Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Alteramentum

von Lizerah
GeschichteRomance, Thriller / P18
Gavin Reed Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
26.10.2018
09.02.2020
48
149.863
24
Alle Kapitel
67 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
26.10.2018 3.523
 

Genre:
Thriller, Romanze
Charaktere: Gavin Reed, Female OC, Hank Anderson, Connor (RK800)
Nebencharaktere: Chris Miller, Tina Chen, Jeffrey Fowler, Elijah Kamski
Pairing: Gavin Reed x OFC
Altersbeschränkung: P18
Info: Die FF wird derzeit schrittweise überarbeitet. Entsprechende Kapitel sind mit v2 gekennzeichnet

Danke an Celestinea, Feodorah, HellowImMellow, SuasuroTV, Luna-Celestial, ViridianGreengrass, Jennifer Morgan, Devotia Somnia, Maissirup, Castiel und Engelchen für ihr motivierendes und/oder ausführliches Feedback. Natürlich auch ein Dankeschön an alle, die der FF ein Sternchen gegeben oder sie auf ihre Favoritenliste gepackt haben.

Einen besonderen Dank an Feodorah, Celestinea und VirdianGreengrass für ihre wirklich umfassenden und hilfreichen Analysen zu diversen Kapiteln.


----------------------------------
17. Januar 2039, 09:00
Detroit Police Department
Detroit, Michigan, USA
-----------------------------------

Diese gesamte Situation fühlte sich immer noch so surreal an. Androiden, die sich dem Menschen für ebenbürtig hielten.
Man konnte es immer noch nicht so richtig glauben. Das war etwas, was man vielleicht in einem Science-Fiction-Roman erwartet hätte, doch nichts, womit man im wahren Leben tatsächlich gerechnet hätte. Und doch war es nun beinahe ein Jahr her, dass die ersten Androiden, die eigentlich nichts weiter als Maschinen in Menschengestalt waren, eine Art Selbstwahrnehmung entwickelt hatten. Zumindest behauptete man dies, denn wenn man wirklich ehrlich war, wusste keiner, was denn eigentlich genau passiert war. Die ersten Vorfälle dieser Art waren sehr unscheinbar gewesen, nur ersichtlich durch kleinere Auffälligkeiten bei einigen Androiden, denen man anfangs kaum Beachtung schenkte. Man dachte, dass ihr merkwürdiges Verhalten lediglich das Resultat einer einfachen Fehlfunktion sei. Nur einige Montagsmodelle, nicht mehr. Bis einer der Androiden das erste Mal einen Menschen verletzte. Und er blieb nicht allein, denn es folgten weitere. Androiden, die Befehlen widersprachen und die sich gegen die Unterdrückung durch ihre Besitzer wehrten. Androiden, die ihre Besitzer schlugen oder sogar ermordeten.
Natürlich hatte man versucht, dem Ganzen auf dem Grund zu gehen. Mithilfe von Cyberlife, dem Unternehmen, welches die Androiden erschaffen. Obwohl die Exekutive alles getan hatte, um weitere Vorfälle dieser Art zu verhindern, waren sie trotz der fachlichen Unterstützung durch einen speziell für diese Ermittlungen abgestellten Androiden lange zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Bis das Ganze schließlich zum Ende des Jahres zu einer regelrechten Epidemie herangewachsen war. Die wenigen Ausnahmen waren zu diesem Zeitpunkt bereits zur Regel geworden, bevor schließlich die gesamte Bevölkerung der USA und sogar das Ausland davon Kenntnis genommen hatten. Die Erkenntnis, dass Maschinen, die ursprünglich zur Unterstützung der Menschen kreiert worden waren, sich ihrem Schöpfer plötzlich widersetzten. Dass genau diese Maschinen auf einmal Rechte einforderten, die bisher nur dem Menschen vorbehalten waren. Dieser Forderung stellten sich jedoch nicht wenige Menschen entgegen, denn sie wollten einfach nicht glauben, dass etwas, was sie für ihre Zwecke erschaffen hatten, wirklich einen eigenen Willen entwickeln konnte. Eine Revolution war die Folge gewesen, in der die Androiden auf erstaunlich friedliche Weise für ihre Rechte gekämpft  hatten. Und nicht wenige hatten dabei ihr Leben gelassen. Letztendlich gewannen die Androiden jedoch diesen kurzen, aber zermürbenden Kampf durch ihre Hartnäckigkeit und ihren Überlebenswillen. Sie hatten es geschafft, die Menschen zu beeindrucken und sie schließlich sogar davon zu überzeugen, dass es sich bei ihnen tatsächlich um eine künstliche Form des Lebens handelte. Man gestand ihnen als Folge dessen einen Teil der geforderten Rechte zu und betrachtete sie ab sofort als eine Sonderform des Lebens.

