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Tiefe Narben und schwarze Rosen

von Farnherz
GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P18
30.10.2018
30.10.2018
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"Die Menschen haben früher geglaubt, wenn jemand stirbt bringt eine Krähe ihre Seele in das Land der Toten. Aber manchmal passiert etwas ganz besonders Schlimmes, das so furchtbar traurig ist, das die Seele keine Ruhe findet. Und manchmal, aber sehr selten, kann die Krähe diese Seele wieder zurückbringen, damit sie den Fehler korrigiert."
Sarah „The Crow - Die Krähe“



Nach Luft schnappend öffnete sie ihre Augen und erblickte nichts als Dunkelheit. Panisch versuchte sie sich aufzusetzen, doch nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht befand sich eine hölzerne Decke.
Öffne den Deckel... Auch wenn sie sich fragte woher die Stimme kam, kam sie ihrer Aufforderung nach. Der Deckel lies sich ganz leicht öffnen und schon schlugen ihr Regen und frische Luft entgegen.
Schwerfällig kletterte sie aus der Grube, sah nach oben und erschrak. Vor ihr stand ein Grabstein. Ihr Grabstein.



Shelly Jones



1998 – 2015




Wie konnte das nur möglich sein? Offensichtlich war sie doch am Leben! Da riss sie plötzlich ein Krächzen aus ihren Gedanken. Auf ihrem Grabstein saß eine Krähe und sah sie mit schief gelegtem Kopf an. „Verschwinde!“, rief sie. Ihre Stimme klang rau und kratzig.
Nachdem ich die geholfen habe, solltest du etwas netter zu mir sein! „Du... aber wie...?“, stotterte Shelly. Du wirst noch früh genug erfahren was hier vor sich geht. Jetzt folge mir. Damit flog die Krähe davon.
Langsam zog sich das Mädchen an ihrem Grabstein nach oben und folgte ihr dann mit wackligen Schritten. Es dauerte etwas, da sie sich erst wieder an das Laufen gewöhnen musste, aber schließlich kam sie am Eingang des Friedhofs an.
Quietschend öffnete sie das große Eisentor und trat auf die Straße. Die Krähe, welche auf sie gewartet hatte, flog nun voran und zeigte ihr den Weg. Sie führte das Mädchen bis zu einem Wohnblock.
Zögernd betrat sie das Haus und stieg die Treppen nach oben, bis zu einer bestimmten Wohnungstür. Vorsichtig öffnete sie die Tür und trat ein. Die Krähe flog an ihr vorbei in eines der Zimmer und sie folgte ihr.
Es war ein Schlafzimmer. Das Bett war nicht gemacht und überall lagen Klamotten verstreut. Irgendjemand lebte definitiv in dieser Wohnung. Vorsichtig trat sie an den Schreibtisch heran. Auch dieser war genauso unordentlich wie der Rest des Zimmers.
Eines der Bilder, welche darauf standen, erregte ihre Aufmerksamkeit und so nahm sie es in die Hand. Darauf waren sie selbst und zwei Jugendliche zu sehen. Einer der beiden hatte etwas längeres schwarzes Haar und eisblaue Augen, während der andere blondes Haar und blaue Augen hatte.
Alle drei waren klatschnass, lächelten aber glücklich in die Kamera. Plötzlich durchzuckte sie ein heftiger Schmerz, woraufhin sie das Bild fallen ließ.


„Hey Shelly!“, rief der Jugendliche. Kaum das sie sich herumgedreht hatte, traf sie auch schon eine Wasserbombe im Gesicht. Nass und verdutzt stand sie da, während er nur laut lachte.
„Na warte Danny, das wirst du bereuen!“, drohte sie ihm scherzhaft, nahm sich ebenfalls eine Wasserbombe und rannte hinter ihm her. Während sie den Schwarzhaarigen verfolgte, traf sie eine weitere Wasserbombe am Hinterkopf.
Erschrocken wirbelte sie herum. „Sascha! Ich dachte du wärst auf meiner Seite!“, rief sie empört und funkelte den Blonden böse an. „Sorry Shelly, aber hier heißt es Jeder gegen Jeden.“, lachte er.
„Und so jemand schimpft sich bester Freund.“, murmelte sie leise. Dann warf sie dem völlig unvorbereiteten Sascha die Wasserbombe mitten ins Gesicht. Erst wirkte er irritiert, dann schrie her: „Komm her!“
„Nein! Bitte nicht!“, kreischte Shelly, während sie vor ihrem besten Freund davonlief. Doch da hatte sie die Rechnung ohne Danny gemacht. Er fing sie ein und hielt sie fest. Langsam trat Sascha auf sie zu.
In der Zwischenzeit hatte er sich den Gartenschlauch geschnappt und spritzte damit die beiden anderen ab. Danny, welcher nicht damit gerechnet hatte, ließ Shelly los und rannte auf Sascha zu, um ihn den Schlauch zu entreißen und ihn selber nasszuspritzen.
Shelly war es schließlich, welche das Wasser abdrehte. Die drei Jugendlichen sahen sich kurz schweigend an, dann fingen sie lauthals an zu lachen. Sie wollten diesen Moment unbedingt festhalten, sodass sie ein Foto von sich schossen und dann in ihr Ferienhaus gingen, um sich umzuziehen.


