Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Invisible

Invisible

GeschichteRomanze / P18
31.10.2018
28.05.2019
17
54152
156
Alle Kapitel
183 Reviews
Dieses Kapitel
14 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
»Well, I'm not paralyzed
But I seem to be struck by you.
I wanna make you move
Because you're standing still.
If your body matches
What your eyes can do,
You'll probably move right through
Me on my way to you.«

Paralyzer
by Finger Eleven


KAPITEL EINS
Ein Wort


Ich ziehe die schwarzen Spangenschuhe aus und halte sie in einer Hand fest, während ich vorsichtig über das Geländer steige. Mit dem furchtbar kurzen Kleidchen, das ich trage, tatsächlich keine so leichte Aufgabe. Etwas umständlich drehe ich mich so, dass ich mit dem Rücken zum Haus stehe und mich rückwärts am kalten Metallgeländer festhalte. Die Kante des Balkonbodens schneidet unangenehm in meine Füße, die in weißen Overkneestrümpfen stecken.
Unschlüssig schaue ich in die dunkle Tiefe hinab. Ich bin im ersten Stock, es sind etwa drei Meter bis zum Boden. Allerdings kann ich bei der spärlichen Beleuchtung nicht sehen, ob es weicher Rasen ist oder doch ein anderer Untergrund. Außerdem wird mich meine Mitbewohnerin garantiert erwürgen, wenn ich ihre schönen Strümpfe mit Grasflecken besudle.
„Spring nicht“, höre ich plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir.
Vor Schreck zucke ich heftig zusammen und lasse beinahe das Geländer los, als mich eine warme Hand am Oberarm packt. Reflexartig schaue ich über meine Schulter und sehe in ein Paar dunkler Augen, kann das Gesicht, das im Schatten liegt, aber kaum erkennen.
„Diese Höhe bringt dich nicht um, du tust dir höchstens weh“, sagt der Fremde und scheint keine Anstalten zu machen, mich loszulassen.
Wäre diese Situation hier gerade nicht so heikel, hätte ich wahrscheinlich gelacht.
„Ich hab nicht vor, zu springen“, gebe ich genervt von mir und schüttle seine Hand ab. „Aber fast wäre ich wegen dir vor Schreck gefallen, Blödmann.“
Endlich lässt er mich los und entfernt sich ein paar Schritte von mir. Als er sich seitlich zur großen Balkontür, welche ins Haus führt, stellt, offenbart der sanfte Lichtstrahl, der auf ihn fällt, sein Gesicht.
Es ist Nevan McKinney, ein Kommilitone, den ich in aus dem Kurs Technische Mathematik kenne. Was heißt kennen … Er ist mir schon häufiger aufgefallen, denn mit seinen langen, dunkelbraunen Haaren, die er oft zu einem tiefen Pferdeschwanz oder als Man Bun trägt, und den zahlreichen Tattoos, die seine Arme und Waden zieren, fällt er grundsätzlich aus der Reihe der ordentlich gestriegelten Mathematik-Studenten, die sich ganz vorne einer jeden Vorlesung tummeln. Ich habe bereits zahlreiche Vormittage damit verbracht, schräg hinter ihm zu sitzen und möglichst unauffällig seine Körperbemalung zu bewundern. Klingt creepy? Vielleicht ein bisschen. Das Bisschen Schwärmerei gönne ich mir zwischen Integral- und Differentialrechnungen.
Nevan greift lässig in seine Hosentasche und holt eine Schachtel Zigaretten sowie ein Feuerzeug hervor. Ich beobachte ihn skeptisch. Heute trägt er seine Haare komplett offen und sie fallen ihm leicht gelockt über die Schultern. Mein Blick fällt automatisch auf seine kräftigen Arme, die leider durch eine schwarze Jacke verdeckt werden.
„Willst du auch eine, Kleines?“, fragt er unvermittelt und ich zucke ertappt zusammen. Geduldig hält er mir die Schachtel hin, während er sich mit der anderen Hand eine Kippe zwischen die Lippen steckt.
„Kleines?“, wiederhole ich entsetzt und ignoriere sein Angebot. „Hast du mich ernsthaft Kleines genannt?“
Nevan lässt den Arm sinken und zuckt mit den Schultern. „Süße? Baby? Was weiß ich, wie Mädchen wie du gerne angesprochen werden.“
Mit offenem Mund starre ich ihn an. „Mädchen wie ich? Was zum …“
Seine linke Augenbraue zuckt, als er mich demonstrativ von oben bis unten mustert.
