Die Chemikerin

von Black One
GeschichteDrama, Freundschaft / P18
25.10.2018
24.05.2019
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Kapitel 1

Ihr Mund war weit geöffnet. Strahlend blitzte zwischen den weichen, rosanen Lippen zwei weißen Zahnreihen hervor. Vollkommen ohne Spannung hing ihr Kiefer herab und ließ ihre weiche Haut fast weiß glänzen. Hart spannte sich sich über die Wangenknochen. Die Augen waren weit aufgerissen. Ungläubig. In den giftgrünen Iriden spiegelten sich unendliche Lichter. Die goldenen Sprenkel strahlten wie Feuer und doch verhalten. Die Pupillen waren groß. Vor Staunen. Feine Sommersprossen sprenkelten ihre Nase. Fein, klein, gerade war diese. Das kastanienrote Haar lockte sich weich um ihr Gesicht. Einige Strähne hingen über ihre Wange und verdeckten die feine Narbe, welche ihren Kiefer zierte. Langsam formte ihr Mund Buchstabe um Buchstabe. “Wow.” Ihr Stimme war wie Seide, floss wie Milch und Honig, ummantelte ihren Zuhörer.
Und sie ging voll und ganz im Lärm der Messe unter.
Vilja Ragnarsdottir, 25 und überaus begeistert, fühlte sich unfassbar klein, als sie die hohen, breiten Eingangstore durchschritten hatte. Das weitläufige Areal bot genug Platz für die herbei strömenden Menschen. Sie alle hatten nur aus einem Grund den langen Weg in die englische Hauptstadt auf sich genommen. Die weltgrößte naturwissenschaftliche Messe.
Jemand rempelte sie an. “Hey!”, rief sie ihm nach, doch er war bereits in den Massen verschwunden. Sie seufzte. So etwas kam des öfteren vor. Langsam setzte sie sich in Bewegung und ließ sich von den Strömen mitziehen. Suchend schoss ihr Kopf hin und her. Da! Ein Schild. Mit den Ellenbogen boxte sie sich durch die Meute hindurch. Manchmal hasste sie Menschen!
Das grosse Plakat, welches neben dem Wegweiser für die Chemiker aufgehängt worden war, ließ sie stolz werden. In großen Lettern prangten dort die Worte: “Die Wundershow - Chemie als Kunstform”. Das war sie. Auf dem Plakat. Schön für die Kamera zurechtgemacht stand sie im Labor in ihrem weißen Laborkittel und füllte gerade Kaliumpermanganat in ein grünliches Gemisch, welches friedlich über dem Bunsenbrenner vor sich hin blubberte. Jeder Chemiker hätte sie wegen des absolut lächerlich simplen Experiments ausgelacht. Doch schließlich war diese Messe für jedermann gedacht!
Vilja folgte den Schildern für Chemie, während sie in ihrer kleinen, hellbraunen Handtasche nach ihrem Handy kramte. Hoffentlich hatte sie es nicht vergessen! Nein, nein, sie hatte es eingepackt, da war sie sich sicher. Und in der U-Bahn? Bitte nicht. Im gleichen Moment spürte sie das kalte Metall ihres Smartphones.
Erleichtert ausatmend zückte sie es und wählte einen Kontakt aus. Es rang zwei Mal, als auch schon eine hysterische weibliche Stimme aus dem Telefon hinaus drang. “Vilja! Wo zur Hölle bist du? Du musst in zehn verdammten Minuten auf der Bühne stehen und anscheinend sind alle hier zu blöd, um deine verkackten Experimente vorzubereiten! Schwing sofort deinen Hintern hierher!”
Belustigt lachte die Braunhaarige auf. “Ach Kate! Ich bin doch gleich da, also kein Stress.” Dennoch beschleunigte sie ihre Schritte noch ein wenig. “Es wär super, wenn du meine Klamotten rauslegen kannst. Und meine Schuhe! Ganz wichtig! Vernünftige Schuhe. Mit meinen Latschen kann ich unmöglich auch nur eine Schritt auf die Bühne setzen.” Ein sanftes Lachen erklang am anderen Ende der Leitung.
“Alles schon gemacht! Und - ah, Philipp! Gut, dass du hier bist! Kannst du den ganzen Krimskrams für Vilja vorbereiten?” Eine kurze Pause erfolgte. “Okay supi, danke dir, bist ein Schatz!”
“Sag ihm auch unbedingt danke von mir, ja Kate? Ich muss jetzt Schluss machen, Sicherheitscheck!”, erfasste Vilja die Situation schnell, ehe sie auflegte. Manchmal war ihre beste Freundin nicht ganz einfach.