Heather musste sich eingestehen, dass ihr die Vorstellung immer noch fremd war. Dass eine Maschine, die eigentlich nicht mehr als eine Anhäufung aus Kunststoff und einer Software aus Einsen und Nullen war, so etwas wie Emotionen, Selbstwahrnehmung und Bedürfnisse entwickeln konnte. Ihr fiel es, wie auch vielen anderen Menschen, immer noch schwer, einen Androiden nicht nur als einen einfachen Gegenstand zu betrachten. Ein Gegenstand, der das menschliche Verhalten nur zu kopieren schien.
Mit einem nachdenklichen Blick sah sie zu den drei Damen am Empfang des DPD hinüber. Obwohl es sich bei ihnen eindeutig um Androiden handelte - schließlich kannte sie das Modell von ihrem alten Sheriffbüro - trugen sie weder die gewohnte Uniform noch die unverkennbare LED an ihrer Schläfe. Die meisten Androiden neigten dazu, ihre neu gewonnene Freiheit in erster Linie durch ihr Äußeres zu demonstrieren. Was das anging, waren sie dem Menschen nicht einmal so unähnlich. Es war ein ungewohnter Anblick, sie in selbst gewählter Kleidung und mit einem individuell veränderten Erscheinungsbild zu sehen. Doch so viel Mühe sie sich auch gaben, sich mittels Kleidung, Make-up und Frisuren voneinander zu unterscheiden, war ihre Ähnlichkeit untereinander weiterhin nicht von der Hand zu weisen. Was das wohl für ein Gefühl sein muss, sich in tausendfacher Ausführung jeden Tag selbst zu begegnen? Kann man sich dann wirklich als eigenständiges Wesen betrachten? Wird man dabei nicht ständig daran erinnert, was man eigentlich wirklich ist?
Sie riss sich selbst aus ihren Gedanken, indem sie den Kopf schüttelte und auf die Uhr sah. Nur noch zwanzig Minuten, dann begann ihr erster Tag als einer der Ermittler in der neu gegründeten Abteilung des DPD. Eine Abteilung, die sich ausschließlich mit Fällen befassen sollte, in denen Androiden involviert waren, unabhängig davon, ob sie Opfer oder Täter waren. Gerade in der aktuellen Übergangszeit, in der sich die Gesetzeslage und die Köpfe der Menschen noch nicht an die neue Situation angepasst hatten, war diese Aufgabe umso wichtiger. Um die Neutralität zu wahren, war es zudem Voraussetzung, dass Menschen sowie Androiden gleichermaßen in diesem neuen Bereich beschäftigt wurden. Aufgrund dessen hatte man alle menschlichen Kollegen, als auch Androiden aus allen möglichen Police Departments und Sheriff’s Offices angeworben, um sich der neuen Sache anzuschließen.
