Weiße Chrysanthemen, lila Lavendel.

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
29.10.2018
22.04.2019
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Kapitel 27

Tonks lächelte, als sie durch das Dorf spazierte. Er liebt mich. Sie konnte es kaum fassen, dass Severus diese Worte tatsächlich zu ihr gesagt hatte. Er liebt mich. Ihr Herz schlug ihr immer noch bis in den Hals, als sie die Szene vor ihrem inneren Auge revue passieren ließ.

Ein kleiner Stich zuckte jedoch durch ihre Brust, als sie daran dachte, wie er sie angesehen hatte. Das hat noch nie jemand gesagt, hatte er ihr gestanden. Niemand.

Tonks konnte sich gar nicht vorstellen, wie es sein musste, so aufzuwachsen. Keine Mutter, kein Vater, die einem sagten, dass man geliebt wurde. Severus war ihr immer kalt und distanziert, beinahe unfähig, tiefe Gefühle für jemanden zu entwickeln, erschienen. Doch was, wenn er es einfach nie gelernt hatte? Hatte er überhaupt jemals eine echte Beziehung gehabt? Eine Person, der er diese Worte sagen wollte, bevor sie – Dora – gekommen war?

Dieser Gedanke daran, wie wertvoll und besonders diese Worte aus Severus‘ Mund tatsächlich waren, ließen Tonks‘ Schritte sprunghaft und federnd werden. Ihre rosaroten Locken sprangen leicht auf und ab, während sie ihren Rundgang durch Hogsmeade zufrieden beendete. Alles war ruhig, die Sonne schien und der Frühling hatte Schottland mittlerweile fest im Griff.

Tonks öffnete die Tür zu den Drei Besen und nickte Madam Rosmerta zu, bevor sie sich neben ihren Kollegen Joe Franklin setzte. „Alles ruhig“, eröffnete sie ihm, winkte der Wirtin zu und wartete, bis diese ein schäumendes Butterbier vor ihr abstellte.

Franklin nickte. „Ist es etwa schon so weit?“ Er warf mit gerunzelter Stirn einen Blick auf seine Uhr und stöhnte. „Ich dachte nicht, dass es schon vier Uhr ist.“

„Doch, doch, ich würde dich doch nie frühzeitig in den Dienst holen“, antwortete Tonks mit einem Zwinkern und nahm einen Schluck. „Also ab mit dir. Deine Schicht beginnt in…“ Sie blickte ebenfalls auf seine Armbanduhr, überprüfte den Sekundenzeiger und grinste. „… zweiunddreißig Sekunden.“

„Verdammte Hexe…“, murmelte Franklin, als er aufstand und das Wirtshaus verließ.

„Das hab ich gehört!“, rief Tonks ihm nach, ehe sie leicht kichernd den Kopf schüttelte. Seit während Franklins Dienst im Herbst Katie Bell verflucht worden war, hatte sich seine Arbeitsmoral scharf gewendet, und selbst wenn er immer noch stöhnend und jammernd seine Schichten begann, nahm er sie mittlerweile mehr als nur ernst.

Tonks trank in aller Ruhe ihr Butterbier, während sie die Gedanken kreisen ließ. Sie hatte Feierabend für heute, und morgen würde sie vor Mittag bestimmt nicht zum Dienst gerufen werden. Und plötzlich wusste sie, dass sie den Abend nicht hier in Schottland verbringen wollte.

Eine Stunde später stand Tonks in der Winkelgasse und blickte mit leuchtenden Augen zu dem strahlend weißen Gebäude vor ihr. Ihre Haare hatte sie zu einem schwarzen, stacheligen Kurzhaarschnitt gestylt, um nicht ganz so aus der Menge hervorzustechen. Bevor sie in die Winkelgasse gekommen war, war sie jedoch noch in ihre Wohnung in London appariert und hatte sich dort umgezogen. Für die Art von Kleidung, die sie nun trug, hatte sie nämlich in Hogsmeade keinerlei Bedarf gehabt. Doch nun genoss sie das Gefühl des leichten Luftzuges, der um ihre Knie wehte. Ihre dünne lila Strumpfhose war für die warmen Frühlingstemperaturen in London wie gemacht. Darüber trug sie einen kurzen schwarzen Faltenrock und eine dunkelviolette Bluse, sowie schwarze Stiefeletten, die bis knapp über die Knöchel geschnürt waren. Tonks fühlte sich so wohl sie schon lange nicht mehr.

