Beschützerinstinkt

von Silvana
KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 Slash
Carlos Sainz jr. Nico Hülkenberg
28.10.2018
26.11.2018
3
7562
10
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Dieses Kapitel
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Disclaimer: Keine der erwähnten Personen gehört mir. Alles ist frei erfunden, es soll mit der Geschichte keinem geschadet werden und ich verdiene auch kein Geld damit.

Pairing: Carlos Sainz Jr. / OC (angedeutet)
Weitere Charaktere: Nico Hülkenberg
Warnungen: Slash; Angst; Gewalt leicht angedeutet (nicht grafisch, sondern in einer Erzählung); offenes Ende

Anmerkung: Diese Kurzgeschichte hat nichts mit meinen letzten Oneshots zu tun, sondern ich wage mich mal an ein für mich komplett neues Thema heran und würde mich freuen, wenn ihr mir sagt, ob ihr das interessant findet.

Vielen Dank an Forbidden to Fly für das Bällchenbecken, auch wenn es hier eine etwas andere Erwähnung gefunden hat, als wir geplant hatten. ;)


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Freitagabend, 23.11.2018

Erschöpft lehnte sich Carlos Sainz Jr. an die hintere Wand des Aufzugs, während sich dieser langsam in Bewegung setzte und in den achten Stock fuhr. Der junge Spanier schloss seine Augen, ließ die Trainingssessions kurz Revue passieren und auch die anschließenden Interviews. Es war ein langer Freitag gewesen und obwohl es noch nicht besonders spät war, fühlte er sich müde und ausgelaugt. Letzte Nacht war er zu lange wach gewesen, heute würde er sich früh hinlegen und vermutlich schlafen wie ein Stein.

Der Aufzug stoppte, die Tür öffnete sich und Carlos holte seine Schlüsselkarte aus der Tasche, während er auf sein Zimmer zuging. Er öffnete es rasch, ging eben ins Bad um sich die Hände zu waschen und als er sich hinterher mit dem Smartphone auf sein Bett setzte und gerade Facebook aufrufen wollte, da bemerkte er plötzlich einen kleinen Stapel Papier auf der rechten Seite des Bettes. Verwundert legte er das Smartphone beiseite und angelte nach den Zetteln, zog sie zu sich herüber und schaute sie an, ein Blatt nach dem anderen. Die Verwunderung in seinem Gesicht verwandelte sich in Irritation, in Sorge, in Bestürzung und als er beim letzten Blatt angekommen war und es gelesen hatte, verwandelte sie sich in schiere Panik.

Erschrocken sprang er auf, ließ die Zettel fallen, sah sich gehetzt in seinem Zimmer um und machte drei Schritte rückwärts. Er fasste sich an die Brust, denn sein Herz pochte so stark, dass er das Gefühl hatte, es schlug ihm im Hals und er bekam keine Luft mehr. Er musste hier weg, raus, sofort! Dem Impuls nachgebend stürzte er zur Tür, riss sie auf und rannte ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen auf den Gang, wo er prompt mit Nico Hülkenberg zusammenstieß und unsanft auf dem Boden landete, während Nico bloß gegen die andere Wand taumelte.

„Mensch Carlos, du bist so schusselig wie Checo unpünktlich ist!“, sagte der Deutsche amüsiert und rieb sich den rechten Oberarm. Er wollte ja nicht gleich so weit gehen zu behaupten, sein Teamkollege sei der Inbegriff von Tollpatschigkeit, aber weit davon entfernt war er sicherlich nicht. In Ungarn hatte er sich versehentlich in seinem Hotelzimmer eingesperrt, in Australien hatte er es geschafft, in einer Bananenstaude ausgerechnet die verfaulte Banane zu finden und sie zu essen, woraufhin ihm den Rest des Tages schlecht war. In Frankreich hatte er bei der Streckenbegehung eine Unebenheit entdeckt indem er kurzerhand über sie stolperte und bei einem Promotermin in Italien übertraf er sich selbst, als er rückwärts in ein Bällchenbecken fiel. Nico kriegte sich damals kaum mehr ein vor Lachen und einen unbeliebten Kollegen hätte er vermutlich sofort bei solch einem Malheur gefilmt, aber Carlos tat ihm leid, deswegen half er ihm lieber aus dem Becken raus, anstatt sich über ihn lustig zu machen.

Doch es war nicht nur so, dass dem 24-Jährigen ausschließlich selbstverschuldete Missgeschicke passierten, manchmal rutschte er auch in welche rein, für die er gar nichts konnte, wie in Belgien, wo ihn beim Joggen eine vom Baum fallende Kastanie an der Schulter traf, was wesentlich schmerzhafter war als es klang. Oder letztes Jahr beim Grill The Grid Interview, als ein einzelner Windstoß dafür sorgte, dass ihm sämtliche Fragekärtchen vom Tisch flatterten. Er hatte wahrlich eine magische Anziehungskraft für derartige Pannen, denn die Liste ließ sich beliebig fortsetzen. „Hast du dir wehgetan?“, fragte Nico und reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen.

