Neglected

von Murica
GeschichteDrama, Familie / P12
OC (Own Character) Sophie Koch
28.10.2018
08.09.2019
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Ich riss alles, was ich besaß, aus dem Holzschrank und stopfte es in die Sporttasche. Ich blinzelte die Tränen weg und unterdrückte den Drang zu schreien. Sobald auch das letzte Stück in der Tasche gelandet war, knallte ich die Schranktür zu und sah mich in meinem Zimmer um.
Mein Zimmer. Das war es nicht mehr. Eigentlich war es das nie gewesen. Ich hatte das schon gewusst, als ich hier angekommen war. Tief in mir drin wusste ich es. Noch nie hatte ich Glück gehabt. Nie hatte eine Familie beschlossen, mich wirklich zu behalten. Als sei ich ein Gegenstand, den man hin- und herschieben konnte.
Ich setzte mich auf die Fensterbank und starrte auf den Garten, wie ich es in den letzten Wochen oft getan hatte. Die Sonne schien und passte so gar nicht zu meiner Laune. Immerhin musste ich gleich nicht im Regen stehen.
Alles wirkte so friedlich. Ich dachte wirklich, ich könnte mich daran gewöhnen, hier zu leben. Und ich hatte gedacht, es lief ganz gut. Falsch gedacht – wie immer. Wieso hoffte ich überhaupt noch? Ich hatte mir geschworen, nie wieder irgendjemandem zu vertrauen, ganz bestimmt nicht meinen Pflegeeltern. Das hatte einen guten Grund. Und trotzdem hoffte ich jedes Mal aufs Neue, dass sie doch anders waren.
Wieder war meine Hoffnung in Luft aufgelöst worden. In wenigen Minuten würde Frau Peters´ schwarzer Porsche vor der Einfahrt halten und mich irgendwohin bringen. Ich wusste nicht einmal, wohin ich als Nächstes kam, aber ich fragte auch nicht mehr. Es interessierte mich nicht mehr. Ich hatte nicht einmal einen Einfluss darauf. Selbst wenn ich es wusste und nicht wollte, würden sie mich trotzdem dorthin bringen.
Ich hasste es. Wann war ich endlich alt genug, selbst entscheiden zu können? Ich kam  von einem Heim ins nächste, von einer Pflegefamilie zur nächsten. Konnten sie nicht verstehen, dass ich das nicht mehr wollte? Und wenn das hieß, dass ich in einem Heim bleiben musste, bis ich volljährig war, sollte das so sein.
Zwei Jahre noch, dann konnte ich eh machen, was ich wollte. In den zwei Jahren wollte ich nicht mehr von einem Haus zum nächsten ziehen, nur um dann doch wieder rausgeschmissen zu werden.
„Bis du fertig?“, hörte ich Sabine von unten rufen.
Wut stieg in mir auf. Ich sprang auf, nahm meine Tasche und stürmte die Treppe runter. „Du kannst es wohl gar nicht erwarten, mich endlich loszuwerden.“
„Ach Lou, es hat nichts mit dir zu tun, du bist-“
Ich musste mir Mühe geben, ihr nicht eine runterzuhauen. „Weißt du was? Fick dich, Sabine!“
Mit den Worten ließ ich sie im Flur stehen und verließ ihr Haus. Was sie sagte, hörte ich jedes Mal.
Das hat nichts mit dir zu tun, du bist ein wundervolles Mädchen.
Es passt einfach nicht.
Wir wünschen dir alles Gute für die Zukunft.
Hoffentlich findest du eine Familie, in die du besser passt.