Oh. Gott. Mir wird heiß – und das nicht aufgrund seines durchdringenden Scanner-Blickes, sondern weil mir wieder klar wird, wie ich aussehe. Meine normalerweise naturroten Locken stecken unter einer Perücke mit mittellangen, hellbraunen Haaren, in meinem Gesicht befindet sich gefühlt eine halbe Tonne Schminke, die meine zahlreichen Sommersprossen verdeckt und meine grünen Augen riesig wirken lässt, und das enge, hellblaue Kleid mit der weißen Schleife um meine Taille und den Kunstblutflecken auf Brust und Bauch reicht mir gerade so bis zur Mitte meiner Oberschenkel. Viel zu knapp für das, was meine Verkleidung eigentlich darstellen soll. Aber Jinjin, die Kostümdesign studiert und mit der ich mir ein Zimmer im Wohnheim teile, wollte aus uns beiden die sexy Version der Grady Twins machen. Innerlich verfluche ich sie mal wieder, dass sie die letztens gegen mich gewonnene Wette ausgerechnet hierfür verwendet hat. Sie weiß ganz genau, dass ich ansonsten niemals mitgemacht hätte. Aber wie sagt man so schön? Wettschulden sind Ehrenschulden.
„Wir sind auf einer Halloween-Party. Dir ist schon klar, dass das hier nur ein Kostüm ist?“, frage ich schnippisch und fuchtle mit einer Hand vor meinem Kleid herum. Als wären die Blutflecken nicht offensichtlich genug.
Meine hektischen Bewegungen bringen mich ganz kurz aus dem Gleichgewicht, sodass ich mich eilig wieder am Geländer festkralle. Aus dem Augenwinkel konnte ich wahrnehmen, wie Nevan einen Ausfallschritt in meine Richtung machen wollte, sich aber besonnen hat, als ich den Halt wiedergefunden habe. Stattdessen tritt er nun vor und lehnt sich direkt neben mich ans Geländer.
„Shining?“ Seine Mundwinkel zucken, als er mich weiterhin mit diesem durchdringenden Blick mustert. Er nimmt einen tiefen Zug seiner Zigarette.
„Ist das nicht offensichtlich?“, entgegne ich und rümpfe angewidert die Nase, als er den Rauch entweichen lässt.
„Und wo ist deine Zwillingsschwester?“
Ich schnaube frustriert. „Erforscht gerade wahrscheinlich die Mandeln irgendeines Kerls.“ Zumindest war dies das letzte Bild, welches ich auf sie erhaschen konnte, bevor ein kleiner Zwischenfall mich zur Flucht gezwungen hat.
Nevan lacht leise. „Und dir ist nicht so nach Knutschen zumute, Kleines?“
„Nenn mich nicht so“, fauche ich, „oder dir ergeht es ähnlich wie diesem Football-Typen eben.“
„Sag bloß“, beginnt er langsam und Erkenntnis breitet sich auf seinem Gesicht aus, „du bist diejenige, die Diego in die Eier getreten hat.“
Oh, oh, Pixie, die Schlägerbraut. Das spricht sich bestimmt schnell herum.
„Hat er verdient“, sage ich. „Wenn schon sein Erbsenhirn ein Nein nicht kapieren will, so haben es seine Weichteile hoffentlich.“
Nevan pfeift anerkennend und ich kann mir ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. „Die halbe Mannschaft ist auf der Suche nach dir.“
Mein Lächeln verschwindet schlagartig und mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. „Ich weiß.“
„Deswegen versuchst du, über den Balkon zu fliehen?“
Ich presse die Lippen aufeinander. „Willst du mich verpfeifen?“ Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich zu Nevan schaue.
Dieser schüttelt zu meiner Überraschung mit dem Kopf. „Ich finde es gut, dass du dich gewehrt hast. Die meisten Weiber da unten lassen ihn einfach ran und als Star-Quarterback“, er betont das Wort mit einer gewissen Häme, „glaubt er, sich alles erlauben zu können. Wurde langsam mal Zeit, dass er eine deutliche Abfuhr bekommt, vor allem von einem heißen Mädel wie dir. Das kratzt sicher schön an seinem Ego.“ Er lacht leise und ich starre ihn wieder sprachlos an.
Meine Wangen glühen – auch wenn man das unter der ganzen Schminke sehr wahrscheinlich gar nicht sehen kann. Hat Nevan McKinney mich gerade ernsthaft als heiß bezeichnet? Normalerweise würdigt er mich keines zweiten Blickes im Kurs. Und ich bezweifle langsam, dass er überhaupt weiß, dass ich existiere. Zumindest haben wir bis vor wenigen Minuten kein einziges Wort in den letzten paar Monaten, die seit Semesterbeginn vergangen sind, gewechselt. Allerdings kann ich es ihm auch nicht verübeln, wenn er mich nicht erkennt, denn ich selbst habe vor einigen Stunden noch ungläubig im Spiegel in das Gesicht einer völlig Fremden geschaut. Jinny hat ganze Arbeit geleistet.
„Ich könnte versuchen, dich hier rauszuschmuggeln“, sagt Nevan und unterbricht damit meinen Gedankengang.
„Und wie? Durch den Eingang wird es schwierig, ohne einem dieser Football-Typen in die Arme zu laufen.“
