♠ Psychic ♠

von cyankali
GeschichteAngst, Horror / P18
28.10.2018
20.01.2019
8
18780
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Ich habe zwar erst einen Tribut und eine Reservierung - aber trotzdem wollte ich anfangen zu schreiben. @HermionePotter - Ava ist mir, wie ich schon gedacht habe, nicht sonderlich schwer gefallen. Sie ist ein interessanter Charakter und nicht sehr widerborstig, was das Schreiben angeht ;) Wir kommen sicher gut zurecht und ich hoffe, ich habe sie getroffen.

Ava Eileen Apate (D5)

Die Frau kam ihr bekannt vor. Ava musste nicht lange überlegen, ehe ihr einfiel, wo sie diese schon einmal gesehen hatte – die blonden, normalerweise perfekt gestylten Haare, die dauerhaft roten Lippen und der dunkle Lidschatten – sie hatte in den letzten Hungerspielen während des Einzeltrainings am Tisch der Spielemacher gesessen.
Avas Lippen verzogen sich zu einem kurzen, spöttischen Lächeln – ihre rötlichen Haare hingen ihr ins Gesicht, keine Kamera würde das Aufblitzen des Hohns aufzeichnen können.
Alice Chevrez. Die Oberste Spielemacherin. Ava fand, dass sie zu jung sei, um Spielemacherin zu sein. Außerdem schien sie nicht gerade zum intelligenten Schlage zu gehören – warum würde man freiwillig Malcolm besuchen? Er war nicht nur brutal, sondern auch ein Totschläger – für Mord war er schlichtweg zu dumm.
Ava fuhr sich durch die spröden, trockenen Haare und seufzte leise. Es war Zeit für ihre wöchentliche Dusche – sie wollte ihren Arzt schließlich nicht verärgern – aber sie verspürte wenig Lust, sich ihrer Kleidung zu entledigen und unter dem Wasser zu stehen.
Trotzdem gehorchte sie – langsam schlüpfte sie aus dem Standardanzug des Instituts. Weiße Socken, die nur bis zu den Knöcheln reichten. Keine Schuhe. Schließlich waren Schnürsenkel ein Risiko – wie leicht konnte man sich damit aufhängen. Und dann den hellgrünen Ganzkörperanzug, der an ihrem untergewichtigem Körper herunterhing wie ein Müllsack. Gleichfarbige Unterwäsche.
Dr. Hurt hatte ihr erzählt, die helle Kleidung diente dazu, Blutflecken zu erkennen, sodass keiner irgendetwas verstecken konnte. Ava hätte gerne die Hintergrundgeschichte dazu gewusst, doch nicht einmal Hurt hatte ihr davon erzählt, obwohl er komplett von ihr eingenommen war. Ava wusste, dass er von ihrer zuvorkommenden Art äußerst beeindruckt war – es schien, als wäre sie dankbar, dass sie hier sein durfte, so wie es sich ja auch gehörte. Schließlich wollte das Institut ihnen nur helfen.
Ava seufzte leise und öffnete den Reißverschluss des Anzugs fast schleppend, als wolle sie die Dusche um jeden Preis vermeiden. Sie stieg aus der Kleidung und fuhr mit den Händen ihren Körper entlang. Sie konnte ihre Rippen unter ihrer hellen Haut spüren, obgleich sie genug zu essen hatte. Wahrlich gab es genügend Insassen, denen es deutlich schlechter ging – Beliebtheit entschied, ob der Arzt in sein Behandlungszimmer eine Schüssel mit teurem Obst stellte, oder ob die Köche einem das trockene Randstück oder das herzhafte der Mitte des Brotes gaben.
Warmes Wasser prasselte auf den gefließten Raum, den man nicht zusperren konnte. Vor der Tür wartete ein Wärter auf sie – brauchte sie zu lange, würde er hineinkommen – ganz gleich, ob sie dabei war, die Toilette zu benutzen oder nackt unter der Dusche stand.
Die genau abgemessene Menge der Seife musste am Ende der Woche verbraucht sein – sie durfte nicht nach mehr fragen. Auch die Anzahl der Duschen und Toilettengänge waren streng geregelt – gab es doch Insassen mit Zwangsneurosen, die ihre Haut bis zum Bluten wuschen.
Avas Haare spiegelten sich im Metall der Brause wieder und sie verzog unwillig das Gesicht und drehte sich mit dem Rücken zu dem Wasser – sie musste nicht an ihr Aussehen erinnert werden. Es war sowieso nicht wichtig. Wärter sahen sie, Ärzte, und die anderen Insassen, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren. Menschen waren so selbstzentriert und egoistisch.
Wasser perlte von ihrer nackten Haut auf den Boden und vermischte sich mit dem Schmutz, der sich über die Woche angesammelt hatte, zu einem grauen Rinnsal. Ava sah zu, wie es im Abfluss versickerte.
