Essenszeit

von KiraNear
KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
27.10.2018
27.10.2018
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Er sah nach hinten und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn wie üblich war der Engel wie aus dem Nichts hinter ihm erschienen. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Körper voneinander, ein Verhalten, dass er ebenfalls allzu gut von Castiel kannte. Dass ihn der Engel beobachtete, fast schon anstarrte, konnte sich der junge Mann bereits denken. Dean drehte sich zu seinem Gast um, ein kurzer Blick in dessen Gesicht genügte um seinen Verdacht zu bestätigen. Wie immer besaßen Castiels Augen einen Ausdruck, der viel und auch auf gleiche Weise wenig Interpretationsspielraum ließ. Selbst nach all den Abenteuern, den vielen Monaten, die sich die beiden unterschiedlichen Wesen bereits kannten, konnte Dean nicht im Ganzen erfassen, was sich in Castiels Gedankenwelt abspielte. Was er sich dachte, wenn er sich hinter den jungen Mann stellte und ihn direkt ansah. Wenn er ihn minutenlang stumm beobachtete und sich dabei wie eine Statue nicht um einen Millimeter bewegte. Zwar hatte ihm Castiel bereits mehrfach deutlich gemacht, dass er kein Schutzengel, sondern ein Soldat des Himmels wäre und doch hatte Dean an diesen Worten leichte Zweifel. Als hätte Castiel sich die Rolle des Schutzengels selbst überschrieben, ohne sich darüber wirklich im Klaren zu sein.

Dean öffnete den Mund, doch mit einem lauten Seufzen untermalt schloss er ihn wieder.

Oft genug hab ich ihm gesagt, dass er das nicht mehr machen soll, auf diese Art einfach hinter mir aufzutauchen. Privatsphäre ist dem Kerl wirklich fremd …

Dean seufzte erneut, trocknete sein Gesicht zu Ende ab und legte das Handtuch am Waschbecken ab. Castiels Blick dagegen blieb an ihm haften.

„Also, da du schon mal hier bist, was kann ich für dich tun, Cass?“, fragte Dean mit einem ernüchterten Ton, während er sich so manches belehrendes Wort bezüglich Castiels Angewohnheit nur mit viel Mühe verkniff. Er trat an die Türschwelle, um die Distanz zum Engel auf ein angenehmeres Maß zu erhöhen.

„Hast du eine Spur von Gott gefunden? Oder einen Hinweis, wo wir den nächsten Reiter finden können? Immerhin fehlen uns ja noch zwei und die sollten wir wohl schnell finden, bevor Luzifer noch wirklich ernst macht“, sagte er mit einem falschen, spitzbübischen Lächeln auf den Lippen. Castiels Miene veränderte sich nicht, er sah Dean weiterhin mit vollem Ernst an. Dass „Castiel selbst für einen Engel keinen Humor hat“, war etwas, was ihm der Engel immer wieder aufs Neue bewies. So auch in diesem Moment, als könnte er gar nicht anders und eine Maske der Ernsthaftigkeit tragen. Für eine Zeit hatte Dean vermutet, dass es keine anderen Seiten an Castiel gab, nichts anderes als den treuen und humorlosen Engel, doch je mehr Zeit er mit dem himmlischen Wesen verbrachte, desto mehr Details lernte er über ihn kennen.

„Nein, Dean, ich habe weder Gott gefunden, noch einer der Reiter“, antwortete Castiel trocken, bevor er in eine der Taschen seines braunen Trenchcoats griff und eine kleine Tüte herausfischte. Er hielt vor seinem Körper hoch, sein Blick stur auf die Augen des Jägers gerichtet. Fragend sah Dean die Tüte an, bevor er seinen Blick erneut hob. Er wollte den Engel gerade befragen, was er mit der Papiertüte bezwecken würde, da hob Castiel diese noch weiter in Deans Richtung.

„Du musst das essen“, sagte er und sah Dean weiterhin in die Augen.

Verwirrt blickte Dean den Engel an, dann wieder auf die Tüte, die sich in der ausgetreckten Hand befand. Das Logo der örtlichen Burgerkette prangte in roten und weißen Schriftzügen auf dem weißen Papier, der Geruch von frischen Hamburgern, Bacon und Pommes stiegen Dean in die Nase.

