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Geist auf dem Gleis

von LilysEyes
OneshotHumor / P12 / Gen
Dustin
31.10.2018
31.10.2018
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Hier eine kleine Geschichte für Halloween :) Vielen Dank fürs Lesen und vielen Dank an meine Korrekturleserin -Maxine-

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So, endlich war sein Kostüm fertig. Der Big Hopper drehte seinen Helm zufrieden in den Händen. Stilecht, genau so wie der eines Kastenwagens sah er aus, und er setzte ihn auf, er passte wie angegossen. Lächelnd betrachtete Dustin sich für einen Moment im Spiegel, er sah nun wirklich wie ein echter Rocky aus, nur vielleicht etwas massiver.

Wenn er jetzt los rollte, würde er noch genug Zeit haben, um sich richtig für die Halloween-Party einzustimmen. Er nahm ein dickes Buch aus dem etwas windschiefen Regal in seinem Schlafbereich. Geister auf den Gleisen, er hatte es extra für Halloween gekauft und sich schon sehr am Riemen reißen müssen, nicht vorher schon einen Blick hinein zu werfen.

Dustin gruselte sich vor allem in der dunklen Jahreszeit durchaus gerne einmal. Wenn der kalte Wind heulend durch den Güterbahnhof pfiff und der Regen auf das Dach prasselte, gab es für ihn nicht viel Besseres, als sich mit einem schaurig-schönen Buch in seinem Depot einzuigeln, seine gute, alte Patchworkdecke um seine Schultern gelegt und ein lustig knisterndes Feuer im Kanonenofen.

Das wäre für heute natürlich viel zu gemütlich, heute sollte es ja richtig unheimlich sein. Das Buch in einer Hand, eine große, noch nicht entzündete, Fackel in der anderen, zog er das Tor mit dem Ellenbogen hinter sich zu und rollte vorfreudig in Richtung der nördlichen Bahnhofsausfahrt davon.

Hier sammelten sich neben den Gleisen rostige Schienensegmente, alte Ölfässer und defekte Signallampen zu einem, in der Dämmerung etwas gespenstisch anmutenden, Eisenwald. Kein ungeeigneter Ort, um etwas Gruseliges zu schmökern, aber Dustin hatte ein noch besseres Plätzchen im Sinn.

Hinter dem Schrottplatz erhoben sich einige kleine Hügel, zu deren Fuß sich weite Felder erstreckten. Im Sommer wogten dort goldgelbe Ähren im Sonnenschein, aber diese hatten nun dicken, orangenen Kürbissen Platz gemacht, die wie kugelige Boote auf dem aufsteigenden Abendnebel zu dümpeln schienen.

Dustin rollte noch ein wenig weiter, bis er zu einem großen Heuhaufen gelangte, der auf dem mit wilden Gräsern überwucherten Saum zwischen zwei Feldern aufgetürmt worden war. Nicht weit davon wartete eine Vogelscheuche in zerlumpten bunten Kleidern geduldig darauf, im nächsten Jahr wieder ihren Wachdienst aufnehmen zu können. Der Big Hopper lächelte, dies würde der ideale Platz für seine Lesestunde sein.

Vorsichtig durch das hohe Gras stapfend, leckte er seinen Zeigefinger an und hielt ihn in die Höhe. Er wollte auf keinen Fall Gefahr laufen, das Heu gleich mit anzuzünden, wenn er seine Fackel ansteckte. Es war zwar kein sehr windiger Abend, aber Vorsicht war ja immer besser als Nachsicht.

Die Fackel entzündet, bohrte er sie in die feuchte Erde und ließ sich mit einem zufriedenen, kleinen Seufzer auf den Heuhaufen sinken. Einen bequemen Platz zum Sitzen, eine hübsch flackernde Fackel und ein gutes Buch, Herz, was begehrst du mehr, dachte er lächelnd. Einen letzen Blick über die nebeligen Felder gleiten lassend, öffnete Dustin nun endlich sein Buch und begann zu lesen.