Das IPE war sowieso sauberer als alle anderen Orte, von denen sie je gehört hatte. Selbst im Kapitol desinfizierte man nicht jede Türklinke mehrmals täglich.
„In fünf Minuten beginnt deine Trainingszeit“, sagte der Wärter. Sie runzelte die Stirn. Seine Stimme war heller, er klang jung. Er musste neu sein.
„Ja, gleich“, erwiderte sie und seifte ihre Haare ein. Die Seife roch steril und ähnelte dem Desinfektionsmittel.
Schaum rann über ihren Körper und sie stellte die Dusche ab. Sie hatte sich eine Zeit am frühen Nachmittag ausgesucht, gleich nach ihrer Sitzung, zu der wenige Insassen duschten – so hatte sie das einzige Bad ohne Spiegel beschlagnahmen können, keine Selbstverständlichkeit. Die Bäder waren streng getrennt – es gab jeweils fünf für Männer und fünf für Frauen. Jedes Bad hatte ein Waschbecken und einen Duschkopf mit dazugehörigem Abfluss.
Es war nicht zu klein angelegt, hatte jedoch keine Fenster. Gelbliche Flecken auf den weißen Fließen ließen auf Blut schließen. Ava fragte sich, wie die Spritzer in diesem Bad bis an die Decke gelangt waren, doch es ließ sie relativ kalt. Unwichtig.
Das Handtuch, ebenfalls kränklich grün, musste sie danach beim neuen Wärter abgeben, sie selbst schlüpfte wieder in ihre Kleidung. Frische Unterwäsche gab es jeden Tag, einen frischen Anzug einmal in der Woche.
Der junge Mann sah sie nervös an, seine linke Hand über seiner Waffe verharrend, als würde Ava ihn jeden Moment anspringen. Eindeutig neu. Personen, die so gefährlich waren, bewohnten gesonderte Zimmer, die sie nie verlassen durften – integrierte Dusche und Toilette, Kameras hatten jeden Winkel im Blick und es saß jederzeit eine Person hinter der verspiegelten Wand. Die Insassen konnten die Person nicht sehen, sie aber die Patienten.
Ava lächelte den Mann an. Sein Namensschild lautete „Roth“. Natürlich war das nicht sein wirklicher Name – jeder Mitarbeiter bekam einen Namen zugeschrieben, sollte ein Insasse tatsächlich das Unmögliche schaffen, entweder zu entkommen oder entlassen zu werden, durften die Mitarbeiter nicht gefunden und in Gefahr gebracht werden.
„Ich – ich bringe dich in den Trainingsraum“, stammelte Roth, der durch ihr Lächeln deutlich verwirrt wurde.
„Du gehst voraus.“ Er nahm ihr feuchtes Handtuch mit spitzen Fingern, als hätte sie es vergiftet. Ava wusste, dass es tatsächlich im Labor kontrolliert wurde, deshalb wechselten die Wärter ihre Gummihandschuhe auch oft.
Das Mädchen ging den vertrauten Weg durch die vielen Seitengänge des Instituts, bis sie die Tür zu der Trainingshalle öffnete – einem großen Raum mit einigen als ungefährlich eingestuften Sportgeräten und einem Schwimmbecken, welches jederzeit kontrolliert wurde. Der Wärter verschwand in einem der vielen Türen und Ava war allein.
Natürlich wurde sie von Kameras beobachtet, doch das spielte keine Rolle. Sie begann, einige Runden um die Sportgeräte zu joggen. Ihre immernoch feuchten Haare trockneten im Laufe der Zeit und sie erhöhte ihr Lauftempo.
Eine halbe Stunde dreimal in der Woche, wie jeder Andere allein, mehr stand ihr nicht zu. Nach der abgelaufenen Zeit wurde sie erneut von einem Wächter abgeholt und in den Esssaal gebracht. Natürlich nur mit Insassen, die ausdrücklich keine Gefahr für andere darstellten. Sie setzte sich an ihren fest zugeteilten Sitz und hörte ihren Sitznachbarn zu, die sich leise über einen Arzt unterhielten. Er kam nicht gut weg. Sie würden bestraft werden. Sie waren dumm. Ava hatte in ihrer ersten Woche entdeckt, dass sie bei der physischen Beurteilung nicht mit einem Impfstoff, sondern mit einer Wanze injiziert wurden. Außerdem waren an den Tischen winzige Mikrofone angebracht – nichts blieb hier ungehört und ungesehen.
Nummer für Nummer wurde aufgerufen und durfte sich den unansehlichen, angeblich sehr nahrhaften Gemüsebrei und ein Stück Brot holen.
