Socke und Tamina

GeschichteRomanze / P18 Slash
25.10.2018
13.08.2019
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Florian

„Socke, hier!“, rufe ich meinem Schäferhundmischling hinterher, als ich merke, dass er aufgeregt die Ohren spitzt und mit seiner feinen Hundenase Witterung aufnimmt.

Feuchte Nebelschwaden ziehen über die Wiesen am Waldrand und lassen mich nicht erkennen, was mein Hund so neugierig anvisiert. Gott sei Dank habe ich vom Welpenalter an Wert gelegt auf seine gute Erziehung, daher gehorcht er ohne Zögern und kommt schwanzwedelnd auf mich zu gelaufen. Ich kraule meinen besten Freund überschwänglich hinter den Ohren und bin ein bisschen stolz, dass ich das mit seiner Erziehung so gut hinbekommen habe, dass ich ihn in fast allen Lebenslagen ohne Leine laufen lassen kann.

So bleiben wir eine Weile am nebligen Waldrand stehen, von der Anhöhe aus haben wir einen wunderschönen Blick über „unser“ kleines Tal, welches jetzt noch halb im Nebel verborgen liegt, bald schon aber würde es die Sonne schaffen, den Nebel zu vertreiben und die Landschaft in goldenes Herbstlicht tauchen. Ich mag diese Jahreszeit und ich mag die einsamen Morgenspaziergänge mit Socke. Er ist mir ein treuer Freund und ich liebe diesen Hund mehr als sämtliche Zweibeiner in meinem Umfeld. Okay natürlich liebe ich meine Eltern irgendwie genauso, aber nachdem sie vor zwei Jahren den Kontakt zu mir abgebrochen haben, kann ich sie leider nicht mehr zu meinem direkten Umfeld zählen.
Ich vermeide es darüber nachzudenken, es tut einfach zu sehr weh. Ich vermisse die gemeinsamen Stunden mit meinem Vater in der Werkstatt, in denen wir nie viel gesprochen haben aber auch ohne große Worte bei der Arbeit ein prima Team abgaben.
Ich vermisse die Gerüche aus der Küche meiner Mutter, wenn sie mal wieder ihr Bestes gegeben hat, um ihre Lieblingsmänner, wie sie Paps und mich immer liebevoll genannt hat, zu verwöhnen. Ich vermisse sogar ihr gluckenhaftes Nachfragen, ob ich auch warm genug angezogen sei, das sie sich einfach nicht abgewöhnen konnte, selbst als ich das Teenageralter schon hinter mir gelassen hatte.


Wir gehen langsam weiter, der Weg ins Tal ist nur ein schmaler und noch dazu sehr steiler Trampelpfad, welcher durch den feuchten Nebel etwas glitschig geworden ist, ich muss echt aufpassen wo ich meine Füße hinsetze. Socke auf seinen vier Beinen hat damit keine Probleme und rennt ausgelassen vorne draus. Immer wieder bleibt er stehen und sieht sich nach mir um oder läuft sogar den Hang wieder ein Stück nach oben, um sich zu vergewissern, dass ich auch nachkomme. „Ist ja gut mein Junge, ich komm ja schon“, lache ich ihn an.

Phil und ich haben Socke gemeinsam aus dem Tierheim geholt, damals als wir noch dachten wir hätten eine gemeinsame Zukunft. In Gedanken bei Phil und dem, was damals passiert ist, laufe ich weiter den Hang hinunter. Endlich, da unten kommt der Querweg, der steile glitschige Pfad ist gleich zu Ende.
Ich lasse meine Erinnerung schweifen, sehe noch einmal Phils leuchtende grüne Augen vor mir und wie wunderschön entrückt er immer ausgesehen hat, wenn wir uns leidenschaftlich geliebt hatten. Wobei geliebt habe in dem Zusammenhang wohl nur ich, der Gedanke schießt mir ätzend durch die Eingeweide. Plötzlich durchzuckt mich ein heftiger Schmerz im linken Knöchel und ich finde mich hangabwärts schlitternd auf dem Rücken wieder. Socke springt aufgeregt bellend neben mir her. Heftig atmend und fluchend komme ich am Ende der steilen Wiese zum Liegen, ich bin etwa zehn Meter talwärts geschlittert und muss mich erstmal sammeln. Vorsichtig setze ich mich auf. Socke kommt sofort zu mir und schlabbert mir mit seiner weichen warmen Hundezunge quer übers Gesicht. „Bäh lass das! Alles gut, ist ja nichts passiert,“ noch während ich die Worte ausspreche, bin ich mir nicht mehr so sicher ob ich Recht habe. Der Schmerz in meinem linken Knöchel ist mehr als heftig und ich spüre jetzt schon, dass der Knöchel anfängt dick zu werden. „Verdammte Scheiße!“



Niklas

Dadadam, dadadam, dadadam …

Der rot-orange-braun gefärbte Herbstwald zieht an mir vorbei, während meine Stute Tamina im gleichmäßigen Dreitakt den Weg entlang galoppiert. Ich genieße die Geschwindigkeit und den Wind, der mir um die Ohren weht, während ich die klare kalte Herbstluft tief in meine Lungen ziehe.

