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Süchtig - Manchmal ist Liebe nicht genug

von Sanna28
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
01.11.2018
04.05.2021
71
234.610
97
Alle Kapitel
692 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
04.05.2021 4.979
 
Hallo !!!

Ich wage mich mal vorsichtig aus meiner Deckung: ich weiß, 4 Wochen, aber die Abschlussprüfung meiner Großen hat mich auf Trab gehalten, und hält mich noch auf Trab. Dafür ist das Kap wieder etwas länger geworden. Ich danke allen, die als Leser dazugekommen sind, und für die lieben Reviews und die drei Sterne, die so viel Motivation sind, wenn es grad mal nicht so läuft. Ich gebe mir Mühe, die Antworten noch nachzuholen, aber irgendwas bleibt halt immer auf der Strecke. Trotzdem lese und schätze ich jedes einzelne.
Liebe Grüße Sandra


71. KAPITEL


Nach einer kurzen, aber hitzigen Debatte hatte sich Matt kurzerhand gegen Darrens Einwände durchgesetzt, und quasi im Alleingang entschieden, dass sie den kürzeren und ruhigeren Weg über die 6th Avenue nahmen, anstatt den zwar vermeintlich schnelleren Weg, aber eben auch viel mehr befahrenen Speer Boulevard und die East Colfax zu benutzen. Leider hatten sie es bisher noch nicht einmal geschafft, den Parkplatz des Denver Medical Health Centers zu verlassen. Der Rückstau auf der Zufahrt zur 6th Avenue war gewaltig, und bot ihnen schon den ersten bitteren Vorgeschmack darauf, was sie erwartete: nämlich eine Odyssee entlang brechend voller Straßen.

Inzwischen war die Dunkelheit über die Stadt hereingebrochen, und trotzdem war es dank der Straßenlaternen, der vielen beleuchteten Schaufenster und den Scheinwerfern der Autos beinah taghell. Wohin das Auge blickte, tummelten sich Menschen. Dementsprechend war auch der Geräuschpegel. Grölende, laut feiernde und Fähnchen schwenkende Passanten drängten am Van vorbei klopften zum Teil leicht angeheitert gegen die Scheiben. Der Verkehr schien sich seit ihrer Ankunft vor knapp zwanzig Minuten fast verdoppelt zu haben. Die Autos standen in Dreierreihen dicht an dicht vor den völlig verstopften Kreuzungen, und es ging eine gefühlte Ewigkeit weder vorwärts noch rückwärts. Für Anna war es der reinste Albtraum. Sie fühlte sich hilfloser denn je. Vor lauter Nervosität und Angst war sie kaum noch in der Lage, ruhig zu sitzen. Ihr Magen drehte sich im Schleudergang, während ihr Herz wie der Bass einer Heavy Metal Band gegen ihre Rippen wummerte. So sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht, sich auch nur eine Sekunde zu konzentrieren, um darüber nachzudenken, wie lange sie wohl brauchen würden, bei der ausgelassenen Volksfeststimmung, die gerade auf Denvers Straßen herrschte. Und ausgerechnet der Mann, der sie verursacht hatte, saß wie ein Häufchen Elend neben ihr und atmete so schwer, dass sie schon befürchtete, er könnte jeden Moment in sich zusammenklappen. Zu behaupten, er sah fix und fertig aus, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Sein Gesicht hatte inzwischen auch den letzten Rest Farbe verloren, und auf seiner Stirn standen Schweißperlen, die seine Schläfen hinabliefen und sich auf seinen Wangen mit den Tränen vermischten, die er inzwischen nicht mehr zurückhalten konnte.

Bei allem, was er Anna über den Abend vor knapp zwei Jahren erzählt hatte, konnte sie zumindest ansatzweise erahnen, was wohl gerade in ihm vorging. Was die Angst mit ihm anstellte, Neil vielleicht ausgerechnet an dem Ort wieder zu verlieren, wo er ihn gefunden hatte.

Mit Argusaugen beobachtete sie, wie er zum gefühlt hundertsten Mal in den letzten fünf Minuten seine Sitzposition änderte. Bebend stieß er seinen Atem aus und beugte sich nach vorn, wo er die Ellenbogen auf seine Knie stützte, und resigniert den Kopf sinken ließ. Um das heftige Zittern seiner Hände zu unterdrücken, verschränkte er die Finger ineinander und presste sie so fest zusammen, dass sie noch im selben Moment knallrot anliefen. Anna konnte ihm ansehen, dass er sich im Geiste schon auf das Schlimmste vorbereitete. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, seine Hand zu nehmen, sie zu drücken und ihm gut zuzureden, aber sie hatte keine Ahnung, ob er das überhaupt wollte, denn im Grunde genommen waren sie doch immer noch wie flüchtige Bekannte.

