Lunatic

GeschichteDrama, Horror / P16
30.10.2018
31.10.2018
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Warnungen: Selbstverletzung und Suizidgedanken (Erwähnungen), Zigaretten





Lunatic


Für Katty Elfans



Ich starre auf die einsame Chipstüte, die vor mir auf dem Tisch liegt und werfe dann einen Blick auf meine Armbanduhr. Sieben Uhr – die Halloweenfeierlichkeiten beginnen erst um Acht. Das ist immer noch deutlich früher, als die meisten Partys „draußen“ beginnen. Letztes Jahr musste ich mir noch die Mühe machen, mir Ausreden auszudenken, warum ich nicht auf Partys gehen wollte, jetzt konnte ich einfach wahrheitsgemäß sagen, ich sei krank. Stimmt ja. Nicht nur krank, sondern sogar im Krankenhaus. Und in was für einer Art von Krankenhaus, das muss ja keiner wissen. Nur die, die mich am besten kannten, wissen davon – Hendrik, der mich ja hierher gebracht hatte, dank dem ich überhaupt am Leben war. Sam, mein kleiner Bruder. Und Britta und Stefanie, die mich sogar schon besucht hatten und mit mir und den anderen das sonntägliche Kaffee-und-Kuchen am Nachmittag genossen hatten.

Am Anfang war war mir alles noch ungewohnt unbehaglich vorgekommen. Nicht wegen der Ausstattung – wenn man nicht Bescheid wüsste, konnte man denken, in einer Jugendherberge gelandet zu sein, dank der hellen Möbel und der mit grünen Akzenten ausgestatteten Einrichtung. Hellgrün sind auch die Vorhänge, die gerade die Glasfront des Speisesaals, die sonst einen schönen Ausblick über die Stadt bot, vor meinen Blicken verbergen. Das ist mir nur Recht – ich habe absolut kein Interesse, nachts aus dem Fenster zu blicken, absolut gar kein Interesse …

So normal es auf den ersten Blick wirkt, auf den zweiten Blick bemerkt man, dass hier etwas anders ist, als zum Beispiel einer gewöhnlichen Jugendherberge, nach der es so aussah. Stefanie hatte es bemerkt, als sie sich bemühte, ihren Nusskuchen zu zerteilen und es unbedacht laut aussprach: „Das Messer hier ist ja richtig stumpf, man kann kaum damit schneiden!“ Ich war errötet, doch ein paar der anderen „Insassen“, wie wir uns selbstironisch nannten, hatten sogar gelacht. Natürlich war hier nichts richtig scharf. Wir durften auch, falls wir nachts etwas trinken wollten, keine Gläser oder Tassen mit in die Zimmer nehmen, sondern nur Plastikbecher. Und um sicher zu gehen, dass wir uns nichts antun, haben die Zimmertüren auch keine Schlösser. Privatsphäre ist also eine hübsche Illusion, und auch wenn die Pfleger und Pflegerinnen wirklich freundlich sind, manchmal könnte ich schreien, weil man keine fünf Minuten irgendwo alleine sein kann, ohne …

„Siori! Was machst du denn hier ganz alleine im Dunkeln?“ Das ist auch schon Petra, eine Pflegerin die meistens die Nacht- und Abendschichten übernimmt. Sie ist mir eigentlich sehr sympathisch. Als ich neulich bis spät in die Nacht nicht schlafen konnte, hatte sie mir sogar angeboten, mit ihr raus in die Raucherecke zu kommen, da ich bei meiner Einweisung erwähnt hatte, dass mich ein oder zwei Zigaretten manchmal beruhigten, wenn die Panik zu stark wurde. Natürlich konnte ich auf ihr Angebot nicht eingehen – nach Einbruch der Dunkelheit verließ ich nie die Sicherheit geschlossener Gebäude. Sie ist also sehr nett, und dass sie mich nicht einfach hier entspannt sitzen lässt, ist nur ihre Pflicht.
„Ach, die Dunkelheit macht mir nichts aus. Ich wollte nur nicht mehr in unserem Zimmer bleiben – Sonja telefoniert mal wieder und …“ Ich unterbreche mich, für Telefonate und alles, was laut ist, sind eigentlich die Aufenthaltsräume vorgesehen, und ich will meine Zimmernachbarin nicht anschwärzen, denn eigentlich ist Sonja sehr nett, nur unheimlich redselig, ob mit mir oder mit ihrer Verwandtschaft, mit deren zahllosen Mitgliedern sie zu fast jeder freien Stunde telefoniert, und das in tiefstem Bayrisch.

