Dekonstruktion einer perfekten Liebe/Illusion

GeschichteRomanze, Angst / P12
Delenn John Sheridan Lennier
29.10.2018
14.11.2018
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Die Inneren Mechanismen meines Geistes

Wann hatte die Ahnung zum ersten Mal am Rande meines Bewusstseins gelauert?

Es war so viel geschehen damals. Während John und ich nebeneinander die Schlacht gegen die Dunkelheit führten war dieses Gefühl viel zu unbedeutend angesichts des Krieges gewesen, um es zu beachten.

War es, als ich lächelnd und naiv wie ein Kind seine Arbeit bestaunte und mit seiner Sprache herumspielte, und mich über sein Lächeln als Belohnung freute?

War es, als er grinsend sagte ,,Ich habe nichts gegen Alienrituale, besonders nicht bei einer so schönen Frau wie dir“? Für einen winzigen Moment fühlte ich damals etwas aufblitzen. Wut darüber, unsere jahrtausendealte Kultur, das was uns ausmacht, zu ,,Alienritualen“ zusammengefasst zu hören und das unangenehme Gefühl, nicht ich als Person sondern einfach nur die Tatsache das ich ,,so eine schöne Frau“ war wäre der Grund, sich überhaupt darauf einzulassen. Sagte ich damals nichts, weil ich ihn immer noch glauben lassen musste, nur eine naive Menschenfrau zu sein, um ihn als Verbündeten für meine Ziele zu haben? Doch waren wir uns nicht eigentlich schon viel zu nah, um dass das noch nötig gewesen wäre? Oder sagte ich nichts, weil ich wusste, dass ihm mit all seiner Einfachheit und fröhlichen Energie schlicht und einfach nicht bewusst war wie tief mich sein vermeintliches Kompliment traf? Und das Gefühl verschwand sofort wieder. Er respektierte mich und meine Kultur schließlich. Unsere Liebe überwand schließlich die ehemalige Feindschaft zwischen unseren Völkern, sie war so ein wichtiges politisches Symbol. Er war doch die Liebe meines Lebens.



Oder damals, als mein Clan mich in das Träumen schickte? Sie wollten mir helfen, meine Motivationen zu verstehen, sagte Callenn. Sie müssten herausfinden, ob es wirklich der Ruf meines Herzens war oder etwas anderes. Etwas anderes, das mir vielleicht nicht einmal bewusst wäre. Ich dachte nicht im geringsten daran, Callenn mit seiner selbstbeweiräuchernden Tonlage könne die Wahrheit sprechen.

Wie ähnlich mein früheres Ich Lennier war. Wir waren beide so schüchtern und unsicher, unser Blick auf den Boden gerichtet, ja, wir redeten sogar ähnlich, vor jedem Wort leicht stockend. Beinah als wäre er mein Spiegelbild. Für einen Moment glaubte ich, er könne alles an mir verstehen, selbst meinen schrecklichen Fehler. Es war so tröstlich, tröstlich und töricht, und doch, seltsamerweise, beinah bedrohlich.

Und er verstand es tatsächlich. Er gestand mir nicht weinend, mich nun nicht mehr ansehen zu können ohne an das Monster zu denken dass ich tatsächlich war. Er starrte nur in Gedanken verloren an mir vorbei. Er konnte mir nicht tatsächlich verziehen haben. Nicht wirklich. Und so antwortete ich mit der Wahrheit, und beschrieb die schreckliche, allesumfassende Wut, die mich in dem Moment ausgefüllt hatte, halb um mich zu rechtfertigen, halb weil ich es nicht glauben wollte. Ja, ich war die Frau, die beinah die Menschheit ausgelöscht hatte.

,,Es war nicht deine Schuld“, versuchte er mich sogar noch zu trösten. Oder vielleicht auch einfach nur, sich selbst davor zu schützen, wirklich sehen zu müssen, dass seine beste Freundin und Mentorin eine Massenmörderin und Kriegsverbrecherin war.