Nichtsdestotrotz fühlte sie eine tiefe, innere Verbundenheit zu ihm. Die gemeinsame Liebe zu Neil, die Sorge um ihn, hatten sie in den letzten Tagen enger zusammengeschweißt, als sie es je für möglich gehalten hatte. Und nun …

Kurzentschlossen entschied sie, es einfach zu wagen. Sie zerrte ihren Gurt weiter, um sich mehr Bewegungsspielraum zu verschaffen. Dann rückte sie weiter an Matt heran und umschloss seine Hände mit ihren. Obwohl sie sich sicher war, dass er sie längst hatte kommen sehen, zuckte er zusammen und blickte erschrocken zu ihr auf, als sie ihn berührte. Die nackte Panik in seinen randvoll mit Tränen gefüllten Augen brach ihr fast das Herz. »Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben, Matt«, redete sie ihm gut zu. »Wir werden rechtzeitig da sein, ihn nach Hause holen und uns um ihn kümmern, dann wird alles wieder gut …«

Matt schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Anna«, gab er zweifelnd zurück. »Ich habe nicht den leisesten Schimmer, was in ihm vorgeht. Er ist mir so fremd geworden. Nach dem Überfall war er plötzlich wie ausgewechselt. All die Monate zuvor hat er sich nichts sehnsüchtiger gewünscht, als dass ich offen zu ihm stehe, aber als ich ihm im Krankenhaus eröffnet habe, dass ich genau das zu tun gedenke, hat er sich auf einmal mit Händen und Füßen dagegen gesträubt. Plötzlich wollte er nicht mehr, dass ich Liz die Wahrheit sage und mich offiziell oute. Spätestens da hätte ich misstrauisch werden müssen. Das ist alles nur so weit gekommen, weil ich ihn tagelang ignoriert habe.«

»Du warst verletzt und durcheinander, nachdem du uns miteinander gesehen hast. Niemand nimmt dir übel, dass du Zeit brauchtest«, versuchte Anna, ihn zu beschwichtigen.

Allerdings ohne Erfolg. »Doch, ich nehme es mir übel«, brauste Matt auf und ging daraufhin nur noch härter mit sich ins Gericht. »Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, tust du es auch, wohlgemerkt völlig zurecht. Ich habe ihm ja nicht mal die Chance gelassen, es mir zu erklären und das Missverständnis aus dem Weg zu räumen, obwohl ich genau wusste, wie labil und verletzlich er ist.«

Während Matt sich immer weiter in seine Selbstvorwürfe steigerte, setzte sich der Van in Bewegung, weil Darren es endlich geschafft hatte, den Krankenhausparkplatz zu verlassen, und sich in die linke Schlange einzureihen.

Gleichzeitig konnte Anna aus ihrem Augenwinkel heraus sehen, wie Aiden ein paar Mal den Mund aufriss als wollte er etwas sagen, ihn dann aber doch wieder zuklappte, ohne auch nur ein Wort verloren zu haben. »Egal, was Neil in diesem beschissenen Brief geschrieben hat«, fuhr Matt fort. » Ich bin schuld, dass es überhaupt so eskaliert ist. Ich habe mit Professor Campbell über ihn gesprochen, ohne, dass der wusste, um wen es dabei ging, und er meinte, sein Verhalten deutet ganz klar auf eine posttraumatische Belastungsstörung hin. Ich bin definitiv schuld, Anna. An den Drogen, die er gekauft hat, und somit auch an dem Überfall und dem Trauma, dass er deswegen erlitten hat. Ich allein … bin … Schuld, wenn er stirbt …«

Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und Aiden ermutigte, sein Schweigen zu brechen. »Nein, das stimmt einfach nicht«, platzte er dazwischen, beugte sich zu Matt nach vorn und sah ihm derart durchdringend in die Augen, dass der sich dem Blick des Arztes nicht entziehen konnte – selbst, wenn er es gewollt hätte. »Du bist der Grund, dass Neil überhaupt so lange durchgehalten hat. Du bist nicht deine Schuld, ganz im Gegenteil, es wäre sowieso irgendwann passiert«, behauptete der Arzt mit einer Selbstsicherheit, die in Anna erneut die Frage aufwarf, ob es da vielleicht doch noch mehr gab, was er ihnen verschwieg – ein Verdacht, der sich immer mehr erhärtete, als Aiden weitersprach. »Der Überfall ist nicht die Ursache von Neils Traumas, und auch nicht euer Streit, oder dein Zusammenbruch … die waren nur wie ein Katalysator, und haben alles, was er in sich begraben hatte, wieder zu Tage befördert. Ohne die Drogen, die ihm die vielen Jahre über geholfen haben, seine Vergangenheit zu verdrängen, wäre es ohnehin nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis sie ihn wieder einholt und überwältigt …«