Die Köchin mochte sie und tat ihr mit einem Lächeln eine große Portion des Breis auf. Ava schnaubte innerlich, als ob ihr das Zeug schmecken würde. Trotzdem bedankte sie sich mit einem kurzen Grinsen und kehrte zu ihrem Platz zurück. Natürlich waren alle pünktlich – wie denn auch nicht? Und heute hatte es nicht einmal Proteste gegen die Regeln gegeben – schließlich war heute die Verkündung der Hungerspiele – Alices Ansage. Die großen, modernen Fernseher wurden nur zu einer Jahreszeit angeschaltet – zu den Hungerspielen. In gewisser Weise waren diese die einzige Unterhaltung die sich den Insassen bot – insofern waren sie bei vielen recht beliebt, bei anderen riefen sie äußerst ungute Erinnerungen hervor.
Das Symbol des Kapitols wurde eingeblendet, gleich darauf trat Normen auf die Bühne. Der aufgedrehte Ansager war erst seit einigen Jahren im Spiel, jedoch im Kapitol durch seine stichelnden Fragen schon äußerst beliebt – bei den Tributen weniger.
Ava ließ ihren Blick durch den Raum schweifen – er blieb an Doctor Death hängen. Der Arzt war für seine brutalen und sadistischen Methoden bekannt, mit denen er die Insassen zum Gehorsam zwang. Avas Zimmernachbarin hatte einmal geflüstert, er würde selbst hierhingehören. Sie hörte nie wieder etwas von ihr.
Ein Lächeln spielte auf den dünnen, vernarbten Lippen des Arztes. Ava ignorierte Normen – er erzählte dasselbe wie jedes Jahr – doch ein Satz ließ sie aufhorchen.
„Ein Jubeljubiläum ist immer etwas Besonderes – aber diesmal gibt es sogar mehr Regeländerungen als sonst!“, ließ er aufgeregt verlauten. Dazu bat er Alice Chevrez auf die Bühne.
Ava wunderte sich. Wieso hatte sie das IPE besucht? Es war sicher kein Besuch aus Nächstenliebe gewesen.
„Ich freue mich sehr, Sie heute begrüßen zu dürfen“, strahlte Normen die für Kapitolstandards sicher attraktive junge Frau an. Ihr schwarzes Kleid war gefährlich kurz geschnitten und trägerlos, Ava war sich nicht sicher, wie es hielt.
Alice setzte sich und überschlug ihre Beine. Ein Ring blitzte an ihrem rechten Zeigefinger auf.
„Woraus bestehen die besonderen Bedingungen für Ihr erstes Jahr als Oberste Spielemacherin? Schließlich lastet eine große Verantwortung auf Ihnen – nicht nur ein normales Spiel, sondern gleich das Jubeljubiläum. Sie wären nicht die erste Spielemacherin, die scheitert...“ Er zwinkerte der Menge zu, die wie zur Bestätigung johlte.
Der Esssaal wurde unruhig. Laute Geräusche waren für viele Leute ein Trigger, doch Ava ignorierte es.
„Nun, Normen, ich werde sicher eine spannende Show bieten. Zum einen gibt es dieses Mal einen viel kleineren Kreis, aus dem Tribute ausgelost werden können, gleichzeitig ist er viel interessanter“, fügte sie hinzu, als Normen seine Augenbrauen hob.
„Außerdem sind die Geschlechter egal – es könnte gut sein, dass 24 junge Damen uns beglücken!“, sagte sie energisch. Normen grinste mit seinen weißen Zähnen.
„Na, da kenne ich einige, die das freuen würde!“, sagte er. „Aber mich interessiert, aus welchem Kreis die Tribute gewählt werden“, drängte er. Die Menge johlte und bekundete ihre Meinung.
Ava runzelte die Stirn. Auch sie konnte sich keinen Reim daraus machen. Noch nicht.
„Normen, alles kann ich nicht verraten – aber nun gut. Dieses Jahr wird es sicher keine typischen Karrieros geben“, sagte sie verheißungsvoll. Normen sah sie enttäuscht an, auch das Publikum buhte.
„Keine Karrieros? Das kann sich anscheinend keiner vorstellen!“, sagte Normen. Auch Ava wunderte sich. Die Karrieros waren die beliebtesten Tribute – jedes Jahr! Außerdem, wie sollte es auch keine Tribute geben? Man konnte schließlich nicht einfach Distrikt 1, 2 und 4 von den Spielen ausschließen!
Alice räusperte sich, sie sah spürbar aufgeregt aus und glühte beinahe vor Begeisterung, als sie verkündete:
„Alle Tribute dieses Jahres werden Insassen des Instituts für Psychische Erkrankte sein!“
Ava hielt die Luft an. Was? Sie könnte ausgelost werden? Sie waren immer von den Spielen ausgeschlossen gewesen, nicht einmal im Lostopf – und nun gab es Spiele nur für sie.
Als der Tumult ausbrach, lächelte sie kalt. So viele Kandidaten aus Distrikt 5 gab es nicht. Es gab eine große Chance, dass sie gewählt werden würde.
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