Er schaut mich nachdenklich von der Seite an und atmet den Rauch durch seine Nase aus. „Ich gebe dir meine Jacke, damit versteckst du das auffällige Kleid. Und wenn uns jemand über den Weg läuft, verdecke ich dich mit meinem Körper und wir tun so, als würden wir rummachen.“ Er zuckt mit den Schultern, als wäre es das Normalste auf der Welt, und zerdrückt die Zigarette im Aschenbecher, der auf dem kleinen Tisch neben ihm steht.
Mir wird schon allein von der Vorstellung, wie Nevan sich gegen mich drückt, zu warm.
„Und das soll klappen?“, frage ich misstrauisch und beiße mir auf die Unterlippe.
„Ich kann sehr überzeugend schauspielern, wenn es sein muss“, antwortet er und beugt sich dabei so weit zu mir vor, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren kann. „Und in diesem Fall müsste ich es das nicht mal, denn“, sein Blick heftet sich an meine Lippen und ein Schauer jagt mir den Rücken hinab, „ich würde es tatsächlich mit Vergnügen tun.“
Ein verräterisches Kribbeln zwischen meinen Beinen zeigt mir hämisch, wie gerne mein Körper dieses Vorhaben in die Tat umsetzen würde. Mein Kopf ist allerdings anderer Meinung. Ruckartig atme ich aus, als mir in dem Moment bewusst wird, dass ich die Luft angehalten habe. Ein verschmitztes Grinsen erscheint auf seinen Zügen, offensichtlich weil er meine Reaktion mitbekommen hat. Mein Herzschlag gleicht einem Trommelwirbel.
„Du willst es wohl auch darauf anlegen, einen Tritt zu kassieren?“
Nevans leises Lachen lässt mich angenehm erschaudern. „Ich würde dieses Risiko allemal eingehen.“ Plötzlich stemmt er sich vom Geländer weg und hält mir einladend seine Hand entgegen. „Versuchen wir’s?“
Ich zögere, drehe mich schließlich um und schwinge wortlos mein Bein über die Brüstung. Er wertet meine Handlung wohl als Zustimmung, denn zeitgleich damit öffnet er seine Jacke und zieht sie aus.
Bevor ich ihm diese abnehme, schlüpfe ich erneut in die Schnallenschuhe und kremple die Overknees so um, dass sie eher wie Stulpen aussehen. Blütenweiße Beine fallen im Schwarzlicht eventuell auf.
Dankend nehme ich Nevan die Jacke ab und lege sie mir um. Wärme umfängt mich und ein angenehmer Geruch nach einem herben Parfum steigt mir in die Nase. Ich atme unwillkürlich tief ein und schiele dabei auf Nevans nun freigelegte Arme. Es ist zu dunkel, um seine Tattoos richtig zu erkennen, dabei hätte ich sie sehr gerne mal aus der unmittelbaren Nähe betrachtet. Vor allem den einen Schriftzug, der sich um seinen Unterarm windet.
„Der Reißverschluss klemmt manchmal ein bisschen“, raunt er plötzlich und greift nach meinen Händen. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich anscheinend mehrmals hintereinander ohne Erfolg versucht habe, die Jacke zu schließen. Sanft schiebt er meine Hände beiseite und zieht den Verschluss bis obenhin. Dadurch, dass Nevan gut eineinhalb Köpfe größer ist als ich, ist die Jacke beinahe so lang wie das Kleid. Nur der Saum ist noch zu sehen.
„Perfekt“, kommentiert er und setzt mir die Kapuze auf, ehe er nach meinen künstlichen Haaren greift. „Ist das eine Perücke?“
Ich nicke. „Abnehmen wird jetzt schwierig. Jinny hat da eine Menge Zeug reingesteckt, damit es hält. Das muss sie wieder auseinanderfummeln.“
„Jinny?“, fragt er interessiert nach und hält weiterhin eine der vorderen Strähnen fest. Seine Hand ist meinem Gesicht ganz nah, mein Nacken kribbelt.
Ich räuspere mich und senke den Blick. „Jinjin, sie studiert Kostümdesign und hat mich dementsprechend eingekleidet. Ist eigentlich nicht mein Stil.“
Nevan lacht. „Ist Jinny die zweite Hälfte der Grady Twins?“
„Exakt.“
„Willst du sie auf dem Weg suchen?“
Ich schüttle den Kopf und stopfe die Haare, die unter der Kapuze hervorschauen, tiefer rein. „Nicht nötig. Wahrscheinlich ist sie schon gar nicht mehr hier.“
„Alles klar.“ Er schmunzelt. „Bevor wir den Ausbruch wagen, wüsste ich gerne deinen Namen.“
Ich zögere kurz. „Pixie.“
„Ich bin Nevan“, sagt er und grinst. „Ungewöhnlicher Name, Pixie. Wo kommt der her?“
„Das erzähle ich dir vielleicht, wenn ich unbeschadet hier herauskomme“, antworte ich zwinkernd.
Nevan lacht. „In Ordnung. Dann wollen wir dich mal hier herausbringen.“

