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Stärker als das Verlangen

KurzgeschichteDrama, Fantasy / P16
31.10.2018
31.10.2018
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Zur folgenden Kurzgeschichte, habe ich ein Bild mit den Hauptfiguren, gezeichnet. Siehe Link: http://fav.me/dcqtuwg . Meinen ursprünglichen Text, hat Ruka S Orion, überarbeitet.
Und nun viel Spaß beim Lesen.  ^^

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Yuna war gerade 20, als sie von einer Kleinstadt nach Tokio zog, um dort Architektur zu studieren. Ihre WG teilte sie sich mit der Literaturstudentin Shika, die sich als Hilfspflegerin im Krankenhaus etwas dazu verdiente und die aufgrund etlicher Gemeinsamkeiten bald zu Yunas bester Freundin wurde. Yuna selbst arbeitete als Praktikantin in einem Architekturbüro, um praktische Erfahrungen zu sammeln.  
Das Leben der Studentinnen änderte sich, als Yuna Shika zu der Geburtstagsfeier einer Kommilitonin abholen wollte.
Das Krankenhaus, in dem Shika in Kürze ihre Schicht beenden würde, war schon in Sichtweite, als Yuna im Augenwinkel eine hektische Bewegung in einer nahen Seitengasse wahrnahm. Ein merkwürdiges Gefühl überkam sie, also folgte sie den eben verschwundenen Gestalten. Als sie zunächst nur vorsichtig in die Gasse spähte, erkannte sie sofort ihre Mitbewohnerin, die von einer großen Figur festgehalten wurde. Sofort rannte Yuna los, sie schrie den Unbekannten an, er solle von Shika absehen. Überraschenderweise hielt der augenblicklich inne. Langsam wandte er sich von seinem Opfer ab, hin zu der, die ihn gerade gestört hatte. Als er Shika losließ, sackte diese zu Boden. Die Gestalt selbst grinste höhnisch und blitzend kam ein weißes Gebiss zum Vorschein.
Yuna schluckte. Im selben Moment hatte sie begriffen, dass es der Unbekannte nun auf sie abgesehen hatte. Und tatsächlich setzte der plötzlich zum Losspurten an.
Yuna reagierte schnell, drehte sich um und rannte los, immer in Richtung Krankenhaus, in Richtung Zivilisation. Allein würde sie gegen den sicher zwei Meter messenden Mann mit den breiten Schultern keine Chance haben. Sie würde Hilfe brauchen.
Doch als sie kaum die nächste Straße erreicht hatte, wurde sie schon zu Boden gerissen. So sehr sie sich auch wehrte, schaffte es der Angreifer doch, sie in die Dunkelheit zu ziehen und sie gegen eine kalte Backsteinmauer zu drücken. Näher kam er ihrem Gesicht. Aber der erwartete heiße Atem fehlte, stattdessen schien das Ungetüm von Mensch eine eisige Kälte auszustrahlen.
Die Härchen an Yunas Armen stellten sich auf.
Starr vor Angst starrte sie in die fast schwarzen, im spärlichen Licht dunkelrot funkelnden Augen, während ihr Angreifer zischte: „Es ist unhöflich, Fremde beim Essen zu stören. Lernt man sowas nicht schon als Kind? Ich sollte dir Manieren beibringen.“
Als er erneut breit grinste, zeigte er abermals sein auffälliges Gebiss, die spitzen, schneeweißen Zähne. Erst als die auf Yunas Haut über der Halsschlagader trafen, gestand sich die Studentin ein, zu verstehen, welche Kreatur sie beim Abendessen gestört hatte.
Wie gelähmt spürte sie, wie ihr langsam mehr und mehr ihres Lebenssaftes abgezapft wurde.
So würde sie also sterben? In einer dreckigen, dunklen Gasse? Ausgelutscht von einem Fabelwesen aus Schauermärchen?
Sie schloss ihre Augen. Tränen befreiten sich aus ihren Wimpern.
Im Schnelldurchlauf zogen Bilder an ihr vorbei, Momentaufnahmen ihres Lebens.
