~Between Heaven And Hell~

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
OC (Own Character)
24.10.2018
15.06.2020
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24.10.2018 2.354
 
Paris 13. September 1878


Mein gesamtes Leben hatte sich in der Rue Boissière abgespielt. Es war eine der zahlreichen kleineren Straßen, wie man sie in ganz Paris finden konnte. Kleine Gassen, gesäumt von Backsteinhäusern und nur wenig Platz für die Kutschen der wohlhabenden, die sich dort hindurchschlängelten. Ich bezweifelte, dass jemand mehr über diese Straße wusste als ich. Sie verband den Place Victor Hugo mit dem Place d´Léna, lag im Bezirk Chaillot und von dort aus dauerte es nicht lange, bis man den Palais de Tokyo und den Jardin du Champs de Mars erreichte. Aber was sie für mich zu etwas Besonderem machte, waren die Menschen. Ich kannte alle Anwohner beim Namen und wusste vieles über ihre Familien und Interessen.  Wenn jemand seine Fassade neu strich oder wenn einige Steine in dem Gehweg verschwanden und sie durch neue ersetzt wurde, bekam ich es mit. Das hieß allerdings nicht, dass mich jemand kannte. Meistens schaffte ich es ziemlich unauffallend zu sein.


Das Waisenhaus lag an der Kreuzung zu der Rue Lauriston und hob sich nicht viel von seinen umliegenden Gebäuden ab. Es bestand aus einem gräulichen Backstein , welcher aber schon an vielen Stellen von wildem Wein umwuchert war. Dazu kamen die vergilbten Fensterläden, welche ebenfalls eher grün waren, als grau. Das Interessanteste war wohl die Eingangstür, welche nicht wirklich zu dem Gebäude passte. Die Eichentür war geölt, frisch angestrichen und auch der goldene Türknopf passte nicht wirklich. All das gab dem Waisenhaus, welches von den zwei Frauen, Madame Morin und Madame Faure, geführt wurde, eine eigene Persönlichkeit. Es beherbergte im Moment über 20 Mädchen zwischen 3 und 18. Mit 18 war es Pflicht die Einrichtung zu verlassen. Ich mit meinen 17 Jahren würde es nächsten Sommer verlassen. War ich darüber unglücklich ? Ja und Nein. Ich liebte das Gebäude, die Straße an sich. All das zu verlassen, erschien mir schwer. Die anderen Kinder würde ich nicht vermissen. Allzu oft kam es zu Diebstählen und Schlägereien. Oft hatte man mich beleidigt und mir das Leben schwer gemacht. Das war nichts, was ich vermissen würde.


Ich warf einen Blick auf die große Uhr, welche im Zentrum des Jardin du Champs de Mars stand. Sie zeigte viertel nach 4. Ich zuckte zusammen und schlängelte mich zwischen den Passanten vorbei, die ihren Blick auf die Künstler warfen, welche ihre Staffeleien am Rande der Wege aufgestellt hatten. Wie jeden Tag nahm ich die Abkürzung über die Avenue Kléber und erreichte die Rue Boissière genau eine viertel Stunde später. Um halb 5 klopfte ich an die Eichentür des Waisenhauses. Sie öffnete sich einen Moment später und ich blickte in das Gesicht von Madame Morin.


Bei Madame Morin handelte es sich um eine ältere Frau, welche den Zenit ihres Lebens bereits überschritten hatte. Ihre grauen Haare hatte sie in einem strengen Knoten zusammengebunden und ihre dunklen Augen schienen jede Bewegung wahrzunehmen.

"Miss Dubois, nur noch eine halbe Stunde zu spät. Sie machen Fortschritte."Sie lächelte, aber das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Ich kannte den Gesichtsausdruck genau. Er bedeutete nichts Gutes.

"Leider haben Sie den Tee verpasst, weswegen Sie heute kein Anrecht auf das Abendessen haben. Lassen Sie sich das eine Lehre sein. Sie sind vom heutigen Unterricht ausgenommen. Nutzen Sie das und denken Sie über ihr Fehlverhalten nach."