Dies ist erst unser zweiter Ausritt in der neuen Gegend, aber es gefällt mir hier schon jetzt sehr gut. Das Tal mit seinen zahlreichen Streuobstwiesen, die steilen teils bewaldeten Hänge und der grandiose Ausblick, mit dem man belohnt wird, wenn man den Aufstieg bis an die Kante des Albtraufs geschafft hat. Ein tolles Revier für Tamina und mich, wo wir doch am liebsten stundenlang in der Natur unterwegs sind.

Ich liebe meine Stute über alles und bin meiner Exfreundin Franzi immer noch dankbar dafür, dass sie mich vor fünf Jahren zu diesem tollen Hobby gebracht hat. Anfangs fand ich es nervig, dass Franzi mich ständig mit in den Pferdestall schleppte, doch nach und nach faszinierten mich die großen kraftvollen und doch so sanften Tiere immer mehr.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich das erste Mal auf Franzis Wallach Dancer sitzen durfte. Ich hatte riesigen Respekt, der Boden wirkte weit weg und ich schwankte wie auf einem Schiff in Seenot und dennoch war es ein tolles Erlebnis und das nicht nur, weil ich bis über beide Ohren in die hübsche Frau am Ende des Führzügels verliebt war. Kurze Zeit später nahm ich die ersten Reitstunden.

Seit zwei Jahren nenne ich nun Tamina mein eigen, eine wunderschöne Dunkelfuchs-Stute mit einer feinen Blesse auf der Nase. Sie gehörte einer Stallkollegin von Franzi und war für die vorgesehene Turnierkarriere leider nicht gut genug, wobei eigentlich muss ich sagen sie war Gott sei Dank nicht gut genug, denn sonst müsste sie jetzt immer noch unter ihrer überehrgeizigen Vorbesitzerin durch die Reithalle piaffieren, statt mit mir durch die herrliche Natur zu galoppieren.

Franzi und ich haben uns vor vier Monaten getrennt, nach fünf Jahren Beziehung war das kein leichter aber doch der letztlich richtige Schritt. Wir haben im letzten Jahr nur noch gestritten und kamen auf keinen gemeinsamen Nenner mehr, was unsere Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben betraf. Man kann wohl ganz klassisch sagen, wir haben uns auseinander gelebt und obwohl wir sogar das Hobby teilten, haben wir am Ende mehr nebeneinander her statt miteinander gelebt.


Nach der Trennung suchte ich für Tamina einen neuen Stall, da ich Franzi nicht tagtäglich über den Weg laufen wollte, außerdem wollte ich für meine Stute eine bessere Haltung mit mehr Weide und Freilauf und Kontakt zu Artgenossen in einer Herde.

So sind wir also hier in diesem malerischen Tal am Fuß der schwäbischen Alb gelandet und genießen an diesem Samstag Morgen einen entspannten Ausritt bei herrlichem Wetter. Noch ist es kühl und neblig, aber man kann die Sonne schon ahnen, die bald durchkommen und den Nebel lichten wird.

Als der Weg vor uns aus dem Wald heraus führt und eine Kurve macht, reguliere ich Taminas Galopp-Tempo ein wenig herunter, man weiß ja nie, ob hinter der Kurve nicht Spaziergänger unterwegs sind.

Und tatsächlich, hinter der Kurve läuft ein Hund auf dem Weg hin und her und am Wegrand sitzt ein junger Mann im Gras.
Ich pariere Tamina zum Schritt durch, als ich näher komme, sehe ich dass der junge Mann schmerzerfüllt das Gesicht verzieht.

„Geht es Ihnen nicht gut, brauchen Sie Hilfe?“, frage ich.