Ich ließ es nicht zu. Ich war die, die den entscheidenden Befehl gegeben hatte. Das Träumen zeigte es mir mit eine Wahrheit, die keine Flucht, keine andere Möglichkeit offenließ. Wie hatte ich jemals nicht daran denken können, womit hatte ich es verdient, so oft in der Vergangenheit diese Schuld nicht einmal mehr gespürt zu haben?

Und das Träumen zeigte mir diese Schuld, so brutal klar wie alles andere.

,,Ein Moment der Rage.“, meine eigene Stimme klang weit entfernt. ,,Ich habe die letzen zehn Jahre meines Lebens damit verbracht, zu versuchen, es auszusöhnen.“

,,Darum willst du eins mit Sheridan werden.“, und Lenniers Stimme war nur eine Fortführung der schrecklichen Wahrheit.

Verrat. Nun hatte er mich doch verraten.

Ich hörte mich selbst aufkeuchen, wirbelte herum, um sein Gesicht zu sehen, doch es war nur ausdruckslos und nachdenklich wie immer.

,,Du trauerst immer noch wegen deiner Taten“, ich wollte das nicht hören, doch er fuhr trotzdem fort, ,,fühlst dich immer noch schuldig wegen dem Tod so vieler Menschen,  versuchst Buße zu tun für deinen Fehler.“

,,Du kannst das nicht wirklich glauben!“, fuhr ich ihn an. Meine eigene Stimme klang panisch in meinen Ohren.

Schreckliche, schreckliche Wahrheit. Das konnte, durfte nicht der Grund für meine Liebe zu Sheridan sein. Nein, das war es nicht. Ich liebte ihn doch aufrichtig. Nicht als Buße für all die Leben, die ich ausgelöscht hatte. Es war nicht wahr.

,,Nicht nachdem wir so viel gemeinsam durchgestanden haben! Du hast es gesehen!“

,,Ja, habe ich.“, sagte er endlich, ,,Und nein, ich glaube es nicht.“

Natürlich nicht. Es konnte nicht wahr sein.

,,Aber wir können nicht über das Träumen lügen. Und wenn wir ihnen erzählen, dass das Träumen uns das gezeigt hat, ist es das was sie sagen werden und was sie glauben.“

Ich schaffte es wieder normal zu atmen. Irgendwie hatte ich bis jetzt nicht einmal mitbekommen das ich keine Luft mehr bekam.

Also hatte uns das Träumen nur gewarnt, wie mein Clan versuchen könnte, meine Beziehung mit John für unrecht zu erklären. Aber warum war da nicht mehr? Ich brauchte mehr.

Danach verschwendete ich nicht einmal einen Gedanken daran, es könne der Grund sein. Doch etwas in mir stach auf, und es war mehr als nur das Gefühl von Verrat. Wie hatte Lennier auch nur für einen Moment daran zweifeln können? Unsere Liebe war perfekt.



Nur wenige Tage nach meinem Besuch bei meinem Clan suchte ich John in seinem Büro auf.

,,Du wolltest mich sprechen, weil du meinen Rat bei den Hyach-Verträgen brauchst?“, sagte ich mit einem Lächeln dass zeigte, wie wenig das tatsächlich der Grund war, wie wir beide wussten.

Wie gerne wäre ich für ein paar Stunden mit ihm alleine gewesen, ohne die Verpflichtung, all diese Wesen zu beschützen.

John saß an seinem Schreibtisch, und legte eine gigantische Orange aus der Hand, um mir die Blätter zu überreichen. Ich streichelte ihm durchs Haar, las die Verträge durch und korrigierte die Fehler, die er in seinem politischen Unwissen gemacht hatte, doch die Orange zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie war so groß wie Johns Kopf.

,,Nein, zu dieser Gruppierung nimmt man nur inoffiziell Kontakt auf, sonst weckt man den Zorn der gesamten Regierung. Das ist ein weitverbreiteter Fehler.“, erklärte ich, und dann zur Orange: ,,Was ist das?“

,,Sie ist erstaunlich, oder?“, seine Augen leuchteten und seine Stimme war voller Begeisterung. Er fuhr fort, die Schale abzupulen und betrachtete das Innere fasziniert. Auch es sah aus wie eine normale Orange, abgesehen von der etwas gelblicheren Färbung – und davon, dass ein Stück die Länge seiner Hand hatte und mehr als halb so breit war.