Beim letzten Wort ging plötzlich ein Ruck durch ihn hindurch und er verstummte abrupt, als ihm klar zu werden schien, dass er viel mehr gesagt hatte, als er eigentlich wollte. Begleitet von einem schweren Seufzen drehte er seinen Kopf zur Seite und starrte reumütig aus dem Fenster.

Aber Matt Misstrauens war längst geweckt. »Was, bitte schön, meinst du damit?«, fragte er, äußerlich ganz ruhig wirkend, aber innerlich schon wieder nahe dem Siedepunkt.

Der Arzt atmete beängstigend schnell und kaute dabei nervös auf seiner Unterlippe. Man konnte ihm deutlich anmerken, dass er sich gerade mitten in einem erbitterten Kampf mit sich selbst befand. Was auch immer es war, was er ihnen verschwieg – und inzwischen zweifelte Anna nicht mehr daran, dass es da etwas gab – es setzte ihm ordentlich zu.

»Bitte, Aiden«, flehte Matt ihn daraufhin an. Anna runzelte verwirrt die Stirn, in Anbetracht von dessen rasantem Strategiewechsel, denn auf einmal schwang keinerlei Härte mehr in seiner Stimme. Kein Vorwurf, oder Nachdruck, sondern eine fast schon mitleiderregende Verletzlichkeit. »Wenn du irgendwas weißt, von dem ich auch wissen sollte, dann musst du mir das sagen.«

Aiden sog scharf die Luft ein. In diesem Moment empfand Anna wesentlich mehr Mitleid für ihn als für Matt, denn es lag ganz klar auf der Hand, dass der gerade auf höchst fragwürdige Weise versuchte, sich die Gefühle, die der Arzt für ihn hegte, zunutze zu machen, um ihn weichzukochen. Und offenbar funktionierte es. Aiden hatte nicht die leiseste Chance gegen Matts herzerweichenden Blick.

»Verdammt«, knickte er keine drei Sekunden später fluchend ein. »Das ist nicht fair. Ich habe Neil versprochen, meinen Mund zu halten. Er wollte dir das selbst sagen, direkt nach der Wahl … aber so, wie es aussieht, hat er mich damit ja genauso angelogen und hingehalten wie euch …«

»Aiden, … um Himmels Willen«, verlor Matt nun doch die Geduld und riss sich von Anna los. Seine Hand schnellte nach vorn, packte den Unterarm des Arztes, und zog ihn ein gutes Stück zu ihm rüber. »Jetzt rede endlich!«

Aidens Miene verfinsterte sich, und er zögerte noch einen Moment, ehe er sich durchringen konnte, sein Schweigen zu brechen. »Hat er dir je … von Sam erzählt?«

Matt versteinerte auf der Stelle, als der Name fiel, und eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn. »Du meinst seinen ersten … Freund?«

»Ja!«, nickte Aiden. »Hat er, oder hat er nicht?«

Der Tonfall, den er anschlug, steigerte Annas ohnehin schon mulmiges Bauchgefühl in quälende Übelkeit. Wieso wollte er das wissen? Jetzt? Sie erinnerte sich, dass Neil den Jungen ihr gegenüber einmal kurz erwähnt hatte. Sehr kurz, und dann nie wieder. So, wie fast alles, was mit seiner Heimatstadt Canon City und seiner High School Zeit zu tun hatte. Wann immer sie auch nur ansatzweise darauf zu sprechen gekommen waren, hatte Neil sofort blockiert und das Thema gewechselt. Deshalb wusste sie auch nicht allzu viel darüber. Nur, dass der Kontakt zu seiner Familie – bis auf den zu seiner Schwester, mit der er ab und an telefonierte, und die seine Vorliebe für Männer zwar nicht gut fand, aber zumindest duldete – fast komplett abgebrochen war, weil seine Eltern nichts unversucht gelassen hatten, ihn umzuerziehen. Sie wusste, dass er wegen seiner offen ausgelebten Homosexualität des Öfteren ins Visier seiner Mitschüler geraten war. Die vielen Narben an seinem Körper sprachen eine deutliche Sprache. Was das betraf, machte sich Anna nichts vor, die rührten sicher nicht allein aus seiner Drogenphase, und ihr Herz verkrampfte sich jedes Mal, wenn sie nur darüber nachdachte, welchen Anfeindungen er wohl schon ausgesetzt gewesen war. Irgendwann hatte sie es jedenfalls aufgegeben, ihn zum Reden bringen zu wollen, und gehofft, er würde es ihr eines Tages von selbst erzählen, … wenn er so weit war.

