Alteramentum

von Lizerah
GeschichteRomanze, Thriller / P18
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
26.10.2018
22.11.2019
40
128191
20
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=== Anm. d. Verf. ===
Kapitel 41 - "Auge um Auge, Zahn um Zahn" nach einer kurzen Auszeit am 25.12.2019.

Danke an Devotia Somnia, Maissirup, Castiel, SuasuroTV, Celestinea, Engelchen, Luna-Celestial, ViridianGreengrass, Jennifer Morgan, -Reginleif- und HellowImMellow für die motivierenden und hilfreichen Reviews. Natürlich auch ein Dankeschön an alle, die die FF in ihr Bücherregal gestellt, ein Sternchen vergeben oder sie einfach nur auf ihre Favoritenliste gepackt haben.
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17. Januar 2039, 09:00
Detroit Police Department
Detroit, Michigan, USA
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Zugegeben, diese Situation hatte durchaus etwas Surreales. Etwas, was man vielleicht in einem Science-Fiction-Roman erwarten würde, doch nichts, womit man im realen Leben tatsächlich gerechnet hätte. Beinahe ein Jahr war es her, dass Androiden, die eigentlich nichts weiter als eine Maschine in Menschenform waren, eine Art Selbstwahrnehmung entwickelt hatten. Es begann unscheinbar, nur ersichtlich durch kleinere Auffälligkeiten, denen man kaum Beachtung schenkte; nur angedeutet durch eine geringe Anzahl an Vorfällen, von denen man dachte, sie seien lediglich das Resultat einer einfachen Fehlfunktion.
Natürlich versuchte man diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, kam jedoch augenscheinlich zu keinem eindeutigen Ergebnis. Bis das Ganze schließlich im letzten Quartal des Jahres plötzlich zu einer regelrechten Epidemie heranwuchs und alsbald ein unkontrollierbares Ausmaß annahm. Die Ausnahmen mutierten zur Regel, bevor schließlich die gesamte Bevölkerung der USA und sogar das Ausland davon Kenntnis nahm. Die Kenntnis, dass Maschinen, die ursprünglich zur Unterstützung ihres Schöpfers kreiert wurden, sich diesem plötzlich widersetzten. Auf einmal forderten genau diese Maschinen Rechte ein, die bisher nur dem Menschen vorbehalten waren und hielten sich ihren Schöpfern gegenüber für ebenbürtig. Eine regelrechte Revolution brach aus, die letztendlich nach einem zermürbenden Kampf darin mündete, dass man ihnen diese geforderten Rechte tatsächlich zugestand und sie ab sofort als eine Sonderform des Lebens betrachtete.

Heather musste sich selbst eingestehen, dass ihr die Vorstellung immer noch fremd war, dass eine Maschine, die eigentlich nicht mehr als eine Anhäufung aus Kunststoff, Einsen und Nullen war, so etwas wie Emotionen, Selbstwahrnehmung und Bedürfnisse entwickeln konnte. Ihr fiel es, zusammen mit vielen anderen Menschen, immer noch schwer, einen Androiden nicht nur als einen einfachen Gegenstand zu betrachten. Ein Gegenstand, der trotz aller Widersprüche, das menschliche Verhalten nur zu kopieren schien.
Mit einem nachdenklichen Blick sah sie zu den drei Damen am Empfang des DPD hinüber. Obwohl es sich bei ihnen eindeutig um Androiden handelte - schließlich kannte sie das Modell von ihrem alten Sheriffbüro - trugen sie weder die gewohnte Uniform noch die unverkennbare LED an ihrer Schläfe. Die meisten Androiden neigten dazu, ihre neu gewonnene Freiheit in erster Linie durch ihr Äußeres zu demonstrieren. Was das anging, waren sie dem Menschen nicht einmal so unähnlich. Es war ein ungewohnter Anblick, sie in selbst gewählter Kleidung und mit einem individuell veränderten Erscheinungsbild zu sehen. Doch so viel Mühe sie sich auch gaben, sich mittels Kleidung, Make-Up und Frisuren voneinander zu unterscheiden, war ihre Ähnlichkeit untereinander weiterhin nicht von der Hand zu weisen. Was das wohl für ein Gefühl sein muss, sich in tausendfacher Ausführung jeden Tag selbst zu begegnen? Kann man sich dann wirklich als eigenständiges Wesen betrachten? Wird man dabei nicht ständig daran erinnert, was man eigentlich wirklich ist?