„Nein... ich... Tut mir leid, ich... hab nicht aufgepasst“, stammelte Carlos verwirrt.

„Macht nichts, ist nichts passiert“, entgegnete Nico nachsichtig und erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Gegenüber leichenblass war und dass die Tür zu seinem Zimmer sperrangelweit aufstand, als hätte er den Raum fluchtartig verlassen. Seltsam. „Du sag mal, ist alles okay? Du schaust aus, als hättest du einen Geist gesehen?“, erkundigte er sich vorsichtshalber.

„Nein, nein. Alles gut.“, antwortete Carlos, doch seine Stimmlage verriet, dass hier gar nichts gut war und seine Beine zitterten so stark, dass Nico sich kaum traute ihn loszulassen, nachdem er ihm hochgeholfen hatte. Etwas lag im Argen und der 31-Jährige konnte das nicht ignorieren. Vielleicht hatte Carlos eben einen Anruf bekommen, der ihn aus der Fassung brachte? Womöglich war etwas Tragisches passiert? In seiner Familie oder seinem Freundeskreis? Egal was es war, in diesem aufgelösten Zustand würde Nico ihn nicht einfach sich selbst überlassen.

„Meine Güte, Carlos, du bist ja völlig durch den Wind“, meinte er nun ernsthaft besorgt. „Na komm erst mal vom Gang runter.“ Langsam schob er den Spanier, der keine Gegenwehr zeigte, zurück in sein Zimmer und führte ihn zu einem Sessel, damit er sich setzen und sich ein wenig beruhigen konnte, während Nico ihm gegenüber auf dem Bett Platz nahm. Carlos fiel regelrecht in den Sessel, schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und starrte apathisch vor sich hin. Irgendetwas hatte ihn bis ins Mark erschüttert.

„Was ist denn nur passiert?“, fragte Nico ihn einfühlsam. Anstatt ihm zu antworten, grübelte der Jüngere ein paar Sekunden vor sich hin, dann stand er auf und sammelte einige Zettel ein, die auf dem Fußboden links neben dem Bett lagen und die Nico zunächst gar nicht aufgefallen waren.

„Das ist passiert.“ Er gab die Zettel an den Deutschen weiter und Nico schaute sie sich einen nach dem anderen an. Es handelte sich um ausgedruckte Fotos. Das erste zeigte Carlos, wie er durch das Fahrerlager ging, das zweite zeigte ihn am Flughafen, auf dem dritten Bild war er zu sehen, wie er in einem Club tanzte, der Location nach zu urteilen wurde das in Texas aufgenommen, auf dem vierten Foto saß er in einem Café. Als Nico das fünfte Bild sah, hielt er sich entsetzt die Hand vor den Mund, denn es zeigte seinen Teamkollegen schlafend in diesem Hotelzimmer, in dem sie sich gerade befanden. Der sechste Zettel war kein Foto, sondern ein Brief, ein Liebesbrief verfasst in Reimform und schnörkliger Computerschrift. „Du heilige Scheiße, ist es das, wonach es aussieht? Dich stalkt jemand?“

Carlos setzte sich im Schneidersitz neben ihn aufs Bett und nickte. „Ja.“

„Wie lange geht das schon?“

„Etwa ein Jahr.“

„Was?“ Nico verschlug es beinahe die Sprache. „Seit einem Jahr kriegst du solches Zeug und hast bis jetzt geschwiegen?“

„Nein, das hat völlig harmlos angefangen und ich dachte nicht, dass ich das überhaupt ernst nehmen müsste. Letzten Oktober habe ich zum ersten Mal so einen anonymen Brief als Gedicht bekommen. Wäre er nicht in Reimen geschrieben gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht weiter an ihn erinnert. Es stand nichts Dramatisches darin, ich hielt ihn für einen normalen Liebesbrief eines Fans, so was haben wir sicher alle öfters in der Post. In regelmäßigen Abständen bekam ich weitere Briefe in ähnlicher Art, sie waren nicht aufdringlich, sondern eigentlich ganz süß und alles andere als bedenklich. Ab und zu war auch ein Geschenk dabei, Kleinigkeiten, nichts Wildes. Sorgen habe ich mir keine gemacht, denn weder die Briefe, noch die Geschenke gaben mir einen Grund dazu. Manchmal erhielt ich anonyme Anrufe, wo niemand ranging, sondern nach ein paar Sekunden aufgelegt wurde, aber ich kann nicht sagen, ob das von der gleichen Person war, denn die Anrufe kamen von verschiedenen Nummern. Das erste Beunruhigende geschah in Japan. Ich war nach dem Training in einem Café und bekam ein paar Stunden später ein Foto auf mein Handy geschickt, das eine Tasse Kakao zeigte und eindeutig in dem Café aufgenommen wurde, wo ich vorher gewesen bin. Darunter stand ein Spruch wie „Nächstes Jahr sitzen wir gemeinsam hier“. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und verdrängte das mulmige Gefühl im Bauch schnell, um mich auf mein Rennwochenende zu konzentrieren. Die nächsten Wochen geschah gar nichts, bis heute.“