Matts fast schon schrille Stimme holte sie jäh aus ihren Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. »Ja, und?«, wollte er sichtlich irritiert von Aiden wissen. »Der Junge ist tot, aber was hat das denn mit jetzt zu tun? Mit uns? Mit ihm und mir?«

»Alles«, erwiderte der Arzt kryptisch. »Hat er dir auch erzählt, wie er zu Tode kam?«

Das seltsame Fragespiel trieb Matt langsam, aber sicher an den Rand des Wahnsinns. Er schnaubte grimmig, und war schon wieder kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. »Ja, verdammt«, ging er Aiden nun umso schärfer an. »Ich weiß, dass er bei einem homophoben Übergriff gestorben ist, und dass Neil lange um ihn getrauert hat, aber ich verstehe trotzdem nicht, was das …«

»Er war dabei, als Sam getötet wurde«, ließ Aiden die Bombe schließlich platzen, als würde ihn die Tatsache sonst von innen zu zerreißen.

Anna spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den ganzen Körper jagte, in derselben Sekunde, in der Darren aufs Gaspedal trat und wie eine Rakete kurz nach der Zündung über die Kreuzung schoss, die sie nun endlich hinter sich ließen.

Doch davon bekam Matt schon nichts mehr mit. »Was?«, presste er entsetzt heraus.

Der Arzt schluckte und versuchte verbissen, die Tränen wegzublinzeln, die sich gerade in seinen Augen sammelten. »Ich sagte, Neil war dabei, als Sam starb. Er war gezwungen, hilflos dabei zuzusehen, wie der Junge vergewaltigt, und auf brutale Weise zu Tode geprügelt worden ist. Neil war fünfzehn, Matt, … fünfzehn! Die zwei waren halbe Kinder.«

Seine Antwort glich einem Bombeneinschlag.

Für einen kurzen Moment war Anna wie betäubt, ihr Kopf absolut leer. Sie spürte nichts, aber auch gar nicht. Der Schock lähmte sie und zerstörte jeden klaren Gedanken, bevor sie ihn überhaupt zu fassen bekam. Ihr war schwindlig und übel, es rumpelte in ihrem Magen und sie hätte sich beinah übergeben, als sich die Bedeutung dessen, was Aiden ihnen gerade eröffnet hatte, ganz langsam und brutal in ihr Bewusstsein kämpfte. Dann folgte eine Art emotionale Explosion. Sie fühlte sich, als hatte ihr jemand mit voller Wucht gegen ihre Rippen getreten. Der Schmerz drohte, sie zu überwältigen. Sie bekam keine Luft. Gleichzeitig schossen ihr die Tränen in die Augen, und sie konnte nicht verhindern, dass sich noch in derselben Sekunde ein Horrorfilm sondergleichen in ihrem Kopf abspielte. Natürlich war sie sich immer im Klaren darüber gewesen, dass Neil schlimme – sehr schlimme – Dinge erlebt haben musste, aber mit sowas Unmenschlichem hatte sie definitiv nicht gerechnet. Anna wusste, dass Neil nicht nur äußere Narben trug. Dass er auch innerlich schwer verletzt war, aber wie schwer, begriff sie erst jetzt. Den gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen miterleben zu müssen, ohne ihm helfen zu können, überstieg all ihre Vorstellungskraft.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie es geschafft hatte, sich wenigstens ansatzweise zu fangen und sich wieder auf Matt zu konzentrieren, der wie eine Statue neben ihr saß – stocksteif und ohne jegliche Regung. Sie wusste wirklich nicht, was ihr gerade mehr zusetzte: der Gedanke, dass Neil mutterseelenallein da draußen herumirrte, geplagt von den Dämonen seiner Vergangenheit, … oder Matts elender Anblick. Die Hiobsbotschaften für ihn rissen einfach nicht ab, und Anna fragte sich, wie viel von alledem er wohl noch ertragen konnte, bevor er selbst daran zerbrach.

