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Süchtig - Manchmal ist Liebe nicht genug

von Sanna28
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
01.11.2018
08.04.2021
70
229.631
93
Alle Kapitel
683 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
08.04.2021 3.038
 
Hallooo
hab es leider jetzt noch nicht geschafft, vor der Arbeit alle Reviews zu beantworten, aber ich geb mir Mühe, das heut und morgen nachzuholen.
Liebe Grüße, Sandra


70. KAPITEL


Seit sie den Konferenzsaal verlassen hatten, und im Anschluss durch ein Labyrinth aus Gängen geirrt waren, die Annas Empfinden nach allesamt gleich aussahen, hatten sie kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt. Sie war Matt, ohne zu murren in ein kahles, hellgraues Betontreppenhaus gefolgt, das sie zwei Stockwerke nach unten führte. Liz´ tränenüberströmtes Gesicht immer noch vor ihren Augen. Es ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Währenddessen schien Matt im Geist schon weit weg und es war nicht sonderlich schwer zu erraten, wo. Anna vermutete, dass es ihm gerade genauso ging, wie ihr auf der Fahrt hierher, als sie jede einzelne Begegnung, die sie in den letzten Tagen und Stunden mit gehabt Neil hatte, noch einmal explizit in ihren Gedanken durchgegangen war. Jedes Gespräch, jede noch so kleine Bemerkung, die er hatte fallen lassen, egal wie unbedeutend oder belanglos sie auf den ersten Blick auch erscheinen mochte.

Mit jeder Stufe, die sie sich dem Parkhaus näherten, schnürten sich Matts Finger fester um ihr Handgelenk – zum Schluss so derb, dass es schon fast schmerzte, aber sie traute sich nicht, sich zu beschweren, aus Angst, ihn womöglich abzulenken. Ihre ganzen Hoffnungen ruhten auf ihm, schließlich hatte er die ganze letzte Nacht mit Neil verbracht, und sie betete inständig, dass ihm vielleicht irgendwas einfiel, was ihnen bei ihrer Suche weiterhalf.

Endlich unten angekommen, bogen sie nach rechts ab in einen kurzen, schmalen Gang, der an einer massiven, dunkelgrauen Brandschutztür endete. Matt stemmte seine Hand dagegen und stieß sie schwungvoll auf. Nur wenige Meter dahinter sah Anna schon Darrens Multivan, der mitten in der Durchfahrt parkte. Der Motor lief und Matt stürmte geradewegs auf den Wagen zu, den seine Stiftung der Gemeinde erst vor ein paar Tagen gespendet hatte, als plötzlich ein schriller Klingelton einsetzte und er wie vom Blitz getroffen stehenblieb.

Anna konnte gerade noch verhindern, dass sie in ihn hineinrannte.  

»Shit, doch nicht jetzt!«, fluchte er laut vor sich hin und fischte Micks Handy aus seiner Hosentasche, doch gerade, als er seinen Finger auf die rote Taste hämmern wollte, hielt er schwer atmend inne und starrte einen Moment verwirrt und mit sich ringend aufs Display, bevor er sich zur Annas Überraschung entschloss, den Anruf entgegenzunehmen.

»Doktor Grant … was wollen Sie«, bellte er ins Telefon, und lief dabei weiter, nur um nach nicht einmal drei Schritten erneut abrupt stehenzubleiben, und derart heftig nach Luft zu schnappen, als hing jemand an seinem Hals und versuchte, ihn zu erwürgen. »Das haben wir schon mitbekommen. Reverend Marx hat ihn dabei beobachtet, wie er am Univiertel Drogen gekauft hat, aber woher wissen Sie ...?« Mitten im Satz verstummte er und lauschte den Ausführungen des Arztes, wobei Anna förmlich zusehen konnte, wie seine Augen immer weiter aus ihren Höhlen quollen, und die Ader an seine Schläfe bedächtig anschwoll. »Wieso sollte er ausgerechnet Ihnen einen Brief hinterlassen haben?«, platzte es schließlich entsetzt und mit einer guten Portion Eifersucht in seiner Stimme aus Matt heraus.

Anna schluckte und warf ihm einen verwirrten Blick zu. Hatte sie das gerade richtig verstanden? Neil hatte Aiden einen Brief geschrieben? Sie kam nicht umhin, sich dieselbe Frage zu stellen wie Matt. Warum ihm? Warum jemanden, den er gerade mal ein paar Tage kannte?