"Das werde ich", antwortete ich und schob mich an ihr vorbei. Der Schlafsaal war schon gefüllt, einige Mädchen saßen auf ihren Betten und machten Hausaufgaben, während andere sich flüsternd unterhielten. Ich steuerte auf den Platz neben dem großen Fenster an, wo schon ein anderes Mädchen saß. Sie hatte sich ihre schwarzen Haare zu einer Frisur hochgesteckt und das Gesicht in einem Buch.


"Lilly ?", fragte sie mich , als ich mich neben sie setzte. "Du bist spät." Vorwurfsvoll sah sie mich an. Ihre blauen Augen waren getrübt und dennoch erkannte ich eine Tiefe darin, die mich jedes Mal zusammenzucken ließ.  Sophie war klug, meistens klüger, als gut für sie war, aber sie bemühte sich, dieses Geheimnis für sich zu behalten. Sie versuchte alles, um den anderen Kindern keine Angriffsfläche zu bieten.



"Ich weiß. Aber ich konnte mir das Spektakel heute nicht entgehen lassen.Die École Militaire hat die Aufnahme einiger neuer Schüler mit einer Parade gefeiert. Ganz Paris war dort, es war einfach unglaublich, als sie einige Salutschüsse in den Himmel gefeuert haben", ich seufzte und sah Sophie an. "Du hättest es dir auch ansehen können."


"Das wäre nichts für mich.Ich kann es mir nicht erlauben, negativ aufzufallen. Besonders nicht jetzt, da ich tatsächlich eine Zusage bekommen habe." Sophie schüttelte ihren Kopf und sah auf das Buch in ihrem Schoß hinunter.


"Wann wirst du gehen ?", wollte ich wissen und ließ mich neben ihr auf das Bett fallen.


"Nächste Woche. Ich habe eine Stelle bei einer Näherin in Montreuil gefunden, die mich ausbilden will. Das könnte meine Chance sein, dem hier zu entkommen. " Sie machte eine Handbewegung und deutete auf den kleinen Schlafsaal.  


"Ich weiß, das kommt mir nur so schnell vor. Das ist alles.” Ich seufzte und sah sie traurig an.


"Ja. Aber ich bin mir sicher, dass ich Schneiderin werden  und mein eigenes Geld damit verdienen möchte “, Sophie hatte ihr Buch beiseite gelegt und sah aus dem Fenster.


"Ich werde dich vermissen, wenn du gehst ", sagte ich schließlich und sprach damit die Wahrheit aus. Über die Jahre waren wir Freundinnen geworden. Es gab nicht viele Personen, die ich als das bezeichnen würde.Ich kannte sie mein ganzes Leben lang, sie zu verlieren würde bedeuten die einzige wirkliche Freundin zu verlieren, die ich je gehabt hatte.



"Aurélie, Madame Fauvre verlangt nach dir",ertönte eine Stimme hinter uns.  Adèle, ein Mädchen von 10 Jahren tauchte neben uns auf und überbrachte die Nachricht. Ihre roten Haare hatten sich aus einem Haarknoten gelöst und fielen ihr nun in Strähnen über die Schulter.



“Danke. Ich komme ”, antwortete ich ihr und Sophie lächelte mir ein letztes Mal aufmunternd zu.



"Miss Dubois, ich habe mir überlegt, wie Sie ihr Verhalten in den letzten Tagen wieder gut machen können",  Madame Fauvre sah mich mit scharfen Augen an, als ich das Arbeitszimmer betrat. Es war ein kleiner Raum, welcher durch den großen Schreibtisch nur noch beengter wirkte. Die Leiterin des Waisenhauses stand am Fenster und drehte sich herum , als ich eintrat.

"Sie schädigen unseren Ruf. Wir haben Ihnen eine Zuflucht gegeben, eine Heimat. Sie sollten dankbarer sein."


"Ich bin dankbar", warf ich ein, aber sie ignorierte mich.


"In zwei Stunden sollte ein Päckchen geliefert werden, welches über äußerste Wichtigkeit verfügt. Leider ist es dem Kutscher nicht möglich, es heute noch zu liefern. Deswegen habe ich gedachte, dass Sie es holen könnten." Es klang mehr wie ein Befehl, als wie eine Bitte.


"Wo soll es denn abgeholt werden ?", fragte ich nach einem kurzen Zögern.