Heather riss sich selbst aus ihren Gedanken, indem sie den Kopf schüttelte und auf die Uhr sah. Nur noch zwanzig Minuten, dann begann ihr erster Tag als einer der Ermittler in der neu gegründeten Abteilung des DPD. Eine Abteilung, die sich ausschließlich mit Fällen befassen sollte, in denen Androiden involviert waren, unabhängig davon, ob sie dabei Opfer oder Täter waren. Gerade in der aktuellen Übergangszeit, in der sich die Gesetzeslage und die Köpfe der Menschen noch nicht an die neue Situation angepasst hatten, war diese Aufgabe umso wichtiger. Um die Neutralität zu wahren, war es zudem Voraussetzung, dass Menschen sowie Androiden gleichermaßen in diesem neuen Bereich beschäftigt wurden. Aufgrund dessen hatte man ihre menschlichen Kollegen, als auch Androiden aus allen möglichen Police Departments und Sheriff’s Offices angeworben, um sich der neuen Sache anzuschließen. Heather hatte diese Chance nur allzu gern ergriffen, um ihrem zugegebenermaßen nicht gerade spektakulären Alltag im Sheriff’s Office ihres Heimatbezirks Huron zu entfliehen. Sie war endlich an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie bereit dazu war, sich etwas Neuem anzuschließen, etwas Bedeutenderem, von dem sie behaupten konnte, sich mit dieser Arbeit wirklich identifizieren zu können. So befremdlich ihr der Gedanke auch schien, dass es sich bei Androiden um eine neue Lebensform handelte, hatte diese Technologie schon immer eine gewisse Faszination auf sie ausgeübt. Sie war gespannt darauf, wohin sie dieser neue Job noch führen sollte und fragte sich, ob man sie bezüglich der Androiden bald eines Besseren belehren konnte.
Erneut sah sie auf die Uhr, während sie mit langsamen Schritten auf die drei am Empfang stehenden Damen zuging. Ihr Blick war so sehr auf die Zeit fixiert, dass sie beinahe in die Arme eines jungen Mannes hineingelaufen wäre, der plötzlich direkt vor ihrer Nase auftauchte. Erschrocken sah sie auf und musste sich regelrecht dazu zwingen, nicht überrascht zurückzuweichen.
„Officer Davis, nicht wahr?“, fragte er sie mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, worauf sie verlegen seinem Blick auswich und schweigend nickte.
„Willkommen im Detroit Police Department. Mein Name ist Connor Anderson“, stellte sich der junge Mann vor und reichte ihr die Hand. Seine dunklen Augen musterten sie aufmerksam, während sie seine Geste erwiderte und die Gelegenheit nutzte, um ihn etwas genauer zu betrachten. Sein Haar hatte dieselbe dunkelbraune Farbe wie seine Augen und bis auf eine einzelne Locke, die etwas widerspenstig über seine Stirn hing, war es akkurat zurückgekämmt. Sein Aussehen, verbunden mit der Polizeiuniform, hinterließ einen ziemlich charismatischen, beinahe zu perfekten Eindruck und spätestens, als sie die LED an seiner Schläfe entdeckte, wusste sie, warum dem so war. Er war ein Android.
Nachdenklich legte sie den Kopf schief, während sie sich seines eben genannten Namens entsann.
Connor … Connor Anderson.
Etwa der Connor, der zu den Anführern der Revolution gehörte?
Sie hatte bereits von ihm gehört, schließlich erzählte man sich einiges unter Kollegen, doch warum trug er immer noch seine LED? Ausgerechnet ein Android, der dafür gekämpft hatte, nicht als solcher behandelt zu werden, trug immer noch das allzu bekannte Erkennungsmerkmal? Das passte irgendwie nicht zusammen.
„Mein Vorgesetzter Lieutenant Anderson sollte bald hier eintreffen. Ich würde sie bereits zu seinem Platz begleiten. Er leitet das Projekt und wird erst einmal das Wichtigste mit Ihnen besprechen“, holte der Android sie in die Wirklichkeit zurück.