Heather hatte diese Chance nur allzu gern ergriffen, um ihrem zugegebenermaßen nicht gerade spektakulären Alltag im Sheriff’s Office ihres Heimatbezirks Huron zu entfliehen. Sie war endlich an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie bereit dazu war, sich etwas Neuem anzuschließen, etwas Bedeutenderem, von dem sie behaupten konnte, sich mit dieser Arbeit wirklich identifizieren zu können. So befremdlich ihr der Gedanke auch schien, dass es sich bei Androiden um eine neue Lebensform handelte, hatte diese Technologie schon immer eine gewisse Faszination auf sie ausgeübt. Sie war gespannt darauf, wohin sie dieser neue Job noch führen sollte und fragte sich, ob man sie bezüglich der Androiden bald eines Besseren belehren konnte.
Erneut sah sie auf die Uhr, während sie mit langsamen Schritten auf die drei am Empfang stehenden Damen zuging. Ihr Blick war so sehr auf die Zeit fixiert, dass sie beinahe in die Arme eines jungen Mannes hineingelaufen wäre, der plötzlich direkt vor ihrer Nase auftauchte. Erschrocken sah sie auf und musste sich regelrecht dazu zwingen, nicht überrascht zurückzuweichen.
„Officer Davis, nicht wahr?“, fragte er und schenkte ihr ein charmantes Lächeln.
Verlegen wich sie seinem Blick aus und nickte schweigend.
„Willkommen im Detroit Police Department. Mein Name ist Connor Anderson“, stellte sich der junge Mann vor und reichte ihr die Hand. Seine dunklen Augen musterten sie aufmerksam, während sie seine Geste erwiderte und die Gelegenheit nutzte, um ihn etwas genauer zu betrachten. Sein Haar hatte dieselbe dunkelbraune Farbe wie seine Augen und bis auf eine einzelne Locke, die etwas widerspenstig über seine Stirn hing, war es akkurat zurückgekämmt. Sein Aussehen, verbunden mit der Polizeiuniform, hinterließ einen ziemlich charismatischen, beinahe zu perfekten Eindruck und spätestens, als sie die LED an seiner Schläfe entdeckte, wusste sie, warum dem so war. Er war ein Android.
Nachdenklich legte sie den Kopf schief, während sie sich seines eben genannten Namens entsann.
Connor … Connor Anderson.
Etwa der Connor, der zu den Anführern der Revolution gehörte?
Sie hatte bereits von ihm gehört, schließlich erzählte man sich einiges unter Kollegen, doch warum trug er immer noch seine LED? Ausgerechnet ein Android, der dafür gekämpft hatte, nicht als solcher behandelt zu werden, trug immer noch das allzu bekannte Erkennungsmerkmal? Das passte irgendwie nicht zusammen.
„Mein Vorgesetzter Lieutenant Anderson sollte bald hier eintreffen. Ich würde sie bereits zu seinem Platz begleiten. Er leitet das Projekt und wird erst einmal das Wichtigste mit Ihnen besprechen“, holte der Android sie in die Wirklichkeit zurück.
Mit einer einladenden Geste deutete er in Richtung des Großraumbüros und führte sie zu einem Schreibtisch im hinteren Teil des Reviers, bevor er ihr mit einer kurzen Handbewegung bedeutete, auf einem Stuhl direkt daneben Platz zu nehmen. Ihr Blick wanderte neugierig durch das Büro, während sie das rege Treiben ihrer neuen Kollegen beobachtete. Eine junge Frau in Uniform nickte ihr im Vorbeigehen freundlich zu und ein dunkelhaariger Mann in einer Lederjacke erwiderte ihren Blick mit einem belustigten Zwinkern.
Connor wollte gerade den Mund öffnen, um etwas zu sagen, unterbrach sich dann jedoch selbst, als sich seine Aufmerksamkeit auf den Eingang des Reviers richtete.
„Ah, da ist er ja schon“, sagte er leise.
Sie folgte seinem Blick und konnte sehen, wie ein grauhaariger Mann mittleren Alters zielstrebig auf sie zukam. Im Gegensatz zu Connor trug er recht legere Kleidung, bestehend aus einfacher Jeans, Hemd und Jacke. Die Auswahl seines auffällig gemusterten Hemdes zeugte von einem ziemlich eigenartigen Geschmack, bei welchem Heather sich nicht sicher war, ob sie ihn merkwürdig oder charismatisch fand.
