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Meine Gegenwart

von Scirina
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Castor Delos Helen Hamilton Mildred Delos Noel Delos Pallas Delos Tantalus Delos
27.10.2018
09.03.2021
28
61.939
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27.10.2018 1.923
 
Ich schlug die Beine übereinander und konzentrierte mich wieder auf mein Buch. Mir gegenüber übte Cassandra zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder Cello. Jetzt hatte sie ja auch wieder die Gelegenheit dazu, letzten Monat hatte sie ihre letzten Prüfungen geschrieben und in einigen Tagen würde sie ihren Abschlusszeugnis bekommen.
Es war noch nicht ganz klar, was Cass dann vorhatte, aber vermutlich würde sie einige Zeit mit Orion auf Reisen gehen. Ich gönnte es den Beiden, auch wenn mein Beziehungsstatus gerade nicht sehr rosig aussah. Ich hatte gedacht, dass sich doch alles wieder einrenken würde, sobald ich mehr über die Hintergründe des Fotoalbums herausgefunden hatte, aber das war nicht geschehen.
Cassandra und ich hatten versucht, die Zeit-Sache besser zu verstehen und uns durch unzählige Bücher gewälzt, hatten aber nichts hilfreiches gefunden, auch in der Praxis gab es nichts neues. Es hatte sich lediglich herausgestellt, dass man nicht in eine Zeit zurückreisen konnte, in der man schon selbst lebte. Ich hatte angeboten, Experimente zur Zeit mitzumachen, aber Cassandra hatte mir erklärt, dass sie mich nicht mehr so kontrollieren konnte. Das sollte nicht heißen, dass ich nie zurückkehren konnte, aber ich würde es aus eigener Kraft tun, ohne Cassies "Hilfe". Irgendwann hatte Cassandra Abstand von der Recherche genommen, weil Orion sich Sorgen gemacht hatte, was es für Langzeitfolgen auf sie haben könnte. Ich hatte bisher nicht aufgegeben, auch wenn ich mich langsam damit abfand, dass ich wohl nie eine Antwort erhalten würde. Es gab keine weiteren Zeichen für irgendwas neben dem Buch.
Auch Pallas zeigte null Reaktion auf alles was ich tat. Es war nicht, als würde er mir aus dem Weg gehen, aber er suchte auch nicht meine Nähe. Er war einfach... neutral. Kalt. Gleichgültig, was vor allem wehtat, weil ich auch sehen konnte, wie er seine Familie behandelte und dabei wusste, dass ich auch einmal Teil dieser Familie gewesen war, die er so sehr liebte. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass die Ereignisse für ihn so viel weiter zurücklagen als für mich. Er hatte ein ganzes Leben dazwischen gehabt, hatte geheiratet, war Vater geworden und hatte fast die Hälfte seiner Familie verloren. Ich erwartete ja nicht, dass er sofort wieder auf altem Level mit mir war, aber ein kleines Zeichen des Erkennens wäre doch schön. Manchmal zweifelte ich schon fast das Geschehene an. Vielleicht hatte ich ihm nicht so viel bedeutet wie ich gedacht hatte. Vielleicht hatte ich alles missverstanden. Wir hatten uns zwar geküsst, aber vielleicht war es auch nur ein Kuss gewesen. Vielleicht ignorierte er mich, weil er es bereute.

Stöhnend schlug ich mir das Buch vor die Stirn. Manchmal wünschte ich, die Geschehnisse in New York wären nie passiert. Dann wäre jetzt alles wie vorher und ich wäre auch noch ganz mit Lucas zusammen. Wäre das so schlimm? Vielleicht wurde es Zeit, einzusehen, dass das alles eine - zugegeben schöne - Illusion gewesen war. Ich gehörte zu Lucas und das würde auch ein dummer Fehler in der Vergangenheit nichts ändern.
Vor zwei Jahren hatte ich meine Beziehung mit Lucas ausgesetzt, weil ich Abstand brauchte. Ich hatte trotz allem ein schrecklich schlechtes Gewissen gehabt, weil ich nie Zeit für ihn gehabt hatte, während ich mit Cassie an unserem Projekt arbeitete. Auch die Sache mit Pallas hatte es nicht besser gemacht. Also hatte ich mich selbst zu Dingen überredet, für die ich sonst in unserer Beziehung wahrscheinlich noch nicht bereit gewesen wäre. Mein Cestus hatte durchgehend pulsiert und versucht, mich zu beruhigen, bis Cass mir schließlich gesagt hatte, dass ich die Sache besser beenden sollte, bevor ich es später bereue. Lucas bestand darauf, es eine Pause zu nennen, weil er glaubte, dass ich sicher zu ihm zurückkehren würde. Ich hatte ihm vor zwei Jahren erklärt, dass ich etwas Zeit für mich selbst bräuchte. Lucas konnte sich ja nicht mehr an die Vorfälle erinnern, was es in der Hinsicht nicht gerade leichter machte, da er nicht verstand, warum ich Schluss machen wollte. Er war wirklich lieb zu mir gewesen und hatte sich Mühe gegeben, mich zurück zu gewinnen.
Und vielleicht wurde es Zeit, ihm zu verzeihen. Auch Aphrodite war der Meinung, dass das das Beste wäre. Sie war mir auf meiner Reise mit Gig einige Male begegnet und hatte sich für Lucas eingesetzt.
Seufzend fuhr ich mir mit der Hand durch die Haare. Ich würde damit abschließen. Lucas kam auch zu Cassandras Abschlussfeier, dann könnte ich mich mit ihm vertragen.