Nocturno war eine Lok, welche in ihrem ganzen Leben noch nie Jemandem im Gedächtnis geblieben war. Die meiste Zeit war es ihr so nur all zu recht…

Die Zeit schien wie im Flug zu vergehen, als der Güterwagon Geschichte um Geschichte geradezu verschlang. Gruseliger und gruseliger schienen sie zu werden, wie die Dunkelheit um ihn herum sich immer mehr vertiefte. Weit hinter den Feldern hatten einige kleine Lichtlein zu leuchten begonnen, warm und glimmernd. Kürbislaternen, deren lustig- grotesken Fratzen nun die dort gelegenen Häuser und Gärten erleuchteten. Genau so sollte es sein, dachte Dustin mit einem wohligen Schauer. Er warf einen Blick auf die Vogelscheuche, deren verknautschtes Jutegesicht ihn im Schein der Fackel schief anzulächeln schien. Er lächelte freundlich zurück. In seinem Buch gab es auch eine Geschichte, in der eine Vogelscheuche vorkam, die war allerdings alles andere als nett gewesen.

Eine Uhr schlug plötzlich dumpf in der Ferne und ließ ihn etwas zusammen zucken. War es wirklich schon acht Uhr? Hatte er wirklich schon über eine Stunde gelesen? Es kam ihm vor, als hätte er sich gerade erst hingesetzt. Obwohl er nicht wenig versucht war, zumindest noch eine weitere Geschichte zu lesen, würde er sich nun wahrscheinlich besser wieder auf den Heimweg machen, wenn er nicht zu spät zur Party erscheinen wollte.

Also schloss er sein Buch und zog die Fackel vorsichtig wieder aus dem Boden.

„Und weiter schön auf die Kürbisse aufpassen.“

Er gab der Vogelscheuche einen augenzwinkernden Klaps auf die Schulter und ging zurück zu den Gleisen. Ein leichter Wind hatte sich erhoben und begonnen, den Nebel in dünne Fetzen zu reißen. So hatte es auch in Die arme Liese darf die Zukunft sehen begonnen, dachte Dustin. Eine Geschichte, in der einem bettelarmen, kleinen Schlafwagen furchtbare Visionen erschienen waren und niemand hatte ihr geglaubt.

Aber das war ja nur eine Geschichte, vor ihm würde ja nicht plötzlich eine grässliche Phantomkarambolage aus dem Nebel aufsteigen. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit trotzdem ein wenig. Das hatte die Lok in Cornelius Coals letzte Reise auch getan, fiel es ihm plötzlich ein.

Sie hatte gedacht, es würde ihr helfen, den Tunnel so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Aber der Tunnel war nicht geendet. Immer tiefer hatte er sich in die Erde gegraben und immer steiler war er geworden, bis Cornelius Coal hilflos für immer in tiefste Dunkelheit gerast war.

Aber da lag ja kein Tunnel auf seinem Heimweg, er würde ja immer sehen, wohin er fuhr. Und abgesehen davon war ja auch das nur eine Geschichte.

„Huch!“ Der Big Hopper konnte einen kleinen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken, als eine Eule plötzlich irgendwo hinter ihm rief. Natürlich, die Felder waren ja Teil des Jagdreviers der Eulen. Dustin lächelte, nur ein klein bisschen erleichtert, als das Tier lautlos dicht über seinem Kopf vorbeisegelte.

Als er ganz klein war, hatte er geglaubt, Eulen würden mit Dampf betrieben, anders hatte er sich ihre Rufe nicht erklären können. Wäre er in einem Film, würde er nun sagen „Ach, nur eine Eule“. Nur, dass es dort niemals nur eine Eule war. Er beschleunigte noch ein klein wenig mehr. Die Gruselgeschichten hatten ihm großen Spaß gemacht und er freute sich auch schon darauf, das Buch in seinem gemütlichen Depot zu Ende zu lesen, aber im Moment würde er vielleicht doch besser an etwas Anderes denken, entschied er.