Erschrocken wich Shelly zurück. Wie konnte sie die beiden nur vergessen? Danny, ihren großen Bruder und Sascha, ihren besten Freund und Schwarm. „Was ist mit ihnen passiert?“, fragte sie die Krähe mit zitternder Stimme.
Ihnen geht es gut, mach dir darüber keine Sorgen. Langsam nickte die 18-jährige, dann wandte sie sich wieder dem Schreibtisch zu. Die Braunhaarige entdeckte zwei Kinokarten. Kurz zögerte Shelly, doch dann nahm sie die Karten in die Hand und prompt durchfuhr sie wieder dieser heftige Schmerz.


„Das war wirklich ein schöner Film. Danke Schwesterherz.“, sagte Danny und legte den Arm um sie. Es war sein Geburtstag und sie kamen gerade aus dem Kino. Es war schon dunkel als sie die Straßen zu ihrem Wohnblock entlanggingen.
Plötzlich hörten sie Schritte hinter sich und eine Stimme fragte höhnisch: „Na seht euch das mal an! Was macht ihr zwei denn so allein hier draußen? Und das um diese Uhrzeit?“ Darauf folgte das Lachen mehrerer Personen.
Langsam drehten sich die Geschwister herum, wobei Danny darauf achtete, dass Shelly hinter ihm blieb. Es waren vier Kerle die vor ihnen standen. Sie mussten alle zwischen zwanzig und vierundzwanzig sein.
„Das hier ist unser Gebiet. Und wisst ihr was mit denen passiert, die sich um diese Uhrzeit in unserem Gebiet rumtreiben?“, fragte der Kerl, welcher uns am nächsten war. Er war scheinbar der Anführer.
Die beiden wichen ängstlich zurück, da die anderen drei sie bösartig angrinsten. Und das konnte nichts Gutes bedeuten. „Was wollt ihr von uns?“, fragte Danny und klang dabei mutiger als er war.
„Oh, wir wollen euch bloß eine kleine Lektion erteilen.“, erwiderte er schlicht. Dann gab er den drei anderen ein Zeichen und rief: „Schnappt sie euch!“ Ängstlich drückte sich Shelly an ihren Bruder, doch einer der Kerle riss sie von ihm fort.
„Na Hübsche?“, sagte er zu ihr und grinste sie dreckig an. „Lasst sie in Ruhe!“, schrie Danny und versuchte zu seiner Schwester zu gelangen, doch der Anführer zog ihn zurück und knurrte: „Hier geblieben Freundchen!“
Danny wollte ihn von sich stoßen, doch der Anführer schlug ihm mit voller Wucht in den Bauch, sodass er zu Boden ging. Dann stürzten sich die zwei anderen Kerle auf ihn und bearbeiteten ihn mit ihren Messern und Fäusten.
Währenddessen ging der Anführer langsam auf Shelly zu und grinste sie bedrohlich an. Sie versuchte zu entkommen, doch sie wurde noch immer von dem letzten der Typen festgehalten. „So und nun zu dir!“, sagte der Anführer, zog sein Messer und hielt es ihr vor ihr Gesicht. Ängstlich starrte sie die Klinge an.
Dann fing er an auch ihr viel zu viele Schnittwunden zuzufügen, während der andere auf sie einschlug. Das Mädchen flehte sie an damit aufzuhören, doch sie lachten nur höhnisch und machten immer weiter. Irgendwann wurde es ihnen aber zu langweilig, sodass sie von den Geschwistern abließen.
Shelly hatte inzwischen, wegen des viel zu hohen Blutverlustes, ihren letzten Atemzug getan. Danny lebte noch, konnte sich aber kaum bewegen und verlor schon bald darauf das Bewusstsein.