Während ein Mann von der Sicherheitsfirma ihre Tasche durchsuchte und sie durch den Detektor ging, sinnierte sie über die sehr besondere Freundschaft der beiden jungen Frauen. Sie hatten sich als junge Mädchen beim Eiskunstlauf kennengelernt und überhaupt nicht leiden können. Kate war ihr zu aktiv und offen und sie selbst kam einfach nur arrogant herüber. Heute waren sie beste Freundin und das nun schon seit 19 Jahren. Sie hatten sich gegenseitig gewandelt - jetzt hatten sowohl Vilja als auch Kate etwas von beidem.
Sie waren seit wenig Monaten sogar Nachbarinnen. Als Kate zum zweiten Mal schwanger geworden war, hatten sie und ihr Partner Simon entschieden, doch aus der Stadt hinaus zu ziehen. Das kleine Häuschen im Vorort war das gefundene Fressen für die beiden Großstädter. Und dann lag es noch perfekt neben dem Mehrfamilienhaus, in dem Vilja eine Wohnung besaß. Diese war froh, ihre beste Freundin so nahe bei sich zu haben. Vor allem auch wegen ihrer Kinder - sie vergötterte die beiden kleinen Jungs und es kam nicht selten vor, dass sie ihnen etwas aus der Stadt mitbrachte.
“Alles gut, Ma’am, Sie können weitergehen.” Der Sicherheitsmann reichte ihr die Handtasche und wies in irgendeine Richtung. Sie folgte also der Weisung auf gut Glück und siehe einer an, sie fand tatsächlich ihre Leute!
“Kaaaate!”, rief sie laut. Keine Sekunde später hörte sie lautes Lärmen hinter sich. Noch ehe sie sich umdrehen konnte, landete plötzlich etwas auf ihrem Kopf. Laut schrie Vilja vor Schreck auf und riss sich den Stoff vom Kopf. “Kate! Himmel!” Doch als sie sich zu der Treppe umdrehte, verschwand ihre beste Freundin bereits wieder im Kontrollraum, von dem aus das Team die Aufzeichnungen leitete. Die Experimente, die sie in wenigen Minuten - 3, um genau zu sein - vorführen würde, sollten Teil einer Serie für Schüler werden. Kate war Lehrerin und hatte die gesamte Aktion auf die Beine gestellt - und Vilja somit einen der begehrten Plätze für eine Vorstellung verschafft.
Schnell griff sie die schwarze Hose, den bequemen Pulli, etwas elegantere Schuhe als die ihren und den Labormantel. Rasch verschwand sie in dem kleinen Klo und schlüpfte in ihre Sache. In dem Moment, in dem sie die Toilette verließ, wurden schon Kabel um sie herum gehängt, ein Mikrofon befestigt und jemand frischte noch kurz ihr Make-Up auf.
“Himmel, das reicht doch jetzt!”, fluchte Vilja genervt. Schnell entfernten sich alle und ließen die junge Chemikerin alleine. Diese ging langsam die Stufen zur Bühne hoch und atmete dabei langsam aus. “Jetzt nur nichts verpatzen, Vilja! Du schaffst das, du kannst das, du hast das schon tausendmal gemacht!”, redete sie leise mit sich selbst.
Als ihr Blick auf die große Bühne, auf der bereits einige Gerätschaften aufgebaut waren, und die unzähligen Menschen, die gespannt warteten, fiel, schlug ihr Herz gleich noch eine Spur schneller. “Oh Gott, du schaffst das!”
Sie steckten ihren Ear-Plug ein und warf einen letzten Blick auf die Uhr. Pünktlich auf die Sekunde. Sanft und beruhigend erklang Kates Stimme in ihrem Ohr. “Ok, es kann losgehen, Vilja.”
Sie trat hervor und wurde von gleißendem Scheinwerferlicht umschlossen.


Albus Dumbledore hatte es sich bereits eine halbe Stunde, bevor die Vorstellung begann, auf seinem Sitz gemütlich gemacht. Welch ein Vorteil es doch war, apparieren zu können. Aus seiner Manteltasche zog der alte Zauberer ein Zitronenbonbon und packte es langsam aus.
Er war schon gespannt, wie sich die junge Frau schlagen würde. Das Ministerium für Hexerei und Zauberei beobachtete sie nun schon seit einigen Jahren und er war wirklich gespannt, was an einer jungen Wissenschaftlerin, die keine magischen Kräfte besaß, so interessant war. Genau dies war auch der Grund, warum er heute hier war. Er wollte die junge Frau kennenlernen und nach Hogwarts holen.