Sie warf gerade einen Blick in das Schaufenster des Besenladens, der dem großen weißen Gebäude vor ihr am nächsten war, als seine weiche Stimme sie aus ihren Gedanken riss. „Tonks? Bist du das?“

Sie drehte sich um und strahlte ihn an. „Bill! Es ist so schön, dich zu sehen!“ Sie breitete die Arme aus, und nach einem kurzen Moment, in dem sich Verwirrung, Zögern und dann Freude auf seinem Gesicht ausbreiten, öffneten sich auch seine Arme und sie warf sich mit einem erleichterten Seufzen hinein.

„Was machst du denn hier?“, fragte er, und trotz der immer noch vorherrschenden Verwirrung klang er auch erleichtert. „Du siehst gut aus, wirklich gut.“

Sie löste sich von ihm und grinste. „Es geht mir auch viel besser, danke.“ Sie bemerkte, dass seine Haare noch ein wenig länger geworden waren. Über das letzte Jahr hatte Tonks an fast keinem Ordenstreffen teilgenommen und so kaum Kontakt zu den anderen Leuten gehabt. Erst jetzt, als sie in Bills dunkle Augen blickte, wurde ihr wirklich bewusst, wie sehr sie auch ihn vermisst hatte. „Wollen wir vielleicht was essen gehen, und danach in eine Bar oder so?“

Bill lachte. „Wow, bist du heute spontan unterwegs. Klar, warum nicht?“ Er kratzte sich verlegen am Kopf. „Ich muss nur Fleur anrufen und ihr Bescheid sagen, dass ich heute erst spät heimkomme.“

Tonks blinzelte. „Natürlich, Fleur! Wie läuft es denn mit euch? Sie wird doch nicht eifersüchtig sein, oder?“

„Hoffentlich nicht…“ Bill seufzte, bot Tonks seinen Arm an, und als sie sich eingehackt hatte, gingen die beiden zusammen die Straße hinunter. „Es läuft gut zwischen uns. Wir verstehen uns wirklich gut, nur… naja, sie und meine Mutter…“

Tonks biss sich auf die Lippe. „Es ist also immer noch nicht besser mit den beiden?“

„Gott, nein. Es ist schrecklich. Mum verabscheut sie, und Fleur… Naja, du weißt ja. Sie ist in einer etwas… vornehmeren Familie aufgewachsen. Die beiden ecken oft an, wenn es um Hausarbeit oder ähnliches geht…“

Tonks schmiegte sich an Bills Arm. Er trug ein einfaches weißes Hemd, unter dem man seine Muskeln recht gut spürte, doch im Gegensatz zu früher brachte das ihr Herz nicht dazu, schneller zu klopfen. Stattdessen erfüllte sie seine Nähe mit einer wohligen Wärme, die so gänzlich unkompliziert war, dass sich ihr kompletter Körper leicht anfühlte.

„Hast du Lust auf Curry?“, fragte er nach einiger Zeit.

Tonks nickte begeistert. „Klingt super! Versteh mich nicht falsch, ich bin Aberforth unglaublich dankbar dafür, dass er mich seit September durchfüttert, aber es ist eben immer Haushaltskost. Eintöpfe, Pies, Würste mit Bohnen… Ich vermisse exotisches Essen. Curry, Sushi, Pizza…“

Bill prustete los. „Wenn du Pizza als exotisch bezeichnest, ist es wirklich höchste Zeit, dass du mal etwas Anständiges zu Essen bekommst.“

Nachdem sie die Winkelgasse verlassen hatten, blieb Bill bald an einer Telefonzelle stehen, warf etwas Muggelgeld in den Münzschlitz ein und rief seine Verlobte an. Tonks hielt etwas Abstand zu der Telefonzelle, während er Fleur die Situation erklärte, schloss die Augen und ließ sich die Abendsonne auf sein Gesicht scheinen. Wie es wohl wäre, Severus‘ Verlobte zu sein… Sie fuhr sich mit der rechten Hand über den linken Ringfinger und stellte sich vor, dort einen dünnen Ring aus Silber zu fühlen. Eine Gänsehaut breite sich auf ihren Armen aus.

Er liebt mich…

„Können wir los?“, riss Bills Stimme sie aus ihren Gedanken, und Tonks schnappte leise nach Luft. Sie war wirklich komplett in ihren Fantasien versunken gewesen, und jetzt fühlte sie, wie ihre Wangen rot wurden.

„K-klar!“, stammelte sie und ging los. „Kennst du in der Nähe einen guten Inder?“

Bill warf ihr einen forschenden Blick zu, sprach sie aber nicht auf ihre merkwürdige Reaktion an, sondern ging einfach los. Während des Essens, bei dem Tonks sich eine zu große Portion zu scharfen Currys bestellte, erzählte er ihr von den Hochzeitsvorbereitungen, Fred und Georges Scherzartikelladen, Rons – mittlerweile – Exfreundin, Ginnys Ambitionen, Quidditch zu ihrem Beruf zu machen, und Charlies Erfolgen in Rumänien.