Mit einer einladenden Geste deutete er in Richtung des Großraumbüros und führte sie zu einem Schreibtisch im hinteren Teil des Reviers, bevor er ihr mit einer kurzen Handbewegung bedeutete, auf einem Stuhl direkt daneben Platz zu nehmen. Ihr Blick wanderte neugierig durch das Büro, während sie das rege Treiben ihrer neuen Kollegen beobachtete. Eine junge Frau in Uniform nickte ihr im Vorbeigehen freundlich zu und ein dunkelhaariger Mann mit Lederjacke erwiderte ihren Blick mit einem belustigten Zwinkern.
Connor wollte gerade den Mund öffnen, um etwas zu sagen, unterbrach sich dann jedoch selbst, als sich seine Aufmerksamkeit auf den Eingang des Reviers richtete.
„Ah, da ist er ja schon.“
Sie folgte seinem Blick und konnte sehen, wie ein grauhaariger Mann mittleren Alters zielstrebig auf sie zukam. Im Gegensatz zu Connor trug er recht legere Kleidung, bestehend aus einfacher Jeans, Hemd und Jacke. Die Auswahl seines auffällig gemusterten Hemdes zeugte von einem ziemlich eigenartigen Geschmack, bei dem sie sich irgendwie nicht sicher war, ob sie diesen einfach nur merkwürdig fand oder ob er ihm sogar eine gewisse Sympathie verlieh.
„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Morgen, Lieutenant“, begrüßte Connor den Neuankömmling, was dieser nur mit einem mürrischen Knurren quittierte.
„Verdammt nochmal, Connor, ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht so nennen. Lass diesen höflichen Scheiß“, baute sich der Lieutenant direkt vor dem Androiden auf.
„Hank, mein Name ist Hank“, fuhr er den Androiden an und deutete dabei auf sich selbst, als würde er einem Kleinkind ein neues Wort beibringen wollen.
Heather schluckte schwer, als Connor diese Geste einfach ignorierte und stattdessen in ihre Richtung sah, so dass der Lieutenant seinem Blick unweigerlich folgte. Sie konnte sehen, wie sich die Augen des Lieutenants weiteten, als er offenbar jetzt erst zu bemerken schien, dass sich eine weitere Person in Hörreichweite befand.
„Oh hallo“, sagte er und ließ sofort von dem Androiden ab, indem er einen Schritt zurücktrat.
„Ähm, Deputy Davis, nicht wahr?“, schien er sich zumindest an ihren Namen zu erinnern.
„Officer Davis“, warf Connor trocken ein.
Der Lieutenant bedachte den Androiden sofort mit einem vorwurfsvollen Blick, schien seinen Fehler dann jedoch einzusehen und wandte sich wieder Heather zu.
„Officer Davis, Sie sind also die junge Dame vom Lande, die uns ab heute unterstützen soll?“, fuhr der Lieutenant fort, als sei nichts gewesen und setzte sich an seinen Schreibtisch.
Sie nickte darauf nur schweigend und schenkte ihm ein leicht verlegenes Lächeln. Dieser Mann sollte also ab sofort ihr neuer Vorgesetzter sein?
„Tut mir leid, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Hank Anderson, ich bin ab sofort ihr Vorgesetzter“, beantwortete er augenblicklich ihre ungestellte Frage und reichte ihr die Hand.
„Heather Davis, es freut mich“, sagte sie und nahm seine Hand entgegen.
Etwas zu eilig zog er sie wieder weg, bevor er seine Aufmerksamkeit auf einen Stapel Papier richtete, welcher vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Leise vor sich hin murmelnd wühlte er sich offensichtlich etwas verloren durch den Stapel, bevor Connor, der sich an den Schreibtisch gegenüber gesetzt hatte, beherzt in den Stapel hineingriff und dem Lieutenant mit einem triumphierenden Lächeln das Dokument überreichte, welches dieser scheinbar gesucht hatte.
„Verdammt, ich dachte wir hätten den Papierkram endlich abgeschafft“, murrte der Lieutenant anstatt eines Dankes, bevor er  Connor das Dokument regelrecht aus der Hand riss und es flüchtig überflog.
