Vom Changieren der Farben

von Oriares
GeschichteDrama, Romanze / P18
27.10.2018
10.03.2019
16
79500
11
Alle
24 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Hallihallo :)
Erinnert ihr euch noch an mich? Ich hab vor vielen Jahren leidenschaftlich gerne Fanfictions geschrieben. Davon bin ich mittlerweile abgekommen und in den Bereich "Prosa" abgewandert. Mein neustes Baby ist inzwischen fertig und ich würde es gerne mit euch teilen. Also falls jemand Lust hat, auf Bens und Emmas Reise mit mir zu gehen: Herzlich willkommen!
Ja, ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: ganz viel Spaß und ich bin gespannt, was ihr von Kapitel 1 haltet. Da die Geschichte bereits fertig auf meiner Festplatte liegt, könnt ihr mit regelmäßigen Postings rechnen. 1-2x die Woche?

Liebe Grüße
Becka



Für Hali


Du bist für immer in allem, was ich tue, Mama.


»Our memory is a more perfect world than the universe;
it gives back life to those who no longer exist.«
[Guy de Maupassant]





>> 1 <<


Ich hatte Freunde zu Besuch, als ich sie das erste Mal sah. Ihre Haare waren zu einem strengen Zopf zusammengebunden, die Augen empört aufgerissen, als sie in meine Wohnung gestürmt kam.
»Geht das auch etwas leiser?«, rief sie und baute sich, die Hände in ihre Hüften gestemmt, vor meinem Fernseher auf. Zwei Dinge waren es, die mir gleichzeitig durch den Kopf schossen. Wieso schaffte es Dan nie, die Tür hinter sich zuzumachen, wenn er neues Bier geholt hatte und wer war diese dunkelhaarige Schönheit mit den Farbflecken am ganzen Körper, die auf diese unkonventionelle Art und Weise in meine Wohnung geplatzt war?
Mason schien sich dasselbe zu fragen. »Wer ist das, Ben?«
Ich hatte keine Ahnung, aber es gefiel mir nicht, dass sie sich mitten vor meinen Bildschirm stellte, auf dem wir eben noch gezockt hatten. Auch Jake war dieser Meinung. Ein empörtes »Hey Lady! Was zur Hölle soll das?«, gepaart mit vorwurfsvollen Blicken aus seiner Richtung, waren die Folge.
»Ich sehe nichts mehr«, protestierte nun auch Dan.
Alle drei hielten Controller in den Händen und waren nicht sehr erfreut darüber, in ihrem Spiel unterbrochen worden zu sein.

»Was ist dein Problem, Puppe?« Ich schmiss Mason meinen Controller zu und erhob mich. Bevor wir auch nur den Ansatz einer Antwort bekamen, zog sie bereits den Stecker des Fernsehers aus der Wand. Augenblicklich wurde der Bildschirm schwarz und meine Freunde schnappten entsetzt nach Luft.
»Bist du verrückt geworden?«
»Ey, Tussi, ich hätte gewonnen!«
»Verdammte Scheiße, bist du irre?!«
Ich stand einfach nur sprachlos daneben. Und das war etwas, was mir wirklich selten passierte. Sehr selten.
»Es gibt Leute hier im Haus, die schlafen wollen!«, fauchte sie, als sie wieder zu uns herumwirbelte und das Kabel auf den Boden schmiss. In ihrem Blick lag etwas Bedrohliches und für einen Moment hatte ich wirklich Angst um meinen Fernseher. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie ihn umgeworfen oder versucht hätte, ihn aus meiner Wohnung zu schleppen. Einfach nur deshalb, weil sie für Ruhe sorgen wollte. Ich glaubte zwar nicht, dass sie es geschafft hätte, dafür war sie zu klein und zu zierlich, aber ich wollte nichts riskieren. Bevor ich beschwichtigend auf sie einwirken konnte, fiel ihr Blick jedoch auf Jake, der ihr direkt gegenüber saß und sie, den Controller immer noch in seinen Händen haltend, fassungslos ansah. Keiner von uns hatte jemals zuvor eine solche Szene erlebt.

