It's alright...

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
27.10.2018
27.10.2018
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Er taumelte zurück, stolperte, fiel auf den Rücken.
Warum musste er nur immer so orientierungslos sein, sobald er den Blutmond überstanden hatte?
Es war sowieso nicht möglich, dass er sich außerhalb seines Büros aufhielt.
Mit einem frustrierten Schnauben fuhr Black Hat sich mit einer Hand über das Gesicht, starrte an die weiße Decke.
Moment…
Sein Kopf schnellte zur Seite, er erblickte Metall, Drähte, Glas – zertrümmerte Erfindungen…
Das Labor!
Er wollte sich aufrichten, doch unbeschreibliche Kopfschmerzen fesselten ihn auf den Boden.
Frustriert knurrte er auf, versuchte sich daran zu erinnern, wie er hier her gekommen war.
Die Tage des Blutmondes waren verschwommen, doch dann erinnerte er sich daran, in seinem Büro gewesen zu sein, allein, dann ein Scheppern und Klirren, Rufe einer Frauenstimme – Dementia, definitiv.
Diese Plage hatte ihn also aus seinem Büro gelockt.
Er versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen sein konnte, als er das Labor erreicht hatte, doch es war, als ob sich sein Verstand dagegen weigern würde.
Der Geruch von Blut, der schwer in der Luft hing, machte die Sache nicht gerade angenehmer.
Etwas in ihm zog sich zusammen.
Sein Doktor hatte momentan keine Testobjekte, woher also…
Erneut richtete er sich auf, ein kurzer Moment des Triumphes, als er seine Kopfschmerzen besiegte.
Das Hochgefühl zerplatzte, als seine Welt vor seinen Augen zusammenbrach.
Er hastete vorwärts, stolperte, scherte sich nicht darum.
Es konnte nicht real sein, sie hatten doch immer vorausgeplant…
Seien Hände zitterten, als der den leblosen Körper an den Schultern fasste.
So kalt…
Geronnenes Blut haftete an den blauen Lippen, an Kittel und T-Shirt.
Er schüttelte ihn leicht.
„Flug?“
Seine Stimme war nicht mehr als ein kraftloses Krächzen, doch es folgte keine Antwort. Vielleicht… vielleicht schlief er einfach nur… So unregelmäßig wie Flug dieser Tätigkeit nachging, wäre es gar nicht so abwegig…
Sein Griff verstärkte sich, er schüttelte ihn erneut, kräftiger diesmal.
„Flug, du hast keine Zeit zum schlafen, oder soll ich die Fristen wieder einkürzen?“, drohte er, ignorierte das feuchte Gefühl, welches sich von seinem rechten Auge ausbreitete.
Sein Doktor antwortete immer noch nicht, nur sein Kopf wackelte rhythmisch zu Black Hat’s Bewegungen hin und her.
Langsam wurde er sich bewusst, dass er niemals eine Antwort bekommen würde, dass er nie wieder eine ausschweifende Erklärung oder ein sanft geflüstertes „Jefecito“ hören würde.
Flug war gegangen, unfreiwillig aus dem Leben gerissen.
Black Hat löste seinen Griff, betrachtete die gebrochenen Knochen und danach voller Abscheu seine Hände.
Er war es gewesen, er hatte seinen eigenen Partner getötet, den Einzigen, den sein schwarzes Herz je zu lieben bereit gewesen war.
Seine Schuld….
Nein, nicht ganz!
Plötzlich aufwallende Wut brach in einem dämonischen Brüllen aus ihm hervor und im Nu stand er auf den Beinen.
Diese unsägliche Nervensäge von Dementia hatte ihn überhaupt erst ins Labor gelockt und vermutlich Flugs Fluchtweg zerstört.
Und da er ihre Leiche nicht entdecken konnte, hieß dies, dass sie ihrer Strafe entkommen war.
Er würde sie finden und sie langsam töten, ihr immer wieder bewusst machen, dass sie sich dies selbst zuzuschreiben hatte. Er würde…
Er würde vermutlich gar nichts davon machen.
Kraftlos sank er wieder zu Boden, robbte sich mühsam an Flugs Seite, schloss ihn fest in die Arme.
„Es tut mir so leid“, murmelte er, das Kinn auf den schwarzen Haaren.
Verzweifelt schloss er die Augen, dachte an die Abende, an denen er mit seinem Doktor im Büro gesessen war, Flug tiefschlafend auf seinem Schoss, während er ihm ruhige Melodien vorgesummt hatte. Oder die Soireen, bei welchen sie im eleganten Walzer durch wunderschön geschmückte Ballsäle geschwebt waren.