Den Blick fest geradeaus gerichtet, begann er zu spekulieren, als was die anderen Züge sich wohl verkleiden würden. Letztes Jahr hatte es einige Verwirrung gegeben, als bis auf Wrench alle von Electras Components als Electra verkleidet gekommen waren. Wrench war als eine Tube ihres Lieblingsdichtungsfetts gegangen und Electra selbst war Cinderella gewesen. Dustin fragte sich, ob Greaseball sich dieses Jahr wenigstens etwas mehr Mühe geben würde und nicht wieder nur als die schnellste und stärkste Lok der Welt ginge. Dinah zumindest hätte es verdient, ihre Kostüme waren immer sehr schön. Sie war letztes Jahr als Cupcake gegangen.

Die Eule rief erneut und der Big Hopper fuhr, trotz seiner Bemühungen, ein zweites Mal zusammen.

„Na, dampfst du immer noch durch die Nacht?“, rief er wesentlich fröhlicher, als ihm eigentlich zumute war.

Er war doch kein kleiner Wagon mehr, warum war er auf einmal so leicht zu erschrecken? Die Eule antwortete mit nur einem weiteren, langgezogenen Ruf. Obwohl, war das jetzt überhaupt eine Eule gewesen? Es hatte irgendwie anders geklungen. Dustin hielt inne, um einen Moment zu lauschen. Der Wind wehte ein paar trockene Blätter raschelnd über das Gleisbett, aber abgesehen davon schien alles vollkommen still, oder?

Bildete er es sich ein, oder hatte er gerade für einen Augenblick das Klappern von Rädern vernommen? Er spitzte angestrengt die Ohren, konnte aber nichts weiter hören. Jetzt fang mal nicht an zu fantasieren, alter Junge, ermahnte er sich streng. Demonstrativ unbekümmert begann er, ein Liedchen zu pfeifen, als er sich wieder in Bewegung setzte.

Er war jetzt schon wieder am Fuße der kleinen Hügelkette angekommen, nun würde er bald wieder zurück im Bahnhof sein. Dustin hätte es nicht gerne zugeben mögen, aber er war durchaus erleichtert bei dem Gedanken, bald nicht mehr allein auf weiter Flur zu sein. Er konnte seine Nervosität schon von sich abfallen spüren und pfiff, nun wieder völlig gutgelaunt, einen lustigen Triller.

Wie zur Antwort kam nun aber wiederum dieser seltsame Ruf, von dem er sich auf einmal ziemlich sicher war, dass er nicht von einer Eule ausgestoßen wurde. Ein wenig verärgert und nun auch ein wenig ängstlich, hielt er inne. Wer musste ihm denn da unbedingt seine gute Laune wieder kaputt heulen? Eine Dampflok vielleicht?

„Hallo?“, rief er vorsichtig. „Ist da Jemand?“

Er blickte etwas zaghaft um sich, nicht sicher, ob er überhaupt eine Antwort wollte. Täuschte er sich, oder hatte sich dort auf der Kuppe des Hügels vor ihm etwas bewegt?

„Hallo?“, wagte er es noch einmal.

Doch, dort war etwas auf dem Hügel, eine Gestalt, die sich im Mondschein nun klar gegen den Nachthimmel abzeichnete. Viel zu klar für Dustins Geschmack, denn er wünschte sofort, er hätte sie nicht gesehen.

Es war ganz klar eine Dampflok, oder besser gesagt, was davon übrig war. Rostzerfressene Einzelteile baumelten, nur noch von Strängen dicker Spinnweben gehalten, von ihrem Körper, ihre blutroten Frontlichter blinkten und flackerten, ohne jedoch je ganz zu verlöschen, und darüber starrte eine bleifarbene, verzerrte Fratze mit den milchigen Augen einer Leiche.

Trotz seines Entsetzens wusste Dustin sofort, wen er dort vor sich hatte, Nocturno, die Geisterlok. Er hatte gerade erst über sie gelesen. Eine verschlagene Dampflok, die, von krankhafter Eifersucht getrieben, versucht hatte, einen Nebenbuhler auf eine sabotierte Brücke zu locken, nur um am Ende schließlich selbst mit ihrer Falle in den Tod zu stürzen. Wer das Unglück hatte, Nocturno zu begegnen, den würde er entweder mit sich ins Geisterreich nehmen oder man würde ihn am nächsten Morgen mausetot auf den Gleisen finden.