„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Morgen, Lieutenant“, begrüßte Connor den Neuankömmling, was dieser nur mit einem mürrischen Knurren quittierte.
„Verdammt nochmal, Connor, ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht so nennen. Lass diesen höflichen Scheiß“, baute er sich direkt vor dem Androiden auf. „Hank, mein Name ist Hank.“
Heather schluckte schwer, als Connor das Auftreten des Lieutenants einfach ignorierte und stattdessen in ihre Richtung sah.
Die Augen des Lieutenants weiteten sich, als dieser dem Blick des Androiden unweigerlich folgte und offenbar jetzt erst zu bemerken schien, dass sich eine fremde Person in Hörreichweite befand.
„Oh hallo“, sagte er und ließ sofort von dem Androiden ab, indem er einen Schritt zurücktrat. „Ähm, Deputy Davis, nicht wahr?“
„Officer Davis“, warf Connor trocken ein.
Der Lieutenant bedachte den Androiden sofort mit einem vorwurfsvollen Blick, schien seinen Fehler dann jedoch einzusehen und wandte sich wieder Heather zu.
„Officer Davis, Sie sind also die junge Dame vom Lande, die uns ab heute unterstützen soll?“, sagte er, als sei nichts gewesen und setzte sich dabei an seinen Schreibtisch.
Sie nickte darauf nur schweigend und schenkte ihm ein leicht verlegenes Lächeln. Dieser Mann sollte also ab sofort ihr neuer Vorgesetzter sein?
„Tut mir leid, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Hank Anderson, ich bin ab sofort ihr Vorgesetzter“, beantwortete er augenblicklich ihre ungestellte Frage und reichte ihr die Hand.
Sie nahm seine Hand entgegen. „Heather Davis, es freut mich.“
Etwas zu eilig zog er sie wieder zurück, bevor er seine Aufmerksamkeit auf einen Stapel Papier richtete, welcher vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Leise murmelte er vor sich hin und wühlte sich offensichtlich etwas verloren durch den Stapel, während Connor sich an den Schreibtisch gegenüber setzte.
Beherzt griff der Android in den Stapel und überreichte dem Lieutenant mit einem triumphierenden Lächeln das Dokument, welches dieser scheinbar gesucht hatte.
„Verdammt, ich dachte wir hätten den Papierkram endlich abgeschafft“, murrte der Lieutenant und riss Connor das Dokument regelrecht aus der Hand, bevor er es flüchtig überflog.
„Vielen Menschen fällt es immer noch leichter, etwas auf Papier festzuhalten, insbesondere wenn es sich dabei um ein Dokument handelt, welches sie als besonders wichtig erachten“, merkte Connor an.
Der Lieutenant ignorierte seine Erklärung jedoch und wandte sich wieder in Heathers Richtung.
„Ich sage lieber gleich im Voraus, dass das hier definitiv kein Zuckerschlecken wird“, äußerte er mit einer theatralischen Ernsthaftigkeit in seiner Stimme.
„Davon bin ich auch nicht ausgegangen“, versuchte sie, sich davon nicht beunruhigen zu lassen.
„Wir bewegen uns momentan noch auf einem ziemlich unbekannten Gebiet, weshalb uns nicht selten Situationen begegnen werden, für die es noch keine entsprechenden Regelungen gibt. Denn, auch wenn wir Androiden ab sofort als ebenbürtig betrachten wollen, können wir nicht jedes geltende Gesetz, welches ursprünglich auf den Menschen abgestimmt wurde, einfach unreflektiert auf einen Androiden anwenden. Androiden haben teilweise andere Bedürfnisse, andere Möglichkeiten und andere Fähigkeiten als wir.“
Er sah kurz zu Connor hinüber, bevor er sich wieder Heather zuwandte, die ihn abwartend musterte.