Aus.
Vorbei.
Er strich zärtlich über den schmalen Rücken, wartete, bis die Erinnerungen kamen.
Eigentlich wollte er es nicht wissen, aber er würde nicht zur Ruhe kommen können, bis er erfahren hatte, wie sein Freund von ihm gegangen war.
Ob er gelitten hatte…
Er erinnerte sich an die zerbrechenden Türen, wie beide vor ihm gesessen und gestanden waren. Wie Flug aufgestanden war und seine Maske abgenommen hatte, wie sie geflüstert hatten – Dementia wirkte verschreckt, Flug gefasst, eine einzelne Träne zierte sein Gesicht.
Etwas hatte ihn zurückgehalten, sein Unterbewusstsein verstand, dass er ihnen eigentlich nichts antun wollte. Das Monster in ihm hatte sich gegen dieses Gefühl gestemmt.
Flug und Dementia hatten noch immer geflüstert, doch erst jetzt verstand er auch den Inhalt.
Flug hatte ihr verziehen, dass sie ihn in diese Situation gebracht hatte, dass sie seinen Fluchtweg tatsächlich demoliert hatte.
Black Hat schluckte, erinnerte sich jedoch weiter.
Sie waren sich lange gegenüber gestanden, sehr lange… Ein lauter Knall hatte die Diskussion zwischen seinem Unterbewusstsein und der Bestie beendet. Letztere hatte gewonnen und handelte sofort.
Flug hatte Dementia aus dem Weg geschuppst, war im nächsten Moment gegen die Wand gedrückt worden. So leicht hatten die Knochen seines Armes unter seiner Kraft nachgegeben.
Black Hat wurde schlecht und er riss sein Auge wieder auf.
Er weinte, still und unbemerkt.
Unter anderen Umständen hätte er sich selbst für dieses Zeichen der Schwäche gehasst, doch nicht einmal dafür hatte er Kraft.
Er wollte sich nicht weiter erinnern, wollte diese Tat nich mit vollem Bewusstsein erleben.
Doch er konnte es auch nicht mehr aufhalten – die Bilder kamen und er kniff sein gesundes Auge zusammen, wollte sich verstecken, verstärkte den Effekt jedoch nur.
Er konnte die Hand spüren, die über den Tentakel gestrichen hatte, so liebevoll wie immer. Er sah den anderen Tentakel, der seinem Doktor die Luft abgedrückt hatte. Er spürte den Konflikt, den die Berührung ausgelöst hatte.
Sein Unterbewusstsein hatte gekämpft, das Monster verwirrt, es knurrte, es drückte weiter zu. So viel mehr Knochen die gebrochen waren.
Der Geruch von Blut, ein trockenes Husten, hatte das Monster etwas abgelenkt, das Unterbewusstsein gewann an Kontrolle, löste sofort den Druck um Flugs Hals.
Schmerz war dem Wissenschaftler im Gesicht gestanden, aber auch eine Entschlossenheit, die er ihm in so einer Situation nicht zugetraut hätte.
Und dann hatte er angefangen zu reden.
Es war ihm sichtlich schwer gefallen, immer wieder unterbrach ihn ein Hustenanfall, nach dem ihm immer Blut aus Mund und Nase gelaufen war.
Der metallene Geruch hatte das Monster befriedigt, seinem Unterbewusstsein erlaubt langsam die Kontrolle zu gewinnen.
Flugs Worte brannten sich ein, zerrissen ihm in der Gegenwart das Herz.
Er hätte es besser verkraftet, wenn er ihn gerügt hätte, doch stattdessen bekam er nur die Liebe zu hören, die er nicht verdient hatte.
Und einen letzten fiesen Ratschlag – genial wie immer.
Er würde Dementia wirklich am Leben lassen, Flug hatte recht.
Als er gespürt hatte, wie der schmächtige Körper erschlaffte, endeten seine Erinnerungen.
Sein Unterbewusstsein musste die Situation verstanden haben und hatte sich daraufhin abgeschaltet.
Warum konnte er es nicht?
Warum konnte er sich nicht gegen den Schmerz wehren, der ihn beherrschte?
Warum war ihm alles in seinem endlosen Leben nun so unwichtig geworden?
Leise Schluchzend wiegte er sich vor und zurück, Flug noch immer in den Armen.
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