Sie sah, wie sich sein Gesicht nach und nach zu einer qualvollen Grimasse verzerrte und er wie von Sinnen die Hand vor den Mund schlug. Das reichte, dass sich Aiden erneut genötigt sah, einzugreifen.
»Du bist nicht der Grund für Neils Probleme, Matt, verstehst du?«, durchbrach er die gespenstische Stille, die sich wie ein bleierner Mantel über ihnen ausgebreitet hatte. »Es sind die Umstände von Sams Tod. Er hat sie nie verarbeiten können, und sich stattdessen sein halbes Leben lang mit Drogen betäubt, um das zu vergessen. Er führt Krieg, Matt, seit fast dreiundzwanzig Jahren. Er führt Krieg gegen sich selbst, gegen die furchtbaren Erinnerungen, gegen seine Schuldgefühle, … und er glaubt einfach nicht daran, ihn je gewinnen zu können.«  

Die Worte des Arztes sorgten dafür, dass sich Matt endlich aus seiner Schockstarre lösen konnte. »Ich … ich … warum … weiß ich nichts … von alledem«, krächzte er, unfähig, sein Entsetzen in Worte zu fassen. »Wieso hat er mir das nie erzählt?«

In seiner Stimme schwang so viel Schmerz. So viel Enttäuschung darüber, dass Neil es offenbar nicht geschafft hatte, sich ihm anzuvertrauen, nach allem, was sie miteinander erlebt hatten. Was sie füreinander empfanden. Anna konnte verstehen, wie weh ihm das tun musste. In diesem Augenblick brachen seine ganzen aufgestauten Gefühle wie eine gigantische Flutwelle über ihn herein. Ein lautes, krampfartiges Schluchzen erschütterte seinen Körper und ein ganzer Schwall Tränen ergoss sich über seine Wangen.

Diesmal zögerte Anna nicht. Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachdenken zu müssen legte sie ihren Arm um ihn, und er ließ es widerstandslos zu, dass sie ihn an sich zog. Weil sie es beide brauchten. Den Beistand. Den Halt … den Trost. Gleichzeitig sah sie, dass Aiden ebenso hart mit der Situation kämpfte. Matts offenkundiges Leid ging nicht spurlos an ihm vorüber. Wie sollte es auch … schoss Anna unwillkürlich durch den Kopf … in Anbetracht  seiner mehr als heiklen Gefühle für Matt.

»Es tut mir so leid«, entschuldigte sich der Arzt für etwas, für das er gar nichts konnte. Schließlich war er nicht der Verursacher, sondern nur der Überbringer der schlechten Nachrichten. »Ich weiß auch nicht, warum er es nie geschafft hat, dir das zu sagen, jedenfalls weiß ich es nicht sicher. Ich bin kein Psychologe, deswegen kann ich nur mutmaßen. Du bist der Dreh – und Angelpunkt in Neils Leben. Ganz egal, was er tut, es geht dabei immer irgendwie um dich. Er liebt dich schon fast abgöttisch, genauso wie Sam damals, und dann … hat er ihn verloren. Ich glaube einfach, er …«

»Wann zur Hölle hat er dir das erzählt?«, entfuhr es Matt ungehalten. »Während eures Telefonats?«

Aiden stöhnte und zögerte erneut, bevor er reichlich zuwider antwortete. »Nein, schon vorher«, gab er reumütig zu. »Am Freitagmorgen stand er plötzlich überraschend mit einem Strauß weißer Lilien in der Hand vor meiner Tür und hat mich gefragt, ob ich ihn nach Canon City fahren könnte, weil er etwas Dringendes zu erledigen hätte. Zuerst wollte ich es ihm noch ausreden, immerhin sind das zwei Stunden Fahrt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es ihm verdammt wichtig war, also habe ich mich breitschlagen lassen. Ich dachte, vielleicht will er sich mit seiner Familie aussöhnen, bevor er einen Neuanfang mit dir wagen kann, aber stattdessen hat er mich direkt auf den hiesigen Friedhof gelotst. Nachdem wir eine Weile umhergeirrt sind, ist er auf einmal vor einem der Gräber stehengeblieben, und dann …« Aiden brach ab und schüttelte den Kopf. »Dass er mir das alles erzählt hat, war pure Berechnung, Matt, da bin ich mir inzwischen ziemlich sicher. Es war nötig, weil er jemanden brauchte, der dir nach seinem Tod die Wahrheit sagt. Der dir klarmacht, dass es nicht deine Schuld ist.«

»Was genau ist damals passiert? Ich will es wissen, Aiden, und zwar alles …«, erklärte Matt überraschend selbstbeherrscht, aber lange hielt seine Gefasstheit nicht an, denn schon nach den ersten Worten geriet er ins Stocken. »Haben die ihn auch … also … ich meine … ich … ich …wurde Neil … auch ver… ver …?«

So sehr er es auch versuchte, er brachte es einfach nicht über die Lippen. Kein Wunder, wenn schon der bloße Gedanke kaum zu ertragen war.

