Socke und Tamina

GeschichteRomanze / P18 Slash
25.10.2018
15.03.2019
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Dieses Kapitel
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Guten Abend meine Lieben,

ich versüße euch den Start ins Wochenende mit einem neuen Kapitel von Nik und Flo. Viel Spaß beim Lesen!

Danke für eure Treue und die neuen Sternchen seit dem letzten Kapitel.

Eure Eve


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Niklas

Die Titel-Melodie von „Beverly Hills Cop“ schallt durch die Küche meiner Mutter, während wir als komplette Familie bei einem emotional äußerst aufwühlenden Neujahrsfrühstück sitzen.
Ich angle eilig nach meinem Smartphone, um den nervigen Klingelton, den ich schon längst mal ändern wollte, möglichst schnell zum Verstummen zu bringen. Florian ruft an. Ich ziehe scharf die Luft ein und mein Finger zögert kurz über dem Display, ehe ich, nicht ohne einen strengen Blick von meiner Mutter zu kassieren, den Anruf annehme und mich mit dem Telefon auf die Terrasse verziehe.
„Ja?“ Meine Stimme klingt frostig, ich kann nicht leugnen, dass ich immer noch sauer bin wegen letzter Nacht. Nicht umsonst habe ich auf Flos Whatsapp-Nachricht immer noch nicht geantwortet, aber den Anruf jetzt einfach wegzudrücken, das bringe ich dann doch nicht über mich.

In einem ziemlich eintönigen Gespräch verabrede ich mich für den folgenden Nachmittag mit Florian am Stall zu einem gemeinsamen Spaziergang mit Socke und Tamina. Jetzt, wo ich schon mal hier bin, möchte ich den Neujahrstag gerne mit meiner Familie verbringen, versuchen, Charlotte ein wenig auf andere Gedanken zu bringen, nochmal das leckere Essen meiner Mutter genießen, ruhige Gespräche mit meinem Vater führen ... All das eben, wofür unter dem Jahr oft zu wenig Zeit ist.
Ich habe Flo am Telefon wohl angemerkt, dass er mich gerne heute noch gesehen hätte, und dass er auch gerne hierhergekommen wäre, um sich mit mir zu versöhnen. Er hat mir mehrfach versichert, wie sehr er mich liebt und mich regelrecht angefleht, doch nochmal in Ruhe über alles zu sprechen, doch ich konnte mich nicht überwinden, ihn heute hier in mein Elternhaus einzuladen. In meinem Inneren herrscht irgendwie immer noch Eiszeit.
Dass Florian letzte Nacht unbedingt bei Mark bleiben wollte, statt mit mir gemeinsam Charlotte beizustehen, sitzt wie ein fieser Stachel in meinem Fleisch. Ich hatte wirklich geglaubt, er würde sich, da er keine eigene Familie mehr im Hintergrund hat, nun zu meiner Familie zugehörig fühlen, so herzlich, wie er Weihnachten hier aufgenommen wurde. Dass er nun ausgerechnet dem Mann beisteht, der meiner Schwester und unserer ganzen Familie jahrelang etwas vorgemacht hat, hinterlässt einfach fassungsloses Unverständnis in mir.
Und, wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch die Eifersucht ihre fiesen, krakenartigen Arme schon wieder nach meinem Herzen ausgestreckt hat. Der Gedanke, dass Florian mit Mark in dessen Wohnung übernachtet hat und was dabei vielleicht …
Stopp! Nein! Ich will das nicht denken, ich vertraue Flo, er hat mir schließlich erst gestern sehr überzeugend gestanden, dass er mich liebt und sich eine Zukunft mit mir wünscht. Er hat mir noch nie Anlass zur Eifersucht diesbezüglich gegeben und das mit Mark war bloß eine Nacht, lange vor unserer Zeit. Jawohl!
Entschieden schiebe ich den Gedanken an Marks willigen Arsch, und was Florian damit getrieben haben könnte, beiseite. Flo ist nicht so!
Ich liebe ihn und wir werden uns wieder in die Arme schließen – morgen! Wenn ich es bis dahin hoffentlich geschafft habe, die bittere Enttäuschung von letzter Nacht hinunterzuschlucken. Ich muss! Aber noch brauche ich einfach etwas Zeit.

