Black Stories

GeschichteHorror, Übernatürlich / P16
31.10.2018
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Black Stories




Yıldız hatte den Kopf gegen das kühle Zugfenster gelegt und war schon seit einiger Zeit fast am Einschlummern. Sobald sie sich dessen bewusst wurde, bemühte sie sich immer wieder, sich aufrecht hinzuruckeln und einen Schluck Wasser zu trinken. Wenn sie jetzt einschliefe, würde sie in der Nacht bestimmt wach werden, und schon am nächsten Tag ging der ganz normale Alltag weiter. Ganz zu schweigen davon, dass sie eben erst in Erfurt eingestiegen waren, und noch einmal würden umsteigen müssen, bevor sie endlich im rettenden heimischen Heidelberg ankämen, und je gemütlicher sie vorher döste, desto schlimmer würde es sein, wieder in die eisige Dezemberkälte hinaus zu treten. Mit diesen Gedanken richtete sie sich endgültig auf. Kurz konzentrierte sie sich auf das Gespräch ihrer besten Freundinnen Sophie und Marina, das sich mal wieder darum drehte, wie verknallt Marina in ihren Musiklehrer ist. Da wollte Yıldız lieber nicht mitdiskutieren, auf das Thema Romantik hatte sie im Moment gar keine Lust, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nach zehn Tage Klassenfahrt in Anwesenheit Fabians nur noch verwirrter war, als zuvor. Daher konzentrierte sie sich auf die drei fremden Mädchen, die die ihre Mitreisenden im kleinen Abteil waren. Sie spielten ein Kartenspiel, das zu interessanten wie seltsamen Diskussionen führte.

„Ist jemand-„
„Nein, warte, sag‘ nichts, ich weiß es: der Mann ist in flüssigem Beton ertrunken, der dann getrocknet ist!“
Unwillkürlich verzog Yıldız das Gesicht und machte so die anderen darauf aufmerksam, dass sie gelauscht hatte. Das Mädchen, das eine Karte in der Hand hielt, die sie umsichtig vor den Blicken ihrer Mitspielerinnen verbarg, lachte.
„Wir spielen Black Stories, kennst du das nicht?“
Yıldız schüttelte den Kopf.
„Das ist eigentlich ganz einfach“, erklärte das fremde Mädchen. „Ich habe hier diese Karten, auf denen Mord- oder Todesfälle beschrieben sind, allerdings nur die End-Situation. Und die anderen müssen erraten, wie es zu diesem Ende kommen konnte, dabei dürfen sie mir nur Fragen stellen, die ich mit Ja oder Nein beantworten kann. Möchtet ihr mitspielen?“ Sie richtete die Frage auch an Marina und Sofie, die ihr Gespräch unterbrochen hatten und interessiert zuhörten.
„Ja, gerne!“ willigte Sophie begeistert ein. Yıldız schmunzelte, der Enthusiasmus ihrer Freundin, der sich auf alles Schwarzhumorige und Makabre erstreckte, war nicht zu überhören.
„Super! Dann machen wir gleich mit der nächsten Karte weiter, Katha hat das Rätsel mit dem erstickten Mann eben gelöst …“

Schnell stellten sich die Mädchen noch einander vor. Die rothaarige Katha, Spielleiterin Sehriban, genannt Sehri und die stille und schüchterne Marie kamen gerade von einem Wochenend-Treffen eines Horrobuchclubs, Yıldız, Sophie und Marina hatten eine Kursfahrt nach Weimar hinter sich – „Schiller, Goethe und so, ihr versteht“, erläuterte Sophie flapsig.
„Das ist nicht so unser Geschmack, ich glaub‘, mit Lovecraft und Poe kannst du uns eher überzeugen“, scherzte Sehri.
„Oh, die mag ich auch gerne! Und was hälst du von Algernoon Blackwood, von dem hab ich erst neulich eine Sammlung …“
„Hey, fangirlen könnt ihr später! Ich will ein paar Mordfälle erraten!“ unterbrach Marina lachend.