„Sehe ich aus, als würde es mir gut gehen?“, herrscht mich der Kerl unfreundlich an „Wenn sie mir helfen wollen, dann geben sie mir ihr Handy, damit ich mal telefonieren kann.“
Ich steige vom Pferd und reiche dem jungen Mann mein Mobiltelefon, welches ich immer einstecken habe, wenn ich mit Tamina alleine im Gelände unterwegs bin, man weiß ja nie, was unterwegs passiert.
Während der Kerl telefoniert, ohne noch ein Wort der Erklärung an mich gerichtet zu haben, gehe ich diskret ein paar Meter zur Seite, ich weiß schließlich was sich gehört und belausche keine fremden Telefongespräche. Der Hund läuft währenddessen aufgeregt um Tamina herum, die sich aber Gott sei Dank nicht aus der Ruhe bringen lässt. Meine große vierbeinige Liebe hat zwar Temperament für zwei, aber dennoch regt sie so schnell nichts auf und vor Hunden hat sie definitiv keine Angst.

Ich beobachte den jungen Mann, der ungefähr mein Alter haben dürfte, aus den Augenwinkeln, er hat braune leicht gelockte Haare, die ihm etwas wirr in die Stirn hängen, seine Kleidung weist an etlichen Stellen  Matsch- und Grasflecken auf, sieht aus als ob er gestürzt und die steile Wiese hinunter geschlittert ist. Oh er ist fertig mit seinem Telefonat, ich gehe ein paar Schritte zurück.

„Danke für das Telefon und sorry, dass ich gerade so unfreundlich war. Ich hab mich nur so maßlos über mich selbst geärgert.“
Zwei rehbraune Augen schauen mich so grundehrlich an, dass ich gar nicht böse sein kann. „Schon okay, ich bin Niklas und das ist Tamina“ ich deute auf meine Stute, während ich mein Smartphone wieder einstecke, „was ist dir denn passiert?“ Da der Kerl mein Alter hat, duze ich ihn einfach, wird schon okay sein.

„Florian“ stellt sich der junge Mann mit den braunen Locken vor, „ich bin mit Socke von dort oben gekommen und dann hab ich wohl nicht richtig aufgepasst, weil ich in Gedanken bei … ach egal!“ Er bricht ab und ein Schatten huscht dabei über sein hübsches Gesicht.

„Hab mir wohl den Fuß verstaucht, bin den Hang runter gerutscht, aber ist nicht so wild, mein Kumpel holt mich ab. Vorausgesetzt er findet mich, hab ihm beschrieben wie er vom Ortsrand in etwa hier her kommt.“

Mir kommt spontan ein Einfall und ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, als ich Florian meinen Vorschlag unterbreite.



Florian

Oh mein Gott, es schwankt so furchtbar! Wenn ich bis eben nur einen verstauchten Knöchel hatte, werden vermutlich gleich noch ein paar gebrochene Knochen dazu kommen. Ich klammere mich ängstlich am dem Lederriemen fest, der am  Sattel befestigt ist.

Wieso hab ich mich nur dazu überreden lassen, dass Niklas mich auf seinem riesigen Pferd ein Stück Richtung Dorf mitnimmt? Ich muss verrückt sein, vielleicht hab ich mir bei meinem Sturz auch den Kopf angeschlagen?

„Es ist viel zu kalt um hier ne Stunde auf dem Boden zu sitzen, um auf deinen Kumpel zu warten,“ hat er gesagt, „los ich helf‘ dir aufs Pferd und wir laufen deinem Kumpel ein Stück entgegen, er kann ja nur über diesen Weg hier nach hinten ins Tal kommen, also verpassen können wir ihn nicht!“

Und so sitze ich nun, nachdem Niklas mich unter Stöhnen und Schieben auf sein riesiges Vieh manövriert hat, zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Pferd und verfluche mich selbst, dass ich an diesem Morgen überhaupt das Bett verlassen habe. Erst der blöde Sturz und jetzt auch noch das. Socke merkt auch, dass ich mich absolut nicht wohl fühle und rennt winselnd immer wieder um die Stute herum.

„Socke, Ruhe jetzt!“ blaffe ich meinen Hund an, dabei versuche ich meine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen.

Niklas dreht sich um und grinst mich über die Schulter an. „Du warst noch nie auf einem Pferd gesessen, oder? Glaub mir, beim ersten Mal ging es mir so ähnlich wie dir.“

Als er lacht bilden sich zwei kleine Grübchen in seinen Wangen und seine nachtblauen Augen funkeln belustigt. Überhaupt sieht dieser Kerl einfach umwerfend gut aus, unter dem Reithelm kann ich zwar seine Frisur nicht erkennen, aber er hat ein ebenmäßiges Gesicht, volle Lippen, hohe Wangenknochen und diese wahnsinnig faszinierenden dunkelblauen Augen.