Seufzend lasse ich den Blick durch den Garten meiner Eltern schweifen, verweile kurz in der Erinnerung, wie Charlotte und ich als Kinder in unserem Baumhaus gespielt haben, als sich plötzlich eine warme Hand auf meinen Arm legt und mich verständnisvoll drückt.
„Sei nicht so streng mit ihm, Niklas!“, sagt meine Mutter mit ihrer unvergleichlich warmen Stimme. „Dein Flo ist einer von den Guten, der hat das Herz am rechten Fleck sitzen! Ich verabscheue Mark dafür, dass er Charlotte jahrelang angelogen hat, dass er uns allen, auch Papa und mir, seit Jahren etwas vorgespielt hat, wo wir ihn hier doch wie einen zweiten Sohn aufgenommen haben. Aber ich kann verstehen, dass der Florian sich letzte Nacht Sorgen um ihn gemacht hat. Weißt du, Niklas, der Flo kann da von außen drauf blicken, der war nicht jahrelang in Marks Lügenleben eingebunden, so wie Charlotte, du, Papa und ich. Und nur, weil er letzte Nacht nicht mit hierher gefahren ist, sondern lieber aufgepasst hat, dass  Mark, der ja wohl auch schon ziemlich betrunken war, wie du erzählt hast, keine Dummheiten macht, heißt das doch nicht, dass er nicht zu unserer Familie gehört! Also vertragt euch wieder, er hat dich doch gern und du ihn auch!“
Gerührt ziehe ich meine Mutter in meine Arme und drücke sie fest an meine Brust, sie geht mir gerade mal bis zum Kinn, sodass ich meine Nase in ihrem Haar vergraben kann. Der Duft nach Shampoo, gemischt mit Gerüchen aus ihrer Küche, hängt ihren Haaren an; ein Duft, der mich seit meiner Kindheit begleitet und ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit in mir aufsteigen lässt.
„Danke Mama! Du hast Recht, ich bin ein beleidigter Esel.“

Am späten Nachmittag fahre ich mit Charlotte noch einmal in die Stuttgarter Wohnung, um noch einige ihrer Sachen zu holen. Sie wirkt mittlerweile sehr gefasst, was mich, ehrlich gesagt, ziemlich erstaunt, wo doch das große Drama gerade mal ein wenig mehr als 12 Stunden her ist.
„Ach Niklas, ich habe doch seit Monaten geahnt, dass etwas nicht stimmt. Unsere Beziehung war schon lange nicht mehr Friede, Freude, Eierkuchen, obwohl im Alltag eigentlich alles normal gelaufen ist, also wir haben nicht übermäßig viel gestritten oder so, aber es war da doch seit langem dieses Gefühl … ich konnte es nie wirklich greifen, aber im Nachhinein gehen mir einige Kronleuchter auf, wenn ich, mit dem Wissen von heute, an so manche Situation denke“, sinniert Charlotte vor sich hin, während wir in die schicke Stuttgarter Villen-Siedlung einbiegen.
„Ich bewundere dich, dass du das jetzt schon so abgeklärt sehen kannst! Immerhin hat er dich jahrelang hintergangen, dir etwas vorgemacht und dich, wer weiß wie oft, betrogen – mit Kerlen!“, antworte ich ihr und kann meinen Groll auf Mark mal wieder nur schwer verbergen.
Charlotte seufzt: „Ob Kerl oder Tussi macht ja nun eigentlich keinen Unterschied, oder? Fakt ist, er hat sich woanders etwas geholt, was ich ihm nie geben konnte. Klar tut es mir weh, ekelt mich an, verursacht mir Übelkeit, ich möchte schreien und heulen und ihm die Augen auskratzen für diesen Betrug, aber es würde nichts davon ungeschehen machen, also muss ich jetzt einfach nach vorne schauen, versuchen, ihn schnellstmöglich zu vergessen und mir ein eigenes Leben aufzubauen. Ich sage nicht, dass ich das ohne Tränen, Wut und Trauer schaffen werde, ich bin mir sicher, der ein oder andere Flashback wird mich einholen, aber im Moment habe ich nach letzter Nacht eh keine Tränen mehr und kann das abgeklärt betrachten. Und ganz ehrlich, ich glaube, wenn er mich jahrelang mit anderen Frauen betrogen hätte, würde mich das viel mehr in Selbstzweifel stürzen und an mir nagen, weil ich mich immer fragen würde, was ich falsch gemacht hätte. So weiß ich einfach, egal was ich getan hätte, ich als Frau wäre niemals das gewesen, was er wirklich braucht. Das macht es mir ein bisschen … leichter, … auch wenn mich der Gedanke von Mark mit einem anderen Mann … irgendwie abschreckt, sorry, das ist nicht gegen dich und Flo … ach scheiße, … das alles ist einfach so fremd für mich …“
Ich werfe ihr einen bewundernden Seitenblick zu und kann über ihre mentale Stärke einfach nur staunen.
„Alles gut, Große! Du musst dich dafür nicht rechtfertigen. Ich hoffe, ich kann so ruhig bleiben wie du, wenn wir ihn gleich …“, setze ich an, doch Charlotte unterbricht mich.
„Er wird nicht da sein. Ich habe ihm geschrieben, dass wir kommen und ihn gebeten, für eine Weile zu gehen. Ich möchte ihn nicht sehen!“