„Vielen Menschen fällt es immer noch leichter, etwas auf Papier festzuhalten, insbesondere wenn es sich dabei um ein Dokument handelt, welches sie als besonders wichtig erachten“, merkte Connor an.
Der Lieutenant ignorierte seine Erklärung jedoch und wandte sich wieder in Heathers Richtung.
„Ich sage lieber gleich im Voraus, dass das hier definitiv kein Zuckerschlecken wird“, äußerte er mit einer theatralischen Ernsthaftigkeit in seiner Stimme, mit der er Heather offensichtlich einzuschüchtern versuchte.
„Davon bin ich auch nicht ausgegangen“, versuchte sie sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen.
„Wir bewegen uns momentan noch auf einem ziemlich unbekannten Gebiet, weshalb uns nicht selten Situationen begegnen werden, für die es noch keine entsprechenden Regelungen gibt. Denn, auch wenn wir Androiden ab sofort als ebenbürtig betrachten wollen, können wir nicht jedes geltende Gesetz, welches ursprünglich auf den Menschen abgestimmt wurde, einfach unreflektiert auf einen Androiden anwenden. Androiden haben teilweise andere Bedürfnisse, andere Möglichkeiten und andere Fähigkeiten als wir.“
Er sah kurz zu Connor hinüber, bevor er sich wieder Heather zuwandte.
„Deshalb ist ein gutes Beurteilungsvermögen, eine gewisse Strenge, als auch die passende Dosis an Empathie eine zwingende Voraussetzung für diesen Job“, fuhr er fort und stützte sich mit dem Ellenbogen auf seinem Schreibtisch ab, während er sich Heather entgegenlehnte.
„Lass mich einfach mal ein Beispiel formulieren“, wechselte er plötzlich in einen ziemlich vertraulicheren Ton.
„Gehen wir einmal davon aus“, sprach er weiter, „dass ein Mensch, egal welchen Alters oder Geschlechts, einen Androiden, dessen Merkmale erst einmal keine Rolle spielen, erschießt. Nehmen wir einfach mal an, der Android wird in die Brust geschossen, seine CPU wird zerstört, doch seine Daten können aufgrund des intakten Speichers im Kopfbereich oder durch einen Upload gerettet werden. Kurz darauf wird die betroffene Komponente ersetzt oder die Daten werden mit einem geringen Datenverlust auf einen neuen Körper übertragen. Er kann sozusagen wiederbelebt werden. Von welcher Straftat reden wir dann? War es Mord, Totschlag, Körperverletzung oder gar nur Sachbeschädigung?“
Er machte eine kurze Pause, fuhr dann jedoch fort, bevor Heather ihm darauf antworten konnte.
„Was für eine Auswirkung hat das eigentlich auf den Androiden? Was löst das bei ihm aus? Trägt er den gleichen, sagen wir mal, bleibenden Schaden davon, den ein Mensch davontragen würde, sei es physischer oder psychischer Natur? Ist der materielle Schaden, den der Android dadurch davongetragen hat, einer gleichartigen Verletzung bei einem Menschen oder gar dem Tod eines Menschen gleichzusetzen? Manche würden jetzt sicher einfach sagen, dass wir die Sache so handhaben sollten wie bei einem Menschen, doch können wir die ursprünglich für den Menschen geschaffenen Regeln einfach ohne weiteres auf einen Androiden übertragen?“
Er schwieg einen Moment und wandte sich von Heather ab.
„Wie dem auch sei“, sagte er schließlich und starrte auf das Papier in seiner Hand, „letztendlich entscheidet sowieso ein Richter darüber. Aber ich hoffe, ich konnte die Problematik trotzdem verdeutlichen.“
„Ich denke schon“, antwortete Heather, worauf Hank nur die Augenbraue hob.
„Die meisten Fälle, die wir untersuchen, betreffen Gewalt von Menschen, die sich gegen Androiden richtet. Bisher kam es relativ selten vor, dass ein Android derjenige war, der die Straftat beging.“
„Von den Taten vor oder während der Revolution einmal abgesehen“, ergänzte er schnell und sah mit zusammengekniffenen Augen zu Connor hinüber, der dem Blick des Lieutenants sofort auswich.