Der Big Hopper fühlte ein seltsames Prickeln seinen Nacken herauf kriechen. War das also, wie es sich anfühlte, wenn einem die Haare zu Berge standen? Die Fackel glitt aus seinen plötzlich eiskalten Fingern. Er hatte nie so recht verstanden, warum Filmcharaktere im Angesicht von etwas Bedrohlichem immer einfach nur dumm da standen und guckten, anstatt zu flüchten, was das Zeug hielt, aber genau so erging es ihm im Moment.

Vor Schreck wie gelähmt, wagte er es nicht, sich zu rühren. Was, wenn er zu fliehen versuchte und der Geist folgte ihm? Ruckartig streckte die Lok plötzlich die Arme in seine Richtung aus und wieder ertönte das schauerliche Heulen. Nun beinah außer sich vor Furcht gelang es dem Big Hopper irgendwie, seine Stimme wieder zu finden.

„B-bleib wo du bist“, stammelte er, seine Kehle trocken wie Sandpapier, „ich bin ein Rocky…und wir …wir sind ganz schön stark.“

Nur mit Mühe hob er seine zitternden Arme und versuchte vergeblich, sie anzuspannen. Oh wie er wünschte, er hätte es nicht getan. Die herausfordernde Geste schien den Geist erst richtig wütend gemacht zu haben. Mit einem erneuten Aufheulen begann er plötzlich, auf ihn zu zurollen. Und nun gab es auch für Dustin kein Halten mehr.

Mit einem erschrockenen Japsen, für mehr fehlte ihm der Atem, wirbelte er herum und sauste davon, als ob es um sein Leben ginge. Aber wahrscheinlich tat es das ja, wenn Nocturno ihn einholte, dann würde er ihn entweder mit sich ins Reich der Geister davontragen oder er würde ihn einfach umbringen.

Der Big Hopper wusste nicht, ob er einen Blick über die Schulter riskieren sollte, das würde ihn bestimmt verlangsamen, aber andererseits war der Gedanke, plötzlich von den Klauen der Geisterlok gepackt zu werden, einfach zu schrecklich.

Oh, um Starlights Willen, der steile Abhang des Hügels hatte den Geist ordentlich an Fahrt gewinnen lassen! Mit wild fuchtelnden Armen jagte er hinter ihm her. Verzweifelt versuchte Dustin, noch etwas zu beschleunigen. Er wollte nicht mausetot auf den Gleisen enden.

„Hilfe! Hiiilfeee!“, rief er vergeblich. Hier war niemand, der ihn hören könnte.

Warum hatte er nur die dumme Idee gehabt, sich im Dunkeln so weit vom Bahnhof zu entfernen und das auch noch an Halloween? Jeder wusste doch, dass dies die Nacht war, in der die Geister das Zepter schwangen.

Was sollte er nur tun? Weiterrollen bis zum Morgengrauen? Das würde er doch niemals schaffen. Und was wollte dieser blöde Geist überhaupt von ihm? Er konnte doch nichts dafür, dass er mit der Brücke kollabiert war.

„Lass mich in Ruhe!“, rief er atemlos, „ich habe dir doch nichts getan!“

Als Antwort ertönte nur ein groteskes Würgen, das dem Big Hopper einen Schauer des Ekels über den Rücken jagte. Wenn er doch nur seine Fackel nicht fallengelassen hätte! Dann könnte er dem Geist damit ja vielleicht wenigstens kräftig Einen überbraten, falls er ihn einholen sollte. Und einholen würde er ihn bald, dessen war er sich sicher. Dustin biss die Zähne zusammen und versuchte, noch etwas schneller zu werden. Starlight, wie sollte das nur enden? Doch plötzlich wusste er es. Die Brücke! Er bewegte sich schnurstracks auf eine kleine Brücke zu! Nur das konnte der Geist wollen, wurde es ihm plötzlich klar, und er wäre vor Furcht beinahe einfach in sich zusammen gesunken.