****

Nach einem grandiosen Abendessen verabschiede ich mich von Charlotte und meinen Eltern. Sie bleibt erstmal für einige Tage hier wohnen und will sich schnellstmöglich eine eigene Wohnung in Stuttgart suchen, Mark hat ihr bereits seine Hilfe zugesichert, als Makler sitzt er ja an der Quelle. Dass Charlotte dieses Angebot annimmt, macht mich zum wiederholten Male heute sprachlos.
Irgendwie scheine ich der einzige zu sein, der nichts als Wut und Hass für den Typen übrig hat, während Charlotte das ganz pragmatisch sieht.
„Na hör mal, Niklas! Nach allem, was er mir angetan hat, ist es wohl das mindeste, dass er mir dabei hilft, ne Wohnung zu finden! Weißt du, wie schwierig das in Stuttgart ist? Außerdem hab ich keine Lust, bei jemand anderem ne saftige Maklerprovision zu zahlen. Mark dagegen wird keinen Cent von mir sehen“, erklärt sie mir ihre Gedanken mit einem leicht verschlagenen Grinsen.
Ich nehme sie noch einmal fest in den Arm.
„Ach Schwesterherz, du bist echt ne Kämpferin! Halt die Ohren steif und ruf mich an, wenn du was brauchst, ja? Ich hab dich lieb!“

Meine Mutter kommt mit raus zu meinem Wagen, umarmt mich und gibt mir noch einen mütterlich, strengen Ratschlag mit auf den Weg: „Bring das mit Flo in Ordnung! Er hat nichts Unrechtes getan.“
Ich drücke sie dankbar und bin mal wieder einfach nur froh um diese Familie.

Kaum im Auto betätige ich die Freisprecheinrichtung und rufe bei Florian an. Ich muss ihm auf der Stelle sagen, dass ich ihm nicht mehr böse bin, und am liebsten würde ich ihn heute Abend noch sehen. Wie konnte ich nur den ganzen Tag so verbohrt sein, während selbst Charlotte souveräner mit ihrer Situation umgehen kann?
Nach mehrmaligem Klingeln geht schließlich die Mailbox dran. Verdammt, wo ist er bloß?
Frustriert spreche ich ihm eine Nachricht aufs Band: „Hey Flo, ich … es tut mir leid, dass ich so sauer war, ich … ach scheiße, ich will das nicht aufs Band quatschen … können wir uns sehen? Heute noch? Ich fahr gerade nach Hause. Bitte ruf mich zurück!“
Plötzlich liegt mir unser Streit wie ein kalter Stein im Magen, das schlechte Gewissen legt sich wie ein Mantel aus Blei schwer auf meine Schultern. Jeder in meiner Familie hatte mehr Verständnis für Flos Reaktion von letzter Nacht als ich, selbst Charlotte war ihm nicht böse, nur ich sturer Esel muss ihn einen ganzen Tag lang schmoren lassen, für etwas, was doch eigentlich nur mal wieder zeigt, was für ein toller, einfühlsamer Mensch er ist. Ich vermisse ihn mit einem Mal so sehr, dass ich die Sehnsucht als unbändiges Ziehen in meiner Brust spüren kann. Auf der Stelle möchte ich Flo in den Arm nehmen und alles vergessen, was gestern zwischen uns passiert ist, doch dafür müsste ich ihn erstmal erreichen.