»Ernsthaft, was zum Teufel ist los mit euch?« Sie funkelte meinen Kumpel böse an und ich war mir nicht sicher, ob sie auf eine Antwort wartete oder ob ihre Frage rhetorisch gemeint war. Was in der nächsten Sekunde aber auch egal wurde, denn ehe ich – oder einer meiner Jungs – reagieren konnte, kletterte sie bereits behände über die ausgestreckten Beine von Dan und Jake.
»Ich wäre euch wirklich sehr dankbar, wenn ihr eure postpubertären Kindereien auf ein erträgliches Level herunterfahren könntet.« Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus und es war nicht einmal für mich zu überhören, dass sie uns wohl alle vier am liebsten an das andere Ende der Stadt verbannt hätte.
»Stell dich nicht so an.« Jake stand auf, griff nach dem Kabel und steckte den Bildschirm wieder ein. »So laut sind wir gar nicht.«
»Keiner von euch hat mein Klopfen gehört! Also doch, ihr seid eindeutig zu laut.«
»Es ist noch nicht einmal Mitternacht«, protestierte Dan und wandte sich nun an mich. »Wirf‘ sie raus, Ben, und lass uns weiterzocken.«
Bevor ich auch nur die Chance hatte, etwas dazu zu sagen, platzte sie von neuem.
»Oh, keine Sorge. Ich gehe freiwillig … Sobald ihr leiser seid.« Demonstrativ verschränkte sie die Arme vor der Brust und stellte sich mitten zwischen Dan und den Fernseher. Die Farbreste an ihren Armen und Beinen irritierten mich. Das sah nicht danach aus, als hätte sie tatsächlich im Bett gelegen und wäre von uns vom Schlafen abgehalten worden.

»Du hast mir gerade den Sieg versaut«, knurrte Jake. »Wenn jemand kein Recht hat, Forderungen zu stellen, dann du, Fräulein.«  
»Fantastisch. Die Herren sind also nicht nur unverschämt, sondern auch noch sexistisch.«
»Dann geh doch.« Jake verdrehte die Augen. »Meine Güte. Es zwingt dich niemand, hier zu sein. Mach das Spiel wieder an, Maze.«
»Erst, wenn ihr den Scheiß leiser macht und nicht alle drei Sekunden durch die Gegend grölt.« Sie stand unbeweglich mitten in meinem Wohnzimmer, versperrte uns die Sicht und starrte meinen Kumpel nieder. Leider – oder zum Glück – war Jake niemand, der sich leicht unterkriegen ließ. Er hielt ihrem Blick stand. Ein belustigtes Lächeln erschien auf seinen Lippen.
»Willst du dich ernsthaft mit mir anlegen, Mädchen? Was du hier betreibst, ist Hausfriedensbruch.« Das war der Moment, in dem ich begriff, dass das Ganze gleich richtig eskalieren würde, wenn ich nicht eingriff.

»Sorry.« Ich setzte ein beschwichtigendes Lächeln auf und trat zwischen die beiden. Schadensbegrenzung. Das war es, was es nun zu betreiben galt. Ich kannte sie nicht und war mir daher nicht sicher, wie weit sie in ihrer Rage gehen würde. »Das war keine Absicht. Wir sind ab sofort leiser.«  
»Was? Bist du bescheuert?« Jake drehte sich ruckartig in meine Richtung und sah mich wütend an. »Wieso sollen wir leiser sein, wenn wir überhaupt nicht laut waren?«
Okay. Ich seufzte. Mein Plan hatte eindeutig Lücken. Nun war nicht unsere unbekannte Besucherin diejenige, die an die Decke ging, sondern Jake.
»Wir zocken hier ständig und noch nie hat sich jemand beschwert. Weil wir verdammt nochmal nicht laut sind.«
»Doch, seid ihr.«
»Sind wir nicht.«
»Doch!«
»Himmel.« Jake begann in seiner Hosentasche zu kramen und zog sein Portemonnaie hervor. »Hier. Das sollte reichen.« Mit diesen Worten hielt er ihr fünf Dollar entgegen, die nicht nur ich verblüfft beäugte.
»Was soll ich damit?«, fragte sie und für einen Augenblick sah ich Verwunderung über ihr Gesicht huschen, ehe sie sofort wieder ihre Maske aufsetzte und ihn wütend musterte. »Steck dir dein Geld sonst wohin.«
»Kauf dir Ohrstöpsel. Vielleicht gibst du dann Ruhe.«
»Nice, Man.« Dan hielt Jake die erhobene Hand entgegen, in die selbiger mit seiner freien Hand einschlug. Mason hatte Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen. Ich hatte jeglichen Widerstand aufgegeben und grinste breit. Für etwa zwei Sekunden.
»Na gut.« Mit einem Mal war sie ruhig und das überraschte mich weit mehr als die Furie, die vor ein paar Minuten in meine Wohnung gestürmt war. »Ganz wie ihr wollt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Dann rufe ich eben die Polizei.«  
»Mach doch.« Jake.
»Werde ich.« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und stapfte davon.