Schnell spielten sie miteinander als würden sie sich schon ihr ganzes Leben kennen. Yıldız wurde nun zwar etwas wacher, musste sich aber auch eingestehen, dass das Spiel nicht ganz ihren Geschmack traf. Ihr Humor war eher pastellrosa als schwarz, und nach der besonders grausamen Darstellung eines Unfalls beschloss sie, eine kurze Pause einzulegen. „Ich geh‘ grad mal auf’s Klo“, entschuldigte sie sich und stieg über die Beine der anderen nach draußen in den Gang. Sie machte selten lange Reisen und war noch nie in einem ICE gefahren und war begeistert, wie modern und sauber alles war. Die Schiebetür ihrer Kabine glitt geräuschlos hinter ihr zu und man konnte die anderen Mädchen durch das abgedunkelte Glas nur schemenhaft erahnen. Sie musste blinzeln, wie sie so aus der erleuchteten Kabine in den dunklen Gang trat. Nur grüne Dioden am Boden zeigten den Weg zur Toilette und dem Ausstieg an. Sie lief an zwei anderen Abteilen vorbei, aus denen das gedämpfte Gelächter einiger ihrer Klassenkameraden klang. Dann war sie schon am Ende des Wagens. Kurz versuchte sie, in der in der Dunkelheit vorbeiziehenden Landschaft hinter der großen Fensterscheibe etwas zu erkennen, dann zuckte sie die Schultern und betrat die Toilette. Auch die war deutlich sauberer und moderner als sie es von ihren Ausflügen mit dem Regionalexpress gewohnt war, dennoch wusch sie sich über dem kleinen Waschbecken besonders gründlich die Hände und drückte zum zweiten Mal auf den Seifenspender. Während sie den weißen Schaum zwischen ihren Fingern verrieb, stieg ihr plötzlich ein ekelhafter Geruch in die Nase. Yıldız verzog das Gesicht, sah sich um und dann wieder auf ihre schaumbedeckten Hände hinunter. Sie erschrak. Was eben noch heller, fluffiger Schaum gewesen war, war plötzlich zu bröcklig-schleimigem Dreck geworden, der roch, als wäre in ihm etwas verwest. Sie schrie auf und wusch sich hastig mit dem Wasser ab, das ihr viel zu langsam und tröpfelnd aus dem Hahn trat. Schwer atmend trat sie vom Waschbecken zurück. Was war das gewesen? Konnte Seife schlecht werden? Aber als sie aus dem Spender kam, hatte sie doch noch ganz normal ausgesehen … Zögernd hielt Yıldız noch einmal ihre Hand unter den Sensor und zog sie dann gleich wieder weg, doch es hatte genügt. Weiße, leicht nach Lilien duftende Flüssigseife tröpfelte auf den Boden. Langsam hielt sie ihre zitternde Hand dicht an ihre Nase. Nur der Hauch eines Modergeruches hatte sich an ihrer Haut festgesetzt.

Hastig stolperte sie wieder aus der kleinen Toilettenkabine und den Gang entlang zu ihren Freundinnen.
Sie hatte das Gefühl, die Schiebetüren, die vorhin noch so leichthin auseinander geglitten waren, ließen sich nun nur zäh und widerwillig öffnen. Endlich gaben sie nach, fast fiel sie in das Abteil. Nach einem Blick auf Yildiz sprang Sophie besorgt auf. „Alles in Ordnung, ist etwas passiert, Yıl? Du bist leichenblass.“ Sie kicherte kurz, da Leichenblässe so gut zu dem Spiel passte, doch wurde beim Anblick von Yıldız ‘ Gesichtsausdruck sofort wieder still. Statt einer Erklärung stieß die ihrer Freundin fast die Hand ins Gesicht.
„Hier, riechst du das auch?“ Yıldız war noch nie gut darin gewesen, ihre Emotionen zu verbergen, und jetzt zitterte ihre Stimme, wie auch ihre Hand, deutlich. Vorsichtig nahm Sophie die ihr angebotene Hand und schnupperte daran.
„Hm … irgendwas Blumiges? Das ist Seife, oder?“, fragte sie vorsichtig.
Yıldız riss ihre Hand wieder weg und brach in Tränen aus. Die übrigen fünf schwiegen unangenehm berührt und warfen sich besorgte Blicke zu, während Sophie aufstand und Yıldız in den Arm nahm, während sie ihr bemüht beruhigend über den Rücken streichelte.