Gott, worauf ich schon wieder mein Augenmerk lenke. Ich verdrehe innerlich die Augen über mich selbst, da geht wohl mal wieder der schwule Junge mit mir durch. Dabei sollte ich mir eher Gedanken über meinen Knöchel machen und wie ich nachher von diesem Vieh wieder runter komme, ohne mir die Knochen zu brechen und mich komplett zu blamieren.

„Bist du öfter hier unterwegs mit deinem Hund?“ fragt mich Niklas.

„Ja schon, ich kenne das Tal wie meine Westentasche. Und du? Ich hab dich hier noch nie gesehen.“

„Tami und ich sind erst vor zwei Wochen hierher in den Stall gezogen, ähm, also Tamina ist da eingezogen, ich wohne natürlich nicht dort,“  Niklas lacht als er das sagt und wieder beobachte ich fasziniert seine funkelnden Augen, sobald er von seinem Pferd spricht leuchten sie gleich noch einen Tick mehr. Er muss dieses Tier wirklich sehr lieben. Wer könnte das besser verstehen als ich, also nicht die Liebe zu einem Pferd im speziellen, aber zu einem Tier im allgemeinen, denn wenn ich an Socke denke und von Socke rede, dann fühle ich mich genau so wie Niklas aussieht, wenn er von seiner Stute spricht.

Mit belangloser Plauderei über das Tal und die verschiedenen Wege und Routen, die man mit Hund oder auch Pferd gehen kann, gelingt es Niklas tatsächlich, mich von meiner Angst abzulenken und ehe ich mich versehe, kommt uns auf dem Feldweg ein Auto entgegen.

Der weiße Golf ist eindeutig das Auto von Tommy. Ich arbeite in der Schreinerei seines Vaters und Tommy und ich haben uns von Anfang an gut verstanden.

„Ey Alter, du aufm Gaul?!? Da werden dir bald die Weiber scharenweise nachlaufen!“ ruft Tommy verwundert aus und grinst dreckig. Ich lache verlegen und murmle etwas von „Hilfe im Notfall.“



Niklas

Es gefällt mir überhaupt nicht, dass dieser Tommy meine Tamina mustert wie ein dreckiges Wildschwein und dass er Florians unfreiwillige Reiteinlage so ins Lächerliche zieht. Wenns um meine Tami geht, verstehe ich echt keinen Spaß!

Schon meine eigenen Kumpels haben mich da genug geärgert. Als ich mit der Reiterei anfing reichten die Kommentare von „Das machst du nur, um bei den Weibern besser anzukommen.“ bis hin zu „Wirst du jetzt schwul oder was?“ Als ob das eine mit dem anderen zu tun hätte, außerdem war ich damals fest mit Franzi zusammen. Aber ich habe das Reiten auch nicht wegen Franzi angefangen, sondern einfach weil mich die Tiere faszinieren und es mir Spaß macht.

Ich schüttle verärgert schnaubend den Kopf und beeile mich, Florian von meinem Pferd zu helfen, damit er zu seinem Proll-Kumpel ins Auto steigen kann. Als er sich seitlich Richtung Boden rutschen lässt, greife ich an seine Hüfte, um sein Aufkommen etwas zu unterstützen immerhin kann er nur auf seinem unverletzten Bein stehen. Er fühlt sich warm und fest unter meinen Händen an und sein herber männlicher Duft, vermischt mit dem Geruch nach Gras und Erde, umfängt mich, als wir uns plötzlich ganz nah gegenüber stehen. Ich blinzle verwirrt und ziehe schnell meine Hände zurück und trete zur Seite.

Florian räuspert sich und sagt verlegen: „Ja dann also … ähm … danke für deine Hilfe! Vielleicht sieht man sich hier ja mal wieder beim Spazieren gehen.“ Seine braunen Augen schauen mich dankbar an und erinnern mich an einen Hundewelpen, der um Kuscheleinheiten bettelt. Hallo, habe ich das gerade wirklich gedacht?

Florian ruft seinen Hund und steigt gestützt von seinem Kumpel in dessen Auto ein, während ich wieder auf Tamina aufsteige, ich hebe nochmal die Hand zum Gruß und trabe über die Wiese davon, noch bevor der weiße Golf wieder losgefahren ist.

Ich klopfe meinem Mädel lobend auf den Hals und bin stolz auf sie, dass sie mit aller Seelenruhe den Verletztentransport über sich hat ergehen lassen und brav ganz langsam Schritt gelaufen ist, obwohl sie sonst auch gerne ne Spur schneller unterwegs ist. Zur Belohnung lasse ich sie auf dem Heimweg nach Herzenslust galoppieren und während mir der Wind um die Nase weh, denke ich nochmal zurück an den hübschen jungen Mann mit den braunen Locken und den rehbraunen Augen.
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