Glücklicherweise kam Aidens Antwort diesmal prompt. »Nein, nein … nur Sam!«, beruhigte er Matt schnell, der daraufhin hörbar erleichtert seinen Atem ausstieß. »Vermutlich wollten sie Neil dafür bestrafen, dass er ihrem Anführer den Platz als Quarterback in der High School Mannschaft vor der Nase weggeschnappt hat. Die haben ihn und Sam quasi in flagranti erwischt, und du kannst dir sicher vorstellen, dass die zwei damit ein gefundenes Fressen für diese brutalen Jungs waren.« Als Aiden kurz innehielt, unterdrückte Matt ein Würgen. »Es kam zum Streit zwischen dem Anführer und Neil, und er wollte Sam schützen, aber dann haben ihn vier von denen gepackt, auf den Boden geschleudert und sich auf ihn geworfen, während die anderen beiden auf Sam eingetreten und eingeschlagen haben. Neil hat die ganze Zeit versucht, sich zu befreien, aber er war allein gegen vier … unmöglich. Einer hat schließlich ein Messer gezückt, und ihm den Unterarm aufgeschlitzt, damit er endlich aufhört, sich zu wehren.«

»Oh Gott«, schnappte Matt verbissen nach Luft. Ein unkontrolliertes Zittern jagte durch ihn hindurch, bis sein ganzer Körper bebte.

»Er hatte nicht mal den Hauch einer Chance«, flüsterte Aiden, kaum noch in der Lage zu reden. »Und Sam erst recht nicht.«

Anna hatte das Gefühl, dass ihr jeden Moment der Kopf platzte. Der Druck hinter ihren Schläfen wuchs ins Unermessliche. Nur zuzuhören, war schon mehr, als ein normaler Mensch aushalten konnte, aber auch, wenn sie es sich beileibe nicht vorstellen konnte, es sollte noch schlimmer kommen.

Wie aus dem Nichts heraus griff Aiden nach Matts Hand und hielt sie fest umschlossen, als wollte er sicherstellen, dass er ihm nicht wegklappte. »Ich fürchte, das ist noch nicht alles, was du wissen musst«, begann er und diesmal fackelte der Arzt nicht lange, es Matt einfach knallhart ins Gesicht zu schmettern. »Am Tatort sind Spermaspuren sichergestellt worden … Neil Spuren. Es gab zwar Zeugen dafür, wie die beiden Jugendlichen Sam halb totgeschlagen haben – zwei kleine Jungs, aber die sind irgendwann völlig verängstigt abgehauen, und am Ende gab es niemanden, der die Vergewaltigung beobachtet hat. Dann stand Neils Wort gegen das der anderen. Wir drei wissen haargenau, dass er niemals zu sowas fähig wäre, und es konnte ihm auch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden … wie auch, er war das nicht. Trotzdem hing der Verdacht weiter über ihm wie ein Damoklesschwert. Vielleicht kannst du dir vorstellen, welcher Hetzjagd er daraufhin ausgesetzt war. Er hätte dringend eine Therapie gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten, stattdessen haben seine Eltern alles darangesetzt, ihn umzuerziehen, und ihn damit nur noch mehr kaputtgemacht, als er es ohnehin schon war. Dazu kamen die regelmäßigen Prügelattacken seiner Mitschüler. Ein irrer Pfarrer, der wohl gedacht hat, er könnte ihm den Teufel austreiben …«

Ganz automatisch wirbelte Annas Blick herum zu Darren, der aber glücklicherweise derart in den Verkehr vertieft war, dass er nicht gehört hatte, worüber hinter ihm gesprochen wurde. Heilfroh darüber wandte sie sich schnell zurück zu Aiden, der ohne Punkt und Komma weitersprach. »… der Hass von Sams Vater, der sogar eine einstweilige Verfügung erwirkt hat, nur um Neil daran zu hindern, an der Beerdigung seines Sohnes teilzunehmen. Es grenzt an ein Wunder, dass er dieses Martyrium noch fast drei Jahre lang durchgehalten hat, bevor er aus Canon City geflohen ist. Die Drogen waren nur die logische Konsequenz. Sein einziger Ausweg, ohne das Zeug hätte er wahrscheinlich gar nicht bis heute überlebt.«

Obwohl es inzwischen fast schon unerträglich warm war im Van, fröstelte Anna. Eine durchdringende Kälte hatte sich ihres Körpers bemächtigt. Ließ sie in einer Tour schaudern. Umklammerte ihr Herz, das sich heftig zusammenkrampfte. Da waren so viele Gefühle gleichzeitig, die in ihr tobten: Trauer, Wut, Schmerz, Ohnmacht … Mitleid. So viele, dass sie nicht einmal mehr sagen, welches überwog. Neil war der mit Anstand der liebste, einfühlsamste und sanftmütigste Mensch, den sie je kennengerlernt hatte. Sein Herz war so groß, so voller Liebe und Güte, und Wärme, und es war ihr absolut schleierhaft, wie er es geschafft hatte, sich all diese wunderbaren Eigenschaften zu erhalten, nach all den furchtbaren Grausamkeiten, die man ihm angetan hatte.