Ihre Eltern würden sie nie wiedersehen. Wie liebevoll hatten sie sie aufgezogen? Eine glückliche Kindheit hatten sie ihr geschenkt. Yuna dachte zurück an ihre alten Freunde aus Kindertagen, an ihre Schulzeit und an…
Hatte sie es je zugegeben? Nein, sie hatte es ja selbst kaum gesehen. In ihrer Mitbewohnerin hatte sie sogar noch mehr gefunden, als eine Freundin. In den letzten wenigen Jahren war sie mehr ein Teil von ihr geworden.
Wieso zur Hölle hatte sie das nie ausgesprochen?!
Yunas Lider pressten fest aufeinander und gaben immer mehr salzige Tränen frei.
Endlich ließ das Ungeheuer von ihr ab. Yuna sackte kraftlos zu Boden.
Einen Moment lang starrte der Vampir auf sein Opfer herab. Seine Mundwinkel zuckten.
Plötzlich streckte er seinen Arm aus. Mit seinen eigenen Nägeln zerkratzte er seine bleiche Haut. Einen von ihnen bohrte er in die violett-blaue Pulsader, bis dickes Blut aus ihr hervorquoll. Langsam drehte er seinen Arm. Nur ein paar Tropfen ließ er in Yunas vor Schrecken leicht offenen Mund fallen.
Wie ein heißer Speer brannte sich ein stechender Schmerz seinen Weg durch Yunas Herz. Keuchend verkrampfte sie ihren Körper. Kaum zu verstehen die geflüsterten Worte des Ungetüms: „Viel Spaß noch im neuen Leben“, bevor es sich abwandte und in der Dunkelheit verschwand.
Yuna fühlte, wie sich die wenigen Bluttropfen ihren Weg suchten, in ihrer Kehle brannten und sich langsam in ihre eigenen Blutbahnen brannten. Sie wollte schreien, stöhnen, nach Luft ringen, aber der finstere Fluch schnürte ihr die Luft ab.
Shika erwachte unterdessen aus ihrer Schockstarre. Als ihr bewusst wurde, dass soeben ein Verbrechen an ihr verhindert worden war, machte sie sich auf die Suche nach der Person, die sie gerettet und den Angreifer abgelenkt hatte. Angespannt ging sie den Lauten nach, dem Schleifen und Kratzen, dem Schlagen eines Körpers auf unnachgiebige Steinplatten des Fußweges. Sie fand eine einzelne Gestalt im Dunkeln, von dem Angreifer keine Spur.
Als sie näher schlich, erkannte sie ihre Mitbewohnerin und Freundin.
Schnell rannte sie die letzten Meter zu ihr, kniete neben dem sich windenden Körper nieder, doch plötzlich erstarrte er. Shika beugte sich vor, suchte panisch nach einem Lebenszeichen, nach einem Puls in der Halsschlagader. Dabei fiel ihr die auffällige Wunde ins Auge.
Shika schreckte zurück. Sie wollte nicht wahrhaben, was geschehen war, und begann zu schluchzen. Fassungslos zog sie den erschlafften Körper auf ihren Schoß.
Urplötzlich keuchte Yuna auf, schnappte nach Minuten unverhofft doch nach Luft. Sie sah sich um, spürte noch immer das Brennen in ihrer Kehle, erinnerte sich aber kaum an das, was geschehen ist. Als sie das verweinte Gesicht und die vor Schrecken geweiteten Augen ihrer Mitbewohnerin sah, setzte sie sich auf und zog Shika in ihre Arme.
Sie schmiegte ihr Gesicht in das duftende Haar ihrer Freundin, aber der vertraute Geruch war längst nicht alles, was sie wahrnahm.
Ein neuer Instinkt erwachte.
Da war mehr als nur das dezente Parfum.
Das Rauschen, von dem sie dachte, es würde in ihren eigenen Ohren entstehen, stammte anscheinend aus Shikas Adern. Der rote Saft des Lebens spielte nicht nur eine anziehende Melodie, er verströmte auch diesen unwiderstehlichen Duft.
Langsam löste Yuna die Umarmung auf.
Sofort erkannte sie den schnellen Pulsschlag, vibrierend, hypnotisierend.
Das Brennen in ihrem eigenen Hals wurde stärker und sie wusste, was den Durst nur stillen konnte.