Scheiße!

So, wie sie hier hereingeplatzt war, hatte ich keinerlei Zweifel daran, dass sie ihre Drohung wahr machen würde. Und wenn ich eine Sache nicht wollte, war es die Polizei in meiner Wohnung zu haben. So weit wollte ich es nicht kommen lassen.
»Fuck!« Ehe ich begriff, was ich tat, eilte ich ihr hinterher und warf Jake einen bösen Blick zu. Halt bloß die Klappe! Im Nu hatte ich mich an ihr vorbeigedrängt und in ihren Weg gestellt. Mit einer Hand stieß ich die Tür hinter meinem Rücken zu, um sie am Gehen zu hindern.
»Was soll das?«, keifte sie und versuchte, sich an mir vorbei zu drängen.  
»Mein Kumpel ist ein Trottel«, entgegnete ich und lächelte sie entwaffnend an. »Er ist mit drei Brüdern aufgewachsen und hat keine Ahnung, wie man sich einer Frau gegenüber benimmt.«
»Aber du, ja?« Sie runzelte die Stirn, ehe sie den Kopf schüttelte. »Es interessiert mich nicht, was für eine Kindheit ihr genossen habt. Was ihr hier veranstaltet, ist Ruhestörung. Tut mir leid, dass ich das um diese Uhrzeit ganz und gar nicht mehr lustig finde.« Sie kam näher. »Und jetzt lass mich durch!«
»Ohrstöpsel …«, hörte ich es vom Sofa. Jake, verdammt! Und offenbar wirkte dieses Wort wie ein Trigger bei ihr. Sie wirbelte herum. Im nächsten Moment schnallte meine Hand an ihren Arm, um sie davon abzuhalten, ihm an die Gurgel zu gehen.
»Lass mich los!« Sie entriss mir ihren Arm und für den Bruchteil einer Sekunde befürchtete ich, dass nun ich ihren ganzen Hass abkriegen würde. Kochend vor Wut machte sie sich von mir los und stapfte auf Jake zu.

»Weißt du was?« Sie trat direkt vor ihn und beugte sich fast schon verschwörerisch zu ihm. Dann sprach sie betont langsam. »Du kannst mich mal.«
»Sorry, Schätzchen.« Er lächelte spöttisch und ließ seinen Blick an ihr auf- und abgleiten. »Du bist leider nicht mein Typ. Ich stehe nicht auf Hexen.«
»Sehr gut. Ich stehe nämlich auch nicht auf selbstverliebte Penner.«
»O-kay.« Ich trat zwischen die beiden. »Ich denke, das reicht.« Und beging damit wohl den größten Fehler, den ich in diesem Augenblick hätte machen können. Mit diesem einen Satz schaffte ich es, nicht nur ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich zu ziehen, sondern auch Jake schoss sich nun auf mich ein.
»Dein bescheuerter Kumpel hat wirklich kein bisschen Anstand.«
»Alter, Ben, was willst du von mir? Diese Zicke hat angefangen.«
»Diese Zicke, ja?«, zischte sie. Ihr Finger bohrte sich in seine Brust. »Kotzbrocken.«

Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich kam mir vor wie auf einem Tennismatch. Blick nach rechts zu ihr, Blick nach links zu Jake, Blick wieder zurück zu ihr. Und dann fiel der Groschen. Natürlich.
»Du bist meine neue Nachbarin«, platzte ich dazwischen. Anders konnte ich mir diesen fast schon amüsanten Auftritt ihrerseits nicht erklären.
»Du bist ja von der ganz schnellen Sorte, Pinkerton.« Sie runzelte abschätzig die Stirn.
»Pinkerton?« Ich hatte keine Ahnung, von wem sie sprach.
»Hä?«
»Was?«
»Wer soll das sein?«
Immerhin war ich nicht der einzige, der nicht wusste, wer dieser Pinkerton war. Auch meine Jungs schienen keine Ahnung zu haben.
»Ja, genau, wie ich bereits sagte …« Sie verdrehte die Augen. »Von der ganz schnellen Sorte.«
»Ja. Sorry. Mann.« Ich zeigte mit dem Finger erklärend auf mich selber. »Wir sind nicht ganz so flott im Denken.«
»Hab‘ ich gemerkt.« Sie starrte mich zwar immer noch vorwurfsvoll an, doch ihre Wut schien nicht mehr ganz so groß zu sein wie noch vor ein paar Sekunden. 0,7 Prozent hatte sie verloren. Mindestens. Gut möglich, dass es auch 0,75 waren. Meine Worte hatten ihr wohl tatsächlich etwas den Wind aus den Segeln genommen. Lächelnd machte ich einen Schritt auf sie zu und hielt ihr meine Hand entgegen. »Hey, ich bin Ben.«
»Emma.« Sie betrachtete meine Hand misstrauisch, griff aber nicht nach ihr.
Auch gut.
»Emma von nebenan.« Nun grinste ich breit. »Schön, dich kennen zu lernen. Diese Idioten dort drüben sind Maze, Jake und Dan.« Ich wandte meinen Blick in ihre Richtung und sah sie mahnend an. Es galt, Emma zu besänftigen und das konnte ich nicht alleine.