»Ich will ihn lesen, Doktor. Vielleicht versteckt sich darin ja ein Hinweis, wohin er gegangen sein könnte«, kam es unterdessen wild entschlossen von Matt, der dem Arzt nicht mal den Hauch einer Chance ließ, zu widersprechen. »Sagen Sie mir, wo sie sind, wir kommen sofort!«


*****************************


Es war allerhöchstens eine Minute her, seit sie Aiden vor dem Eingang zum Krankenhaus eingesammelt hatten, und schon herrschte hochexplosive Stimmung zwischen Matt und dem Arzt.

In Gedanken haderte Anna mit sich selbst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, Darren zu sagen, er könnte ruhig kurz raus auf den Parkplatz gehen, um ihn Ruhe zu telefonieren, nachdem er Matt vorgeschlagen hatte, ein paar seiner Studenten zusammenzutrommeln, und sie zu bitten, den Campus abzulaufen, solange sie noch keine Ahnung hatten, wo sie mit ihrer Suche überhaupt anfangen sollten. Es war besser als Nichtstun, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Neil sich noch irgendwo am Unigelände aufhielt, gen Null tendierte. Für so dumm und naiv hielt sie ihn nicht.

Gerade bedauerte es Anna zutiefst, dass Darren nicht da war, um ihr zu helfen. Dabei konnte sie von Glück reden, dass sich Matt und Aiden dank der großzügigen Platzaufteilung im Van nur gegenübersaßen, und nicht nebeneinandersitzen mussten. Und dass sie so als eine Art Puffer fungieren konnte. Es bot ihr die Möglichkeit, im Notfall einzugreifen und Matt zur Raison bringen, wenn es erforderlich war, denn der hockte bereits wie eine Rakete kurz vor der Zündung zu ihrer Rechten und hielt Aiden unmissverständlich seine Hand entgegen.

»Verdammte Scheiße, Grant, geben Sie den Brief endlich her!«, verlangte er zunehmend aggressiv, weil sich der Arzt konsequent weigerte, das Schriftstück auszuhändigen. »Wir haben keine Zeit für Diskussionen!«

Inzwischen hatte sie Matt gut genug kennengelernt, um zu wissen, dass beim ihm ganz schnell mal der Verstand aussetzte, wenn es um Neil ging, und dass er deshalb auch nicht davor zurückschrecken würde, sich den Brief notfalls gewaltsam zu holen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er die Beherrschung verlor. Und wenn Anna ehrlich war, konnte sie ihm das im Moment noch nicht einmal verdenken. Schließlich waren sie extra deswegen hergefahren, und jetzt stellte sich Aiden plötzlich quer. Anna beschlich mehr und mehr das unangenehme Gefühl, dass in dem Brief irgendetwas stand, das der Arzt nur allzu gerne vor ihnen verbergen wollte, aber sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was. Letztlich musste es doch auch in seinem Interesse liegen, Neil rechtzeitig zu finden – wo es selbst Matt geschafft hatte, die seit Tagen latent in ihm schwelende Eifersucht auf den Arzt, um Neils Willen vorerst ad acta zu legen.

Was zur Hölle konnte so schwer wiegen, dass es Aiden penetrant mauerte?

Angesichts der Tatsache, dass ihr bester Freund fast den gesamten Freitag mit dem Arzt verbracht hatte – ganz allein, irgendwo – ließ sich Anna für einen Augenblick zu wilden Spekulationen hinreißen, weil sie sich ziemlich sicher war, dass er Matt nichts davon erzählt hatte. Und das wiederum warf weitere Fragen auf, die sie sich nicht beantworten konnte. Augenblicklich war ihr Kopf voller unheilvoller Vermutungen, und ihr Herz voller panischer Angst. Egal, wie dreist und eiskalt Neil sie auch angelogen hatte, sie war bereit ihm alles zu verzeihen, wenn sie ihn nur lebendig zurückbekam. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, als sich plötzlich ein Bild nach dem anderen vor ihrem geistigen Auge abspielte. Erschütternde Bilder, die ihre Fantasie anhand von Matts aufwühlenden und äußerst lebhaften Schilderungen malte. Während der Fahrt hierher hatte er ihr zum ersten Mal davon erzählt, wie er Neil vor knapp zwei Jahren mit seiner Überdosis gefunden hatte. Liegend am Gehsteig. Neben sich die leere Spritze. Den Arm abgebunden, voller Narben und Einstichwunden. Halbtot, und kaum noch atmend. Sie konnte ihn ganz deutlich vor sich liegen sehen, fast so, als war sie selbst dabei gewesen, und je länger sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass Matt recht hatte. Es war keine glückliche Fügung, oder Zufall, der die zwei grundverschiedenen, und doch in vielem so ähnlichen Männer an diesem Abend zusammengeführt hatte, … es war Schicksal.