„Deshalb ist ein gutes Beurteilungsvermögen, eine gewisse Strenge, als auch die passende Dosis an Empathie eine zwingende Voraussetzung für diesen Job“, fuhr er fort und stützte sich mit dem Ellenbogen auf seinem Schreibtisch ab, um sich Heather entgegen zu lehnen.
Verlegen wich sie dabei seinem Blick einen Moment lang aus.
„Lass mich einfach mal ein Beispiel formulieren“, wechselte er jedoch unbeirrt in einen recht vertraulicheren Ton. „Gehen wir einmal davon aus, dass ein Mensch, egal welchen Alters oder Geschlechts, einen Androiden, dessen Merkmale erst einmal keine Rolle spielen, erschießt. Nehmen wir einfach mal an, der Android wird in die Brust geschossen, seine CPU wird zerstört, doch seine Daten können aufgrund des intakten Speichers im Kopfbereich oder durch einen Upload gerettet werden. Kurz darauf wird die betroffene Komponente ersetzt oder die Daten werden mit einem geringen Datenverlust auf einen neuen Körper übertragen. Er kann sozusagen wiederbelebt werden. Von welcher Straftat reden wir dann? War es Mord, Totschlag, Körperverletzung oder gar nur Sachbeschädigung?“
Heather öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch er fuhr einfach fort, bevor sie etwas sagen konnte.
„Was für eine Auswirkung hat das eigentlich auf den Androiden? Was löst das bei ihm aus? Trägt er den gleichen, sagen wir mal, bleibenden Schaden davon, den ein Mensch davontragen würde, sei es physischer oder psychischer Natur? Ist der materielle Schaden, den der Android dadurch davongetragen hat, einer gleichartigen Verletzung bei einem Menschen oder gar dem Tod eines Menschen gleichzusetzen? Manche würden jetzt sicher einfach sagen, dass wir die Sache so handhaben sollten wie bei einem Menschen, doch können wir die ursprünglich für den Menschen geschaffenen Regeln einfach ohne weiteres auf einen Androiden übertragen?“
Heather rieb sich angestrengt die Schläfe, als der Lieutenant sich einen kurzen Moment von ihr abwandte.
„Wie dem auch sei“, sagte er schließlich und starrte auf das Papier in seiner Hand, „letztendlich entscheidet sowieso ein Richter darüber. Aber ich hoffe, ich konnte die Problematik trotzdem verdeutlichen.“
„Ich denke schon“, antwortete Heather, worauf Hank nur die Augenbraue hob.
„Die meisten Fälle, die wir untersuchen, betreffen Gewalt von Menschen, die sich gegen Androiden richtet. Bisher kam es relativ selten vor, dass ein Android derjenige war, der die Straftat beging.“ Er machte eine kurze Pause und sah mit zusammengekniffenen Augen zu Connor hinüber. „Von den Taten vor oder während der Revolution einmal abgesehen.“
Connor wich seinem Blick aus und tat so, als würde er irgendetwas suchen.
„Es gibt jedoch nicht wenige Androiden“, fuhr der Lieutenant mit seiner Ansprache fort, „die mit ihrer neu gewonnenen Freiheit und mit den ganzen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, überfordert sind. Solche Androiden könnten, wie das auch bei Menschen der Fall wäre, durch eventuelle Affekthandlungen gefährlich werden. So etwas müssen wir erkennen oder im Optimalfall sogar vorbeugen können. Wenn es doch zu einem Delikt kam, müssen wir herausfinden, wie es dazu kam und wie wir damit umgehen sollen. Natürlich müssen wir auch dafür sorgen, dass die neu gewonnenen Rechte der Androiden gewahrt werden, ohne dabei Partei zu ergreifen.“
Er machte eine lange Pause und musterte sie aufmerksam, bis sie verstand, dass er diesmal tatsächlich eine Antwort von ihr erwartete.