Anna war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie für einen Moment völlig vergessen hatte, dass da jemand war, den das alles noch viel, viel mehr traf als sie. Wie in Trance hob sie ihren Blick und sah Matt an. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, saß völlig apathisch neben ihr und stierte vor sich hin, während die Tränen ganz still und leise über seine Wangen liefen. Sie wusste, dass es jetzt nichts gab, was sie für ihn tun konnte, außer da zu sein. Ihn zu halten, und ihm die Gewissheit geben, dass er nicht allein war mit dem, was er gerade durchmachte. So bitter die Wahrheit auch schmeckte, vermutlich war sie längst überfällig und bitter nötig. Trotzdem hoffte und betete sie, dass Aiden nicht noch mehr Enthüllungen aufzuwarten hatte, denn Matt sah beileibe nicht aus, als ob er noch mehr verkraften konnte.

Aber sie hatte den Gedanken noch nicht einmal richtig zu Ende gedacht, als der Arzt erneut das Wort ergriff. »Ich weiß, das war jetzt alles ziemlich heftig und viel, Matt, und du kannst mir glauben, dass ich dir nur allzu gern die Zeit geben würde, das sacken zu lassen, aber die haben wir nun mal nicht. Du musst dir darüber im Klaren sein, dass – selbst, wenn wir ihn rechtzeitig finden, und dazu bewegen können, sich seiner Vergangenheit zu stellen – die Möglichkeit besteht, dass er vielleicht nie ganz gesund wird. Dass er sein Leben lang Therapie braucht. Und dass ihr wohl niemals eine ganz normale Beziehung führen werdet. Es wird immer wieder Hochs und Tiefs geben … sehr tiefe Tiefs. Das wird nicht nur ihm enorme Kraft und Willen abverlangen, sondern auch dir …«

In diesem Moment schnellte Matts Blick hoch. »Das ist mir scheißegal«, sprudelte es derart kämpferisch und energiegeladen aus ihm heraus, wie Anna es angesichts seines zuvor noch so desolaten Zustandes nicht im Entferntesten erwartet hatte. Es war, als hatte sich von einer Sekunde zur nächsten ein Schalter in ihm umgelegt, und er sprühte nur so vor wilder Entschlossenheit: »Ich werde alles tun, was nötig ist, dass er das schafft, dass wir das schaffen … ganz gleich, was michdas kostet.«


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Nach seinem straffen Fußmarsch durch halb Denver hatte er das Gefühl, als hingen tonnenschwere Bleiklumpen an seinen Beinen. Er war heilfroh, dass er endlich den Parkplatz neben der Kathedralbasilika erreicht hatte, deren angestrahlte Glockentürme gleißend in den düsteren Abendhimmel ragten. Ein paar verirrte Schneeflocken rieselten auf ihn herab, als er sich zwischen den dicht aneinander geparkten Autos hindurch schlängelte und geradewegs auf die prachtvolle, gotische Kirche im Herzen Denvers zusteuerte.

Sichtlich ergriffen – wie jedes Mal, wenn er hierherkam – blieb Neil vor der Steintreppe stehen und hielt bewundernd inne. Für ihn war und blieb diese Kirche das absolute Highlight von Denver. Er holte noch einmal tief Luft, bevor er die Stufen erklomm und durch die geöffneten Flügeltüren des mittleren Tores in den Vorraum der Kirche trat. Ehrfürchtig umrundete er das Taufbecken und ging weiter ins Innere der Basilika. Fast zwei Jahre lang hatte er sich nicht her getraut. Nicht mal in die Nähe. Zu viele Erinnerungen. Zu viel Angst.

Das Licht war gedämpft und seine Schritte hallten durch das leere Kirchenschiff, als er in Richtung Altar lief. So laut und voll es draußen auf den Straßen war, so still und verlassen war es hier drinnen.