Ihr beider Schicksal.

Jeder hatte den anderen gerettet, auf seine ganz eigene Weise. Neil und Matt gehörten zusammen. Sie waren füreinander bestimmt. Es durfte nicht schon vorbei sein, ehe es überhaupt richtig begonnen hatte …

Glücklicherweise riss sie Aidens Stimme just in diesem Moment aus ihren Gedanken »Ich schwöre, da steht rein gar nichts drin, was uns helfen könnte, ihn zu finden«, beteuerte der Arzt nun schon zum dritten Mal und rutschte ganz automatisch noch ein bisschen tiefer in seinem Sitz, als witterte er Matts kurz bevorstehenden Ausbruch.

Wie erwartet, brachte Aidens anhaltende Vehemenz das Fass nun endgültig zum Überlaufen und Matts Emotionen kochten hoch. »Davon will ich mich selbst überzeugen, und jetzt … geben … Sie … mir … endlich … diesen … beschissenen … Brief«, spie er jedes Wort einzeln aus und preschte dabei nach vorn. Anna bekam ihn gerade noch rechtzeitig am Arm zu fassen, ehe er Aiden am Kragen seiner Jacke packen konnte, und zerrte ihn mit einer schier übermenschlichen Kraft zurück, die sie sich kaum zugetraut hatte.

»Nicht, Matt, bitte«, flehte sie ihn an, als er versuchte, sich loszureißen, und appellierte an seine Vernunft. »Ich versteh dich ja, aber es hilft uns nicht weiter, wenn ihr zwei euch gegenseitig die Köpfe einschlagt. Lass mich mit ihm reden, okay?«

Einen Moment lang funkelten seine Augen sie wütend an, doch als ihm klarwurde, dass sie nicht gedachte, ihn loszulassen, gab er schließlich nach und nickte. »Du hast genau zwei Minuten, ihn zu überzeugen, sonst …«

Mehr musste er nicht sagen, seine Drohgebärden waren deutlich genug. Ohne lange zu überlegen setzte sich Anna neben Aiden, nahm seine Hand und lehnte sich dann zu ihm rüber. »Warum lässt du ihn das nicht einfach lesen?«, begann sie vorsichtig. »Er hat ein Recht darauf, Neils Leben steht auf dem Spiel … bitte, Aiden …«

Der stieß resigniert seinen Atem aus. »Aber es steht wirklich nichts da drin, was uns weiterhelfen könnte«, beharrte er. »Und außerdem …«

Als er stockte und sich auf die Unterlippe biss, anstatt weiterzureden, hakte Anna ungeduldig nach. »Was … außerdem?«

Erst nach ein paar Sekunden intensiven mit sich Ringens beendete der sichtlich mitgenommen wirkende Arzt seinen angefangenen Satz. »… und außerdem ist es persönlich … sehr persönlich. Dieser Brief ist an mich gerichtet, und zwar nur an mich, und ich will einfach nicht, dass er das liest, weil es nur Unfrieden stiften würde, sonst nichts!«

Seine vagen Andeutungen sorgten dafür, dass Annas Fantasie erneut mit ihr durchging, aber sie schob den ihrer Meinung nach völlig absurden Gedanken gleich wieder beiseite und drückte Aidens Hand, während sie ihn fest mit ihrem Blick fixierte. »Das kannst du doch gar nicht einschätzen. Und Matt wird sich sowieso nicht zufriedengeben, ehe er sich nicht selbst davon überzeugt hat, kannst du das nicht verstehen? Vielleicht ist der Hinweis so dezent, dass du ihn gar nicht als solchen erkennen kannst«, argumentierte Anna und setzte ihn weiter unter Druck. Es gefiel ihr zwar nicht, weil sie spürte, dass da etwas war, dass ihm wirklich schwer zu schaffen machte, aber sie hatte keine andere Wahl. »Was ist, wenn Neil stirbt, nur weil wir nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben? Weil wir deinetwegen nicht allen Hinweisen nachgehen konnten? Willst du das allen Ernstes riskieren?«

»Nein«, schoss es aus ihm heraus. »Natürlich nicht, aber …«

»Dann lass ihn den Brief lesen, Aiden«, fiel sie ihm ins Wort, als Matt schon wieder bedächtig schnaubte und sich seine Hände zu Fäusten ballten. Lange würde das hier nicht mehr gut gehen, so viel war sicher. »Was könnte jetzt wichtiger sein als Neils Leben zu retten?«

Erst dieses Argument schien bei Aiden wirklich zu fruchten. Er schluckte hart und verzog gequält das Gesicht, ehe ein Ruck durch ihn hindurch ging, und er unbeherrscht in die Seitentasche seiner Jacke griff, den Brief herauszerrte und ihn Matt einfach auf den Schoss warf.