„Es gibt jedoch nicht wenige Androiden“, fuhr er mit seiner Ansprache fort, „die mit ihrer neu gewonnenen Freiheit und mit den ganzen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, überfordert sind. Solche Androiden könnten, wie das auch bei Menschen der Fall wäre, durch eventuelle Affekthandlungen gefährlich werden. So etwas müssen wir erkennen oder im Optimalfall sogar vorbeugen können. Wenn es doch zu einem Delikt kam, müssen wir herausfinden, wie es dazu kam und wie wir damit umgehen sollen. Natürlich müssen wir auch dafür sorgen, dass die neu gewonnenen Rechte der Androiden gewahrt werden, ohne dabei Partei zu ergreifen.“
Er machte eine lange Pause und musterte sie aufmerksam, bis sie verstand, dass er diesmal tatsächlich eine Antwort von ihr erwartete.
„Ich bin mir sicher, dass ich dieser Aufgabe nach einer kleinen Eingewöhnungszeit gewachsen bin, Lieutenant…“
„Hank“, unterbrach er sie.
„Wie bitte?“, fragte sie irritiert.
„Hank, nenne mich einfach Hank. Ich bin kein Fan dieser ganzen Höflichkeitsfloskeln. Es reicht, wenn einer hier einen Stock im Arsch hat“, antwortete er und sah zu Connor hinüber.
Der Android runzelte die Stirn und die LED an seiner Schläfe flackerte einen Moment lang rot auf, doch er schwieg.
„Ich verstehe. Es freut mich, euch beide kennenzulernen“, passte sie sich seiner Forderung an und schenkte den beiden ein Lächeln. Connor erwiderte es, während Hank lediglich eine Augenbraue anhob.
„Nun denn, dann werde ich dir gleich einmal deinen neuen Arbeitsplatz zeigen“, sagte Hank und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während er die Hand hob und mit dem Finger über seine Schulter hinweg auf den Schreibtisch hinter sich deutete.
„Einer unserer Kollegen ist vor ein paar Tagen in seine wohlverdiente Rente gegangen. Verdammt, wie ich den Kerl beneide. Mache es dir erst einmal gemütlich und wir besprechen dann nachher alles weitere, okay?“

Nach Hanks wirklich sehr ausführlichen Einweisung saß Heather nun allein an dem ihr zugewiesenen Schreibtisch im Großraumbüro des Detroiter Reviers und versuchte sich gerade durch die nicht weniger ausführlichen Dienstanweisungen zu kämpfen, als sie mit großer Ernüchterung feststellte, wie sie sofort wieder die Langeweile ergriff, die sie bereits aus ihrem ehemaligen Sheriffbüro kannte.
Umso mehr begrüßte sie es, dass sie plötzlich jemand zwang, von der ganzen Vorschriftensammlung aufzusehen, indem derjenige mit der Faust auf ihren Tisch klopfte. Mit einem müden Blick richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den dunkelhaarigen Mann mit der feschen Lederjacke, der ihr vorhin zugezwinkert hatte.
„Du bist die Neue in der Androiden-Abteilung, nicht wahr?“, fragte er und lehnte sich rückwärtig gegen ihren Schreibtisch, während er über seine Schulter sah und sie mit seinen grauen Augen aufmerksam musterte.
„Ja, Heather Davis. Und du bist?“, stieg sie ebenso lapidar in das Gespräch ein.
„Gavin Reed, Detective“, antwortete er und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar.
„Und du hast dir die Sache wirklich genau überlegt?“, schob er ohne weiteren Zusammenhang nach.
„Was genau soll ich mir überlegt haben?“, fragte sie irritiert.
„Mit dem Blecheimer und seinem Saufkumpan zusammen zu arbeiten. Was sonst?“, erwiderte er, als hätte sie erahnen müssen, was genau er meinte.
Amüsiert von seiner direkten Art lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und musterte ihn mit einem schiefen Lächeln.
„Aufgrund deiner Wortwahl gehe ich davon aus, dass du die beiden nicht sonderlich magst.“
„Ich kenne die beiden, das sollte als Argument genügen. Du wirst es noch früh genug erkennen“, äußerte er sich in einem ernsten Ton, bevor er diesen durch ein charmantes Lächeln entschärfte.