"Gut, dass Sie fragen. Es kommt aus einem kleinen Geschäft mit der Aufschrift Madame Lapin . Ihr Geschäft steht am Rand des Pontes de Montmartre ."


"Aber das  liegt  im Norden von Paris. Ich brauche bestimmt zwei Stunden für die Strecke , wenn ich den Weg zu Fuß zurücklegen muss", protestierte ich.


"Dann können Sie diese Zeit ja nutzen, um über Ihr Fehlverhalten nachzudenken." Ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie mir ein Blatt reichte."Ich bin sicher, dass wir auf Sie zählen  können. Nicht wahr ?" Ich nickte nur als Antwort. "Gut . Ich erwarte Sie heute Abend zurück. Beeilen Sie sich. Um 10 sind die Türen geschlossen."


Mir blieb nichts anderes übrig, als mich schließlich auf den Weg zu machen.  Es gab keinen Ort, an dem ich Zuflucht erhalten könnte, nur das Waisenhaus in der Rue Bossière. Als ich auf die Straße hinaus trat, begann es bereits dunkel zu werden . Auf meinem Weg begegnete ich nur wenigen Passanten. Die meisten waren bereits  in ihre Häuser zurückgekehrt und brachten sich vor Kälte in Sicherheit.  Die Luft war drückend schwer, als einige der dunklen Straßenlaternen angezündet wurden.


Ich wandte mich der Rue Lauriston zu und zog mir den Mantel noch enger um meine Schultern. . Als ich schließlich etwa bei der Hälfte der Strecke angekommen war, passierte etwas Merkwürdiges. Mein Blick wandte sich einem Straßenschild zu. Mit großen geschwungenen Buchstaben sagte es: Rue de Vienne. Aber das Merkwürdige war etwas anderes. Am anderen Ende der Straße, lehnte sich ein dunkelhaariger Junge an eine Hauswand. Er stand dort und beobachtete die letzten Menschen, die sich auf den Straßen bewegten. Seine dunklen Haare lockten sich leicht an den Spitzen und fielen ihm über die Stirn. Er hatte eine helle Haut, aber nicht so blass wie meine und obwohl er höchstens ein bis zwei Jahre älter als ich ein konnte, zogen sich eigentümliche Muster an seinen Armen hoch. Sie sahen beinahe wie Tätowierungen aus. Das Hauptmerkmal waren allerdings seine Augen. Sie leuchteten in einem stechendem blau und obwohl er dort direkt an der Hauswand lehnte, schien niemand von ihm Notiz zu nehmen. Die Menschen gingen an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ihn schien es nicht zu stören. Mir war nicht aufgefallen, dass ich ihn so lange beobachtet hatte, doch als hätte er meine Gedanken vernommen sah er in meine Richtung. Man konnte so etwas wie Verwirrung und Erstaunen in seinem Ausdruck lesen. Er starrte mich nun mit sichtbarem Interesse an. Was hatte ich an mir, dass es sein Interesse weckte? Ich schüttelte meinen Kopf und sah über meine Schulter, ob vielleicht noch jemand hinter mir stand. Dort war allerdings niemand zu sehen. Als ich meinen Kopf erneut in die Richtung des Jungen drehen wollte, war er verschwunden. Der Platz, an dem er noch vor einem Augenblick gestanden hatte, war nun leer. Hatte ich das geträumt ?


Um 7 Uhr kam ich am Ponte de Montmartre an. Das Geschäft zu finden erwies sich ebenfalls nicht als schwer. Genau wie es mir gesagt wurde, befand es sich am Rand des Platzes , neben einer Boutique für Schuhe. Bei der Inhaberin handelte es sich um eine rundliche Frau Ende dreißig. Sie bot mir ein Stück Kuchen an, während ich auf das Paket wartete.


“Ich hätte eigentlich gedacht, dass es erst morgen abgeholt wird, aber je schneller desto besser.” Sie verschwand für einen Moment in einem Hinterzimmer und drückte mir dann  ein Paket in die Hand, nicht größer als ein gewöhnlicher Briefumschlag, dafür aber doppelt so dick.


“Danke”, sagte ich zu ihr und erhob mich schließlich.


“Pass auf dich auf mein Kind. Da draußen laufen zwielichtige Gestalten herum”, warnte sie mich, als sie mir die Tür aufhielt.