„Schreib ihm doch mal“, sagte er, als sie nebeneinander das Restaurant verließen. „Er fragt oft nach dir. Sag’s Mum nicht, aber es gibt Neuigkeiten auf der Beziehungsfront, die er dir sicher gerne erzählen würde.“

Tonks machte große Augen. „Er hat eine neue Freundin?“, fragte sie überrascht. Soweit sie wusste, hatte Charlie seit der Geschichte mit ihr keine weitere Beziehung gehabt.

Bill lächelte, wich ihrem Blick aus und wiegte den Kopf hin und her. „Nicht direkt. Aber das erzählt er dir wohl besser selbst…“

Tonks nahm sich fest vor, Charlie zu schreiben, doch momentan konnte sie nicht anders, als über ihr eigenes Liebesglück lächeln. Er liebt mich. Und ich liebe ihn.

Als Tonks und Bill etwas später an diesem Abend über ihrem dritten Ale saßen, schien Bill es schließlich nicht mehr auszuhalten. Den ganzen Abend über hatte er ihr forschende Blicke zugeworfen, und jetzt war es schließlich so weit, dass er sie direkt darauf ansprach. „Und wer hat dir so den Kopf verdreht? So strahlend hab ich dich nicht mehr gesehen, seit…“ Er dachte nach. „Naja. Seit Charlie.“

Tonks spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „I-ich…“ Sie überlegte kurz, alles abzustreiten, doch im selben Moment war ihr auch schon bewusst, dass es nichts bringen würde. Mit einem ergebenen Lächeln zuckte sie mit den Schultern. „Das ist kompliziert.“

„Ach, komm schon.“ Er beugte sich etwas vor. „Es ist Remus Lupin, oder?“

„Was?!“ Erschrocken blickte Tonks ihn an. „Wie kommst du auf Remus?“

Er zuckte grinsend mit den Schultern. „Mum hat schon an Weihnachten so etwas angedeutet“, erklärte er dann. „Und, naja, es würde passen. Also?“

Es war, als hätte jemand einen Eisklotz in Tonks‘ Magen platziert. Mit leicht zitternder Hand hob sie ihr Ale und nahm einen tiefen Zug. „Es ist kompliziert. Er hat schon damit zu tun, aber…“ Sie wusste nicht weiter.

Bills Grinsen verblasste. „Du musst nicht darüber reden“, sagte er schnell. „Wie wär’s, wenn wir tanzen gehen, hm?“

Tonks nickte dankbar, nahm seine Hand und ließ sich von Bill hochziehen. Und so kam es, dass die beiden zusammen in der kleinen düsteren Bar zu den Klängen der neuesten Muggelmusik tanzten, ein einsames Paar auf der kleinen Tanzfläche, beide lachend, beide verdrängend, dass ein Krieg Großbritannien in seinen Klauen hielt. Tonks blickte in Bills braune Augen, die so warm waren und ihr so viel Geborgenheit und Sicherheit gaben. Sie dachte an Severus, an seine Arme, an seine Worte – ich liebe dich – und schob die Gedanken an Remus beiseite. Heute wollte sie nicht an ihn denken, wollte kein schlechtes Gewissen haben. Diese Nacht gehörte ihr, ihrer Verliebtheit, ihrer Freundschaft mit Bill und ihrem Willen, zu leben.

Sie ließ sich von Bill herumwirbeln und lachte und genoss es, dass Bill ebenfalls lachte. Und niemals hätte sie zu träumen gewagt, dass sie Bill das nächste Mal sehen würde, wenn sie beide zusammen durch Hogwarts schlichen, um nach Todessern Ausschau zu halten, und dass Bills Lachen danach nie mehr gleich aussehen würde wie jetzt.





~*~*~


Jetzt ist es also soweit – der Auftakt zum Finale des zweiten Teils. Die nächsten 2 Kapitel werden sich mit den Ereignissen rund um die Schlacht am Astronomieturm drehen. Ich bin gespannt, was ihr dann davon haltet.

Fürs erste aber: ich liebe die Freundschaft (und auch Geschichten mit einer aktuellen oder vergangenen Beziehung) zwischen Tonks, Bill und/oder Charlie. Die drei sind echt tolle Charaktere, und ich hoffe, dass ich ihnen in meiner Geschichte gerecht werden kann, auch wenn es eher ein Nebenhandlungsstrang ist.

Das nächste Update kommt nächsten Montag raus! Lasst mir doch bitte einen Kommentar da, ich freue mich über jeden einzelnen (und zwar gaaaanz fest, auch wenn ich im Moment echt nachlässig damit bin, zu antworten!). Bis dann!
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