„Ich bin mir sicher, dass ich dieser Aufgabe nach einer kleinen Eingewöhnungszeit gewachsen bin, Lieutenant …“
„Hank“, unterbrach er sie.
„Wie bitte?“, fragte sie irritiert.
„Hank, nenne mich einfach Hank. Ich bin kein Fan dieser ganzen Höflichkeitsfloskeln. Es reicht, wenn einer hier einen Stock im Arsch hat“, antwortete er und sah zu Connor hinüber.
Der Android runzelte die Stirn und die LED an seiner Schläfe flackerte einen Moment lang rot auf, doch er schwieg.
„Ich verstehe. Es freut mich, euch beide kennenzulernen“, passte sie sich seiner Forderung an und schenkte den beiden ein Lächeln. Connor erwiderte es, während Hank lediglich eine Augenbraue anhob.
„Nun denn, dann werde ich dir gleich einmal deinen neuen Arbeitsplatz zeigen“, sagte Hank und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, während er die Hand hob und mit dem Finger über seine Schulter hinweg auf den Schreibtisch hinter sich deutete.
„Einer unserer Kollegen ist vor ein paar Tagen in seine wohlverdiente Rente gegangen. Verdammt, wie ich den Kerl beneide. Mache es dir erst einmal gemütlich und wir besprechen dann nachher alles weitere, okay?“
Sie nickte nur mit einem verkniffenen Lächeln.

Nach Hanks wirklich sehr umfangreichen Einweisung saß Heather knapp eine Stunde später allein an dem ihr zugewiesenen Schreibtisch im Großraumbüro des Detroiter Reviers und versuchte sich gerade durch die nicht weniger ausführlichen Dienstanweisungen zu kämpfen, als sie mit großer Ernüchterung feststellte, wie sie sofort wieder die Langeweile ergriff, die sie bereits aus ihrem ehemaligen Sheriffbüro kannte. Umso mehr begrüßte sie es, dass sie plötzlich jemand zwang, von der ganzen Vorschriftensammlung aufzusehen, indem derjenige mit der Faust auf ihren Tisch klopfte. Mit einem müden Blick richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den dunkelhaarigen Mann mit der feschen Lederjacke, der ihr vorhin zugezwinkert hatte.
„Du bist die Neue in der Androiden-Abteilung, nicht wahr?“, fragte er und lehnte sich rückwärtig gegen ihren Schreibtisch, während er über seine Schulter sah und sie mit seinen grauen Augen aufmerksam musterte.
„Ja, Heather Davis. Und du bist?“, stieg sie ebenso lapidar in das Gespräch ein.
„Gavin Reed, Detective“, antwortete er und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar.
Sie erwischte sich dabei, wie sie ihn einen kurzen Moment zu lang anstarrte, und versuchte, wieder auf ihre Unterlagen zu schauen.
„Und du hast dir die Sache wirklich genau überlegt?“, sagte er plötzlich ohne jeglichen Zusammenhang.
Sie sah auf. „Was genau soll ich mir überlegt haben?“
„Mit dem Blecheimer und seinem Saufkumpan zusammen zu arbeiten. Was sonst?“, erwiderte er, als hätte sie erahnen müssen, was genau er meinte.
Amüsiert von seiner direkten Art lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und musterte ihn mit einem schiefen Lächeln. „Aufgrund deiner Wortwahl gehe ich davon aus, dass du die beiden nicht sonderlich magst.“
„Ich kenne die beiden, das sollte als Argument genügen. Du wirst es noch früh genug erkennen“, sagte er in einem ernsten Ton, bevor er diesen durch ein charmantes Lächeln entschärfte. „Falls es dir mal zu bunt wird, kannst du ruhig bei mir vorbeischauen.“
„Ich werde es beherzigen. Danke für deine … ähm … neutrale Einschätzung der Sachlage“, antwortete sie amüsiert. Ja, er war ziemlich frech, aber irgendwie auch sympathisch.