Zehn Minuten später klingelt mein Telefon und ich atme auf vor Erleichterung.
Ohne hinzusehen, nehme ich das Gespräch an und lege sofort los: „Flo endlich, Gott sei Dank, ich wollte mich bei dir …“ Weiter komme ich nicht.
„Ähm, Niklas, hallo? Ich bin es Franzi. Ich wollte dir eigentlich nur ein gutes neues Jahr wünschen und fragen, ob du Lust hast, morgen mit mir einen Kaffee zu trinken? Ich würde gern mal hören, wie es Tamina geht.“
„Oh, Franzi, hi! Äh, … ja, dir auch ein gutes neues Jahr! Kaffee morgen …“, stammele ich verwirrt.
Franzi lacht: „Niklas, wobei hab ich dich denn gerade gestört? Du warst ja eben ganz weit weg, hm?“
Sie kennt mich eben doch noch verdammt gut, fünf Jahre Beziehung lassen sich einfach nicht leugnen. Ich spüre, dass ich sie trotz all unserer Differenzen immer noch sehr mag, auf eine freundschaftliche Art, und bin froh, dass wir so ungezwungen miteinander umgehen können.  Gleichzeitig drängt sich mir die Frage auf, wie sie wohl reagieren wird, wenn sie von Flo und mir erfährt.
„Sorry Franzi, ich sitze im Auto und war gerade in Gedanken. Wir können morgen gerne einen Kaffee zusammen trinken, ich muss dir sowieso noch was erzählen. Sagen wir, um zwei im Hubis?“

Auf dem restlichen Heimweg versuche ich noch zweimal bei Florian anzurufen, aber immer geht nur diese verdammte Mailbox dran. Ob er mittlerweile doch wütend auf mich ist, weil ich ihn so angefahren und jetzt den ganzen Tag lang habe zappeln lassen? Mein Magen zieht sich bei dem Gedanken schmerzhaft zusammen und mir wird übel.
Ich will, nein, ich MUSS das jetzt sofort aus der Welt räumen! Entschieden setze ich den Blinker und nehme den Abzweig in Richtung Florians Wohnung.
Mittlerweile hat es zu schneien begonnen und in der Dunkelheit tanzen die dicken, weißen Flocken im Lichtkegel meiner Scheinwerfer. Ich muss vorsichtig fahren, denn noch sind die Straßen nicht geräumt und an vielen Stellen ist es ganz schön rutschig.
An dem schmucklosen Mehrfamilienhaus angekommen, in welchem Flos gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung liegt, sehe ich bereits von unten, dass alle Fenster dunkel sind. Sein klappriger alter Kombi steht ebenfalls nicht auf dem Stellplatz. Dennoch steige ich aus und laufe zur Haustür, vielleicht ist er ja doch … aber wie zu erwarten, tut sich auf mein mehrmaliges Sturmklingeln einfach gar nichts.

Flo, wo bist du?

Er wird doch wohl nicht bei Mark … bei dem Gedanken daran, dreht sich alles in meinem Kopf, die Eifersucht schlägt gnadenlos ihre Krallen in meine Eingeweide und ich muss unvermittelt nach Luft schnappen. Habe ich ihn etwa in die Arme dieses Idioten getrieben? Das darf einfach nicht sein!
Noch einmal greife ich kraftlos zu meinem Telefon und wähle seine Nummer, während die dicken Schneeflocken sich in meinem Haar sammeln und der eisige Wind mir Tränen in die Augen treibt, ist es wirklich nur der Wind?
„Flo, wo bist du? Ich liebe dich, es tut mir leid wegen … Bitte melde dich!“, spreche ich gequält auf seine Mailbox, bevor ich zitternd vor Kälte und Anspannung nach Hause fahre.