„Nun, falls es dir mal zu bunt wird, kannst du ruhig bei mir vorbeischauen“, bot er sich auf eine ziemlich gewöhnungsbedürftige, aber doch irgendwie sympathische Art und Weise an.
„Ich werde es beherzigen. Danke für deine … ähm … neutrale Einschätzung der Sachlage“, antwortete sie amüsiert.
„Du wirst schon sehen“, spottete er, bevor er ihr zuzwinkerte und sich zurück auf den Weg zu seinem Schreibtisch machte. Auf halbem Wege drehte er sich jedoch noch einmal herum und bedachte sie mit einer spöttischen Geste, worauf sie irritiert die Stirn runzelte.
„Diesen Typen solltest du meiden“, drang plötzlich eine Stimme an ihr Ohr und ließ sie erschrocken zusammenzucken. Sie drehte sich herum und blickte in die blauen, mürrischen Augen des Lieutenants. Sofort verstand sie, dass die spöttische Geste des Detectives nicht ihr gegolten hatte.
„Er hat sich mir nur vorgestellt“, wollte sie die Sache entschärfen.
„Ich weiß genau, was er wollte und ich bin mir sicher, er hat sich sicher sehr wohlwollend über uns geäußert“, grummelte Hank, während er sich an seinen Schreibtisch setzte.
„Eigentlich geht es mich nichts an, mit wem du hier sprichst, doch lass dir gesagt sein, dass dieser Typ nichts als Ärger bedeutet“, fügte er hinzu, bevor er seinen Blick auf Connor richtete, der sich ihnen beiden gerade näherte.
„Du kannst ja den hier fragen“, äußerte er spöttisch und deutete mit einem Nicken auf Connor.
„Was soll sie mich fragen?“, hakte der Android irritiert nach, als er sich zu ihnen gesellte.
„Was für ein toller Kerl unser lieber Detective da drüben ist“, antwortete Hank und deutete zu Gavin hinüber.
„Nun, Detective Reed mag nicht wirklich der friedfertigste Mensch sein, aber er ist ein guter Ermittler“, reagierte Connor überraschend wohlwollend.
„Ah ja, deshalb hat er auch mehrfach versucht, dir eine Kugel in den Kopf zu jagen“, schien Hank nicht wirklich zufrieden mit Connors Antwort.
„Das hast du doch auch. Zumindest einmal“, warf Connor überraschend ein, worauf kurzzeitig eine unangenehme Stille herrschte.
„Das waren andere Zeiten“, verteidigte Hank sein Handeln.
„Bei Gavin doch auch“, schien Connor ironischerweise den Detective weiterhin zu verteidigen.
Heather musste sich bei dieser Szene wirklich zusammennehmen und hielt die Hand vor den Mund, damit man ihr breites Grinsen nicht sehen konnte.
Hank bemerkte es trotzdem.
„Du machst mich hier gerade ziemlich lächerlich, ist dir das bewusst?“, fragte er den Androiden in einem angespannten Ton, während er genervt mit den Augen rollte.
„Du hast mich doch um meine Meinung gebeten und ich wollte nur …“
Heathers Grinsen wandelte sich in ein leises Kichern, worauf Connor sich selbst unterbrach und sie irritiert ansah.
„Ich wollte …“, begann er erneut, bevor Hank ihn davon abhielt.
„Connor, sei bitte einfach ruhig. Lass mich erzählen“, unterbrach er den Androiden und schob dabei seinen Stuhl zu Heathers Schreibtisch hinüber.
„Am besten ich erzähle dir die ganze Geschichte, sonst hältst du uns jetzt sicher für genau das, als was Gavin uns auch immer bezeichnet hat.“
„Blecheimer und sein Saufkumpan“, warf sie direkt ein.
„Was?“
„Das ist, als was er euch bezeichnet hat“, antwortete sie und musste einige Anstrengung aufbringen, um dabei nicht erneut zu kichern. Stattdessen lächelte sie nur schief, bevor Hank dazu ansetzte, ihr seine Geschichte zu erzählen.
Ehrlich gesagt, wusste sie noch nicht so recht, wie sie diese ganzen Eindrücke, die sie heute gesammelt hatte, einordnen sollte, doch eines war sicher: Hier beim DPD war Langeweile sicher nicht an der Tagesordnung.
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