Alles was Shelly jetzt noch spürte war Hass. Sie wollte diese Dreckskerle, die ihren Bruder gepeinigt und sie ermordet hatten, nur noch Tod sehen. Mit einem entschlossenen Blick durchsuchte sie den Rest der Wohnung.
Schließlich betrat sie ein Zimmer, welches wahrscheinlich ihr eigenes gewesen war, als sie noch lebte. Es wirkte unberührt. Danny musste es seit ihrem Tod vor einem Jahr nicht mehr betreten haben.
Ungeduldig zog sich die Jugendliche die Sachen aus mit welchen sie begraben wurde, bis sie nur noch in Unterwäsche dastand. Dann nahm sie sich eine Schere, setzte sich an ihren Schminktisch und schnitt sich die langen braunen Haare ab, bis sie ihr nur noch bis zum Kinn reichten.
Als Shelly damit fertig war, entdeckte sie die Harlekin-Maske ihres Bruders. Sie war weiß, die Augen waren schwarz umrandet. Durch jedes Auge zog sich ein senkrechter schwarzer Strich. Die Lippen waren ebenfalls schwarz und wurden durch einen schwarzen Strich an jeder Seite, welcher an den Mundwinkeln begann, zu einer Art Lächeln verlängert.
Sie suchte nach ihrer Schminke und begann damit, sich so wie die Maske anzumalen. Gerade als sie aufstehen und zu ihrem Schrank gehen wollte, fiel ihr eine Kette ins Auge. An dem schwarzen Lederband hing ein Fledermausanhänger.
Vorsichtig nahm sie die Kette in die Hand. Doch kaum berührte die 18-jährige das Schmuckstück, durchzuckte sie wieder dieser Schmerz.


Shelly saß in der hintersten Ecke ihres Zimmers. Sie hatte ihre Beine angewinkelt und auf diesen ihre Arme und ihren Kopf abgelegt und weinte. Heute war mal wieder ein sehr schlimmer Tag gewesen.
Da hörte sie, wie die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet und wieder geschlossen wurde. Darauf folgten leise Schritte, welche erst vor ihr stoppten. „Hey, was ist los?“, fragte Danny sanft und hockte sich vor seine Schwester.
Vorsichtig sah sie auf und murmelte: „Dennis hat mich heute wieder geärgert.“ „Ach komm her Schwesterherz.“, sagte der Schwarzhaarige, setzte sich neben die Jüngere und nahm sie in den Arm.
Sofort legte sie ihren Kopf auf die Schulter ihres Bruders. Eine ganze Weile saßen die Geschwister so da und die Braunhaarige wäre beinahe weg gedöst, hätte Danny nicht gefragt: „Was hat Dennis denn getan?“
„Er hat sich über meine Sachen lustig gemacht und darüber, dass ich so blass bin.“, erklärte sie ihm schluchzend und sah ihn mit großen grünen Augen an. „Lass dich nicht ärgern. Er ist wahrscheinlich nur neidisch. Und falls nochmal so etwas passiert, dann sagst du mir Bescheid und dann werde ich mich mal mit ihm unterhalten.“, erklärte der Ältere und umarmte seine Schwester erneut.
„Ich habe übrigens ein Geschenk für dich.“, sagte er nach einer Weile des Schweigens. Überrascht sah Shelly ihn an. Zwar verstanden sich die beiden viel besser, als die meisten anderen Geschwister, doch Geschenke machten sie sich nur selten.
„Mach deine Augen zu.“, bat Danny seine kleine Schwester. Diese tat was er wollte. Das Mädchen merkte, wie ihr Bruder sich zu ihr beugte und ihr etwas um den Hals band. Dann lehnte er sich wieder zurück.
„Du darfst deine Augen wieder öffnen.“, sagte der Schwarzhaarige. Das tat die Jüngere auch und griff vorsichtig nach dem Etwas um ihren Hals. Es war ein schwarzes Lederband mit einem Fledermausanhänger.
Sprachlos betrachtete sie das Geschenk ihres Bruders. „Danke Danny, die Kette ist wunderschön.“, hauchte Shelly. Wieder hatte sie Tränen in den Augen, doch diesmal waren es Freudentränen und keine Tränen der Trauer.
„Ich wusste das sie dir gefallen würde.“, sagte er lächelnd. Wieder umarmten sich die beiden Geschwister. „Ich muss jetzt wieder in mein Zimmer und meine Hausaufgaben machen.“, entschuldigte sich Danny bei seiner Schwester und stand auf.



Mit zitternden Händen band sie sich die Kette um. Es waren bereits sechs Jahre vergangen, seit Danny ihr die Kette geschenkt hatte und sie erinnerte sich daran, wie sehr sie ihren großen Bruder geliebt hatte.
Und nachdem ihre Eltern vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen, wurde ihre Beziehung zueinander noch enger. Sie zogen in eine andere Stadt, wo sie schließlich auch Sascha kennenlernten.
Langsam trat sie zu ihrem Schrank, um sich neue Sachen raus zunehmen. Sie entschied sich für einen Kapuzenpullover, einen Rock, eine Leggings, Schnürstiefel und fingerlose Handschuhe. Natürlich alles in schwarz.
Als sie sich angezogen hatte, ließ sich die Krähe auf Shellys Schulter nieder. Dann trat das Mädchen an das Fenster und blickte finster auf die regennassen Straßen. „Finde sie.“, sagte sie und ihre schwarze Gefährtin flog augenblicklich davon.
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