Wie in Trance strich Yuna mit ihrer Zunge über ihre neugeborenen, spitzen Eckzähne. Langsam führte sie ihren Mund zu dem heißen, duftenden Hals. Ihre Lippen öffneten sich, gaben das Gebiss des Raubtiers frei. Sie konnte den Geruch schmecken, so dicht war sie seinem Ursprung. Und ihre Zähne strichen fast zärtlich über die weiche Haut, bevor sie…
Yuna erstarrte. Sie schreckte zurück. Schlagartig hatte sich ihr Verstand eingeschaltet. Die letzten Gedanken, denen die vor ihrer Verwandlung nachgegangen war, holten sie ein. Was tat sie da?
Wollte sie den wichtigsten Menschen in ihrem Leben sich selbst und ihren Instinkten opfern?!
Kopfschüttelnd zog sie Shika abermals an sich. „Es tut mir so leid! Ich will dir nicht wehtun! Ich darf dir nicht wehtun. Ich will dich nicht verlieren…“
Vorsichtig drückte sie ihre Freundin von sich, um sie betrachten zu können.
Shika sah ihrerseits in die einst vertrauten eisblauen, nun leuchtendroten Augen. Noch vor Stunden hatten sie ihr Schutz und Geborgenheit versprochen. Jetzt machten sie ihr Angst. Verunsichert wich sie zurück. „Das war ein… Und jetzt bist du auch ein…? Also willst du jetzt mein…?“
Yuna schüttelte ihren Kopf energischer. „Nein, das will ich nicht! Das würde ich nie wollen! Auch nicht wenn du der letzte Mensch auf Erden wärst! Wie könnte ich? Du bist ein Teil von mir!“
„Aber… Irgendwann wirst du es wollen. Sonst stirbst du“, stammelte Shika.
Yuna stand auf, die Fäuste vor Wut geballt, und blaffte: „Dann sterbe ich eben! Ich will dich nicht anrühren! Ich will niemanden anrühren.“ Sie wandte sich ab, wollte gehen. Irgendwohin, wo keine Menschen Angst vor ihr haben müssten.
Doch plötzlich wurde sie festgehalten. Niedergeschlagen sah sie zurück zu Shika.
Die Literaturstudentin zog sie näher an sich, legte eine Hand auf die erkaltete Wange. Ihre rehbraunen Augen fixierten die furchteinflößenden roten. Nach einem langen Augenblick sagte sie ruhig: „Komm mit mir. Ich will wenigstens deine Wunde reinigen.“
Zur Nachtschicht im Krankenhaus war wie üblich wenig los. Dennoch bebten Yunas Adern. Überall roch es nach frischem Blut, nach schwachen Opfern. Aber Shikas Anwesenheit hielt das Ungeheuer in ihr im Zaum. Shika reinigte die Bisswunde und deckte sie mit einem Pflaster ab.
Yuna wollte diesen Ort der Versuchung schnellstmöglich verlassen, aber sie wurde erneut aufgehalten. Sie sollte Shika folgen bis ins Labor. Dort angekommen öffnete die Pflegerin den Kühlschrank, in dem sich pathologische Proben, diverse Blutproben und auch Blutkonserven befanden. Mehrere Beutel landeten in ihrer Tasche, bevor sie lächelnd zu ihrer Freundin sah. „Bevor du etwas erwiderst, ich werde nicht zulassen, dass du dich selbst vernichtest. Also wirst du es mir zuliebe so versuchen.“

Yuna gab ihr Studium auf. Zu viele Menschen, zu große Verlockungen. Die Blutkonserven, die ihr Shika regelmäßig von der Arbeit mitbrachte, halfen ihr dabei, das Ungeheuer in ihr wegzusperren. Im Gegenzug unterstützte Yuna Shika nicht nur bei ihrer Karriere, sondern beschützte sie auch. Vor allem nachts, wenn ihresgleichen durch die Straßen schlich und nach neuen, unschuldigen Opfern suchte. Blutsaugende Dämonen wollte sie von nun an bekämpfen, um andere vor dem Fluch zu bewahren. Menschlichkeit im Unmenschlichen konnte existieren, solange man nur unnachgiebig gegen seine Instinkte ankämpfte. Und diese Botschaft wollte sie verbreiten.
Ihr eigenes Leben setzt sie zum Schutze Schwächerer, Unschuldiger aufs Spiel.

Selbstlos würde sie lieber sterben, als ihren verfluchten Trieben nachzugehen. Das macht sie zur Heldin.
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