Der fackelte nicht lange, schnappte sofort danach, entfaltete das Blatt Papier und begann zu lesen.

Während Aidens Schultern immer mehr in sich zusammensackten, als lastete das Gewicht der ganzen Welt auf ihnen, und er resigniert die Augen schloss, flogen die von Matt förmlich über die Zeilen hinweg, und Anna konnte zusehen, wie ihm dabei in schier halsbrecherischer Geschwindigkeit sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich und er kreidebleich anlief. Unwillkürlich drehte sich ihr Magen um, bei dem, was sie da beobachtete. Bis er Matt fertig war, zitterten seine Hände unkontrolliert. Geistesabwesend ließ er den Brief sinken und saß er einige Sekunden lang vollkommen reglos da. Sein starrer Blick ging ins Leere und er holte mehrmals tief Luft, bevor er ihn ganz langsam hob und Aiden derart entsetzt anstarrte, dass Anna auf der Stelle das Herz stehenblieb. »Ist das … wahr, … was … da … steht? Hast du … tatsächlich … hast du …«, presste er mühsam hervor, ehe seine Stimme brach.

Was auch immer es war, was Matt meinte, es hatte ihn derart aus der Bahn geworfen, dass er es gar nicht laut auszusprechen vermochte. Langsam, aber sicher wurde Anna mulmig. Auch, wenn sie es sich beileibe nicht vorstellen konnte, schoss ihr nun schon zum zweiten Mal die Frage durch den Kopf, ob da vielleicht doch irgendwas zwischen Aiden und Neil gelaufen war, etwas jenseits von Freundschaft, von dem sie und Matt nichts mitbekommen hatten.

Eine gefühlte Ewigkeit passierte nichts. Der sonst so selbstsichere Arzt schwieg und kniff seine Lider nur noch fester zu.

»Verdammt Scheiße, Aiden!«, brüllte Matt ihn auf einmal wie aus dem Nichts an. »Ich hab dich was gefragt! Stimmt es, was Neil da schreibt?«

Allein die Tatsache, dass Matt den Arzt duzte, und zu allem Überfluss auch noch mit Vornamen ansprach, erschütterte Anna zutiefst. Bisher hatte es Matt immer tunlichst vermieden, auch nur einen Funken Vertrautheit aufkommen zu lassen, zwischen sich und dem Arzt, den er als seinen schärfsten Konkurrenten ansah. Völlig verwirrt beobachtete sie, wie Aiden seine Augen öffnete, es aber trotzdem nicht wagte, Matt anzusehen. Stattdessen senkte er demonstrativ den Blick und betrachtete beschämt seine Hände, die wie zum Gebet gefaltet zwischen seinen Beinen klemmten – etwas, das Matt offenbar Antwort genug war.

»Ich fasse es nicht«, stöhnte er und warf den Kopf in den Nacken. »Das hat sich Neil ja schön ausgedacht, … sich aus dem Staub machen wollen, und mich einfach an den nächstbesten verschachern wie ein Stück Vieh!«

»Es tut mir leid, Matt«, entschuldigte sich Aiden leise. »Ich wollte nicht, dass du …«

Daraufhin riss nun auch bei Anna der Geduldsfaden. »Was denn nur, um Himmels Willen?«, platzte sie genervt dazwischen. »Würde mir mal bitte einer von euch erklären, worum es hier eigentlich geht?«

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern reichte Matt den Brief an sie weiter, und was sie dann zu lesen bekam, zog ihr fast den Boden unter den Füßen weg.

… Bitte, Aiden, ich weiß, dass du Gefühle für Matt hast – tiefe Gefühle, die weit über dein ärztliches Interesse an ihm hinausgehen …  hilf ihm, sich neu zu verlieben. Ich könnte mir keinen besseren Partner an seiner Seite vorstellen als dich …