»Willst du ein Bier?«, fragte ich und sah mich suchend um. Dan war gerade erst mit Nachschub zurückgekommen und hatte die Tür dabei offen gelassen. Irgendwo in der Nähe musste sich also definitiv noch eine volle Flasche befinden. Ein bisschen Alkohol würde sie hoffentlich beruhigen und runterholen und die Idee, die Polizei wegen ein bisschen Lärm zu rufen, aus ihren Gedanken eliminieren. Ich hatte noch nicht einmal den halben Raum nach einer noch verschlossenen Flasche abgescannt, als sie den Kopf schüttelte.
»Ich trinke nicht.«
Okay. Sie war also immer noch sauer. Oder Alkoholiker. Vielleicht auch beides. Und es brannte mir auf der Zunge, sie danach zu fragen, doch … Himmel, ich war Arzt. Es gab nicht viel, wovor ich zurückschreckte, aber in Bezug auf Krankheiten wollte ich mich lieber nicht in die Nesseln setzen.  
»Ein Wasser?«, versuchte ich es daher erneut, doch auch dafür erhielt ich eine Ablehnung. Shit. Hilfesuchend warf ich einen Blick über ihre Schulter zu Dan. Er sah mich ideenlos an und auch Jake, gerade Jake, wirkte nicht so, als käme er auf einmal mit der perfekten Idee um die Ecke.
»Gut, auch kein Wasser«, murmelte ich und kratzte mich nachdenklich am Hinterkopf. Vielleicht wollte sie einfach noch einmal eine Entschuldigung wegen des Lärms hören? Ich hatte keine Ahnung.

Mason war derjenige, der die Situation rettete. »Was haltet ihr von einem Deal?«
Neugierig drehte ich mich zu ihm um. »Was meinst du?«
»Wir zocken. Wenn Emma gewinnt, bekommt sie, was sie will.« Er zuckte mit den Schultern.
»Du willst, dass ich gegen euch spiele?« Emma sah ihn abwägend an. »Und dann seid ihr ruhig?«
»Wenn du dich traust«, bestätigte er. »Du darfst dir auch aussuchen, gegen wen du antreten willst«, schob er großzügig hinterher. Grinsend nickte ich ihm hinter Emmas Rücken zu. Großartige Idee. Es gab nur eine Art von Joystick, mit der Frauen wirklich umgehen konnten und die hatte nichts mit Mario Kart zu tun. Ich kannte kein einziges weibliches Wesen, das Spaß am Spielen mit Konsolen hatte, geschweige denn gut darin war. Was schlichtweg der Tatsache geschuldet war, dass ich mir gar nicht erst die Möglichkeit gab, eine Frau näher kennenzulernen. Ich hatte kein Interesse an einer Beziehung und war jedes Mal froh, wenn meine aktuelle Eroberung am nächsten Morgen ohne größere Diskussionen das Weite suchte. Machte mich das zu einem Arsch? Vielleicht. Aber es machte mich auch ehrlich und dieser eine Abend im Monat war einfach unser Ding. Ein Männer-Treff. Mein Kampfgeist war geweckt. Ich würde sie besiegen und gegen sie gewinnen und im Idealfall sogar einen neuen Rekord für die Strecke aufstellen und somit heroisch unseren Männerabend retten.