Der Minister für Zauberei Cornelius Fudge höchstpersönlich war vor wenigen Wochen zu ihm gekommen und hatte ihn gebeten, zu handeln. Sie solle die Zauberei-Gesellschaft kennenlernen. Noch ehe Cornelius zu Ende gesprochen hatte, hatte Albus zugestimmt. Warum auch nicht? Das würde sicher lustig werden.
Er zückte ein weiteres Zitronenbonbon und lehnte sich entspannt zurück. Eigentlich hatte er nicht alleine kommen wollen, doch keiner der Lehrpersonen hatte Interesse gehabt, eine solche “wertlose und stupide” Veranstaltung zu besuchen. Klar war wohl, dass diese Worte von niemand anderem als dem Zaubertränke-Meister stammten.
Severus hatte er gleich als erstes gefragt, immerhin waren Chemie und Zaubertränke zumindest von dem, was er dem Muggel-Buch in der Bibliothek hatte entnehmen können, sehr ähnlich. Doch, wie hätte es anders sein können, hatte er einen langatmigen Monolog geerntet, in dem sich der Schwarzhaarige immer weiter aufgeregt hatte.
Ein weiteres Zitronenbonbon fand den Weg in seinen Mund. Langsam begann sich die Reihen zu füllen. Noch 10 Minuten. Albus setzte sich aufrecht hin und atmete einmal ruhig ein und wieder aus. Er hätte sich doch etwas anderes als seine Robe aus Hogwarts anziehen sollen. Die Blicke der Nicht-Magischen waren überaus kritisch und manch einer belächelte ihn wohl.
Kurz schloss er seine Augen. Er konnte hören, wie hinter dem großen, roten Vorhang eifrigst hantiert wurde. Die einzelnen Seelen der Muggel waren deutlich zu spüren. Anscheinend war die junge Dame selbst, die in wenigen Minuten präsentieren sollte, noch gar nicht aufgetaucht. Nun, hoffentlich kam sie noch, ansonsten hätte er ganz umsonst das Schloss verlassen!
Plötzlich wurde es dunkel und der Vorhang ging hoch. In dem nur spärlichen Licht erkannte er einige Gerätschaften, die genauso gut auch bei Severus in den Kerkern hätten stehen können. Er spürte eine mächtige Präsenz nur wenige Meter hinter der Bühne und konzentrierte sich etwas mehr, als er einen feinen Widerstand spürte. Tief wollte er in ihre Seele eintauchen, denn ganz eindeutig handelte es sich hier um Vilja Ragnarsdottir, doch er stieß auf Widerstand. Nicht wenig, nein, eine wahre Steinmauer. Doch noch ehe er seine Kraft wirklich einsetzen konnte, schmiss die junge Frau ihn aus ihren Gedanken und trat im selben Moment auf die Bühne.
Ungewöhnlich, äußerst ungewöhnlich. Keine magische Präsenz und doch… Cornelius hatte Recht, sie war etwas besonderes.
Das gleissende Licht tauchte die durchschnittlich grosse Frau mit den kastanienroten Haaren in ein weißes Licht und ließ sie wie eine Fee aussehen. Die Haut erschien weiss und die Augen konnte auf diese Distanz blinken sehen. Ungewöhnlich, wirklich überaus ungewöhnlich.
Die gesamte Vorstellung begleitete sie jeden einzelnen Zuschauer sicher durch die einzelnen Experimente und erklärte gerade so genau, dass es noch verständlich war. Ihre Handgriffe waren geübt und sicher und jede einzelne Bewegung ließ den Eindruck aufkommen, sie bewege sich durch Öl. Ihre gesamte Aura strahlte Begeisterung und eine grosse Liebe für das, was sie tat, aus.
Albus hätte ihr den ganzen Tag zuschauen können, doch nach anderthalb Stunden war sie fertig und verbeugte sich unter tosendem Applaus immer und immer wieder. Ein strahlendes Lächeln zierte ihr Gesicht und der Schuldirektor kam nicht umhin, sie mit seinem Tränkemeister zu vergleichen.