Es war, als konnte sie seine Stimme hören, während seine Worte ihre grausame Bedeutung entfalteten und sich geradezu perfekt ins Gesamtbild einfügten. Anna hatte das Gefühl, als befand sich von einer Sekunde zur nächsten kein Sauerstoff mehr in ihren Lungen. Ein dicker, fetter Kloß verschnürte ihre Kehle und ließ sie verbissen nach Luft schnappen. Wenn sie nicht sicher erkannt hätte, dass es Neils Schrift war, hätte sie nie und nimmer geglaubt, dass er das wirklich geschrieben hatte. Sie konnte beim besten Willen nicht sagen, was ihr gerade mehr zusetzte: die Tatsache, dass Aiden offensichtlich romantische Gefühle für Matt hegte – und nicht, wie der immer vermutet hatte, für Neil – oder die Tatsache, dass Neil davon wusste, und sie nicht nur begrüßte, sondern auch noch für seine Zwecke missbrauchte. Im Moment wollte sie weder in Aidens noch in Matts Haut stecken. Die ganze Situation war derart grotesk und absurd, … und zu allem Überfluss auch noch brandgefährlich. Da prallten Emotionen aufeinander, die sie gerade überhaupt nicht gebrauchen konnten, weil sie den Verstand vernebelten, und den beiden Männern die Sicht für das Wesentliche trübten.

Zu ihrem Leidwesen behielt Anna recht mit ihrer Einschätzung, und es dauerte nicht lange, bis Matt seinem ganzen aufgestauten Frust Luft machte. Und er traf – wie sollte es anders sein – ausgerechnet Aiden, der mit Sicherheit nicht weniger Opfer war als er selbst. »Wahrscheinlich will er sich deswegen … beseitigen, damit du freie Bahn hast«, unterstellte er Aiden knallhart, bevor er ihn mit Fragen bombardierte. »Was ist da passiert zwischen dir und Neil? Hast du ihm das etwa eingeredet, dass wir zwei viel besser zusammenpassen?«

»Nein!«, wehrte sich der Arzt lautstark, bevor er seine Stimme senkte, und ein bewundernswert ruhiges »… habe ich nicht« anfügte, etwas, das Anna unter diesen Umständen einen Heidenrespekt abrang. Anders als Matt schien sich Aiden wieder im Griff zu haben. Er wirkte sogar fast ein wenig erleichtert darüber, dass es raus war, und er seine Gefühle nun nicht mehr verleugnen musste. »Sowas würde ich nie tun. Neil ist mir wichtig. Ich war mindestens genauso überrumpelt von alledem, wie du«, fuhr er fort. »Ich wusste ja nicht mal, dass er überhaupt gemerkt hat, dass ich … ich … also …« Auch nach mehreren Anläufen brachte er es nicht über seine Lippen und wechselte schnell zurück zum eigentlichen Thema. »Nachdem ich den Brief gelesen hatte, habe ich sofort auf deinem Handy angerufen, aber anstatt dir, ist Neil rangegangen.«

Matts Augen glühten und wurden immer größer, während sein Gesicht einen grimmigen Ausdruck annahm. »Was?«, schnaubte verächtlich, als er plötzlich begriff, wo sein Telefon abgeblieben war. Aber vermutlich war es viel mehr das Warum, das ihn schockierte. »Ich fasse es nicht, er hat sogar mein Handy verschwinden lassen, damit mich keiner erreichen kann. Der hat das alles haarklein geplant, und mich eiskalt angelogen … die ganze Zeit …« Unbeherrscht krachte seine Faust gegen die Außenwand des Van. »Wieso, verfluchte Scheiße, habe ich nichts gemerkt?«

Als dann auch noch die ersten Tränen über seine Wangen liefen, setzte sich Anna sofort zurück zu ihm und legte ihren Arm um seine Schulter. »Komm runter, Matt«, versuchte sie, ihn zu beruhigen. Sein Kopf hing wie ein Schluck Wasser. Die Angst um Neil fraß so heftig an ihm, dass er kaum atmen konnte.

»Er ist krank«, kam es fast zeitgleich von Aiden. »Sehr krank. Er hat sich auf ein kurzes Gespräch mit mir eingelassen, bevor er einfach aufgelegt hat, und danach nicht mehr erreichbar war. Er meinte, du hättest ihn lieber sterben lassen sollen an dem Tag, an dem du ihn gefunden hast, und dass er das zu Ende bringen will, was du verhindert …«

Mitten im Satz hielt der Arzt erschrocken inne, als Matts Kopf plötzlich in die Höhe schoss, seine Augen unnatürlich weit aufgerissen. »Was … hat er gesagt?«

Aiden blickte ihn einen Moment verstört an, bevor er es noch einmal ganz langsam wiederholte: »Er meinte, er will das zu Ende bringen, was du …«

»Oh Gott«, ließ Matt ihn erst gar nicht ausreden und sprang auf, drängte sich unsanft an Anna vorbei und schnappte nach dem Türgriff. »Wir müssen Darren holen, … sofort! Ich glaube, ich weiß jetzt, wo Neil ist!«
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