Ein älterer Mann saß allein auf einer der vorderen Bänke und starrte gedankenverloren hoch zur Statue von Maria, der diese Kirche gewidmet war. Es beeindruckte Neil jedes Mal wieder aufs Neue, wenn er hier stand, umgeben von unzähligen handbemalten Buntglasfenstern, Altären, Säulen und Spitzbögen aus edlem, weißem Marmor. Über ihm thronte das hohe Deckengewölbe mit seinen Rippenbögen. Er fühlte sich wie in einer anderen Welt. In einer geradezu magischen Welt, in der man für eine Weile all den Ballast abwerfen konnte, der auf der eigenen Seele lastete. Während seiner Zeit als Junkie war er oft hierhergekommen. Auf der Suche nach Erlösung. Manchmal auch nur, um zu beten. Eine Kerze anzuzünden. Die feierliche Stimmung in sich aufzusaugen … bevor er sich draußen neben der Kirche hingesetzt hatte, mit dem Rücken an den kalten Stein gelehnt, um sich im Schatten der riesigen Türme den nächsten Schuss zu setzen.

Hier drinnen fühlte man sich wie in einer Blase zwischen Himmel und Erde. Man spürte, wie klein und unbedeutend man als Mensch war – im Gegensatz zu Gott.

Bis heute wusste Neil nicht, was genau Gott dazu bewogen hatte, ihn zu erschaffen …

Schon als kleiner Junge hatten Kirchen eine ganz besondere Faszination auf ihn ausgeübt, und obwohl ihm die Kirche als Institution vollkommen zuwider war, hatte er sich nie gescheut, ihre Häuser zu betreten. Seine, bis auf Darren, fast ausschließlich schlechten Erfahrungen hatten nichts daran geändert, dass er an Gott glaubte. Und in gewissem Maße auch an dessen Barmherzigkeit und Vergebung. An die höhere Macht, die über sie alle wachte. In dem Punkt musste er Darren recht geben, der ihm eindrücklich bewiesen hatte: die Kirche repräsentierte nicht Gott.

Neil schloss die Augen und ließ die Atmosphäre ein letztes Mal auf sich wirken. Der Duft von Weihrauch stieg ihm in die Nase, hüllte ihn ein, leerte seinen übervollen Kopf, durch den schon seit einer halben Stunde immer und immer wieder Aidens Worte spukten. Er musste sie loswerden. Vergessen. Sie aus seinen Gedanken streichen. Er musste Matt aus seinen Gedanken streichen. Und Gott musste ihm helfen. Nur dies eine Mal musste er ihm beistehen. In seinen Gedanken sprach er ein kurzes Gebet, bevor er seine wieder Augen aufschlug, sich mit einem leichten Kniefall vor dem Altar bekreuzigte und umdrehte, um in Richtung Ausgang zu gehen. Er schaute ein letztes Mal hoch zur Orgel und lächelte, bevor er endgültig verschwand.

Als er kurz darauf nach draußen trat, traf ihn der Trubel der Stadt mit voller Wucht. Halb Denver schien unterwegs zu sein, feiernd und ausgelassen, aber er blendete alles um sich herum. Sein Blick schwenkte rüber zur anderen Straßenseite, und noch im selben Moment strömten sämtliche Bilder und Emotionen von damals auf ihn ein. Alles war noch genau wie vor zwei Jahren. Fast so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als hätte jemand darauf gewartet, dass er zurückkehrte und zu Ende brachte, was Matt in letzter Sekunde vereitelt hatte. Niemand durfte Gott ins Handwerk pfuschen. Dass das nicht gut enden konnte, sah man doch an ihm. Der Eingang des verwaisten Ladens neben dem kleinen Elektronikgeschäft flehte ihn geradezu an, sich dort niederzulassen … so wie damals.

Neil wartete, bis die heranfahrenden Autos hinter der roten Ampel gehalten hatten, ehe er die Straße überquerte. Das Ziel endlich vor Augen. Plötzlich war er wie in Trance. Wie in einer Art Vorrausch. Am Ende seiner Odyssee. Das Verlangen nach dem Heroin, das in seiner Jackentasche steckte, wurde von Sekunde zu Sekunde. Bald hatte er es geschafft. Bald würde der Schmerz nachlassen. Die Albträume. Die Angst. Bald würde der Stoff durch seine Adern fließen, und ihm die Erlösung bringen, nach der er sich inzwischen viel mehr sehnte als nach einem Leben mit Matt …

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Ich muss zugeben, ich hab einen Faible für Kirchen, merkt man überhaupt nicht, gell? Und die Cathedral Basilica of the Immaculate Conception hat es mir irgendwie angetan:

https://www.youtube.com/watch?v=P0aBsx8iD1U
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