Schließlich gelang es Sophie, Yıldız wieder zu überzeugen, sich hinzusetzen. Marina kramte ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und reichte es ihr. Yıldız schniefte noch ein paar Mal, und es war deutlich zu erkennen, dass sie damit haderte, ob sie etwas erzählen sollte, oder nicht. Endlich fasste sie sich ein Herz. „Also, ich war ja eben auf der Toilette. Und entweder ich werde verrückt oder ich hatte ein Erlebnis wie im Horrorfilm.“ Sie brach wieder in Schluchzen aus, diesmal aber nur kurz, zu groß war der Drang, ihr Erlebnis zu teilen. Sie beschrieb die Seife, die sich in stinkenden Schmutz verwandelt hatte, dessen Verwesungsgeruch sie noch immer an ihren Händen zu riechen glaubte. Dabei hielt sie den Kopf gesenkt, wollte nicht in die Gesichter der anderen, die sie bestimmt für verrückt erklärten, schauen.

Jetzt roch auch Marina konzentriert an Yıldız ‘ Hand. „Naja, man kann sich schon irgendwie vorstellen, dass da ein unangenehmer Geruch ist, jetzt, wo du es sagst. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das nicht nur einbilde“, meinte sie leise.
Bisher hatten die drei fremden Spielkameradinnen sich nicht eingemischt, doch nun legte Sehri den Packen Karten auf den kleinen Tisch neben ihrem Sitz und stand auf. „Ich glaube, wir sollten uns das Bad am besten noch einmal ansehen! Vielleicht ist ja wirklich was mit dem Seifenspender los, und wenn wir da Dreck drin finden oder sowas dann kann Yıldız sicher sein, sich nichts eingebildet zu haben. Wer kommt mit?“ Katha und Marina erklärten sich bereit, Sophie wollte bei Yıldız bleiben und Marie schien von ihrer Erzählung unheimlich zu Mute geworden zu sein.

Als Yıldız sah, wie ernst auch die drei, die sie eben erst kennen gelernt hatte, ihre Sorgen nahmen, beruhigte sie sich langsam. Auch wenn sie sich alles nur eingebildet haben sollte – hier würde sie niemand auslachen, das war die Hauptsache. Erschöpft lehnte sie sich an Sophie und lächelte Marie, die fast in ihrem riesigen Schal, der einer Decke glich, verschwand, schüchtern zu. Die lächelte zurück und meinte dann: „Jetzt haben wir genau getan, was man in Horrorfilmen nicht tun sollte, und uns aufgeteilt.“ Es sollte wohl wie ein Scherz klingen, doch dafür zitterte ihre Stimme zu sehr.
Yıldız zuckte zusammen doch Sophie, die nicht so leicht zu beunruhigen war, lachte. „Wir befinden uns in einem vollen ICE, weniger einsam kann man doch gar nicht sein! Und die anderen kommen bestimmt gleich zurück, das Klo ist ja bloß zwei Abteile weiter oder so.“
Nicht ganz überzeugt nickte Yıldız. Irgendwie erleichterte sie es, dass auch Marie etwas unwohl aussah – sie wollte nicht immer der Angsthase der Gruppe sein.
Marie nahm die Spielkarten auf, die zwischen ihrem und Sehris Platz lagen. Zu Yıldız ‘ Erleichterung jedoch wollte sie jedoch nicht das Spiel fortführen, sondern stopfte die Karten in die Packung aus schwarzroter Pappe. „Ich mag das Spiel nicht so wirklich, und so lange die Karten so offen rumliegen und ich die grässlichen Zeichnungen sehen kann, schaffe ich es aber auch nicht, wegzuschauen, da stecke ich sie lieber weg“, erklärte sie.