Er riss sich hart am Riemen, so einfach würde er es seinem Verfolger nicht machen. Außerdem war die Brücke doch viel zu niedrig, um davon in den Tod zu stürzen, oder? Sie überspannte doch gerade einmal einen kleinen Bach und keinen reißenden Strom. Was hätte der Geist davon, ihn dort hin zu lotsen? Moment, war da nicht etwas mit fließendem Wasser? Hieß es nicht, Geister könnten kein fließendes Wasser überqueren?

Wenn er es schaffte, über den Bach zu springen, würde Nocturno ihm dann vielleicht nicht mehr folgen können? Dustin hoffte sehnlichst, es würde so sein. Vom Mut der Verzweiflung getrieben, sprang er von den Gleisen und rannte auf das Ufer des Bachs zu. Ein weiteres kehliges Würgen des Geists ließ seine Knie beinahe unter ihm nachgeben.

Wie unter Zwang blickte er nochmals über seine Schulter. Die Lok hatte nun begonnen, ruckartig an ihrem Hals zu zerren. Nun würde sie sich den Kopf abreißen und nach ihm werfen, genau so wie in der Geschichte, wurde Dustin klar. Er konnte es schon vor sich sehen, wie der abgetrennte Kopf ihn treffen würde. Mit rollenden Augen und gackerndem Lachen würden die entblößten Zähne nach ihm schnappen.

Nein, so wollte er einfach nicht enden. Er nahm all seine Kraft zusammen und sprang. Normalerweise mochte der Big Hopper sich eigentlich so, wie er war, aber im Moment wäre es ihm lieb gewesen, wenn er doch nur ein bisschen leichter wäre. Doch er schaffte es! Mit einem gewaltigen Ruck gruben sich seine Räder tief in den weichen Boden und er musste angestrengt daran zerren, um sie wieder frei zu bekommen.

Doch es schien, als wären seine Hoffnungen umsonst gewesen, mit einem weiteren Heulen flog die Lok geradezu von den Gleisen. Hoch in die Luft wurde sie katapultiert, ihre Arme und Beine konfus um sie wirbelnd. Nun würde sie angeflogen kommen und direkt auf ihm landen, dessen war Dustin sich sicher. Jetzt war alles zu spät, jetzt hatte sie ihn. Er konnte nur noch schützend seine Arme über den Kopf heben und schicksalsergeben mit ansehen, wie der Geist…mit einem dumpfen Ächzen der Länge lang auf die Nase fiel.

Wie erstarrt guckte er, wie die Lok in einem Haufen aus Schrott und Spinnweben zu Boden ging, ihre Beine durch den Aufprall hoch hinter sich in die Luft werfend. Beine, die der Big Hopper definitiv schon einmal gesehen hatte. Für einen Moment konnte er nur mit offenem Mund auf die Gestalt am Boden starren.

„Flat Top?“, krächzte er ungläubig, als er endlich seine Stimme wiedergefunden hatte.

Er konnte kaum seine bis gerade noch so schreckliche Angst mit dem nun doch eher komischen Anblicks des dort wie ein Käfer zappelnden Steinwagens vereinbaren.

„Juuuu!“, ächzte der andere Wagon, in dem angestrengten Versuch, sich auf den Rücken zu drehen. Und dann noch so etwas wie „hulfu!“

„Hulfu?“, wiederholte der Big Hopper perplex. Sein Hirn hatte sich immer noch nicht ganz von der plötzlichen Adrenalinflut erholt. „Oh, heißt das „Hilfe“?… du brauchst Hilfe?“

„Juuu!“ , machte Flat Top nur wieder.

Flat Top brauchte Hilfe und er stand einfach nur da und glotzte! Endlich konnte sich Dustin aus seiner Erstarrung reißen. Seine immer noch zittrigen Beine wollten ihm kaum gehorchen, aber irgendwie schaffte er den Sprung über den Bach noch ein zweites Mal. Mit unsicheren Händen half er dem Steinwagen, sich wieder auf den Rücken zu drehen und hätte, wenn er nicht noch völlig außer Atem gewesen wäre, vor Erleichterung beinahe laut aufgelacht.

