It's alright...

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
27.10.2018
27.10.2018
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Je länger er wartete, desto mehr verrauchte seine Wut. Dafür trat etwas anderes an die Oberfläche – Resignation.
Er hätte es wissen müssen, er war der schlaue Kopf dieser Firma.
Er seufzte, ließ sich auf seinen Stuhl fallen, betrachtete die Zerstörung.
Die Arbeit mehrerer Wochen in Bruchstücken auf dem Boden, die Scherben seines Lebens dazwischen.
Sie stand vor ihm, ein freches Grinsen im Gesicht, halb verdeckt von ihrem pinken Pony, den sie selbstzufrieden aus ihrem Gesicht blies.
Sie ahnte nicht einmal, was die Konsequenzen waren – für ihn.
„So Tonto, alles besser“, kicherte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Er blieb stumm, wusste nicht einmal was er sagen sollte.
„Jetzt lass den Kopf nicht hängen! In ein paar Tagen hast du das wieder repariert, ich kenn dich doch“, neckte sie, doch von dem Mann kam keine Reaktion. Das verunsicherte sie.
Normalerweise würde er schimpfen, fluchen, etwas unwichtiges nach ihr werfen…Doch er saß nur vor ihr, die Hände lose auf den Oberschenkeln, den Blick durch die Schutzbrille zu Boden gerichtet.
Nicht einmal die Papiertüte konnte seine emotionale Ausstrahlung verbergen, diese Verlorenheit verstecken.
War sie etwa zu weit gegangen?
„Flug, alles gut bei dir?“
Er reagierte nicht, atmete kontrolliert ein und aus.
Sie ging vor ihm in die Hocke, versuchte seinen Blick zu finden.
„Du-du machst mir Angst“, gestand sie, nahm seine Hände. Trotz der Handschuhe waren sie kalt.
„Es ist vorbei“, murmelte er plötzlich, die Stimme leer und müde.
„Wie…? Weißt du was, ich helf dir aufräumen…“
Sie hob hastig ein paar der Bruchstücke auf, der Wissenschaftler blieb regungslos.  
„Bemüh dich nicht, Dem. Es ist schon in Ordnung. Irgendwie…irgendwie hab ich geahnt, dass es so zu Ende geht…“
Eine leise Mischung aus Lachen und Schluchzen verließ seinen Mund, schüttelte seinen dünnen Körper.
Das verunsicherte die junge Frau noch mehr und ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in ihr aus. Das klang überhaupt nicht nach dem Flug, den sie kannte…
„Was…?“
Mit einem lauten Krachen flogen die Labortüren auf und Black Hat betrat den Raum. Jedoch war es nicht der sonst so elegante Auftritt, mit einer gut gekleideten humanoiden Form.
Was vor ihnen stand war ein Monstrum aus schnappenden Mäulern, Tentakeln und Augen, nicht zu vergessen die Kreissäge, die sein „Körper“ irgendwann einmal absorbiert hatte.
Was das Labor erreicht hatte, war kein gerissener und vernunftbegabter Bösewicht im Ruhestand, sondern ein unbeschreiblicher Alptraum, der von seinen Instinkten getrieben wurde.
Und in diesem Moment verstand Dementia, welchen Fehler sie begangen hatte – sie hatte den Blutmond vergessen!
Die Woche des Blutmondes zerbröckelte Black Hat's annähernd humanes Verhalten und ließ die Bestie frei, die in ihm schlummerte. Der einzige Weg diese Woche zu überleben war ganz einfach – nicht einen Mucks von sich geben, oder er würde einen finden.
Was hatte sie nur angerichtet…
Die Monstrosität beobachtete sie, lauerte…
„Ich dachte, es wäre bereits vorbei“, flüsterte sie Flug zu, welcher langsam seine Brille und Maske abnahm.
Schwarze Haare, eisblaue Augen, kantiges Gesicht.
„Heute. Irgendwann heute ist es zu Ende, sonst wären wir bereits tot“, entgegnete er nun wieder ruhig, eine einzelne Träne rann über sein Gesicht.
„Dann hat er bestimmt schon wieder genug Selbstkontrolle um dich nicht anzugreifen, nachdem ihr zwei…du weißt schon…“, brummte sie und sah wieder zu ihrem Chef.