Sie waren so verschieden und doch auf eine gewisse Art auch so ähnlich. Diese Passion, diese Arbeitsweise, diese unglaubliche Präzision und das Talent, Wissen weiterzugeben. Und zugleich diese unterschiedliche Art, mit Menschen umzugehen. Und die Augen. Sie, Vilja Ragnarsdottir, sah glücklich aus. Sie lebte ihre Arbeit. Und Severus… nun, er nutzte es als eine Möglichkeit, seine Gedanken abzuschalten und einen Moment einfach nur zu sein, nicht zu leben. Früher war das nicht so gewesen. Bevor Voldemort an die Macht gelangte und alles in die Dunkelheit stürzte.
Albus war sich sicher, es war Zeit, seinen Tränkemeister aus dieser Depression zu holen und endlich wieder leben zu lassen. Gemeinsam mit den anderen Besuchern verliess er den Saal, zog sich jedoch in die Toilette zurück und apparierte direkt nach Hogsmead. Ein gutes Butterbier bei Rosmerta war jetzt genau das Richtige! Schnell fanden seine Füße den richtigen Weg und er wollte sich gerade in der düsteren Stube an einen der kleinen Tische niederlassen, als er einige ihm bekannte Gesicht erblickte. Minerva, Poppy und Severus saßen an einem der Ecktische und die Oberschwester winkte ihm zu, er solle sich doch zu ihnen gesellen.
Natürlich folgte er dem Wunsch seiner Kollegin und ließ sich auf den freien Stuhl, den Minerva herangezogen hatte, fallen. Severus’ Anwesenheit verwunderte ihn nicht, denn heute war der Abreisetag der Schüler und da flüchtete er immer vor dem Lärm der Jugendlichen. Nun, er selbst und seine Kolleginnen handelten nicht anders, wer konnte es ihnen schon verübeln.
“Wie war die Vorstellung?” Ein kleines Maß an Neugier konnte er bei Minerva doch heraushören.
“Oh, äußerst spannend! Die Arbeitstechnik der Chemie ist wie die der Zaubertränke… nur ohne Magie. Wirklich beeindruckend, was die Muggel dennoch alles zustande bekommen. Und diese junge Dame… Sie werden ganz besonders begeistert von ihr sein, Severus!”
Der schwarzhaarige Zauberer hatte bis jetzt nur auf sein Butterbier gestarrt, doch hob jetzt den Blick und zog irritiert eine Augenbraue hoch. “Sie werden Sie doch wohl nicht nach Hogwarts holen, Professor!”
“Und ob ich das werde!” Belustigt erkannte Albus das Flackern in den Augen seines Gegenübers. Unglauben spiegelte sich in seiner kompletten Mimik und er hatte sich ein Stück weiter aufgerichtet.
“Aber sie ist ein Muggel!” Zustimmend nickten Minerva und Poppy.
Nun denn, er hatte zwar auf Unterstützung ihrerseits gehofft, aber das konnte er auch alleine. “Nicht wirklich.” Jetzt wanderte auch noch die zweite Augenbraue hoch. “Sie ist zwar keine Hexe, aber ein Mensch kann sie auch unmöglich sein. Mithilfe von Legilimentik wollte ich kurz in ihren Geist eintauchen, als ich die unglaubliche Aura spürte, die von ihr ausging. Doch sie hat mich einfach abgeblockt und ausgeschlossen. Für einen Muggel scheint mir dies recht unwahrscheinlich, wenn ich ehrlich sein soll. Stimmst du mir da nicht zu, Severus?” Widerwillig nickte dieser und auch die Kolleginnen schienen nun ernsthaft nachzudenken. Also fuhr er fort: “Sie wird schon seit einigen Jahren vom Ministerium überwacht und Cornelius wird sicher einen triftigen Grund haben, warum er zu mir kommt und mich persönlich bittet, sie nach Hogwarts zu holen.”
Nun schien Severus wirklich überrascht. “Der Minister?” Er holte tief Luft. “Na gut, aber ich will nichts mit ihr zu tun haben, damit das klar ist! Nur eine Frage… wie heisst sie?”
Belustigt schmunzelte Albus. Wenn der Zaubertränke-Meister nur wüsste, mit was für einer Frau er es zu tun hatte! “Ihr Name ist Vilja Ragnarsdottir.”



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Das war das erste Kapitel um die Geschichte mit Vilja. Ich hoffe mal, es hat euch gefallen. Für Kritik, Anregungen und Verbesserungsvorschläge könnt ihr gerne eine Review da lassen. Aber auch ansonsten ist eine Form der Rückmeldung gerne gesehen! Insbesondere da es sich hier um meine erste Geschichte im Harry-Potter-Genre handelt, bin ich sehr gespannt.
Uploads kommen wöchentlich!
Einen schönen Nachmittag :)
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