Flat Tops Kopf war komplett von einer schiefen Gummimaske verdeckt, die sich bis übers Kinn eng mit einem, mit Plastikspinnweben und „Körperteilen“ aus Weißblech bedeckten Umhang, verheddert hatte.

„Hulfu“, keuchte Flat Top noch einmal.

Es würde nicht helfen, einfach an der Maske zu zerren, sah Dustin gleich.

„Halt mal still, sonst wird das nichts“, sagte er, den Umhang vorsichtig aus der straff gespannten Maske zupfend.

Der Steinwagen hielt sofort still und schnaufte nur noch geräuschvoll in seinem Gummigefängnis.

„So, das haben wir gleich.“

Mit einem Plopp gab der Umhang endlich den unteren Rand der Maske frei und Dustin zog sie behutsam nah oben.

„Ahhh, das tut gut“, Flat Top atmete tief ein. „Vielen Dank, Kumpel. Ich dachte schon, ich käme da nie wieder raus...hey, cooles Kostüm!“

Der Big Hopper blickte an sich hinunter, als sähe er sein Kostüm zum ersten Mal, er hatte ganz vergessen, dass er sich verkleidet hatte.

„Danke“, sagte er nur stockend.

Der Steinwagen grinste, aber grimassierte dann sofort wieder.

„Au, das tat weh“, hisste er. „Junge, Junge, mein Gesicht fühlt sich an wie eine faule Birne.“

Er betastete leicht sein etwas lädiert aussehendes Gesicht.

„Oh Mann, meine arme Nase…ich glaub‘, die fällt gleich ab.“

Dustin schüttelte nur den Kopf.

„Wie bist du denn da überhaupt reingekommen?“, fragte er.

Flat Top zuckte ein wenig betreten die Schultern.

„Na ja, ich wollte nur schnell mal ausprobieren, ob das Kostüm auch wirkt“, gab er zu. „Aber ich hätte wohl die Maske nicht zuerst aufsetzen sollen, da hab‘ ich dann nämlich den blöden Umhang nicht mehr ganz drüber gekriegt und als ich den dann wieder hochziehen wollte, hat der dann die Maske mitgenommen und da ging dann plötzlich gar nichts mehr.“

„Aber warum hast du denn niemanden gebeten, dir zu helfen?“, wollte Dustin wissen.

„Hab‘ ich ja versucht, die Kehle hab‘ ich mir aus dem Leib geschrien…zumindest so gut das geht, wenn man den Mund kaum noch aufkriegt, aber die waren wohl alle schon auf der Party und außerdem..“, er räusperte sich etwas verlegen, „..hab’ ich ja nicht mehr sehen können, wo ich hinfuhr.“

Er blickte sich um und hob erstaunt die Augenbrauen.

„Wow, da bin ich ja meilenweit blind vor mich hin gegurkt!“

„Kann man wohl sagen.“ Der Big Hopper knuffte dem anderen Wagon seine Maske vor die Brust.

„Einen riesigen Schrecken hast du mir eingejagt“, sagte er, nun endlich in der Lage, über seine Angst zu schmunzeln.

„Oh, das wollt‘ ich nicht…ich meine, echt? Seh‘ ich wirklich so überzeugend aus?“, fragte der Steinwagon eifrig, sein verknautschtes Kostüm wieder etwas arrangierend. „Ich bin nämlich Nocturno, die Geisterlok“, fügte er stolz hinzu.

Dustin lächelte schief.

Mich hast du auf jeden Fall überzeugt und abgesehen davon, an Halloween soll man sich ja gruseln.“

Er klopfte Flat Top auf die Schulter.

„Komm, lass uns jetzt zu sehen, dass wir loskommen, sonst verpassen wir ja die ganze Party.“

Der Steinwagen kletterte schnell wieder auf seine Räder.

„Die Maske setzte ich wahrscheinlich besser erst auf, wenn wir da sind“, meinte er.

„Wahrscheinlich“, stimmte Dustin kichernd zu und sie stapften gemeinsam zurück zu den Gleisen.



                                                 -HAPPY HALLOWEEN!-
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