»Du!« Emma zeigte auf Jake. »Ich will gegen dich spielen.«
Was?
In meinem Kopf stellte ich mir bereits vor, wie ich in die erhobenen Hände meiner Kumpels einschlug, weil ich unseren Männerabend gerettet hatte und nun wollte sie gegen Jake antreten?
»Mit dem größten Vergnügen.« Mit einem gehässigen Grinsen auf den Lippen ließ Jake sich auf die Couch fallen und angelte nach einem der Controller. »Wir nehmen natürlich Mario Kart und die Regenbogenstrecke.«
»Natürlich.« Sie nickte, setzte sich neben ihn und schnappte sich einen eigenen Controller. Ich hatte keinen Schimmer, was hier gerade geschah. Da befand sich auf einmal eine Frau in meiner Wohnung, die wir bis vor fünf Minuten noch nicht gekannt hatten, brüllte uns an, riss die halbe Steckdose aus der Wand und plötzlich saß sie auf meinem Sofa, biss sich auf die Lippen – die zugegebenermaßen ziemlich sexy waren - und nahm die Herausforderung, die ihr gestellt worden war, widerstandslos an. Mason hing über der Sessellehne, auf der ich eben noch gesessen hatte und starrte auf den Bildschirm. Dan kam mit zwei neuen Bierflaschen angelaufen und drückte mir eine davon in die Hand, während Emma ihre Figur auswählte. Jake tat es ihr gleich. Dann wurde die Runde von ihm gestartet.

Keine Sekunden später hängte Emma ihn ab. Sie zockte ihn ab, gnadenlos und mit einigem Vorsprung. Sprachlos starrten wir wie die vier Idioten, die wir waren, auf die Zahlen, die uns auf dem Fernsehbildschirm entgegen leuchteten. Emma hatte mal eben einen neuen Rekord aufgestellt. Einfach so. Auf der beschissenen Regenbogenstrecke.
Jake war der erste, der seine Sprache wiederfand und knurrend ein einziges Wort von sich gab. »Revanche!«
»Sicher?« Ihre Stimme klang stichelnd und zum ersten Mal, seit sie in meine Wohnung gestürmt war, erschien so etwas wie ein halbes Lächeln auf ihren Lippen. Es wirkte spöttisch.
»Leg los.« Jakes Ehrgeiz war geweckt. Konzentriert fixierte er den Bildschirm.
»Was ist mit dir los, Mann?« Dan war immer näher an den Fernseher gerückt. »Mach sie fertig. Ich will noch nicht nach Hause.«

Dieses Mal startete Emma. Und obwohl er um jeden Preis gewinnen wollte, hatte Jake erneut keine Chance gegen sie. Sie blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte und fuhr die Regenbogenstrecke ein zweites Mal fehlerfrei. Als wäre es ein Kinderspiel. Völlig fasziniert beobachtete ich dieses mystische, wunderschöne Wesen von nebenan dabei. An ihren Fingern klebten Farbreste, die karierten Shorts, die sie trug, entblößten Beine bis in den Himmel, ihre Zehennägel waren knallrot lackiert und es war deutlich sichtbar, dass sie unter ihrem Top keinen BH trug. Ich konnte es nicht fassen. In unserer Mitte befand sich eine Zockerqueen, die sich augenscheinlich nicht daran störte, dass sie voller Farbe und halbnackt in unserer Runde saß. Ich war niemand, der sich leicht beeindrucken ließ und es war auch nicht ihr attraktives Äußeres, das mich aus der Fassung brachte. Es war die Tatsache, dass sie trotz lackierter Zehennägel hier zwischen uns saß und zockte. Meine bisherigen Eroberungen hatten immer nur genervt die Augen verdreht, wenn sie meine Konsole entdeckt hatten und ich konnte nicht leugnen, dass es erfrischend war, eine Frau kennenzulernen, die genau das nicht tat. Die Jake ganz im Gegenteil mit Leichtigkeit abhängte und schon wieder mit einigem Abstand als erste ins Ziel fuhr. Und ganz offensichtlich war ich nicht der einzige, dem das aufgefallen war. Mason ließ seinen Blick ungeniert über Emma gleiten. Von oben nach unten und wieder zurück. Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, grinste er mir zu und nickte anerkennend. Er war der einzige von uns, dessen gute Laune nicht davon abhing, ob er bei unseren Männerabenden gewann oder nicht und ganz eindeutig hatte sie ihn genau so beeindruckt wie mich.  