✼ ✼ ✼

Da bin ich wieder, frisch verheiratet und super motiviert! :D
Herzlich Willkommen zu meinem neuesten Projekt.


Invisible ist ein Kurzroman mit 16 Kapiteln Umfang, die im Zweiwochentakt erscheinen werden. Betatechnisch begleitet werde ich von der lieben PaintingRosesRed, die ganz wunderbare Arbeit leistet. Vielen, vielen Dank!

Außerdem muss ich hier ganz dringend auf die Mittäterschaft von Crystal Kaskade verweisen, die ihr vor allem nächste Woche ganz scharf im Auge behalten solltet. Wer meine letzte Kurzgeschichte gelesen hat oder ab und zu auf meinem Profil vorbeischaut, wird vielleicht mitbekommen haben, dass dieses Projekt eine kleine Überraschung beinhaltet. Aber dazu gibt es im nächsten Kapitel mehr – oder eben bei der üblichen Verdächtigen in einigen Tagen. ;)

Ich hoffe, dass sich hier der eine oder andere Stammleser oder Neuling an der Geschichte von Pixie und Nevan erfreuen kann. Über Rückmeldungen freue ich mich natürlich sehr!

Ich wünsche euch ein schaurig-schönes Halloween!

Liebste Grüße
Tanja
Review schreiben