,,Das ist eine Pomelo. Wir haben grade eine zwei-Tonnen-Lieferung von einem der abtrünnigen Händler erhalten, er musste sie möglichst unauffällig los werden.“

Ich konnte nicht anders, als mitzulächeln. Es erfüllte mich mit Wärme, wie sehr er sich selbst über solche Kleinigkeiten wie eine Frucht-Lieferung freuen konnte, selbst in Zeiten wie diesen.

Doch dann erschien es mir plötzlich, als hätte sich irgendetwas leicht, nur ganz leicht, in der Realität verschoben. Und es kam mir vor als wäre es mehr als nur Anspannung nach all den Krisen. Plötzlich schien es mir, als fehlte mir etwas, was ich seit Jeffrey Sinclair nicht mehr gehabt hatte.

Ich sehnte mich danach, mit Susan über meine Anspannung und meine Sorgen zu reden, wenn unsere Gespräche ausnahmsweise tiefer gingen und wir es wagten, unser Inneres zu offenbaren.

Dann lachte John auf, und das Gefühl verblich. Er hatte die Pomelo inzwischen zur Hälfte geschält und betrachtete sie grinsend und kopfschüttelnd. Schließlich jedoch riss er ein Stück heraus – es sah wirklich absurd aus, wie gigantisch diese seltsame Erdenfrucht war – und sein Blick wurde skeptisch.

,,Hast du nicht auch das Gefühl, plötzlich – ganz klein zu sein?“, er betrachtete die Riesenorange leicht verstört, ,,Als wärst du geschrumpft, und eine Orange wäre plötzlich riesengroß?“

,,Nein.“, ich langte nach dem Stück Pomelo, ,,Es schmeckt… interessant.“

Er nahm ebenfalls einen Bissen, und betrachtete das Stück misstrauisch. Obwohl wir beide gekostet hatten, fehlte nicht einmal ein Viertel davon: ,,Ich fühle mich wie ein Zwerg… Wie Guliver im Land der Riesen!“

An die Geschichte erinnerte ich mich, ich hatte von ihr gehört als ich aus reiner Neugierde und später echter Faszination begonnen hatte, Werke der menschlichen Kunst zu lesen, zu hören oder mir anzusehen.

,,Kann ich auch einmal?“, ich nahm die Pomelo. Sie wog ihrer Größe entsprechend, und meine Hände sahen lächerlich winzig aus unter dieser überdimensionierten Frucht, doch dabei glich ihre Schale, ihr Innerstes und sogar die weißen Fäden um das Fruchtfleisch so grotesk einer Orange.

Plötzlich verstand ich, was John gemeint hatte.

,,Ich… fühle mich nun auch geschrumpft. Hier. Du kannst sie wieder haben!“

,,Herrlich…“, er wiegte die Frucht kopfschüttelnd und vergnügt grinsend in den Händen hin und her. Noch in dem privaten diplomatischen Gespräch danach stieg bei der Erinnerung an meinen Geliebten, wie er sich so sehr über eine simple Frucht freute, Wärme in meinem Herzen auf, und ich musste mir ein Lachen verkneifen, wenn ich an das Gespräch, sich geschrumpft zu fühlen denken musste.