In der folgenden Nacht wälze ich mich unruhig hin und her und kann lange nicht einschlafen, ständig kreisen meine Gedanken um unseren Streit und um meine, wie ich mittlerweile selbst einsehe, ziemlich überzogene Reaktion. Ich weiß doch, wie sehr Flo damals gelitten hat, als das mit seinem Outing so gründlich schief gegangen ist, und er von heute auf morgen sein Leben in Scherben vor sich liegen sah. Warum konnte ich da nicht ein bisschen mehr Verständnis für sein Mitgefühl gegenüber Mark aufbringen?
Ja, ICH hasse Mark und traue ihm kein Stück über den Weg, aber das ist nicht Florians Kampf und er hat das Recht dazu, seine eigene Meinung zu haben und seinen eigenen Überzeugungen zu folgen. Wenn ich ihm das nur endlich sagen könnte!
Mehrmals kontrolliere ich mein Handy erfolglos auf eingegangene Nachrichten, ehe ich in den frühen Morgenstunden endlich in einen unruhigen Schlaf falle.

Als ich aufwache, fühle ich mich wie gerädert, mein Kopf pocht schmerzhaft und das helle Licht, das durch das große Fenster ins Zimmer fällt, sticht in meinen Augen. Der über Nacht gefallene Schnee macht das Licht noch gleißender und lässt mich die Augen zusammenkneifen.
Ein Blick auf den Radiowecker zeigt mir, dass es bereits später Vormittag ist, kein Wunder, bin ich doch erst nach stundenlangem Grübeln und Herumwälzen eingeschlafen.
Sofort greife ich nach meinem Smartphone und sehe sogleich einen entgangenen Anruf von Flo um kurz nach halb acht. Verdammt, ich muss so tief geschlafen haben, dass ich das Klingeln nicht gehört habe! Scheiße! Fahrig wähle ich die Mailbox an und höre seine Nachricht ab:
„Guten Morgen Niklas! Sorry, ich war letzte Nacht bei Tommy und hatte mein Handy aus Versehen im Auto liegen lassen. Ich … ich wollte nicht alleine sein und … hätte nicht gedacht, dass du mich gestern noch sehen willst …“
Oh Gott, er klingt so verletzt, ich habe es schon wieder geschafft, ihm wehzutun. Was bin ich doch für ein gottverdammter Gefühlstrampel!
Die Nachricht geht noch weiter: „Du, mein Chef ist krank und ich habe versprochen, heute Morgen in der Werkstatt ein paar dringende Sachen fertig zu machen. Wir sehen uns dann, wie verabredet, um vier am Stall. Und dann … dann reden wir nochmal in aller Ruhe, okay? Ich freu mich auf dich! Bis dann.“
Seufzend lass ich mich zurück in mein Kissen fallen. Er war bei Tommy, … die Erleichterung, dass nicht Mark der Grund für seine leere Wohnung war, lässt mir einige Steine vom Herzen purzeln. Er hat die Nähe seines besten Freundes gesucht, weil ich mich ihm gegenüber wie ein Idiot benommen habe und er in seiner Verletztheit das Alleinsein nicht ertragen konnte. Ich kann mir schon vorstellen, was Tommy nun wieder von mir denkt, aber das ist mir für den Moment egal, Hauptsache, Flo verzeiht mir.
Am liebsten würde ich ihn sofort anrufen, aber da ich weiß, dass er in der Werkstatt sein Handy stets auf lautlos gestellt im Spind liegen hat, schreibe ich ihm einfach eine kurze, liebevolle Nachricht, die er hoffentlich in der Mittagspause liest.
„Guten Morgen, mein Herz! Bitte sei mir nicht böse, ich war ein Idiot! Freu mich auch auf dich. Bis später, KUSS Nik“