In solchen Situationen bemitleidete sie den Wissenschaftler mehr, als das sie ihn beneidete. Wie schlimm musste es für ihn nur sein?
Der – aus Mangel an anderen Bezeichnungen – von ihnen als Dämon bezeichnete, hatte sich noch immer nicht genähert, waberte vor den Türen hin und her.
„Ich wäre mir da nicht so sicher…“, murmelte Flug, stand zitternd auf.
„Sollte er angreifen, will ich, dass du durch die Lüftungsschächte verschwindest.“
„Ich soll dich den Helden spielen lassen?“
„Held? Ich finde es nicht sehr heldenhaft dich am Leben zu lassen, um ihm nachher zu erklären, wie es so weit kommen konnte“, entgegnete er, atmete tief durch.
Oh nein, alles nur das nicht!
„Du hast doch einen Fluchtplan, oder?“
Ihr wurde schlecht, als sie die Antwort bereits ahnte.
„Ich hatte ein Dimensionsportal… Es war unter den Artefakten, die du zerstört hast. Aber wie ich schon gesagt habe, ich wusste, dass es irgendwann so endet. Ich bin nicht mehr sauer auf dich.“
Sie senkte beschämt den Blick, während sich ein leises Grollen vor ihnen entwickelte.
„Flug, ich… es…“
„Schon gut.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ob er damit sich selbst oder ihr Halt gab, war nicht ganz klar.
„Vielleicht haben wir ja Glück…“, meinte sie und unterdrückte Tränen.
Noch nie in ihrem Leben hatte sie solche Angst verspürt…
Das Grollen wurde lauter, Lichter flackerten. Flug hielt sie noch immer an der Schulter.
Sein Blick hatte sich auf ein herabhängendes Teil der Deckenbeleuchtung geheftet, welches langsam aber sicher an Haftung verlor. Die Sekunden zogen sich dahin, quälend langsam.
Und dann ging alles ganz schnell.
Die Deckenlampe krachte klirrend zu Boden, Flug stieß Dementia zu einem der Lüftungsschächte, das Monster kreischte ohrenbetäubend auf. Die schnappende Masse rollte auf ihn zu, Tentakel ergriffen ihn und schlugen ihn gegen eine der Wände.
Sein rechter Arm brach, doch der Schmerz war auszuhalten.
Der „Kopf“ blieb vor ihm stehen, dunkelrote Augen funkelten ihn an, erkannten ihn nicht. Das wäre auch zu viel für sein kleines bisschen Glück gewesen.
Einer der Tentakel wand sich um seinen Hals, drückte ihm langsam aber sicher die Luft ab.
Auch das war er von früher gewohnt.
Er stemmte sich nicht gegen den Griff, begann stattdessen den Tentakel um seinen Oberkörper zu streicheln.
Ein verwirrtes, warnendes Knurren schallte ihm entgegen und er lächelte leicht.
Die Kontrolle kam tatsächlich zurück, aber Flug wusste, dass es für ihn zu spät war.
Der Druck, mit dem sein Körper gegen die Wand gepresst wurde, nahm zu, zertrümmerte seine Hüfte und brach mehrere Rippen. Ein Lungenflügel wurde durchstochen und er begann schmerzhaft zu Husten, Blut lief ihm aus dem Mundwinkel.
Der Tentakel um seinen Hals hatte sich gelockert. Er musste diese Möglichkeit ausnutzten…
„Jefe? Ich… Ich hoffe du erinnerst dich an das, was ich dir jetzt sage…“, keuchte er, hustete erneut.
„Ich bereue nicht eine Stunde, die ich hier verbracht habe, nicht einen Tag an dem du an meiner Seite warst. Ich weiß, du wirst ziemlich wütend sein, aber ich bitte dich sie am Leben zu lassen, lass sie mit der Schuld leben…“
Ihm wurde langsam schwarz vor Augen, das Blut behinderte ihn beim Sprechen und er bekam Panik. Er wollte noch so viel sagen!
„In meiner linken Schubblade ist ein Brief, lies ihn bitte…“
Er hustete wieder, registrierte am Rande, dass sich die meisten Tentakel zurückzogen, sich ganz langsam eine humanoide Form bildete.
Noch immer streichelte er den Tentakel, der ihn hielt.
„Vergiss mich bitte nicht…ich liebe dich, Jefe…mein Jefecito…“
Die Hand erschlaffte.
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