»Scheiße, Jake!« Dan verpasste ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. »Was kannst du eigentlich?«
Fluchend warf Jake den Controller zur Seite, stand auf, griff nach einem Bier und trank die halbe Flasche auf einmal leer. Dann trat er gegen die Couch, was ich mit einem »Ey, du Penner!« quittierte.
»Tja.« Im Gegensatz zu Jake legte Emma den Controller ordentlich auf dem Tisch ab. Dann stand sie auf und bahnte sich ihren Weg an den Jungs vorbei. »Gute Nacht.«
»Hey!«, widersprach Dan. »Was ist mit mir?« Die pure Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben ob des drohenden Endes unserer Zockerei. »Ich will auch gegen dich antreten.«
»Sorry. Die Abmachung lautete anders.« Unbeeindruckt lief sie weiter in Richtung Tür. Was vermutlich besser so war. Ich war mir nicht sicher, ob Jakes Ego es verkraftet hätte, sie noch einmal gewinnen zu sehen.
»Ach, komm schon«, rief Dan ihr hinterher. Emma ignorierte ihn. Und sie ignorierte auch, wie die drei zu diskutieren begannen, woran Jakes Fehler gelegen hatten. »Ich habe gegen eine Frau verloren«, murmelte er betreten. »Gegen eine Frau!«
»Sei nicht so sexistisch.« Mason. Stets überkorrekt. »Wo ist der Unterschied, ob du gegen mich oder sie verlierst?«
»Muss ich dir das wirklich erklären?« Jake rollte mit den Augen und begann eine Debatte mit Mason, auf die ich absolut keine Lust hatte. Wenn die beiden aneinander gerieten, konnte es dauern. Sollte Dan doch versuchen, die beiden Idioten von einer ihrer ausufernden Diskussionen abzuhalten.

Emmas Blick landete auf mir. »Ich will nichts mehr von euch hören«, sagte sie. »Ansonsten hast du die Polizei schneller da, als dir lieb ist.«
»Wenn du mich in Handschellen sehen willst, musst du nur fragen, Süße.« Es war ein letzter Versuch meinerseits, die Stimmung zu lockern.
Ich scheiterte kläglich.
»Ernsthaft? Gibt es wirklich Frauen, die auf so einen plumpen Quatsch reinfallen?« Emma verdrehte die Augen, wartete eine Reaktion meinerseits gar nicht erst ab, drehte sich um und marschierte los.
Verdammt. Ich war ein Vollidiot. »Warte!«, rief ich ihr hinterher, sprang auf und eilte ihr nach. »Ich bring dich zur Tür.« Ehe ich mich versah, legte ich ihr wie selbstverständlich eine Hand auf den Rücken. Nur, um sie quasi im selben Augenblick wieder sinken zu lassen, als ich spürte, wie sie sich anspannte. Geschickt drehte sie sich von meiner Hand weg und blickte noch einmal zu meinen Freunden, die intensiv in ihre Diskussion vertieft waren. Meine Augen folgten ihrem Blick.

»Ich würde ja gerne behaupten, dass sie nicht immer so sind, aber … das wäre eine Lüge.« Ich zuckte mit den Schultern, grinste und folgte Emma aus meiner Wohnung in den Flur. Aus einem Impuls heraus zog ich die Tür hinter mir zu. Als sie ins Schloss fiel, blieb Emma überrascht stehen.
»Du musst mich nicht begleiten. Meine Tür ist keine vier Meter von deiner entfernt.« Sie deutete mit dem Daumen über ihre Schulter, wo sich in der Tat eine zu meiner identischen Tür befand.
»Ich weiß.« Ich nickte und suchte fieberhaft nach etwas, was ich sagen konnte, ohne wie der letzte Vollidiot zu klingen. Es gab keinen vernünftigen Grund, wieso ich sie hätte begleiten müssen. Außer vielleicht … »Ich will nur sicher gehen, dass du mir nicht doch noch die Bullen auf den Hals hetzt.«
»Angst?«
»Ein bisschen.« Ich grinste schief. »Wann bist du eigentlich eingezogen?« Ich hatte nichts mitbekommen.
»Am Mittwoch.«
Drei Tage also. Das erklärte, wieso ich sie noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Mein Praktikum im Krankenhaus hatte mir in den letzten Tagen einige Doppelschichten abverlangt und dazu geführt, dass ich mich wie nach einem Flug um die halbe Welt fühlte. Ich hatte Jetlag, war nachts hellwach und tagsüber fürchterlich müde.
»Dann … herzlich willkommen in der Nachbarschaft.« Ich lehnte mich gegen die Wand. »Solltest du mal Zucker oder Salz brauchen …« Smalltalk. Das war immerhin besser als nichts darauf zu erwidern, auch wenn es mich wahrscheinlich nicht besonders interessant machte.
»Lass mich raten. Dann bist du mein Mann?« Ihre Stimme triefte schon wieder vor Sarkasmus.
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich habe ich nie etwas da.«
»Okay.« Ihr Blick sprach Bände. Sie hatte mich durchschaut und hielt mich für genau den Vollidioten, der ich war. Aber hey, das war immerhin besser als Arschloch. Es waren die kleinen Dinge.
»Ich … geh dann mal rein.« Sie öffnete ihre Tür, ehe sie noch einmal innehielt und mich fest ansah. »Und ich hoffe wirklich sehr, dass ihr euch an den Deal haltet.«
»Werden wir.« Ich würde dafür sorgen. Einzig aus dem Grund heraus, weil ich ihr nach wie vor zutraute, dass sie die Polizei doch noch rief, wenn sie uns weiterhin durch die Wände hören würde.