„Du magst das nicht?“, wunderte sich Sophie. „Ich dachte, ihr kommt von so einem Horror-Fantreffen, zu brutal kann dir das ja kaum sein, oder?“
Marie lachte. „Nein, zu brutal nicht! Was Horror betrifft kann es mir gar nicht blutig genug sein. Aber genau das ist der springende Punkt – das ist ja kein Horror, die Geschichten auf den Karten sind alle, so absurd sie auch sind, irgendwie auch realistisch. Also, sie könnten theoretisch genauso passieren. Das macht sie für mich viel gruseliger als irgendwelche Zombies, Werwölfe oder sonstige Monster.“
Sophie grübelte. „Ja, das kann ich irgendwie verstehen. Mir sind Bücher ohne übernatürliche Monster zwar lieber, ich mag es eher, wenn das Böse im Menschen steckt und so. Aber es wird wohl schon einen Grund haben, warum ich am liebsten Texte aus dem neunzehnten Jahrhundert lese, vielleicht ist das so eine Methode von mir, mich von dem Inhalt zu distanzieren …“
Jetzt konnte Yıldız sich allmählich wieder entspannen. Sophie, die sich noch in den absurdesten Situationen in literarischen und psychoanalytischen Analysen erging, das war wie ein Nachhausekommen. Sie streckte sich aus und lauschte Marie und Sophie zu, die inzwischen über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, sich emotional vom True-Crime-Genre zu distanzieren, fachsimpelten. Unbehaglich kuschelte Yıldız sich dichter in ihren weiten Wollpullover. Sie erinnerte sich vage daran, dass Marina neulich erwähnt hatte, im Internet auf eine sogenannte „true crime community“ gestoßen zu sein, die bekannte Serienmörder verehrten wie Filmstars. Das erschien ihr absolut unverständlich und sie bemühte sich, nicht mehr zuzuhören. Stattdessen ließ sie ihren Blick auf der Tür ruhen. Wo blieben denn die anderen? So lange konnte es ja kaum dauern, die enge ICE-Toilette zu inspizieren. Ihr Blick rutschte an den Glastüren, hinter denen sich die Dunkelheit in die Kabine drücken wollte, nach unten. Sie atmete ruckartig ein, blinzelte ein paar Mal und richtete sich auf. Was floss denn da unter der Tür hinein?
Von Yıldız ‘ Erschrecken unterbrochen folgten Sophie und Marie ihrem Blick.

„Ist das Wasser? Haben die anderen das Klo geflutet?“ Marie zog die Füße hoch um ihre Stiefel zu schützen.
Sophie kniete sich auf den Boden und streckte ihre Hand aus. „Also, für Wasser ist es viel zu zähflüssig …“ Sie tippte in die sich langsam doch unaufhaltsam ausweitende Pfütze und starrte ungläubig auf ihre Fingerspitzen. „Wenn mich nicht alles täuscht ist das flüssiger Beton!“ Hastig wischte sie sich die noch flüssige, aber rasch fest und krümelig werdende Masse am Stoff ihres Sitzes von den Fingern.

„Wir sind in einem fahrenden Zug! Wo soll denn bitte flüssiger Beton herkommen?“ Maries Stimme zitterte.
„Ich habe keine Ahnung. Alles, was ich gerade mit Sicherheit weiß, ist, dass wir am besten zusammenbleiben – ich hole die Anderen!“ Bevor jemand sie aufhalten konnte zerrte sie die Tür auf, die sich nur zögerlich durch die graue Masse bewegte, und rannte den Gang entlang. Entsetzt starrten Yıldız und Marie ihr hinterher, und ihr Entsetzen vergrößerte sich, als sie bemerkten, dass die Tür im stetig härter werdenden Beton, dessen Quelle man nicht ausmachen konnte, nicht mehr zu glitt. Der so spärlich beleuchtete Gang lauerte bedrohlich in der Öffnung, und man konnte nicht sagen, ob die huschenden Schemen die Landschaft vor dem gegenüberliegenden Fenster waren, oder die Bewegungen aus dem Inneren des Zuges kamen.

Sophies Stiefelabdrücke zeigten die Richtung, in die sie gerannt war, der Beton floss inzwischen jedoch so rasch nach, dass sie bald überdeckt wurden. Feucht und grau glänzend lag die unerklärliche Fläche vor ihnen. Es war unglaublich still. Man hörte weder die Mädchen auf der Toilette noch irgendwelche Stimmen aus den restlichen Kabinen. Nur das leise Rauschen des durch die Nacht eilenden Zuges erfüllte das Abteil.
Gerade deshalb wirkte der Schrei, der plötzlich durch den Gang klang, umso lauter.