Ich stampfte mit meinem Fuß auf den Boden, kickte einen Stein vom Fußweg weg. Ich hasste Menschen und ihre Lügen. Was sie sagten, meinten sie nicht, es war alles nur Fassade. Sie kamen nicht mit mir klar und anstatt es zu ändern, gaben sie auf. Es tat ihnen kein bisschen leid, sonst hätten sie mich gar nicht erst aufgenommen!
Ich schmiss meine Tasche auf den Boden und setzte mich darauf, die Arme vor der Brust verschränkt. Schon wieder wartete ich hier. Ich konnte es nicht fassen. Seit einer Weile hatte ich aufgehört zu zählen, in wie vielen Pflegefamilien ich inzwischen schon gewesen war, aber dieses Jahr mussten es alleine schon mindestens drei gewesen sein. Dabei war es erst April. Normalerweise hielten sie es zumindest zwei Monate mit mir aus. Was war daraus geworden?
Ich hörte ein Auto und sah auf, doch es war nicht der schwarze Porsche von Frau Peters. Ich seufzte und sah zum Himmel. Müsste ich heute nicht umziehen wäre ich bestimmt irgendwo draußen gewesen. Ich liebte es, in der Sonne zu joggen. Ich rannte und rannte, bis meine Lungen brannten und zu explodieren drohten. Das war der Schmerz, den ich brauchte, um alles andere zu vergessen.
Wieder seufzte ich, als das Auto plötzlich vor mir zum Stehen kam. Eine blonde Frau stieg aus. Misstrauisch musterte ich sie. Sie kam auf mich zu. „Bist du Lou?“
Ich nickte nur.
Sie lächelte freundlich und hielt mir die Hand hin. „Ich bin Sophie Koch, deine neue Sozialarbeiterin.“
Ich sprang auf, ohne ihre Begrüßung anzunehmen „Was? Wo ist Frau Peters?“
Frau Kochs Gesichtsausdruck veränderte sich. Ihr Lächeln verschwand. „Hat man dir gar nichts erzählt?“
Es war, als würde mir der Boden unter meinen Füßen weggerissen werden. Sie auch? Ich hasste Frau Peters bis auf den Tod, aber sie war immer da gewesen. Sie war die letzte Konstante, die ich noch hatte und jetzt hatte sie mich auch verlassen? Ich bemühte mich, die Fassung wiederzuerlangen und schüttelte den Kopf. „Egal, bringen wir es hinter uns.“ Ich nahm meine Sporttasche.
„Ich erklär dir im Auto alles. Die Tasche kannst du in den Kofferraum tun.“ Wieder lächelte sie. Wer war die Frau? Das war ja abstoßend. „Ich weiß, wie ein Auto funktioniert, vielen Dank.“
Ohne sie noch einmal anzusehen warf ich die Tasche in den Kofferraum und setzte mich auf den Beifahrersitz.
Ein letztes Mal betrachtete ich das Haus, in dem ich für eine Weile gelebt hatte. Es sah so friedlich aus. Ich glaubte, dass ich mich daran hätte gewöhnen können. Nein, das sollte ich nicht. Auch in den nächsten beiden Jahren würde ich keine Pflegefamilie finden, die mich dauerhaft aufnehmen würde. Ich zwang mich, den Blick abzuwenden, als mir auffiel, dass Frau Koch mich musterte.
„Hast du dich verabschiedet?“
Ich dachte an meine letzten Worte, die ich Sabine zugeworfen hatte, und ein Gefühl der Genugtuung durchströmte mich und ich musste grinsen. „Ja.“
„Brauchst du vielleicht noch einen Moment?“ Ihre Mine war mitfühlend, als würde sie sich wirklich um mich sorgen.
Ich verdrehte die Augen. „Machen Sie kein Drama draus, ich war hier nur ein paar Wochen.“
Noch immer sah sie mich mit diesem Blick an, von dem ich kotzen könnte. „Du kannst ruhig Sophie zu mir sagen.“
Ich lehnte so weit zurück, wie ich konnte. „Okay, Sophie, wollen Sie dann nicht endlich losfahren?“ Ich vermied es, sie noch einmal anzusehen, doch das Auto setzte sich in Bewegung. Ich starrte wieder aus dem Fenster.

Plötzlich trafen mich meine Gedanken mit voller Wucht. Frau Peters hatte mich verlassen. Sie hatte mich einfach im Stich gelassen. Ganze sechzehn Jahre war sie da gewesen, wenn ich jemanden zum Reden brauchte. Sie hatte mich aus meinen schlechten Pflegefamilien geholt und kam zu mir ins Heim, wenn ich sie darum gebeten hatte.
Ich hasste sie verdammt nochmal, weil es immer etwas Schlimmes zu bedeuten hatte, wenn sie da war, aber gleichzeitig hatte ich mich darauf verlassen können, dass sie da war. Jedes Mal sagte sie zu mir, dass es nächstes Mal besser werden würde, aber jedes Mal wurde dieses Versprechen gebrochen.
Sie hatte sich nicht einmal von mir verabschiedet. Sie war einfach gegangen. Hatte sie mich auch aufgegeben? Verwunderlich war es nicht, ganz und gar nicht. Ich hatte mich schon immer gewundert, wie sie es so lange mit mir ausgehalten hatte. Trotzdem hatte ich es nicht erwartet und ihr Verlust schmerzte mehr als er sollte.
Hatte ich ihr vertraut? Ich wusste es nicht einmal. Ich sollte ihr nicht vertrauen. Trotzdem hatte ich es in gewisser Weise. Ich hatte darauf vertraut, dass sie kommen würde und ich wurde dafür bestraft. Wie ich immer bestraft wurde, wenn ich jemandem vertraut hatte.
Ich stach meine Fingernägel in meine Handflächen. Der Schmerz tat gut. Er lenkte mich von dem Gedanken ab, irgendwo gegenzuschlagen. Und er lenkte mich von der Leere ab, die mich aufs Neue ausfüllte.
Ich würde mich damit abfinden; irgendwann. Wie ich es immer tat.
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