»Du …« Ich stockte. Schlaf gut. Das war es, was ich hatte sagen wollen. Und was mir im Hals stecken blieb, als Emma ihre Tür schloss, ohne darauf zu warten, was ich hatte sagen wollen.
Okay. Wow. Ich konnte nicht einmal behaupten, dass ich soeben einen Korb kassiert hatte. Dazu war unsere Vorgeschichte nicht passend genug, schließlich hatte ich sie nicht gefragt, ob sie mit mir ausgehen wollte. Und doch fühlte es sich genau so an, als ich kehrtmachte und zurück in meine Wohnung schlich, in der noch immer drei Männer auf mich warteten. Und auf wundersame Weise nicht mehr diskutierten. Stattdessen standen sie in einer Reihe an die Couch gelehnt und musterten mich eingängig. Sie wussten, wann es sich lohnte, Fragen zu stellen. Und sie wussten auch, wann es genügte, mich einfach nur so lange anzustarren, bis ich einknickte. Ich hatte mein Herz schon immer auf der Zunge getragen. Was nicht jedes Mal gut ankam, wie ich schon das ein oder andere Mal – meistens im Beisein einer Frau – hatte erfahren müssen. Immerhin Mason, Dan und Jake hatten gelernt, mit meiner direkten Art umzugehen. Umso erstaunter waren sie, als ich nicht auf ihre fragenden Blicke reagierte, sondern damit anfing, die leeren Bierflaschen und Chipstüten zusammenzusammeln. Eine Weile sahen sie mir schweigend und mit verschränkten Armen dabei zu.

Schließlich war Mason, mein bester Kumpel und ehemaliger Mitbewohner, derjenige, der sich traute und mich ansprach. »Ben?«
Ich ignorierte ihn.
Er wartete eine Weile.
Dann erneut: »Ben?«
»Was?« Ich blickte kurz auf, ehe ich den ganzen Müll mit den Händen zusammenschob.  
»Was war das?«
»Das …« Ich seufzte. »… war meine neue Nachbarin.«
»Das meinte ich nicht und das weißt du.«
»Eine andere Antwort wirst du aber nicht von mir kriegen.« Mir war klar, dass er wissen wollte, warum ich sie auf den Flur begleitet hatte. Was dort draußen passiert – oder vielmehr nicht passiert – war. Sie waren es nicht gewohnt, dass ich weiblichen Besuch bis an die Tür begleitete. Vor allem keine Frauen, mit denen ich nicht geschlafen hatte.
»Ben …«
»Nein«, sagte ich nur, kickte meine herumliegenden Schuhe in Richtung Flur und zog mir mein T-Shirt über den Kopf. Ein eindeutiges Zeichen für meine Besucher, dass es an der Zeit war zu gehen. Und nur für den Fall, dass sie meine Geste nicht verstehen wollten, schob ich zusätzlich ein »Wir haben verloren, also ist der Abend hiermit beendet« hinterher. »Und diese Tatsache ist nicht meine Schuld.« Mein Blick fiel auf Jake, der die Augen verdrehte. »Bedank dich lieber bei Maze.«
»Wieso? Du hast gespielt.« Ich bohrte in der Wunde, das war mir klar. Wir waren alle schlechte Verlierer, außer vielleicht Mason, doch Jake war mit Abstand der schlechteste von uns.
»Aber er hat den Vorschlag gemacht.«
»Und da ist die Tür.« Ich nickte mit dem Kopf in besagte Richtung.
»Also gut.« Mason nickte erst Jake und Dan, dann mir zu. »Wir gehen.«

