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Es waren zwei Königskinder ...

von ruawei
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert
26.10.2018
21.11.2018
14
11.868
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07.11.2018 1.119
 
Am nächsten Tag meldete er sich bei seiner zukünftigen Dienststelle. Seine neuen Kollegen  begrüßten ihn freundlich. Sie lästerten etwas über seinen bayrischen Dialekt, dann ging jeder wieder seiner Arbeit nach und er war einer von ihnen im täglichen Kampf gegen alle Arten menschlichen Fehlverhaltens.

Als er abends die Wohnungstüre öffnete, duftete es lecker nach Essen. Am Esstisch in der gemeinsamen Wohnküche saß eine junge Frau. Sie hatte rötliche Haare, die sie zu einem festen Zopf geflochten hatte, und auf ihrem Gesicht tanzten unzählige Sommersprossen.
"Hallo, ich bin die Coco Marie", begrüßte sie ihn strahlend, als er ins Zimmer trat, "Kralitzky", fügte sie hinzu, "magste was mitessen?" - "Du hast für mich mitgekocht?" - "Ich dachte mir, du bist auch Polizist. Da wirste doch wohl Hunger haben."  Hubsi nickte verwirrt und setzte sich an den Tisch. Sie schob ihm einen Teller dampfender Spaghetti Bolognese hin. "Franz Hubert", stellte er sich endlich vor. "Wie? Haste kein Nachname, wa? Aber", sie musterte ihn und kicherte, "ich werd dich 'alter Mann' nennen!" Dann fing sie ungefragt an zu erzählen,  von ihrer Familie mit den fünf Geschwistern, dass sie jahrelang auf dem Hof von ihren Eltern in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet hatte und an ihren dienstfreien Tagen von Berlin  nach Hause fahren und ihnen bei der Feldarbeit helfen würde, von ihrer Polizeiausbildung, die sie in gut einem Jahr beenden wollte und die sie nur begonnen hatte, um endlich einmal frei zu sein, weg von daheim, in der großen Stadt. Zwischendurch löcherte sie Hubsi mit Fragen über ihn selber, die er anfangs nur wortkarg und genervt beantwortete. Sie schien es nicht zu bemerken und plapperte fröhlich weiter. Sie lachte über ihre eigenen Witze, und Hubert stellte überrascht fest, dass auch er allmählich etwas auftaute. Er begann, Dinge aus seinem Leben preiszugeben, nur alles im Zusammenhang mit Anja war tabu. Sie räumten zusammen die Küche auf und redeten dann weiter, als Coco plötzlich aufstand und um den Tisch herumging. "Haste Lust, noch ein bisschen Spaß zu haben?" fragte sie ihn und deutete mit einer lässigen Handbewegung auf das Bett in ihrem Zimmer. Hubsi sah sie irritiert und leicht panisch an: "Wir kennen uns doch noch gar ned!"  -  "Hinterher schon", erwiderte sie trocken. "Ach komm schon, alter Mann", zog sie ihn auf, legte ihre Arme von hinten um seinen Nacken und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. In Hubsis Kopf kreiselten die Gedanken. Konnte das wahr sein? Wurde er gerade von einer Frau verführt? Noch dazu einer, die gut halb so alt war wie er und ihn "alter Mann" nannte? Wenn er jetzt aufstand und ging, hätte er das Prädikat wohl ehrenhaft verdient!  Er lehnte sich zurück und ließ sie gewähren.

