadt. Tristesse, die ihm schon aus Texas bekannt war. Hinterwäldler, die nicht an die Evolution glaubten. Menschen, die Ihren Kindern erzählten, ein großes Mitglied der Schreitvogelfamilie und der Überklasse der Kiefermäuler würde ihre Geschwister bringen. Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Wenn die Zugfahrten nicht wären, er hätte diese Reise schon nach dem ersten Tag abgebrochen.




***




University of Nebraska in Omaha  stand in großen Lettern vorne auf dem Gebäude. Nachdem sie im Hotel eingecheckt und sich ein wenig frisch gemacht hatten, waren Dr.Thompson und Sheldon zu ihrem heutigen Seminar aufgebrochen. Zwei Wochen würden sie hier verbringen, Sheldon wurde schon bei dem Gedanken daran ganz übel. Das Hotelzimmer war genau so hinterwäldlerisch, wie er es erwartet hatte und eine kurze Recherche in der „Bibliothek“ des Hotels hatte ergeben, dass diese Stadt auch Freizeittechnisch nicht viel zu bieten hatte. Das Kino war ein ganzes Stückchen außerhalb, die Spielhalle war im letzten Jahr abgebrannt und noch nicht wieder aufgebaut worden und das Internetcafé hatte bloß drei Mal in der Woche geöffnet. Er schnaubte und hielt seinen Aktenkoffer noch etwas fester. Das hier war ein Alptraum.

„Kommen Sie, Dr. Cooper“, rief ihm Dr. Thompson aufmunternd zu, der schon auf dem Weg ins Gebäude war. Sheldon eilte hinter ihm her.




***




„…Und somit ist bewiesen, dass kohärente Lichtquellen, wenn Sie auf einen beobachteten Spalt treffen, nicht durch diesen hindurch gehen, unbeobachtet hingegen schon.“

Sheldon beendete seinen Vortrag, doch statt Beifalls, den er eigentlich erwartet hatte, erntete er wieder einmal nur bedrückende Stille. Er ließ seinen Blick durch das Publikum wandern, größtenteils Studenten, jung, aber natürlich nicht jünger als er, Anfang 20 vielleicht. Aber in den hinteren Reihen saßen auch noch einige jüngere Schüler, vermutlich eine 10. Klasse die einmal eine Vorlesung besuchte, um den Kindern die Auswahl einer Uni zu erleichtern. Na wenn sein Vortrag die Jugend nicht für die Physik begeistert hatte, dann würde es niemand schaffen.

Sheldon ließ seinen Blick über die Schüler schweifen. Er war nicht besonders gut darin, Mimik zu lesen, aber die meisten sahen eher unglücklich aus, jedenfalls lächelte niemand. Aber vermutlich waren sie alle in Ehrfurcht vor seiner Genialität bedächtig und dachten nun daran, sich baldmöglichst an einer Uni zu bewerben.

Dann blieb sein Blick an einer Schülerin hängen, die sich von den anderen im Besonderen abhob. Sie war die einzige, die nicht ihren Rucksack packte. Aber nicht, weil sie noch die Formeln auf der Tafel abschrieb, wie er gehofft hatte, nein, sie hatte nur einfach nicht mitbekommen, dass die Stunde vorbei war! Sie saß an ihrem Platz, kaute offensichtlich und mit geöffnetem Mund Kaugummi und hatte Kopfhörer in den Ohren. Hatte dieses Mädchen tatsächlich einen Walkman dabei? In seiner Vorlesung? Das Mädchen sah etwas jünger aus als er, mit hochtoupierten Haaren und einer schwarzen Strähne.

Wut stieg in ihm hoch, er schob seine Papiere zusammen und umrundete sein Pult. Fast alle Studenten hatten den Hörsaal bereits verlassen, aber diese unverschämte Person saß immer noch dort, als gehöre der Raum ihr, sie kaute weiterhin Kaugummi und nahm nichts wahr, weil sie offenbar Musik hörte und parallel etwas in ein pinkes Büchlein kritzelte, welches vor ihr lag. Wenn sie nicht zu laut schmatzte, bewegte sie ihre Lippen tonlos zu der Musik und wippte leise mit dem Kopf im Takt.

Langsam näherte er sich ihr. Zum einen, weil er sich ein wenig vor fremden Menschen und insbesondere vor Mädchen fürchtete, zum anderen, weil er sie nicht aufschrecken wollte, da er sie unbedingt zurechtweisen wollte. Endlich war er vor ihr angekommen. In diesem Moment war er froh so groß zu sein, mit seinen einem Meter und siebenundachtzig Zentimetern konnte er – insbesondre auf sitzende Menschen - einschüchternd wirken.

Er streckte seinen Arm aus und fasste mit gespreizten Fingern mitten auf das Heft des Mädchens, das merklich zusammenzuckte und dann erst verwundert, danach wütend zu ihm herauf blickte. Beinahe in Zeitlupe zog sie sich die Kopfhörer aus den Ohren und schob den Kaugummi mit der Zunge an die Seite. „Was ist denn dein Problem?“, fragte sie sichtlich genervt, was Sheldon dazu brachte, seine Hand zurück zu ziehen.

„Was mein Problem ist?“, japste er. Er wusste gar nicht wo er anfangen sollte. „Du sitzt in meiner Vorlesung und hörst überhaupt nicht zu. Du kaust Kaugummi, du hörst Musik. Du bist offenbar geistig so abwesend, dass du nicht einmal mitbekommst, dass die Lektion beendet ist. Meine Zeit ist zu wertvoll, um sie an ignorante Schüler zu verschwenden.“ Er wolle erneut die Stimme erheben, aber das Mädchen schnitt ihm das Wort ab, während sie aufstand und ihre Sachen in einen Rucksack packte. „Es war doch bloß ein Schulausflug, ich hab überhaupt keinen Bock zu studieren und schon gar nicht so einen Chemie-Scheiß.“

Sheldon war fassungslos. „Ich. Unterrichte. Physik!“, presste er wütend hervor. „Und Menschen wie Du sind der Grund, warum ich das Unterrichten verabscheue. Ich habe mit meiner kostbaren Zeit wahrlich besseres zu tun und im Spätherbst werde ich an der CalTech in Kalifornien anfangen und dann habe ich vor solchen Dilettanten wie Dir endlich Ruhe.“

„Wie du meinst, Süßer.“ Das Mädchen stand auf, streckte die Hand aus und tätschelte mitleidig seine Wange. „Man sieht sich.“ Sei drehte sich wortlos herum, zog den Rucksack auf ihren Rücken und hüpfte davon. Oben an der Tür warteten ihre Freundinnen bereits. „Komm schon, Penny!“ Lachend zogen die Mädchen davon.

Er starrte ihr mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination hinterher. Unwillkürlich hob er seine Hand an seine Wange, als könnte er ihre Berührung noch spüren. Der Rucksack verdeckte den Blick auf den oberen Bereich ihrer Beine, die in dem unglaublich kurzen Rock, den sie trug, beinahe endlos lang wirkten.

Er wollte ihr sagen, dass er nicht süß war, dass er sie sicher nicht wiedersehen würde, dass er nicht angefasst werden wollte, dass sie unglaublich rücksichtslos war. Aber sie war schon weg.

„Penny“, flüsterte er ohne Stimme und blickte noch eine ganze Weile in den leeren Türrahmen, in dem das blonde Mädchen eben noch gestanden hatte....
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