„Wie viele solche Briefe hast du inzwischen bekommen?“

„Mit dem müssten es um die fünfzehn sein.“

Nico nickte, ließ sich die Geschichte durch den Kopf gehen und las sich den Liebesbrief nun vollständig durch, wobei er die letzten Zeilen laut vor sich hersagte. „Ich verzehre mich danach, mit dir zusammen zu sein. Nur ein bisschen Geduld noch und dann bist du mein...“, er schnaufte. „Carlos, das ist gruselig. Damit musst du zur Polizei gehen!“

Der Spanier schaute betreten zu Boden. „Das kann ich nicht!“

„Warum nicht?“

„Weil...“, er atmete tief durch und schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Weil sie mich fragen würden, ob ich eine Vermutung habe, wer das gewesen sein könnte und wenn das, was ich ihnen dann sagen müsste, öffentlich wird, ist meine Karriere womöglich zu Ende.“

Nico fiel beinahe vom Glauben ab. „Warte, ganz langsam, das heißt, du hast einen Verdacht, wer dahinterstecken könnte?“

„Nicht direkt“, druckste er herum. „Aber ich war früher schon mal in einer ähnlichen Situation... wegen meinem Ex-Freund.“ Ein flaues Gefühl machte sich in ihm breit, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte. Sein Ex-Freund. Das war unmissverständlich. Carlos Sainz hatte sich soeben vor Nico geoutet und damit war er ab jetzt einer von sehr wenigen Menschen, die über ihn Bescheid wussten. Es war eine Kurzschlussreaktion gewesen, denn der Fund der Fotos hatte den 24-Jährigen dermaßen erschreckt, dass er das Gefühl hatte, dringend jemanden zum Reden zu brauchen. Möglicherweise war es kein Zufall, dass er ausgerechnet Nico über den Haufen rannte. Sein Teamkollege war ein toleranter Mensch, ehrlich, erwachsen, hilfsbereit und vor allem war er ein Fahrerkollege und somit verschwiegen. Man sollte es kaum für möglich halten, doch Geheimnisse waren bei anderen Fahrern am besten aufgehoben, da jeder so seine Geschichten mit sich schleppte, die um keinen Preis in die Schlagzeilen gelangen sollten. Entsprechend hielt man sich auch bedeckt, was die Geheimnisse der Kollegen anging. Trotzdem war das Geständnis ein gewagter Schritt für Carlos und entsprechend verunsichert schaute er dem Deutschen in die Augen, doch er fand darin keine Ablehnung, nichts Negatives, höchstens eine Spur Verwunderung.

Ja, Nico Hülkenberg war überrascht über die Offenbarung und das Vertrauen, das Carlos ihm entgegenbrachte. Nun fing alles an, einen Sinn zu ergeben. Er ordnete die Informationsflut in seinem Kopf und dachte sorgfältig über seine nächsten Worte nach. „Okay, ich verstehe deine Bedenken, das tu ich wirklich, aber Carlos, ich fürchte, das ist eine Nummer zu groß“, sagte er so sensibel wie möglich. „Du hast Angst, dass die Medien herausbekommen, dass du schwul bist, aber wenn ich mir diese Sachen hier ansehe, dann habe ich Angst, dass dir irgendein kranker Irrer was antut. Er war nachts in deinem Zimmer. Er ist in deine Privatsphäre eingedrungen und zwar verdammt tief. Das war ein Einbruch. Ich weiß nicht, ob dieser Stalker ein Kerl oder eine Frau ist, aber er ist definitiv gefährlich.“

„Du hast recht...“

„Und du denkst, dein Ex-Freund hat etwas damit zu tun?“

„Ich weiß nicht, eigentlich nicht, aber er ist der Einzige der mich je gestalkt hat. Andererseits ist das vier Jahre her...“

„Und hast du ihn in letzter Zeit mal gesehen? Bei einem Rennen vielleicht?“

„Nein. Seit mein Vater ihn vertraglich gezwungen hat, sich von mir fernzuhalten, habe ich ihn zum Glück nie wiedergesehen.“

„Wow.“ Das war harter Tobak und Nico ertappte sich bei dem Gedanken, dass er bitte nie in solch eine Lage geraten wollte. Er war bisher in seiner gesamten Karriere von Stalkern verschont geblieben. „Und wie lief das damals ab? Hat er dir auch solche Briefe geschrieben?“

Carlos biss sich verlegen auf die Unterlippe und Nico befürchtete, mit seiner Fragerei zu weit gegangen zu sein. „Entschuldige, ich will dich nicht drängen. Falls du nicht darüber reden magst, dann...“

„Nein, nein!“, unterbrach ihn der Jüngere. „Ich will dir die Geschichte erzählen, ich überlege bloß, wo ich am besten anfange.“


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