Auf den Schrei folgten trappelnde Schritte, dann stolperte Sophie zurück in die Kabine und bemühte sich vergeblich, die Tür zuzuziehen. Als sie aufgab presste sie sich an der gegenüberliegenden Seite ans Fenster und hob die Hände in einer schützenden Geste vor ihr Gesicht.
„Was ist los?“, „Was hast du gesehen?“, Wer ist da?“, „Wo sind die anderen?“, wurde sie von den immer panischer werdenden Stimmen von Yıldız und Marie bedrängt, doch es dauerte eine Weile bis sie sich soweit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte.
„Ich habe … das glaubt ihr mir gleich nicht, aber ich schwöre, ich hab sie gesehen! Eine Frau! Sie hatte … sie hatte ein Messer im Hals stecken, das Blut floss heraus, und ich würde schwören dass man mit ein solchen Wunde nicht mehr am Leben sein kann, aber dann … zog sie das Messer heraus und hat es nach mir geworfen!“
Yıldız hörte ein Surren in ihren Ohren, das sie sonst nur aus der Klausurenphase in der Schule kannte und resigniert als ihren „Stress-Tinnitus“ bezeichnete. Sie nahm die Freundin in den Arm, konnte aber nicht verhindern, dass sie selbst am ganzen Körper zitterte, was wohl nicht dazu führte, dass ihre Umarmung eine sonderlich beruhigende war.
Von gelegentlichen Aufschluchzern und panischen Atemzügen abgesehen war es inzwischen wieder so still wie zuvor. Niemand schien sich der sperrangelweit offenen Tür zu nähern. Dennoch starrten die drei Mädchen panisch dem offen gaffenden Türschlund entgegen. Ob tot oder untot, dort draußen war eine Frau mit einem Messer.

Als wieder Schritte ertönten klammerten die drei sich aneinander, in ihrer Panik unfähig, sich weder zu Angriff noch zur Flucht bereit zu machen. Die Erleichterung, als es Sehriban war, die im Türrahmen auftauchte, war kaum zu fassen. Doch schon ein Blick ins ihr Gesicht und die Panik in ihrem Blick genügte, um zu zeigen, dass es auch den anderen nicht besser ergangen war.
„OK ihr lebt noch“, war das einzige was Sehri schwer atmend herausbrachte. „Aber was geht hier eigentlich ab?“
„War bei euch auch die Frau mit dem Messer?“ Sophies stand zitternd auf und hob ihre schwere Thermoskanne auf, die auf ihrem Sitz lag, um sie wie eine Waffe über ihren Kopf zu halten.
„Frau mit Messer? Nein, aber- .“
„Und du hast sie auch nicht im Gang gesehen?“
„Nein! Aber der Mann im Badezimmer, er ist gerade gestorben! Wir müssen einen Notarzt rufen!“
„Was für ein Mann? Als ich da war, war dort kein Mann!“, mischte sich jetzt Yıldız ein, die sich sicherheitshalber hinter Sophie versteckt hielt. Immerhin hatte die eine Waffe.
Sehri sah wohl ein, dass sie Ruhe bewahren musste, um ihre Geschichte erzählen zu können, also atmete sie tief durch und begann dann: „Also, wir wollten ja das Bad auschecken, wegen dem was du erzählt hast. Sind wir also dahin, haben die Tür aufgemacht, und das erste, was wir sehen, ist ein Mann, der auf dem Boden unter dem Waschbecken sitzt. Und das Waschbecken ist aufgedreht. Zuerst dachten wir noch so: was ist das für ein Spinner! Und dann haben wir gedacht, es sind wir, die die Spinner sind, denn was aus dem Wasserhahn kommt, ist kein Wasser, sondern flüssiger Beton.“ Sie zeigte auf die Pfütze zu ihren Füßen, die inzwischen vollständig erhärtet war. „Und der Mann … er saß einfach da, war mit offenem Mund eingeschlafen, und der Beton lief ihm direkt in den Mund. Wir haben versucht ihn aufzuwecken und wegzuschieben, aber es hat nicht funktioniert, es war, als wären wir gar nicht da!“ Nun konnte sie ihr Weinen nicht mehr aufhalten und fiel in einem Sitz in sich zusammen. Inzwischen waren auch Marina und die anderen wieder erschienen, man erkannte auch in ihren Gesichtern die Fassungslosigkeit über das, was sie gesehen hatten.
„Wir haben an den Türen der anderen Kabinen geklopft und sie dann auch aufgeschoben, aber es war niemand zu finden. Genauso wie im benachbarten Waggon. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht, aber was auch immer los ist, ich könnte nicht ertragen jetzt nicht im Krankenhaus anzurufen – wir haben einen Mann sterben sehen!“