»Kiss and tell«, flötete Dan. Mir war völlig schleierhaft, was in ihn gefahren war, aber ich griff trotzdem vorsorglich nach einem Kissen und warf es ihm entgegen. Lachend wehrte er meine kleine Attacke ab. Wie auch immer. Es war mir egal, was sie glaubten. Ich war einfach nur froh, dass sie mir keine weiteren Fragen zu Emma stellten. Was hätte ich denn sagen sollen? Ich kenne sie nicht, aber sie ist interessant? Heiß? Wahrscheinlich hätten sie mich ausgelacht, weil ich mich wie ein zwölfjähriger Teenie anhörte, der zum ersten Mal eine halbnackte Frau gesehen hatte.
Von daher blieb mir nur die Offensive nach vorne.
»Ihr klingt wie Mädchen«, behauptete ich und knüllte mein Shirt zusammen.
»Und du verhältst dich wie eins.« Jake lachte laut auf. »Dass ich das mal sagen kann …« Er hielt Dan die erhobene Hand entgegen, in die dieser Verräter auch sofort einschlug.
»Raus jetzt!«, murrte ich und versuchte, möglichst einschüchternd auf die drei zuzugehen.
»Schon gut.« Mason grinste und hob abwehrend die Hände. »Wir gehen ja schon.« Er scheuchte Jake und Dan vor sich her, ehe er sich noch einmal halb zu mir umdrehte und ein tonloses »Ruf mich an!« formte. Ich schüttelte nur den Kopf. Mir war klar, wie das ablaufen würde. Er würde nach Hause fahren, Aria würde aufwachen und er würde ihr von unserem Abend erzählen. Spätestens morgen früh würde mich also eine Nachricht von seiner Freundin auf meinem Handy erwarten, in der sie mich mit Fragen löchern würde. Und Masons Mädchen war niemand, den man ungestraft ignorierte. Sie hatte es mir nie bestätigt, aber ich war davon überzeugt, dass es ihr großes Ziel war, eine Freundin für mich zu finden. Weshalb es sie jedes Mal in helle Aufregung versetzte, wenn ich eine Frau nicht direkt am ersten Abend, an dem ich sie kennengelernt hatte, flachlegte. Dass ich nicht der große Stecher war, für den sich mich hielt, interessierte sie dabei nicht. Und dass Emma keine meiner Eroberungen, sondern die Furie von nebenan war, würde sie ebenfalls geflissentlich ignorieren.

Meine Wohnung war längst leer, als ich immer noch mitten in meinem Wohnzimmer stand und Löcher in die Luft starrte. Es war in der Tat eine ganze Weile her, dass ich zum letzten Mal Sex gehabt hatte. Was nicht an mangelnden Angeboten, sondern schlicht und einfach an zu wenig Zeit lag. Mein Praktikum in der Klinik hatte vor drei Monaten begonnen und obwohl ich es anfangs noch ganz amüsant gefunden hatte, mit einer willigen Krankenschwester – oder Ärztin – nach der anderen zu schlafen, war mir irgendwann klargeworden, dass ich nicht in diesem Tempo weitermachen konnte. Ein Krankenhaus war mit Sicherheit nicht viel besser als das College oder die High School. Irgendwann hätte es Gerüchte gegeben, falls es diese nicht sowieso schon gab. Und da ich meinen Job wirklich mochte, hatte ich angefangen, wenn auch nicht ganz freiwillig, Prioritäten zu setzen. Was bedeutet hatte, keine weiteren Kolleginnen mehr anzufassen.

Ich seufzte. Sex war überfällig. Und es nervte mich, dass dieser Gedanke gleichzeitig Emmas Gesicht vor meinem inneren Auge entstehen ließ. Ja, sie war hübsch. Ja, sie hatte Beine bis zum Mond, die in High Heels bestimmt noch umwerfender gewesen wären. Und ja, ich hatte ihre Nippel durch ihr Top gesehen. Aber das waren bei Gott nicht die ersten gewesen, die ich in meinem Leben hatte bewundern dürfen. Und sie waren immer noch von buntem Stoff bedeckt gewesen. Es verblüffte mich nach wie vor, wie selbstverständlich sie sich in diesem Outfit zwischen meine Kumpels gesetzt hatte. Als wäre es ihr völlig egal, was diese willige Meute Mittzwanziger von ihr hielt. Vermutlich war dem sogar so gewesen. Sie hatte einfach nur gewinnen wollen. Was wirklich schade gewesen war. Sie war heiß. Ich brauchte nur an mir nach unten zu blicken, um jede andere Aussage bezüglich ihres Aussehens Lügen zu strafen. Leider war Emma nicht hier, um mir aus meiner Misere zu helfen.

Von daher blieb mir nur meine Hand.
Review schreiben