Zum Glück bemerkt Petra, dass ich mich nicht als Petze aufspielen will, und ignoriert, was ich über Sonja sagte. „Da du ja schon mal hier sitzt, kannst du mir auch helfen, alles für unsere kleine Party vorzubereiten!“, schlägt sie vor. „Naja, ‚Party‘ ist vielleicht zu viel gesagt, aber wir bemühen uns …“ ergänzt sie gleich.
„Kein Problem, das mache ich gerne!“ Ich springe auf. „Und ich bin eh nicht so der Typ für wilde Parties – Musik und leckere Snacks, das reicht schon.“
„Apropos Snacks – sind das die Chips, die du heute Vormittag gekauft hast?“ Sie deutet auf die Tüte geriffelter Chips mit Paprikageschmack, die ich vor mir platziert habe.
„Ja“, ich nicke, will eigentlich keine große Sache daraus machen, bin aber trotzdem stolz. „Sonja und ich sind in Begleitung von … Karl? Kalle? Diesem einen rothaarigen Pfleger eben, gegenüber in den Supermarkt. Das ist das erste Mal seit Wochen, dass ich einen Supermarkt betrete“, gebe ich zu.
Sie lächelt mich aufmunternd an. „Und das noch nicht mal eine Woche seit du hier bist! Das ist wirklich großartig. Du musst dir selbst zugestehen, dass die Zeit hier nun einmal etwas langsamer voran geht, und Schritte, die dir in deinem Alltagsleben nicht der Rede wert wären, hier ein Grund zum Feiern sind.“
Ich nicke nur. Irgendwie will mir das alles noch nicht so richtig in den Kopf. Dass ich jetzt hier bin, und alles. Dass sich jetzt wohl wirklich etwas in meinem Leben ändern wird. Hätte man mich gefragt, wie mein Leben im Herbst aussehen würde, hätte ich auf den immer gleichen stumpfsinnigen Trott aus Traurigkeit, Erschöpfung und bodenloser Panik getippt. Oder darauf, gar nicht mehr am Leben zu sein. Aber nicht darauf, am Abend des 31. Oktobers im Speisesaal eines psychiatrischen Krankenhauses zu stehen und den Raum für eine Halloweenfeier vorzubereiten.

Petra sieht, dass mir nicht nach Reden zu Mute ist, also dekorieren wir stumm. Sie hat eine Kiste mit Dekoartikeln gebracht, die eindeutig schon bessere Tage gesehen haben; die Plastikgirlanden mit den Kürbissen und Fledermäusen stimmen mich nostalgisch. Während wir arbeiten kommen langsam auch andere Betreuer und Patienten in den Raum und bringen Schmuck sowie Snacks – selbstgebacken und selbstgekauft. Ich weiß, dass es eine Gruppe gibt, die nachmittags regelmäßig gemeinsam kocht: die schleppt gerade einen riesigen Topf Kürbissuppe herbei. Der ebenfalls gigantische Kürbis, der dafür seine Innereien lassen musste, wird auf einer feuerfesten Unterlage platziert, damit man gefahrlos eine Kerze in seinem Innern flackern lassen kann. Der rothaarige Pfleger, dessen Namen mir vorhin schon entfallen war, setzt sich direkt daneben hin. Wahrscheinlich darf er uns auch nicht unbeaufsichtigt zu nahe an eine offene Flamme herankommen lasse. An solchen kleinen Dingen bemerke ich, dass das keine gewöhnliche Feier ist, ansonsten könnten wir uns gerade überall befinden.

Schließlich ist alles aufgebaut, die letzten noch fehlenden Patienten und Patientinnen werden aus ihren Zimmern geholt. Sonja, ihr stetiges Handy in der Hand, gesellt sich zu mir. Wir kennen uns erst seit ein paar Tagen, doch hier verbindet man sich schnell. Alle haben sich locker um den großen Tisch gestellt und gesetzt und Petra setzt an, eine Ansprache zu halten, da springt der Rothaarige auf. „Ich mache noch schnell die Vorhänge auf – so ein nächtlicher Ausblick über die Stadt passt ja perfekt zu einer Halloweenparty!“

Ich schließe die Augen und stolpere gegen die Wand, als ich ruckartig einen Schritt nach hinten trete. Doch es ist zu spät. Viel zu nah vor dem Fenster scheint die bleiche und spitzkantige Mondsichel zu schweben, und viel zu klar ist es das Gesicht des Pflegers, das vom so verhassten blassen Licht beschienen wird.
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