„Wofür ist das? Warum bringst du mir Essen?“, fragte Dean, machte jedoch keine Anstalten, seinem Gegenüber die Tüte abzunehmen. Welcher nun langsam ungeduldig wurde.

„Dean, nimm das. Es schmeckt gut, ich habe es probiert. Ich weiß, dass du bei deiner Nahrung sehr wählerisch werden kannst.“

Nun war es Castiel, der genervt aufseufzte, ein Verhalten, welches er sich von Dean abgeschaut und angeeignet hatte. Ungeduldig begann er mit der Tüte zu wedeln.

„Nun nimm das hier schon, wie lange willst du mich dann hier warten lassen?“, da nahm ihm Dean zu seiner Erleichterung das Essen entgegen.

„Danke“, murmelte dieser, noch immer ein wenig verwirrt. In der Tat sprach bereits der Geruch des Bacons ein knuspriges Versprechen zu werden, wie ihm sein Geruchsinn verriet.

„Danke dir, Cass“, sagte Dean nun eine Spur ernüchterter und ließ sich auf sein Bett nieder. Den Burger in der Hand, sah er den Engel fragend an. Dieser dagegen ging an die Schwelle, die das Badezimmer vom Rest der gemieteten Unterkunft trennte und sah Dean eindringlich an. Den verpackten Burger in der Hand, rieb dieser sich mit der anderen Hand über das Kinn.

„Das ist echt nett von dir, Cass, aber seit wann machst du dir Sorgen um meine Ernährung?“

„Ich habe dich beobachtet“, begann Castiel zu beantworten. Noch immer wirkte er wie eine Statue, wie ein Gast, den man nicht explizit eingeladen hatte. „Dein derzeitiges Nahrungspensum liegt weit unter deinem üblichen Niveau. Menschen brauchen ihr übliches Pensum an Nahrung, um bei Energie zu bleiben.“

Wieder stoppte der Engel, wieder wurde Dean das Gefühl nicht los, als müsste er jedes Detail einzeln aus der Nase seines Freundes hinausziehen.

„Und woher weißt du solche Dinge? Woher kennst du mein Lieblingsessen?“, fragte Dean weiter. Castiel sah für einen kurzen Moment weg, dann ging er auf Dean zu.

„Sam hat es mir verraten“, sagte er knapp. Sein Blick suchte den von Dean und als sich ihre Blicke wie bereits viele Male zuvor trafen, brannte sich Dean ein eigenartiges Gefühl in die Brust.

Macht er sich etwa … Sorgen um mich?

„Ja, ich mache mir Sorgen um dich, wenn du es auf diese Weise beschreiben möchtest“, erwiderte Castiel und nicht zum ersten Mal verwünschte Dean ihn für die Fähigkeit, die es dem Engel erlaubte, seine Gedanken lesen zu können.

„Cass“, sagte er, nun fiel es ihm deutlich schwerer, sich zurückzuhalten. „Darüber haben wir auch schon mal gesprochen. Bleib. Raus. Aus. Meinem. Kopf. Meine Gedanken gehen dich nichts an.“, stieß er entnervt aus. Schlagartig fühlte sich sein Kopf leichter an, als hätte ihn in den letzten Minuten eine Hand in seinem Inneren festgehalten und diese ließ ihn nun wieder gehen.

„Es tut mir Leid“, meinte Castiel, Dean konnte ihm ansehen, wie ernst es dem Engel war.

„Ich war nicht tief drin, keine Angst. Es ist nur, du redest nicht, da dachte ich …“

„Da dachtest du, du könntest einfach über meine Gedanken etwas herausfinden, nicht wahr?“, fuhr Dean ihn an. Mit einer dezenten Überraschung im Gesicht sah Castiel erst ihn, dann den Boden an. Schweigen legte sich zwischen sie, bis Dean es mit einem weiteren Seufzen unterbrach.