“Ich werde aufpassen “, versicherte ich ihr und trat auf die Straße heraus.


Es war nun komplett dunkel. Einige Lampen spendeten ein Licht, aber bei weitem nicht so viele wie in der Rue de Boissière. Ich wusste, dass ich mich beeilen musste, um rechtzeitig zurückzukehren, weswegen ich eine Abkürzung einschlug , welche mich durch den Parc Monceau führte.


Der Park war ebenfalls nur spärlich beleuchtet. Die Bäume tanzten im Wind und der Schatten formte sich zu geisterhaften Kreaturen, welche mich von weitem beobachteten. Viele dunkle Abzweigungen eröffneten sich mir, als ich mit festen Schritten die Stille durchbrach. Mit jedem Schritt fühlte ich die Temperatur sinken. Es lag nicht an dem kalten Wind, welcher durch das Blätterdach strich, sondern an der Ahnung, dass etwas passieren würde. Ich zwang mich, mich nicht umzusehen, meinen Weg so schnell ich es konnte hinter mich zu bringen und für eine Weile schaffte ich es.


Bis ich Schritte hörte. Ich wusste, dass jemand hinter mir ging und dass es keinen Weg gab zu entkommen. Je schneller ich ging, desto schneller wurden die Schritte. Es musste sich um mehrere Personen handeln, vielleicht zwei oder drei und sie schienen ein Ziel zu verfolgen, denn sie wurden nicht langsamer. Meinen Fehler bemerkte ich erst zu spät. Ich hatte mich von ihnen in eine Sackgasse treiben lassen, denn vor mir erhob sich eine hohe Mauer, welche den Parc Monceau von der angrenzenden Hauptstraße abtrennte.



Auf den ersten Blick hätte man die Gestalten durchaus für Menschen halten können. Es handelte sich um eine Gruppe aus drei Männern, soviel konnte ich sagen, welche alle Umhänge um sich geschlungen hatten. Das seltsame war allerdings die Aura, die sie umgab. Es war wie ein flackerndes , fluoreszierendes Licht. Wenn ich die Augen zusammen kniff, konnte ich unter den Schleier blicken und was ich dort sah, ließ mich zusammenfahren. Unter dem Schleier waren sie keine Menschen mehr. Ich konnte es nicht genau beschreiben, aber es schien, als würde ihre Haut aus Glas bestehen.


“Wen haben wir denn da ?”, fragte eine Stimme und er kam näher.


“Lasst mich in Ruhe”, antwortete ich und versuchte Abstand zwischen uns zu bringen, was sich als schwierig herausstellte. Sie hatten mir sämtliche Fluchtwege abgeschnitten.



“Sie ist anders, keine Sterbliche ”, mischte sich eine andere Stimme ein “Das ist sie. Wir haben sie gefunden. Unser Meister wird sich freuen. Er sucht schon lange nach ihr.”


Was meinte er mit Sterbliche? Ich verstand es nicht ganz.


“Komm her Mädchen. Wir tun dir nichts”, sagte ein anderer und streckte seine Hand nach mir aus.


“Bitte nicht”, flehte ich , aber er hörte nicht auf mich. Stattdessen kamen sie immer näher. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie eine solche Angst gehabt. Sie schien durch meinen Körper zu pulsieren und trieb mein Herz dazu an immer schneller zu schlagen. Ich spürte eine Kraft in mir, von der ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie existiert hatte. Es geschah in dem Moment, als die Hand der ersten  Kreatur meine Haut berührte. Es war, als wäre ein Tunnel zwischen uns erschaffen worden. Ich sah Momentaufnahmen, die ich nicht einordnen konnte.Gefühle, Ängste. Alles passierte viel zu schnell. Und dann war es vorbei. Die Kreatur fiel sofort tot um. Es dauerte keine Sekunde, da hatte sich die Kraft, die sich in mir aufgestaut hatte , einen Weg nach draußen gebahnt. Wie Druckwellen explodierte sie um mir herum und tauchte alles in ein weißes Licht. Alle Lichter erloschen für einen Moment. Als sie wieder angingen, war keine Spur mehr von den Kreaturen zu sehen. Es war, als hätten sie nie existiert.
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