***

Um zwei Uhr nachmittags sitze ich, wie verabredet, im Café Hubis und warte auf Franzi. Wie immer kommt sie zu spät, diese leidige Angewohnheit habe ich schon damals während unserer Beziehung gehasst. Lustlos nippe ich an meinem Mineralwasser und hoffe, dass ich dieses Gespräch mit ihr schnell hinter mich bringen kann. Ich will nur noch zum Stall und endlich Florian wiedersehen.
Als Franzi um viertel nach zwei endlich das Café betritt, fällt mir sofort auf, dass sie ihre Haare blondiert hat und außerdem auffällig geschminkt ist, dabei war sie früher so eine natürliche Schönheit, die höchstens mal ein wenig Wimperntusche genutzt hat. Jetzt sieht sie aus wie ein Püppchen aus der Kosmetikwerbung.
Zur Begrüßung umarmen wir uns herzlich, ehe wir uns Eck auf Eck an den kleinen Tisch setzen.
„Niklas, wie schön, dich mal wiederzusehen! Sag, wie geht es dir?“, fragt Franzi und drückt dabei noch einmal vertraut meine Hand.
„Ja, ich freu mich auch, dich zu sehen. Bei mir alles prima und selbst?“
Wir unterhalten uns eine Weile über absolute Belanglosigkeiten, Klatsch und Tratsch aus dem alten Stall, Turniernews  und sonstiges Zeug, was mich eigentlich nicht die Bohne interessiert und mir zeigt, dass unsere Welten einfach nicht mehr zusammenpassen. Während Franzi redet und redet, überlege ich fieberhaft, wie ich ihr das mit meiner Beziehung zu Flo am besten beibringen kann. Ach Flo, ich freue mich so darauf, ihn nachher endlich wieder zu umarmen, seine Haut unter meinen Fingern und seine Lippen auf meinen zu spüren … mein Blick geht verträumt zum Fenster hinaus, während ich seine tiefbraunen Augen vor mir sehe.
„Hallo, Niklas? Hörst du mir überhaupt zu?“, empört sieht Franzi mich an.
„Äh, ja, … sorry, ich war gerade in Gedanken, was hast du gesagt?“, antworte ich zerknirscht und schaue sie wieder an.
„Ich hab dir gerade erzählt, dass ich jetzt mit Felix Jungmann zusammen bin, du weißt schon, der bekannte Springreiter, der als Trainer ab und an zu uns auf den Hof kommt. Wir haben uns dadurch öfter mal gesehen und … naja, irgendwann hat er mich zum Essen eingeladen und … ja. also wir sind jetzt seit vier Wochen ein Paar. Ich wollte, dass du es von mir erfährst Niklas, bevor es in der Reiterszene die Runde macht.“
Abwartend sieht Franzi mich an. Felix Jungmann also, das erklärt auch Franzis neuen Aufzug, denn der Mann ist, … ziemlich auf Äußerlichkeiten bedacht, wie es mir den Anschein macht. Ich kenne ihn nicht persönlich nur vom Sehen, als ich selbst noch dort auf dem Hof ein und aus ging, aber bereits damals war er mir nicht sonderlich sympathisch in seinen stets blank polierten Reitstiefeln und den teuren Markenreithosen. Aber das ist ja nun Franzis Sache, sie scheint sich in dieser Schickimicki-Turnierwelt mehr denn je wohl zu fühlen.
„Ah okay, Felix und du also, das freut mich für dich, ich wünsche euch viel Glück!“, ich atme nochmal tief durch, ehe ich weiterspreche. „Ich habe übrigens auch eine neue Beziehung.“
Begeistert blinzelt Franzi mir zu und verzieht den Mund zu einem freudigen Lächeln.
„Kenne ich sie? Ist es auch eine Reiterin?“, will sie euphorisch wissen.
„Franzi, es ist keine Frau, …“
„Hä, wie jetzt, ich dachte, du hast ne neue Beziehung?“, unterbricht sie mich mit irritiertem Blick.
Tief durchatmend lasse ich die Katze aus dem Sack: „Ja, ich habe eine neue Beziehung, aber zu einem  Mann! Er heißt Florian, ich habe ihn beim Ausreiten kennengelernt, vor gut drei Monaten.“ Franzi entgleiten komplett die Gesichtszüge.
„Wie bitte?“, ihre Stimme klingt hysterisch. „Du bist schwul? Soll das heißen, du hast mir all die Jahre …“
„Scht, schrei doch bitte nicht so“, leicht betreten sehe ich mich im Café um, doch niemand nimmt von uns Notiz, „nein Franzi, ich bin nicht schwul … ich bin … wohl für beide Geschlechter offen … bi, wie man so schön sagt. Ich konnte es mir ja anfangs selbst nicht eingestehen, aber Florian … ich hab mich einfach in ihn verliebt und bin sehr glücklich mit ihm. Ich wollte, dass du weißt, dass es absolut nichts mit unserer Beziehung zu tun hat, in all den Jahren mit dir, hat mir nie etwas gefehlt. Doch jetzt hat sich das … einfach so … so ergeben.“
Franzi blickt mich entsetzt, ja fast schon geschockt an.
„Ich fass es nicht! Boah, allein die Vorstellung … Du gehst mit einer Schwuchtel ins Bett? Niklas, das ist echt widerlich! Du warst doch all die Jahre ein richtiger Kerl und jetzt … jetzt … boah, nee ich will es mir nicht mal vorstellen!“
Bam! Ihre Worte haben auf mich die Wirkung einer Ohrfeige. Für den Moment sprachlos, starre ich sie mit verletztem Blick einfach nur an. Sie ekelt sich vor mir … und vor Flo … widerlich hat sie gesagt … Ich schlucke trocken, der Kloß in meinem Hals will nicht weichen, gleichzeitig merke ich aber auch, wie ein Gefühl von Ärger in mir hochsteigt.
Franzi steht vom Tisch auf und will gehen, doch ich halte sie am Handgelenk fest und raune ihr leise, aber eindringlich zu: „Rede nicht so von einer Sache, von der du keine Ahnung hast! Ich liebe Flo! Er ist ein phantastischer Mensch! Und was wir im Bett treiben, geht dich überhaupt nichts an, ich frage ja auch nicht, wie dein Felix es dir besorgt!“
Kalte Wut über ihre Reaktion wühlt in meinen Eingeweiden. Gleichzeitig schmerzt es mich auch, dass die Frau, die ich einst geliebt habe, mit so viel Abscheu auf mich und somit auch auf Flo reagiert. Wir tun doch nichts Schlimmes, wir sind doch nicht pervers! Wir lieben uns einfach nur! Was kann an Liebe falsch und ‚widerlich‘ sein?
„Lass mich los!“, zischt Franzi mich an und entzieht mir mit einem Ruck ihren Arm. „Und ruf mich besser nicht wieder an!“