„Schon ok“, sagte er und begann, den Burger auszupacken. Allein der Anblick des saftigen Bacons und des goldgelben, halbwegs geschmolzenen Käses ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.

„Bleib einfach aus meinem Kopf raus und alles ist in Ordnung, verstanden.“

Er warf einen kurzen, mahnenden Blick in die Richtung des Engels, bevor er sich dem Burger widmete. Glücksgefühle breiteten sich nach dem ersten Bissen in seinem Körper aus.

So lecker schmecken also Glück und Mitleid.

Mehrere Bissen folgten, bis schließlich der komplette Burger seinen Weg in Deans Mund gefunden

hatte. Zufriedener, als es sein Stolz zugeben würde, blickte er zurück zu Castiel, welcher ihn noch

immer durch das Zimmer hindurch beobachtete. Grüne Augen trafen auf blaue, ein Gefühl der

Unsicherheit stieg in ihm auf. Hatte er noch dank seines Hungergefühls kaum gespürt, ließ es sich nun nicht mehr so einfach ignorieren. Er versuchte es herunterzuschlucken, doch es gelang ihm genauso wenig wie der Versuch, den Blickkontakt mit Castiel zu unterbrechen. Als würde er versuchen, etwas in den Augen des Engels zu finden, etwas, was ihm die Lösung für all ihre Probleme präsentieren würde. Augen, die wie die seinen bereits den Tod gesehen, Verrat gekostet und Schmerz geschmeckt hatten. Augen, als würden sie für immer nur über ihn wachen. Augen, denen er alles anvertrauen konnte, was er nicht einmal seinem eigenen Bruder zu sagen wagte.

Verlangen stieg ihn ihm auf, doch er konnte es nicht zuordnen. Er wusste, wenn er etwas wollte, dann würde er es sich nehmen. „Wenn ich Hunger habe, esse ich etwas. Wenn ich Sex will, dann nehme ich mir denn. Und wenn ich trinken will, dann hol ich mir ein Bier.“ Er konnte sich noch gut an das Gespräch mit Castiel in der Stadt erinnern, deren Namen er bereits wieder vergessen hatte.

Sein ganzes Leben war ihm simpel und einfach vorgekommen. Bereits als Kind hatte er den Unterschied zwischen einem Zombie und einem Ghul von seinem Vater beigebracht bekommen, wie auch den Umgang mit sämtlichen Waffen oder die Herstellung von Steinsalzmunition. Wenn er etwas benötigte, dann beschaffte er es sich, unabhängig von der Art des Bedarfs. Doch nun sehnte sich sein Körper nach mehr, der Hunger in ihm war halbwegs gesättigt worden, doch seine Seele hungerte es nach mehr, nach etwas anderem. Etwas, was er nicht in Worte greifen konnte. Eine Frage, für die er die Antwort nicht kannte und möglicherweise auch nicht kennen wollte.

Er räusperte sich, rückte ein Stück zur Seite und versuchte, sich selbst zu einem Lächeln zu zwingen.

„Na komm schon rüber, oder hast du da drüben etwa himmlische Wurzeln geschlagen? Du bekommst auch einen Bacon-Cheeseburger von mir … oder hast du etwa wieder das Interesse an Hackfleisch verloren?“, fragte er neckisch in die Richtung des Engels. Doch alles, was Dean sah, war die halb geöffnete Badezimmertüre. Ein Blick zur Seite verriet ihm, dass dieser sich im Bruchteil einer Sekunde auf das Bett teleportiert hatte. Dean wollte dies bereits hinterfragen, hätte der Engel die kurze Distanz auch zu Fuß hinter sich bringen können, doch er konnte sich die Antwort bereits denken und so ließ er es bleiben.

„Nein, ich habe das Interesse nicht verloren. Danke dir für das Angebot“, antwortete Castiel trocken wie üblich und doch war sich Dean sicher, dass er auch einen Ton der Vorfreude in der Stimme des Engels heraushören konnte. So griff er in die Papiertüte und zog einen Burger heraus.

„Na dann, lass dich nicht aufhalten“, sagte Dean und reichte seinem Freund den Burger, bevor er sich selbst mit einem weiteren versorgte.
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