Eine andere Geschichte

GeschichteRomanze, Thriller / P16
31.10.2018
15.12.2018
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30 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
AN: Hier klingt alles ein bisschen nach Ende und Abschluss, aber das täuscht. Die Geschichte besteht aus drei Abschnitten und mit diesem Kapitel endet lediglich der erste, größere Abschnitt. Das nächste Kapitel startet dann nach einem kleinen Zeitsprung ;)


Verräterische Grüße


Sobald Luna den Artikel in der „Hexenwoche“ gelesen hatte, war ihr sonnenklar, wen Kimmkorn als Quelle aufgetrieben hatte. Aufgrund der Tatsache, dass sie sich weigerte für so einen Schund Geld auszugeben, hatte sie sich an Blaise Ausgabe vergriffen, wodurch er Zeuge von einem ihrer uncharmanteren Momente wurde. Er zeigte sich unbeeindruckt angesichts ihrer radikal ins Dunkelrote geschossenen Gesichtsfarbe und tätschelte ihr nachlässig den Handrücken.

„Es hätte so viel schlimmer sein können.“

„Sie dichtet mir einen Vaterkomplex und ein Helfersyndrom gleichzeitig an, verweist auf meine fehlgebildete Psyche ausgelöst durch den Tod meiner Mutter und meine „Mobbingerfahrungen im Jugendalter, die aus ihr entweder eine Amokläuferin oder die Geliebte eines Serienkillers machen mussten“ – wie hätte es denn schlimmer sein können?“

„Die Worte „willentlicher Tod“, „selbstzerstörerische Methodik“ und eine ausführliche Deutung meiner Buchleihe an dich hätten erfolgen können. Glücklicherweise ist Kimmkorn eine zu große Kulturbanausin als dass sie es gelesen hätte.“ Das mochte stimmen. Ein kannibalischer Zug hätte das Porträt, das Neville Longbottom durch Kimmkorns Schablone von ihr gezeichnet hatte, auf ein höheres Niveau der Psychoanalyse heben können.

„Hat dir schon mal jemand gesagt wie schlecht du im Trösten bist?“ Sie wollte jammern, aber dafür fühlte sie sich zu wohl. Es hatte einige Tage gedauert bis sie sich an die Vorstellung mit einem jungen Mann wie Blaise Zabini – reich, ein wenig arrogant und ihr in allem, was menschliche Umgangsformen betraf überlegen – zusammen zu sein, gewöhnt hatte, aber langsam fühlte sie sich wohl in ihrer Rolle. Und in seinen Armen.

„Ich kenne zu wenig Menschen, die es nicht als Demütigung empfinden, getröstet zu werden.“ Er spielte mit einer Locke ihres Haares und alles an ihm erweckte den Eindruck, dass er furchtbar verliebt in sie sein musste.
Aber das glaubte sie nicht.

Alles an ihm. Die lieben Worte, die romantischen Gesten, die Mühe – die er sich unaufhörlich gab – und die großen blauen Augen, die er zur Schau stellte. Sie kaufte ihm nichts davon ab und er murmelte immer wieder etwas von „Urmisstrauen“, wenn sie ihm auswich.

Er versuchte oft sie zu küssen und meistens hatte er Erfolg. Aber er versuchte nie weiter zu gehen und das war klug von ihm, denn dann hätte er Luna unwillkürlich an die Dummheit erinnert, die sie dieser Tage begang und so war es ein seichtes, süßes Dahinschmelzen.

„Ich möchte bald wieder die Weasley besuchen. Und ich möchte meine Freunde nicht anlügen.“ Hörte sie sich selber sagen und wenn sie ganz genau horchte, dann vernahm sie das Klicken in seinem Kopf, als er begriff, was sie meinte.

„Du kannst ihnen über mich erzählen, was du magst. Es ist mir egal.“

„Und wenn ich ihnen sagen würde, dass du ein Scheusal bist, das mich in seinem Schloss gefangen hält, was würdest du davon halten?“

„Ich dachte, du wolltest nicht lügen?“ Über jede Provokation erhaben. Sie wand sich, doch er zog sie wieder an sich heran und sie wollte sich der natürlichen Reaktion ihres Körpers, sich wohl zu fühlen, widersetzen. Es würde nicht immer so bleiben. Er würde ihr noch wehtun.

„Würdest du mitkommen?“ Würde er nicht.

„Zu den Wieseln?“

„Ja.“

„Klar.“

„Wirklich?“

„Wenn du mich fragst, wie kann ich dann „Nein“ sagen? Außerdem verurteilen sie dich vermutlich mehr, wenn ich ein Nebensatz bin als wenn du mir eine Chance gibst mich charmant selbst zu inszenieren.“ Mrs. Weasley und Ginny würde er zweifelsohne einwickeln können, Hermine schien seit Jahren mehr oder minder angetan zu sein und George Weasley war nicht so furchtbar wichtig.

„Bist du das denn? Eine Inszenierung?“

Er war Theater und sie mochte es ihm zuzusehen, aber sie glaubte an die vierte Wand. Wenn diese Wand fiel und sie Blaise Zabinis Innerstes sehen würde, dann würde sie die Flucht ergreifen.

„Bin ich so viel schlimmer als Neville Longbottom? Habe ich deshalb einen Korb kassiert?“ Es brauchte einen Augenblick um zu begreifen, dass er sie zwar aufzog, aber dennoch ehrlich an ihrer Antwort interessiert war. Dieser Moment der Ablehnung, der Jahre zurück lag und von dem Glitter und Glanz der bedeutungslosen Weihnachtsparty eingehüllt wurde. Sie drehte sich zu ihm um, doch natürlich verrieten seine Augen nichts.

„Warum hast du mich überhaupt gefragt, ob ich mit dir tanze? Das war… unvermittelt.“ An dieser Erinnerung hatte er selber Schuld. Er hätte sie gar nie oder wenn, dann doch zweimal fragen sollen, anstatt sie nur zu schockieren mit seiner einmaligen Avance.

„Mir war danach.“ Er drückte einen Kuss auf ihren Scheitel und sie bekam den Eindruck, dass er es genoss, sie einfach nur festzuhalten. Aber diese Idee von ihm konnte sie täuschen. Sie konnte sich genauso gut in die Klauen eines Biestes befinden, das sie erst dann loslassen würde, wenn es bekommen hatte, was es wollte.

Luna wusste nicht, was er war. War er wirklich ein Biest? Das Biest? Oder war er ein kuscheliger junger Mann, der sich seit Jahren nach ihr verzehrte? Beide Richtungen hatten ihr Maß an Komik erfüllt, keine Richtung gefiel Luna.

Die Antwort in Erfahrung zu bringen, würde sie Zeit kosten. Leben. Gefühle. Schlaf. Eine Menge Zeit und Worte. Aber das zu erzählen, zu erleben, zu kosten und zu bezahlen, würde eine andere Geschichte sein.
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