Doch im Bürgerkrieg dachte ich nicht mehr an John, sobald ich den Sharlin-Kreuzer betrat, hatte keine Zeit an ihn zu denken. Im Shuttelhangar fragte ich mich noch, wie Susan es aushalten würde, noch eine Person zu verlieren, die ihr nahestand, wenn ich mich opfern würde. Und mein Volk. Nicht darüber nachdenken in welcher Lage sie waren. Nicht an die Orte die ich als Kind bestaunt hatte und die jetzt nur noch Trümmer und Erinnerungen waren. Nicht an die Zukunft. Nur an die Pläne, die ich durchführen müsste, und nicht an meine gesamte Kultur, Gesellschaft, den Frieden und das Zusammenspiel der drei Kasten, was ich so töricht als unvergänglich aufgefasst hatte. Ich dachte an die Vergangenheit, die Neroon und ich einst gehabt hatten und vertrieb diese Erinnerung, um mich ganz darauf zu konzentrieren, ihn in meinen Plan einzubeziehen. Ich dachte an Lennier, der sich erneut aufgeopfert hatte und daran, was aus ihm werden würde ohne mich. Hätte er mein Volk an meiner statt anführen und in eine Zeit des Wandels leiten können?

Und in dem, was ich für meine letzen Momente hielt, als ich im Kreis des Sternenfeuers langsam verbrannte, blickte ich in sein Gesicht und sah sein stummes Entsetzen. Es tut mir leid, dich so zurück zu lassen, mit dieser Bürde, Lennier. Doch du bist die einzige Person die ich mir dafür vorstellen kann. Dann sprach ich zum meinem Volk, hob die Arme und dachte nur noch an die Zukunft, die ich für die Minbari geschaffen hatte und wohin meine Seele nun gelangen würde.

Stattdessen starb Neroon für mich.

Irgendwann später kehrte ich nach Babylon 5 zurück, und John schloss mich in die Arme und sagte mir, wie sehr er mich vermisst hätte und was für Sorgen er sich gemacht hätte, und dass ich mich freuen sollte, denn ich hätte gewonnen. Doch ich fühlte mich nicht glücklich. Wie seltsam, wie sehr es mich mitnahm. Es war doch endlich Frieden (doch was bedeutete das angesichts allem was zerstört worden war?).

,,Er ist dein Feind. Er verdient es nicht, dass du um ihn trauerst!“, meinte John.

Ich erzählte ihm erst gar nicht, dass er einst mein erster Gefährte gewesen war, und wie sehr er mir wirklich fehlte, obwohl wir die letzten zehn Jahre nur Feinde gewesen waren.

Doch er hatte mich mein ganzes Leben lang begleitet. Es war eine feststehende Konstante in meiner Kindheit und meiner Jugend gewesen, dass Neroon aus der Kriegerkaste alle paar Wochen vorbeikam, und ich hatte es damals nie hinterfragt oder auch nur herauszufinden versucht, warum er meinen Clan denn überhaupt besuchte. Er war mein Freund gewesen, beinah so etwas wie mein Geliebter oder wie man das nennen konnte, was zwischen uns gewesen war, Verbündeter im Erd-Minbari-Krieg, und schließlich mein Erzfeind. Aber er war immer da gewesen. Ich konnte es nicht begreifen, wie er jetzt plötzlich nur noch Asche im Felsentempel von Varenni sein konnte.



Da war keine Zeit zu zweifeln, als wir gegen das diktatorische Regiem der Erd-Alianz in den Krieg zogen. Ich hatte Schlachtpläne auszuarbeiten und Verbündete zu suchen, da durfte ich mich nicht in so etwas unwichtigem wie diesem Zweifel verlieren. Und auch nicht in der winzigen Unsicherheit, wie wir uns verhalten sollten, und der Art, wie wir beide plötzlich vor Nähe scheuten zwischen mir und meinem treuen Attaché, engsten Vertrauten, die ich trotz allem doch spürte, auch wenn ich es verdrängte.









A/N: Ich hoffe die nacherzählten Teile sind nicht zu langweilig wenn man die Serie kennt.
Und ich liebe die Pomelo-Szene. Sie ist so eine gute Zusammenfassung von Delenns und Sheridans Beziehung, im guten wie im schlechten.
Der Teil über Neroon: Am Anfang habe ich die beiden noch nicht einmal geshippt, doch dann haben mich andere darauf aufmerksam gemacht, und seit dem kommt es mir immer vor als hätten die beiden eine gemeinsame Vergangenheit.