Die Luftveränderung tat ihm gut. Er stürzte sich fast besessen auf seine neuen Aufgaben. Hier in der Großstadt offenbarten sich ständig tiefste menschliche Abgründe und die täglichen Herausforderungen waren kaum mit der dagegen fast beschaulichen Arbeit daheim zu vergleichen. Hansi und er hatten ja auch ein besonderes Talent gehabt, rund um den Starnberger See über viele Leichen zu stolpern, aber selbst die Toten kamen ihm hier töter vor. Und ihre Leichen daheim hatte Anja dann in der Pathologie ...  "Schluss damit!", schalt sich Hubsi bei solchen Gedanken.  
Sein neuer Partner Henner Mertens, mit dem er  jetzt auf Streife ging, war das genaue Gegenteil von Hansi. Er war klein, drahtig, mit messerscharfer Logik und mit einer unerschütterlichen Ruhe ausgestattet. Auch er war quasi in Berlin gestrandet und wartete auf seine Versetzung in seine Heimat Ostfriesland, wo seine Frau und die drei Töchter lebten. Hubsi und Henner verstanden sich auf Anhieb. Sie überwanden spielend die Nord-Süd-Sprachbarrieren und wenn einmal nicht, gab es viel gutmütigen Spott. Es war eine angenehme Zusammenarbeit, die aber meist nach Dienstschluss endete. Ab und zu ein Feierabendbier, aber keiner von beiden schien das Bedürfnis zu haben, mit dem anderen auch noch die freie Zeit zu teilen, zumal  Henner natürlich so oft es ging seine Familie aufsuchte. Obwohl  der Polizeidienst im Moloch Großstadt Hubsi oft physisch und psychisch an seine Grenzen brachte und er dann völlig ausgelaugt nach Hause kam, ging er in seiner Arbeit auf, denn sie ließ fast keine Zeit für Trübsal und Gedanken an Anja.

Und Coco tat ihm gut. Sie hatten oft unterschiedliche Dienstzeiten, und wenn er nach Dienstschluss heimkam, wusste er nie, ob sie da war oder einer ihrer zig anderen Aktivitäten nachging: Kampfsport, Tanzen, Klarinettenunterricht, Kirchenchor oder Mädelsabende mit ihren Kolleginnen. Sie verbrachten nicht allzu viel Zeit zusammen, hatten ihre Arbeit, über die sie sprechen konnten, ansonsten eigentlich keine gemeinsame Interessen. Coco konnte stundenlang auf ihrem Handy Königreiche erschaffen und sie anschließend wieder vernichten. Dann schüttelte Hubsi nur den Kopf, griff zu einem Buch und setzte sich still zu ihr an den Küchentisch. Er hatte das Lesen wiederentdeckt, das er seit seiner Jugend vernachlässigt hatte, und sich sogar in der örtlichen Bücherei angemeldet. Und Coco wollte Spaß  - und den konnte Hubsi ihr bieten. Zu ersten Mal  nach der Scheidung  von Anja, nein, nachdem er Anja kennengelernt hatte, ließ er eine Beziehung zu einer anderen Frau zu. Hubsi war froh, wenn Coco da war, er schätzte ihre Unkompliziertheit, bewunderte ihre schier unerschöpfliche Energie und ließ sich von ihrer Fröhlichkeit anstecken, aber er wusste, sie würde nie einen Platz in seinem Herzen einnehmen. Der war für immer von Anja besetzt. Doch die Klammer um seine Seele, die ihn eingeschnürt hatte fast bis zum Ersticken, löste sich allmählich. Er fühlte sich wohl in seinem neuen Leben und er konnte wieder besser schlafen.

Und Berlin tat ihm gut. Als er wieder einmal allein zu Hause saß und ihm die Decke auf den Kopf zu fallen drohte, entschloss er sich spontan zu einem Spaziergang. Plötzlich stand er vor dem Brandenburger Tor. Er sah an den Säulen entlang zur Quadriga hoch und fixierte bewundernd die Siegesgöttin auf ihrem Streitwagen. "Jetzt sag! Wen hast du ned scho alles kommen und gehen sehn?" brummte er ihr zu.  Dann bummelte er weiter zum Reichstagsgebäude, fuhr spontan zur Kuppel  hoch -  wie gut, wenn man Polizist ist - und ließ seinen Blick fasziniert über die Stadt schweifen. "Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, einmal über den Tellerrand hinauszuschauen", stellte er beeindruckt fest.  Anja hatte so viele Reisepläne geschmiedet, um mit ihm zusammen ein bisschen von der Welt zu sehen, aber er hatte immer alle lustlos abgeblockt.  Nun kaufte er sich einen Stadtplan, besorgte sich Literatur und erkundete in seiner dienstfreien Zeit Berlins Sehenswürdigkeiten und ihre Geschichte dahinter, systematisch und akribisch. Selbst die Museen blieben nicht vor ihm verschont. Er spürte, wie er sein inneres Gleichgewicht allmählich wieder fand.
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