Inzwischen war die ganze Familie wieder auf Nantucket versammelt: Jase und Claire waren gerade erst angekommen, Hector und Andy waren schon einige Tage da. Castor, Noel, Cassandra und Orion waren sowieso immer da. Auch Lucas war heute angereist, er hatte jetzt Semesterferien. Nur Ariadne und Pallas waren nicht gekommen - es war aber auch ein weiter Weg von Afrika, wo Ari seit zwei Jahren mit ihrem Vater bei einem Hilfsprojekt arbeitete.
Manchmal störte es mich, dass ich die einzige war, die wirklich auf Nantucket hängengeblieben war. Aber sogar Dad und Kate zusammen konnten sich ein College einfach nicht leisten, zumal auch noch ein Kind erwartet wurde. Also jobbte ich die meiste Zeit, weil ich das Geld der Delos' nicht annehmen wollte. Ich wollte nicht abhängig sein.

Gerade saßen wir alle inklusive Dad und Kate am Abendtisch. Es war etwas seltsam, Lucas nach so langer Zeit getrennt zu begegnen, aber das vertraute Gefühl war fast sofort wieder da. Neugierig beobachtete ich ihn. Er sah gut aus, wie immer, und seine Augen leuchteten noch genauso wie früher wenn er lachte.
Da klingelte es an der Tür. "Ich geh schon", meinte Orion, stand auf und ging in den Flur. Währenddessen wurde munter weiter geplappert und diskutiert, der Lärmpegel war so hoch, dass es ein Wunder war, dass wir die Klingel überhaupt gehört hatten. Ehrlich gesagt hatte ich diese Abendessen in der Familie vermisst. Ich bemerkte, wie Andy mich angrinste und lachte zurück.
Plötzlich erfüllte lautes Schreien und Stühlerücken das Esszimmer.
"Überraschung", kreischte Ari und stürzte sich auf Cassie, um ihre Cousine zu drücken. Hinter ihr kamen mit etwas weniger Drama Pallas und Orion ins Zimmer.
"Dad", brüllte Hector und rang seinen Vater fast zu Boden, weil er über die Bank stolperte und versuchte, sich an Pallas' Arm festzuhalten. Dieser zog seinen Sohn lachend wieder hoch und ließ sich von ihm in eine bärige Umarmung zwingen. Jeder wollte die Neuankömmlinge begrüßen. Ich holte währenddessen zwei zusätzliche Teller und Stühle, bevor ich mich ebenso ins Getümmel warf.
Nachdem ich Ari bestimmt drei Minuten lang gedrückt hatte und ihr versichert hatte, wie gut ihr die kinnlangen Haare standen, fing ich Pallas' Blick auf.
"Du bist auch noch hier?", fragte er schließlich. Herausfordernd guckte ich zurück, versuchte, eine Reaktion zu provozieren.
"Ja", erwiderte ich ebenso kühl.
"Dad, wusstest du, dass Helen und Luke sich getrennt haben?", wollte Hec wissen. Ich zuckte zusammen.
"Tatsache. Dann geht morgen wohl auch die Welt unter?", antwortete Pallas sarkastisch und musterte uns.
"Wer weiß? Aber keine Sorge Onkel Pallas, ich werde sie schon zurückgewinnen", lachte Lucas und stieß ihn grinsend an.
"Na dann wünsche ich dir mal viel Glück dabei", erklärte Pallas und klopfte seinem Neffen auf die Schulter, bevor er sich wieder zu Noel drehte, die versuchte, ihm noch mehr Essen auf den Teller zu laden.
"Alles okay?", fragte Lucas mich leise. Ich nickte nur - ich war mir nicht sicher, ob es doch eine Lüge wäre, wenn ich es aussprechen würde.

Inzwischen hatte sich alles wieder beruhigt und wir saßen im Wohnzimmer der Delos'. Die Erwachsenen - außer Kate - tranken Wein und wir jüngeren machten einen Karaoke-Contest. Ari war drauf und dran zu gewinnen, auch wenn Cassie und Orion eine starke Konkurrenz darstellten, als Pallas sich nach oben verziehen wollte. Hector sprang auf und versperrte die Tür.
"Nix da", schrie er, "Vorzeitiges Schlafengehen kostet dich mindestens ein Lied"
"Genau. Du hast heute nämlich noch gar nicht gesungen", ergänzte Jason vorwurfsvoll.
"Als einziger", fügte Ari hinzu.
Pallas seufzte resigniert. "Na gut. Aber nur eins" Sofort wurde er von seinen Kindern mit Mikro und Fernbedienung für die Karaoke-Box ausgerüstet.
"Okay, was soll ich singen?", fragte Pallas während er durch die Lieder scrollte.
"Disney", rief Claire.
"Irgendwas Spanisches", unterbrach Cassie sie.
"Musical", schlug Hector vor.
"Amy MacDonald", warf Dad ein, "Mir ist heute nach Amy MacDonald"
"Beyonce", brüllten Andy und Kate dazwischen.
"Ich mache einfach Zufallswiedergabe", rief Pallas in das Durcheinander.
"Adele! Yay", schrie Ari als die ersten Töne von 'Don't you remember' spielten und ließ sich neben Hector und Andy auf die Couch fallen.
Ich musste lächeln, als ich sah, wie Hec die Arme um beide Mädchen legte.
"Wieso kann er das alles auswendig?", wollte Gig von Jason wissen. "Oh, Ari hatte so eine Adele-Phase, in der die ganzen Lieder immer den ganzen Tag rauf und runter liefen. Klar ist das was hängengeblieben", antwortete er leise.
"Um das klarzustellen: meine 'Adele-Phase' hat nie geendet", brummte Ari und kuschelte sich enger an ihren Bruder.
"Gave you the space so you could breathe, I kept my distance so you'd be free"
Wie ironisch. Ich seufzte und lehnte mich zurück. 'Nicht. Genieß es doch einfach, statt dich sofort in die nächste Theorie zu stürzen', ermahnte ich mich.

Als das Lied zuende war, verbeugte sich Pallas spöttisch und wollte nach oben gehen, aber Hector warf sich auf den Boden und klammerte sich an seine Beine.
"Noch eins", bettelte er.
"Ihr habt gesagt ich darf hochgehen, wenn ich gesungen habe", beschwerte sein Vater sich.
"Ich hab's nicht versprochen", behauptete Ari, setzte sich einfach neben Hector und hielt Pallas' anderes Bein fest.
"Manchmal glaube ich, definitiv einige große Fehler bei eurer Erziehung gemacht zu haben", stöhnte er, "Lasst mich los"
"Bitte", jaulten die Beiden und zerrten an ihm, "Nur noch eins. Wir haben dich so lange nicht mehr singen gehört"
"Sonst erzähle ich allen von deiner Freundin in Afrika", drohte Ari.
"Du hast eine Freundin?", wiederholte Noel überrascht.
"In Afrika?", ergänzte Castor. Pallas verdrehte die Augen.
"Sie ist acht. Und ja, sie rennt mir bei allem was ich tue hinterher, weil ich ihre Ziege aus dem Fluss geholt habe. Was kann ich denn dafür?", brummte er.
"Noch ein Lied", bettelte Hec.
"Okay, ein einziges. Und danach lasst ihr mich gehen", verlangte Pallas, "Versprecht es"
"Versprochen", grinsten Hec und Ari im Chor und zogen sich wieder aufs Sofa zurück.
"Ich hatte schon ganz vergessen, wie nervig Familie ist", murmelte Pallas nur und drückte wieder auf Zufallswiedergabe.
Als er 'There are worse things' aus Grease anstimmte , konnte ich nicht anders als zu denken, dass das Lied einfach unfassbar gut zu ihm passte. Kurz hatte ich ihn vor Augen, wie er gewesen war: unkontrollierbar, wild, frei, aber trotzdem irgendwie wie ein Falke, der immer wieder zu seinem Besitzer, seiner Familie zurückkehrte. Bevor ich es verhindern konnte, spürte ich, wie sich alles Gewicht von meiner Brust hob und dann mit doppelter Kraft zurückfiel. Mir wurde schwarz vor Augen, das letzte was ich dachte war: Nicht schon wieder.

*
*
*

I felt like it. Because why the fuck not
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