Aufgewühlt wie ein Ozean bei Sturm fahre ich nach dem ernüchternden Treffen mit Franzi zum Stall. Ihr Verhalten hat mich enorm getroffen. Ich war mir zwar vorher im Klaren darüber, dass sie sich bei dem Thema nicht vor Begeisterung überschlagen wird und dass sie sich fragen würde, ob unsere Beziehung eine einzige Lüge war. Aber dass sie mit so viel Engstirnigkeit und Intoleranz reagiert, das trifft mich doch bis tief in mein Innerstes und verletzt mich mehr, als ich mir hätte vorstellen können. Immerhin habe ich sie mal geliebt und war froh darum, dass wir auch nach unserer Beziehung noch freundschaftlich miteinander umgehen konnten. Das ist nun wohl unwiederbringlich vorbei. Und das tut verdammt weh!
Gedankenverloren gehe ich in die Sattelkammer, um Taminas Putzzeug zu holen. Als mein Blick auf den Sattelschrank fällt, den Flo mir zu Weihnachten geschenkt hat, wird mir schwer und gleichzeitig warm ums Herz.
Ich merke gerade jetzt, in diesem Moment tiefer Verletztheit, wie sehr ich Flo liebe und brauche. Gott sei Dank kommt er gleich und ich kann ihn wieder in die Arme schließen!

Wie sehr ich mich doch täuschen sollte …


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