Auch Marina zitterte sichtlich am ganzen Körper, doch sie schaffte es, in ihrem Rucksack zu kramen und ihr Handy hervorzuziehen. Mit schwachem Finger betätigte sie den Notruf und hielt sich das Telefon ans Ohr.
„Ja, hallo ich …
… ja, natürlich, ich bin im Zug von Erfurt nach …
… ja, wieso auch nicht? …
… was? WAS?
WAS TUN SIE DA? STOPP!“
Die anderen fünf beobachteten das einseitige Gespräch mit wachsender Verwirrung. Aschfahl war Marina, als sie ihrem Arm mit dem Handy sinken ließ. „Ich glaube, der Mann in der Notrufzentrale hat sich eben aus dem Fenster gestürzt. Er wollte mir nicht glauben, dass … dass ich noch lebe? Und dass hier andere Menschen sind? Und dann hab ich gehört, wie er das Fenster aufgemacht hat, es hat gekracht und …“

Stumm, betroffen, verwirrt und entsetzt saßen die vier Mädchen in ihrem totenstillen Abteil.
Schließlich war es Katha, die eine plötzliche Erkenntnis hatte: „Oh! Wow. Ist euch schon aufgefallen … Der Mann, der im Beton erstickt. Der Typ, der denkt, er wäre der letzte Mensch auf der Welt, und der vor Angst aus dem Fenster springt, als er einen Anruf bekommt … das sind Black Stories!“
„Stimmt!“ aufgeregt und panisch drehte Marie sich zu ihr. „Und die Frau mit dem Messer im Hals, die Sophie verfolgt hat, das war doch …“
„… die Assistentin eines Messerwerfers, die eines Tages mit höheren Schuhen als gewohnt zur Arbeit kam und deshalb aus Versehen erstochen wurde!“, ergänzte Sehri. Mit Wut in den Augen betrachtete sie die Spielpackung. Dann klappte sie das schmale Fenster auf, schleuderte die Karten hinaus und rief ihnen hinterher: „Nehmt das, ihr Scheiß-Drecks-Karten!“

Nur kurz später ertönte eine Stimme an der Tür. Ein älterer Mann mit missmutigem Gesichtsausdruck steckte seinen Kopf in die Kabine. „Entschuldigen Sie, könnten Sie bitte nicht so herumschreien? Das hier sind Ruheabteile.“ Er schloss die Tür wieder hinter sich, was die sechs Mädchen zu ungläubigem Starren verleitete. Die Tür ließ sich problemlos schließen. Jede Spur des Betons war verschwunden.

Sie redeten nicht über das Erlebte. Sie redeten fast gar nicht mehr, als würde jedes Wort das, was geschehen war, zu real machen. Das einzige, was an die vergangenen Minuten erinnerte, war, dass Sehri nun ohne ihr Kartenspiel zu Hause ankommen würde.

Kurz bevor der Zug in Frankfurt einfuhr meine Yıldız zögerlich: „Vielleicht wollten die Personen von den Karten nicht, dass wir ihren Tod als Spiel sehen.“
„Pff, das sind doch nur Geschichten! Das haben die Spieleerfinder sich ausgedacht!“ wehrte sich Sehri.
Sophie grinste etwas gezwungen. „Vielleicht. Vielleicht schreibt aber einfach das Leben – und der Tod – die besten Geschichten.“


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Vorgaben:
- Geschichte muss größtenteils in einem Zug spielen
- nicht mehr als 5000 Wörter

Den Titel und das Kartenspiel, nach dem die Story benannt ist, gibt es natürlich wirklich.
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