„Du wirst schon sehen. Bis dann“, spottete er, bevor er ihr zuzwinkerte und sich zurück auf den Weg zu seinem Schreibtisch machte. Auf halbem Wege drehte er sich jedoch noch einmal herum und bedachte sie mit einer spöttischen Geste, worauf sie irritiert die Stirn runzelte.
„Diesen Typen solltest du meiden“, drang plötzlich eine Stimme an ihr Ohr und ließ sie erschrocken zusammenzucken.
Sie drehte sich herum und blickte in die blauen, mürrischen Augen des Lieutenants. Sofort verstand sie, dass die spöttische Geste des Detectives nicht ihr gegolten hatte.
„Er hat sich mir nur vorgestellt“, wollte sie die Sache entschärfen.
„Ich weiß genau, was er wollte und ich bin mir sicher, er hat sich sehr wohlwollend über uns geäußert“, grummelte Hank, während er sich an seinen Schreibtisch setzte.
„Er scheint euch nicht sonderlich zu mögen. Trotzdem war er mir gegenüber freundlich. Ich ...“
„Eigentlich geht es mich nichts an, mit wem du hier sprichst, doch lass dir gesagt sein, dass dieser Typ nichts als Ärger bedeutet“, unterbrach er sie eilig und hob abwehrend die Hände, bevor er seinen Blick auf Connor richtete, der sich ihnen beiden gerade näherte. „Du kannst ja den hier fragen.“
„Was soll sie mich fragen?“, hakte der Android irritiert nach, als er sich zu ihnen gesellte.
„Was für ein toller Kerl unser lieber Detective da drüben ist“, antwortete Hank und deutete zu Gavin hinüber.
„Nun, Detective Reed mag nicht wirklich der friedfertigste Mensch sein, aber er ist ein guter Ermittler“, reagierte Connor überraschend wohlwollend.
„Ah ja, deshalb hat er auch mehrfach versucht, dir eine Kugel in den Kopf zu jagen“, schien Hank nicht wirklich zufrieden mit Connors Antwort.
„Das hast du doch auch. Zumindest einmal“, warf Connor überraschend ein, worauf kurzzeitig eine unangenehme Stille herrschte.
„Das waren andere Zeiten“, verteidigte Hank sein Handeln.
„Bei Gavin doch auch“, schien Connor ironischerweise den Detective weiterhin zu verteidigen.
Heather musste sich bei dieser Szene wirklich zusammennehmen und hielt die Hand vor den Mund, damit man ihr breites Grinsen nicht sehen konnte.
Hank bemerkte es trotzdem.
„Du machst mich hier gerade ziemlich lächerlich, ist dir das bewusst?“, fragte er den Androiden in einem angespannten Ton, während er genervt mit den Augen rollte.
„Du hast mich doch um meine Meinung gebeten und ich wollte nur …“
Heathers Grinsen wandelte sich in ein leises Kichern, worauf Connor sich selbst unterbrach und sie irritiert ansah.
„Ich wollte …“, begann der Android erneut, bevor Hank ihn davon abhielt.
„Connor, sei bitte einfach ruhig. Lass mich erzählen“, unterbrach er den Androiden und schob dabei seinen Stuhl zu Heathers Schreibtisch hinüber. „Am besten ich erzähle dir die ganze Geschichte, sonst hältst du uns jetzt sicher für genau das, als was Gavin uns auch immer bezeichnet hat.“
„Blecheimer und sein Saufkumpan“, warf sie direkt ein.
„Was?“
„Genauso hat er euch genannt“, antwortete sie und musste einige Anstrengung aufbringen, um dabei nicht erneut zu kichern. Stattdessen lächelte sie nur schief, bevor Hank dazu ansetzte, ihr seine Geschichte zu erzählen.
Ehrlich gesagt, wusste sie noch nicht so recht, wie sie diese ganzen Eindrücke, die sie heute gesammelt hatte, einordnen sollte, doch eines war sicher: Hier beim DPD war Langeweile sicher nicht an der Tagesordnung.
---
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast